audio aktuell: Wellershoff | Deutsches Tagebucharchiv | Schnitzler

 

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⇒ Ans Ende kommen. Dieter Wellershoff erzählt über Altern und Sterben, 1 CD (66 Min.), supposé 2014
⇒ Deutsches Tagebucharchiv (Hg.) | Lisbeth Exner, Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914, 6 CD (462 Min.), Der Hörverlag 2014 – Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik
⇒ Arthur Schnitzler: Später Ruhm, gesprochen von Udo Samel, 3 CD (200 Min.), HörbucHHamburg 2014

 

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Dieter Wellershoff: Altern als Aufgabe
NZZ, 3. 10. 2014

audio aktuell neuczz – Dem Kind, dem Heranwachsendem, dem reifen Menschen erscheint das Alter als stetig zurückweichender Schatten, bis es ihn – ungerufen – fasst.
Der 1925 geborene Schriftsteller Dieter Wellershoff hat sich dem Wagnis ausgesetzt, seine Reflexionen zum Phänomen des Alterns in erzählender Form dem Mikrofon anzuvertrauen. Das Den-Menschen Ausreden-Lassen, ihm zuzuhören, ist die fruchtbare Methode, auf welche sich Klaus Sander mit seinem Label supposé seit Jahren bezieht.

Bereits 2010 hatte Wellershoff erzählt und zwar über seine Zeit als Soldat («Schau dir das an. Das ist der Krieg»). Wenn er heute über das Alter spricht, sieht der 88Jährige sein damaliges Überleben als Zufall, als eine zweite, geschenkte Existenz, akzidentell wie die erste. In dieser Geworfenheit habe man sich zu bewähren, quer durch die Lebensalter hindurch. Das biblische «Ein jegliches hat seine Zeit» ermuntere dazu, dem Alter stattzugeben anstelle es kosmetisch zu verbergen, ja dagegen anzurennen. Besser verwende man sein Potenzial zur bewussten Bestimmung der eigenen Position. Die Begriffe von Bewusst-Sein und Bewusst-Werden prägen wesentlich Wellersdorfs Erzählung: sie gewähren – wie die Erkenntnis – eine Ahnung von Glück.

Elementar für Wellersdorfs Blick auf die Betagtheit ist die Gewissheit, dass wir für unser Altern – so uns ein Siechtum verschont – verantwortlich sind, dass «das Alter nicht nur mit Glück, sondern auch mit viel Umsicht betrieben werden muss». Wenn Wellersdorf ungemein dicht von seinen Einsichten spricht, für die er in keiner Weise Absolutheit reklamiert, dürfen wir Jüngere ein grosses Geschenk geniessen.

⇒ Ans Ende kommen. Dieter Wellershoff erzählt über Altern und Sterben, 1 CD (66 Min.), supposé 2014
⇒⇒ Schau dir das an, das ist der Krieg. Dieter Wellershoff erzählt sein Leben als Soldat, 3 CD (215 Min.), supposé 2010 (czz, NZZ, 1. 4. 2011)

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Erster Weltkrieg, tagtäglich
NZZ, 3. 10. 2014

audio aktuell neuczz – