Salon Littéraire | Edna St. Vincent Millay : Acht Gedichte. Übertragen und kommentiert von Klaus Bonn

 

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EdnaStVincentMillay portrait

 

Salon Littéraire | Acht Gedichte aus Edna St. Vincent Millays Second April (1921). Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Klaus Bonn

 

EdnaStVincentMillay Band Second April

 

Die acht – mit einer Ausnahme – erstmals ins Deutsche übertragenen Gedichte der US-Amerikanerin Edna St. Vincent Millay (1892-1950) stammen aus dem 1921 bei Mitchell Kennerley, New York, verlegten Band Second April. 1923 erhielt die Dichterin den Pulitzer-Preis für Poesie.

Zusammen mit George Dillon übersetzte sie Baudelaires Les Fleurs du Mal 1936 ins Englische.

Rudolf Borchardt hat bereits Mitte der 1930er Jahre insgesamt fünfzig Gedichte Millays übertragen, die meisten aus dem Band Wine from these Grapes (1934). Ein Sammeltyposkript, das sechs Gedichte und ihre Übertragung umfasste, zusammen mit einem Essay zu Millays Poesie unter dem Titel Die Entdeckung Amerikas, war 1935 zur Publikation in der Zeitschrift Corona vorgesehen, “die dann keinen Raum für sie zu finden wusste”, wie Borchardt lakonisch vermerkt.¹

Einige der Gedichte, wie auch der Essay, erschienen erst nach Borchardts Tod 1951 in Die Neue Rundschau, andere in Die fremde Muse (1974) oder in der Sammlung Gedichte II / Übertragungen II (1985). Sämtliche überlieferten Zeugnisse dieser fruchtbaren Entdeckung sind in dem sorgsam edierten Band Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay (Lyrik Kabinett München, 2004) versammelt.

Eine jüngere, zweisprachige Ausgabe einer Auswahl längerer Gedichte sowie Millays Sonetten-Folgen unter dem Titel Love is not all (2008) liegt bei Urs Engeler in der Übersetzung von Günter Plessow vor.
Borchardt hat aus Second April insgesamt vier Gedichte übertragen. Darunter findet sich auch eine Version von “Spring“, die ich hier nach meinem eigenen Versuch wiedergebe. (K.B.)

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01) Spring / Frühling (Klaus Bonn) / April (Rudolf Borchardt)
02) City Trees / Bäume der Stadt
03) Journey / Reise
04) Eeel-Grass / Seegras
05) Assault / Überfall
06) Low-Tide / Ebbe
07) Lament / Klage
08) The Death Of Autumn / Der Tod des Herbstes

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01) Spring

To what purpose, April, do you return again?
Beauty is not enough.
You can no longer quiet me with the redness
Of little leaves opening stickily.
I know what I know.
The sun is hot on my neck as I observe
The spikes of the crocus.
The smell of the earth is good.
It is apparent that there is no death.
But what does that signify?
Not only under ground are the brains of men
Eaten by maggots.
Life in itself
Is nothing,
An empty cup, a flight of uncarpeted stairs.
It is not enough that yearly, down this hill,
April
Comes like an idiot, babbling and strewing flowers.

Frühling (übertr. von Klaus Bonn)

Zu welchem Zweck, April, kehrst du wieder?
Schönheit ist nicht genug.
Du kannst mich nicht länger ruhigstellen mit der Röte
Kleiner Blätter, die klebrig sich auftun.
Ich weiß was ich weiß.
Die Sonne sitzt mir heiß im Nacken wenn ich
Die Blütenähren des Krokus betrachte.
Der Geruch der Erde ist frisch.
Es ist offenkundig, dass da kein Tod ist.
Doch was will das heißen?
Nicht nur unter dem Grund werden Menschenhirne
Von Maden zerfressen.
Das Leben an sich
Ist ein Nichts,
Eine leere Tasse, eine Freitreppe ohne Teppichbelag.
Es ist nicht genug, dass jährlich, diesen Hügel herunter,
Der April
Kommt, wie ein Blödmann, der schwätzt und Blumen ausstreut.

April (übertr. von Rudolf Borchardt)

Was bezweckt es, Frühling, dass Du schon wieder kommst?
Schönheit ist nicht genug.
Du beschwichtigst mich auf die Läng nicht mit der Rötung
Von Blättchen, die klebrig im Brechen sind.
Die Sonne brennt mir aufs Genick, indes ich seh
Den Krokus spitz hochgehn;
Die Erde hat guten Geruch;
Ganz augenscheinlich gibt es keinen Tod.
Aber was besagt das denn?
Nicht unterirdisch allein wird des Menschen Hirn
Fressen der Würmer.
Leben an sich
Ist garnichts,
Ein leeres Glas, die Stiegen ein Hinterhaus hoch -
Es ist nicht genug, dass jährlich, hier bergab
Frühling
Kommt wie ein Halbnarr, faselnd und Blumen streuend.²

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02) City Trees

The trees along this city street,
Save for the traffic and the trains,
Would make a sound as thin and sweet
As trees in country lanes.

And people standing in their shade
Out of a shower, undoubtedly
Would hear such music as is made
Upon a country tree.

Oh, little leaves that are so dumb
Against the shrieking city air,
I watch you when the wind has come,—
I know what sound is there.

Bäume der Stadt

Die Bäume der Stadt an der Straße entlang,
Den Verkehr und die Züge ausgenommen,
So leise und lieblich ihr Klang
Wie bei Bäumen am Feldrand vernommen.

Und Leute in ihrem Schatten stehen,
Zum Schutz vor Schauer, keine Frage,
In solcher Musik sich ergehen,
Wie vom Landbaum sie klingt in oberer Lage.

Oh, kleine Blätter, wie stumm sie sind
Dem Stadtluftgekreisch gegenüber,
Ich beobachte euch, wenn aufkommt der Wind, –
Der Klang, ich weiß Bescheid darüber.

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03) Journey

Ah, could I lay me down in this long grass
And close my eyes, and let the quiet wind
Blow over me—I am so tired, so tired
Of passing pleasant places! All my life,
Following Care along the dusty road,
Have I looked back at loveliness and sighed;
Yet at my hand an unrelenting hand
Tugged ever, and I passed. All my life long
Over my shoulder have I looked at peace;
And now I fain would lie in this long grass
And close my eyes.
Yet onward!
Cat birds call
Through the long afternoon, and creeks at dusk
Are guttural. Whip-poor-wills wake and cry,
Drawing the twilight close about their throats.
Only my heart makes answer. Eager vines
Go up the rocks and wait; flushed apple-trees
Pause in their dance and break the ring for me;
And bayberry, that through sweet bevies thread
Of round-faced roses, pink and petulant,
Look back and beckon ere they disappear.
Only my heart, only my heart responds.
Yet, ah, my path is sweet on either side
All through the dragging day,—sharp underfoot
And hot, and like dead mist the dry dust hangs—
But far, oh, far as passionate eye can reach,
And long, ah, long as rapturous eye can cling,
The world is mine: blue hill, still silver lake,
Broad field, bright flower, and the long white road
A gateless garden, and an open path:
My feet to follow, and my heart to hold.

Reise

Ach, könnt’ ich mich in dies hohe Gras legen
Und meine Augen schließen, und den sanften Wind
Über mich wehen lassen — ich bin es so leid, so leid,
An angenehmen Orten vorüberzugehen! Mein ganzes Leben,
Die staubige Straße entlang, der Sorge auf der Spur,
Hab’ ich zurück auf den Liebreiz geblickt und geseufzt;
Doch an meiner Hand zerrte stets
Eine unerbittliche Hand, und ich ging vorüber. Mein ganzes Leben lang
Hab’ ich über die Schulter auf die Friedfertigkeit geblickt;
Und jetzt würd’ ich gern in diesem hohen Gras liegen
Und meine Augen schließen.
Doch vorwärts!
Katzendrosseln rufen
Den ganzen Nachmittag lang, und Bäche glucksen
In der Dämmerstunde. Klagenachtschatten erwachen und schreien,
Zeichnen das Zwielicht dicht an ihre Kehlen.
Nur mein Herz gibt Antwort. Eifrige Ranken
Klettern den Fels hoch und warten; schamrote Apfelbäume
Pausieren in ihrem Tanz und öffnen mir den Reigen;
Und Wachsmyrte, die durch süße Fülle sich fädelt
Von Rosen mit rundem Gesicht, rosarot und launenhaft,
Schau zurück und verneig’ dich eh’ sie verschwinden.
Nur mein Herz, nur mein Herz antwortet.
Doch, ach, mein Pfad ist lieblich an beiden Enden
Des Schlepptautages, — stechend unter den Füßen
Und heiß, und zähem Nebel gleich schwebt trockener Staub –
Aber weit, oh, so weit das brennende Auge reichen mag,
Und lang, ach, so lang das verzückte Auge daran haften mag,
Ist die Welt mein: blauer Hügel, immer noch silberner See,
Weites Feld, leuchtende Blume, und der lange weiße Weg
Ein Garten ohne Gatter, und ein offener Pfad:
Meine Füße folgen, und mein Herz hält ein.

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04) Eeel-Grass

No matter what I say,
All that I really love
Is the rain that flattens on the bay,
And the eel-grass in the cove;
The jingle-shells that lie and bleach
At the tide-line, and the trace
Of higher tides along the beach:
Nothing in this place.

Seegras

Ganz gleich, was meiner Rede Frucht,
All das, dem wirklich meine Liebe gilt
Ist der Regen, der ebnet die Bucht,
Und im Meeresarm das Seegrasgefild’;
Die Sattelmuscheln, bleichbereit
An der Gezeitenlinie, und hoher Meereswelle
Spur am Strande weit und breit:
Null und nichts an dieser Stelle.

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05) Assault

I

I had forgotten how the frogs must sound
After a year of silence, else I think
I should not so have ventured forth alone
At dusk upon this unfrequented road.

II

I am waylaid by Beauty. Who will walk
Between me and the crying of the frogs?
Oh, savage Beauty, suffer me to pass,
That am a timid woman, on her way
From one house to another!

Überfall

I

Ich hatte vergessen, wie die Frösche sich anhören
Nach einem Jahr der Stille, ansonsten denke ich,
Ich hätte mich allein nicht so weit vorwagen sollen
In der Dämmerstunde auf dieser selten genutzten Straße.

II

Schönheit lauert mir auf. Wer wird wandeln
Zwischen mir und dem Gekreisch der Frösche?
Oh, wilde Schönheit, erdulde, dass ich vorbeigehe,
Die ich eine furchtsame Frau bin, auf ihrem Weg
Von einem Haus zum andern!

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06) Low-Tide

These wet rocks where the tide has been,
Barnacled white and weeded brown
And slimed beneath to a beautiful green,
These wet rocks where the tide went down
Will show again when the tide is high
Faint and perilous, far from shore,
No place to dream, but a place to die,—
The bottom of the sea once more.
There was a child that wandered through
A giant’s empty house all day,—
House full of wonderful things and new,
But no fit place for a child to play.

Ebbe

Der nasse Fels hier, wo die Flut sich hochgeleckt,
Entenmuschelweiß und braun vom Tang
Und drunter schön grün mit Schleim bedeckt,
Der nasse Fels hier, wo die Flut nach unten drang,
Erweist sich wieder, wenn das Wasser steigt,
Fern von der Küste, als blass und bedrohlich,
Kein Ort zum Träumen, vielmehr einer, der zum Sterben neigt, –
Der Grund des Meeres neuerlich.
Da war ein Kind, das tagaus, tagein
Schritt durch eines Riesen leeres Haus, –
Haus voll mit Dingen, neu und fein,
Doch für ein Kind zum Spielen ein Graus.

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07) Lament

Listen, children:
Your father is dead.
From his old coats
I’ll make you little jackets;
I’ll make you little trousers
From his old pants.
There’ll be in his pockets
Things he used to put there,
Keys and pennies
Covered with tobacco;
Dan shall have the pennies
To save in his bank;
Anne shall have the keys
To make a pretty noise with.
Life must go on,
And the dead be forgotten;
Life must go on,
Though good men die;
Anne, eat your breakfast;
Dan, take your medicine;
Life must go on;
I forget just why.

Klage

Hört, Kinder:
Euer Vater ist tot.
Aus seinen alten Mänteln
Werd’ ich euch kleine Jacken machen;
Werd’ euch kleine Hosen machen
Aus seinen alten Buxen.
Da werden Dinge sein in seinen Taschen,
Die er hineingesteckt hat,
Schlüssel und Pennys
Mit Tabak bedeckt;
Dan soll die Pennys haben
Um sie zu sparen auf seiner Bank;
Anne soll die Schlüssel haben
Um tüchtig Krach damit zu machen.
Das Leben muss weiter gehn,
Auch wenn gute Menschen sterben;
Anne, iss dein Frühstück;
Dan, nimm deine Medizin;
Das Leben muss weiter gehn,
Nur vergess’ ich, warum.

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08) The Death Of Autumn

When reeds are dead and a straw to thatch the marshes,
And feathered pampas-grass rides into the wind
Like aged warriors westward, tragic, thinned
Of half their tribe, and over the flattened rushes,
Stripped of its secret, open, stark and bleak,
Blackens afar the half-forgotten creek,—
Then leans on me the weight of the year, and crushes
My heart. I know that Beauty must ail and die,
And will be born again,—but ah, to see
Beauty stiffened, staring up at the sky!
Oh, Autumn! Autumn!—What is the Spring to me?

Der Tod des Herbstes

Wenn Schilf brüchig und Stroh ist, Sumpfgebiete zudeckt,
Und gefiedertes Pampasgras in den Wind fährt
Wie alte Krieger gen Westen, tragisch, ausgezehrt
Ihr Stamm zur Hälfte, und sich über die Platthalm-Binse streckt,
Seines Geheimnisses ledig, offen, öde und brach,
Es in der Ferne schwärzt den halbvergessenen Bach, –
Dann stützt sich auf mich die Last des Jahres und erschreckt
Mein Herz. Ich weiß, dass Schönheit kränkeln muss, vergeht,
Und wieder geboren wird, — doch, ach, das Schöne im Bann
Zu sehen, wie es starr zum Himmel hoch sich dreht!
Oh, Herbst! Herbst! — Was ist mir der Frühling dann?

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¹ Vgl. Rudolf Borchardts Notiz zu “Die Entdeckung Amerikas. Die Poesie von Edna St. Vincent Millay”, in: Die Entdeckung Amerikas. Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent MillayGedichte, Übertragungen, Essays, hg. von Gerhard Schuster. Lyrik Kabinett München 2004, S. 217.

² Edna Millays Gedicht “Spring” in der Übertragung von Rudolf Borchardt, in: Die Entdeckung Amerikas, S. 55.

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Hinweis | Eben erschienen :

Stanley Cavell: Die Sinne von Walden (übers. von Klaus Bonn). M. e. Vorwort von Mark Greif (übers. von Kevin Vennemann) – Berlin, Matthes & Seitz 2014

Das frühe, hier erstmals übersetzte Hauptwerk Stanley Cavells (The Senses of Walden, 1972) markiert einen Wendepunkt im Werk dieses einflussreichen Denkers, der als Vaterfigur der heute maßgeblichen amerikanischen Intellektuellen gilt. Im Zentrum des philosophischen Schlüsseltextes steht das Werk Henry David Thoreaus und seine Bedeutung für uns. Darüber hinaus geht es Cavell aber darum zu zeigen, was einen originalen, einen initialen Text auszeichnet und wie aus Philosophie Philosophie entsteht, also um die Frage des philosophischen Denkens selbst. Mark Greif hat ein Nachwort beigesteuert, in dem er Cavell als Lehrer seiner Generation von Intellektuellen vorstellt.

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H. C. Artmann-Preis 2014 an Elfriede Czurda

 

Die Zumutungen EC - CD-Cover - Geburtstagsgeschenk der Literaturwerkstatt Berlin

Die Zumutungen EC [CD-Cover]. Geburtstagsgeschenk der Literaturwerkstatt Berlin

 

ZUR SACHE
am donnerstag wurde der biennal vergebene H. C. Artmann-Preis (kulturabteilung der stadt wien) an unsere SALON- und “literatur als radiokunst“*-autorin Elfriede Czurda überreicht.

*rondo in P-dur, 2001

zu recht ! – in|ad|ae|qu|at gratuliert !

[Die zeit, den link zur charakterisierung des H. C. Artmann-Preises herauszusuchen, gibt es unter den arbeitsbedingungen der rathaus-pressestelle offenbar nicht.]

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DIE PRESSEMELDUNG
im weiteren die pressemeldung der “rathauskorrespondenz”, welche übrigens eine textsorte voll intrinsischer komik in text & bild darstellt.

aber interessant: die seit monaten bekannte zuerkennung des preises wurde nicht gemeldet, ebenso wenig auch nicht der termin der überreichung. dabei wird deutlich, dass nicht die tätigkeit einer jury kommuniziert werden soll, sondern die amtshandlung des kultur-ermächtigten stadtrats.

honni soit qui mal y pense

Rathauskorrespondenz vom 18.09.2014:

Mailath ehrt Elfriede Czurda mit H.C.-Artmann-Preis
Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ehrt heute, Donnerstag, die Schriftstellerin Elfriede Czurda mit dem H.C.-Artmann-Preis: “Elfriede Czurda ist eine der großen in Wien lebenden Schriftstellerinnen, die aus der österreichischen Literatur nicht wegzudenken ist. Zahlreiche Buchpublikationen, dramatische Werke aber auch erfolgreiche Hörspiele zeugen von ihrem erzählerischen und vor allem lyrischen Talent, das ihr treues Publikum seit Jahren fasziniert. Mit dem Preis feiern wir eine herausragende Künstlerin, die das Kulturleben der Stadt auf ganz besondere Weise bereichert”, so Mailath.

“Es ist mir eine große Ehre, einen Preis annehmen zu dürfen, der nach einem so wichtigen Dichter wie H.C. Artmann benannt ist. Der weit gereiste, mit vielen Sprachen spielende H.C. Artmann mochte die große poetische Geste und den sinnlich-artikulatorischen Überschwang. In der Spielfreude seines konzeptuellen Alphabets finde ich viel Anregendes, in der Erfinderlust seiner Erzählmotive einen ganz großen Horizont, der mich sofort aus der monotonen Realität hinausholt – und mich seit jeher geprägt hat: Das Ideal eines Schreibens, das aus der Selbstermächtigung stammt und nur auf sich selbst, nicht auf die Einflüsterungen des Marktes und der Moden hört, ist gerade heute recht bedenkenswert”, zeigt sich die Preisträgerin Elfriede Czurda über die Auszeichnung erfreut.

In der Jury-Begründung heißt es: “Elfriede Czurda ist eine Autorin (…), die immer wieder neu zu entdecken und dennoch nicht zu erobern ist, und mit ihr eine Welt, die nicht in Norden, Süden, Westen oder Osten liegt und die sich unaufhörlich dreht.”

Der Preis

Die Stadt Wien zeichnet mit dem “H.C.-Artmann-Preis” herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik aus. Der Preis ist mit 10 000 EUR dotiert und wird im Zwei-Jahres-Rhythmus vergeben. PreisträgerInnen sind Autorinnen und Autoren, die ihren Wohnsitz in Wien haben, oder deren Werke einen intensiven Wienbezug oder eine Verbindung mit dem Werk H.C. Artmanns aufweisen. Die Erben H.C. Artmanns werden von der Verleihung des Preises verständigt und zu ihr eingeladen.

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heute: linzer notate, double feature

 

Otto Saxinger Haengende Gaerten maerz

Bild: Otto Saxinger

GESCHEITES SCHREIBEN
Wem der Horror Vacui während des Sommerlochs ins rotgeäderte Auge blickte, respektive: wen angesichts lektoratsmässig schlechtberatenen Erzählens der Hunger nach kluger Literatur anfiel, darf seinen Tiger im Tank HEUTE gleich zwiefach mit gescheitem Schreiben füttern.

Für die Räumlichkeiten der Linzer Künstlervereinigung MAERZ hat unser SALON-Autor und bewährte Impresario Christian Steinbacher eine Doppelsession konzipiert, die es in vieler Hinsicht, wie es heisst, “in sich hat”.

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AUSSTELLUNG
Mit thematischem Bezug auf die derzeit in der MAERZ-Galerie aufgebaute Ausstellung Hängende Gärten (bis 10. 10., mit Arbeiten von: Georg Bernsteiner, Jonathan Bragdon, Regula Dettwiler, Otto Saxinger und Christian Thanhäuser) sind die literarischen und diskursiven “linzer notate” unter dem Titel GÄRTEN, UNBEGRENZT subsumiert, wobei die Bezüge von Texten und Autorinnen / Autoren zum “Thema” absichtlich weit und gleichsam freibleibend aufgefasst sind.

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BILANZ
Der “Zählerstand” der seit 1990 bestehenden Reihe “linzer notate” beträgt für diese Doppelausgabe beachtliche “117″ bzw. “118″. Ziffern also, welche man, wollte man die Zahl der hier vorgestellten Autorinnen / Autoren mit ca. 3 multiplizieren müsste. Abzüglich freilich jener Werke und Schreibenden, deren Entwicklung in mehrern Auftritten genauer ins Auge gefasst wurde und dokumentiert wird.

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PROGRAMM
Zurück aber nun zum heutigen Abend.

Das erste Trio (ab 19 H)
stellt jüngere Arbeiten von
Manfred Bauschulte, Jonathan Bragdon, Farhad Showgi vor.

Das zweite Trio (ab 20:30 H)
präsentiert laufende und abgeschlossene Projekte von
Ludwig Hartinger, Esther Kinsky, Gisela Steinlechner.

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Folgen nun die (von Christian Steinbacher formulierten) “Ausweise” der einzelnen Autorinnen / Autoren, samt Hinweise auf Projekte und Publikationen:

AURORINNEN / AUTOREN

  • Manfred Bauschulte, *1956 in Ibbenbüren (Westfalen), lebt in Köln. Studium der Theologie, Philosophie, Literatur- und Religionswissenschaften in Bethel, Bielefeld und Berlin. Autor, Übersetzer, Herausgeber und Wissenschaftler im Bereich der Kultur- und Religionswissenschaft. Arbeiten zu Sigmund Freud und zu Marie Bonaparte, aber auch zu Film (Bresson, Dreyer) und Literatur (Michaux, Ponge). 2012 war er mit einem Doppel-Referat zu Char und Ekelöf Teilnehmer des Festivals Für die Beweglichkeit hier in Linz. Im Klever Verlag in Wien erscheint nach einer Arbeit zu Klaus Heinrich (Über das Ende der neolithischen Revolution, 2013) nun (zeitgleich zur Prantl-Ausstellung in der Albertina) der Essayband Versuch über die Festigkeit: Die Steinkunst von Karl Prantl (2014).
  • Jonathan Bragdon, *1944 in Wilmington (Delaware, USA), lebt seit 1979 in Amsterdam. Er arbeitet als Bildender Künstler, und dabei in erster Linie als Zeichner feinsinniger (Bewusstseins-)Landschaften (siehe auch unsere laufende Ausstellung Hängende Gärten). Zuletzt entstanden nebenher eng mit dem Prozess des Zeichnens so genannter consciousness portraits verbundene Kurzgedichte, aus denen der Künstler im Zusammenspiel mit Projektionen solcher “portraits” vortragen wird. Nach dem von der Berliner Galerie Aurel Scheibler 2013 herausgegeben Katalog Jonathan Bragdon – Tekeningen erscheint im Herbst 2014 im Berliner Revolver Verlag unter dem Titel DRAW ein diese consciousness portraits betreffender Band mit Abbildungen und auch Text.
  • Farhad Showghi, *1961 in Prag, aufgewachsen in der BRD und im Iran, lebt seit 1989 als Psychiater, Psychotherapeuth, Autor und Übersetzer in Hamburg. Nach Büchern bei Urs Engeler erschien heuer mit In verbrachter Zeit ein Band mit neuen Textminiaturen bei Kookbooks: Auch diesmal versucht der Autor Showghi in seiner poetischen Arbeit die Konturen möglichst dort zu fassen, wo sie sich abzulösen beginnen. Sein “Anderssprechen” ertastet dabei Landschaften östlich von Isfahan, das Berblinger Weitmoos sowie einen Garten. Als Texte, “in denen sich, ihrer vordergründigen Unbedarftheit zum Trotz, ein dezidiert irreguläres Denken und Imaginieren kundtut”, hebt Felix Philipp Ingold die Arbeiten dieses Buchs hervor.
  • Ludwig Hartinger, *1952 in Saalfelden, lebt als Herausgeber (u. a. der Ranitz Drucke der Edition Thanhäuser, seit 1994), Lektor und Übersetzer aus dem Französischen (zuletzt aus dem kongolesischen Frz. Fiston Mwanza Mujila) und Slowenischen (Srecko Kosovel) in Salzburg und auf dem Karst. Als Autor publizierte er Essays sowie Gedichte, die er in der Regel zuerst in slowenischer Sprache schreibt. Dies gilt auch für die bei Thanhäuser 2012 erschienene Sammlung Die Schärfe des Halms. Aus dem dichterischen Tagebuch 2001 bis 2012, eine Auswahl aus den Gedichtbüchern Ostrina bilk (Die Schärfe des Halms, 2007) und Ostrina senc (Die Schärfe der Schatten, i. V. für 2015), wobei die Originalform der zumeist 7-silbigen Vierzeiler im Deutschen abgewandelt wird.
  • Esther Kinsky, *1956 in Engelskirchen, lebt in Berlin und im südungarischen Battonya. Die bei Bonn aufgewachsene Slawistin ist seit 1986 als mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin für russische, polnische (Joanna Bator, Zyta Rudzka, Magdalena Tulli u. a.) und englischsprachige Literatur (zuletzt die Neuübersetzung von David Henry Thoreaus Lob der Wildnis, 2013) tätig. Ab 1987 erschienen Kinderbücher, seit 2010 publizierte sie bei Matthes & Seitz einen Essayband, zwei Romane (u. a. Banatsko, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2011 stand) sowie 3 Gedichtbücher, darunter zuletzt Naturschutzgebiet mit Fotos und Gedichten auf einen verwahrlosten Park als Betrachtungen über die Handhabung von Wachstum, Krankheit und Verfall.
  • Gisela Steinlechner, *1961 in Kirchdorf/Tirol, lebt als Kulturpublizistin und Literaturwissenschaftlerin in Wien. Sie arbeitet an diversen literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschungsprojekten zur Gegenwartsliteratur sowie zu Art brut, Pyschoanalyse und Alltagskultur, aber auch zur Kultur des Gartens (Der Garten als Schauplatz des Begehrens, 2002; auch ein Text für die Ausstellung Im Garten im Stadtmuseum Nordico 2011 hier in Linz). Bei Jung und Jung gab sie 2013 den Band Der Hase!!!! des Gugginger Poeten Ernst Herbeck heraus. Und Steinlechner weiß sich auch zwischen Wissenschaft und Literatur zu bewegen, so etwa für die Literatur-als-Radiokunst-Produktion Fellpflege (2001), aber auch in der subtilen Durcharbeitung mancher ihrer Aufsätze.

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TERMIN

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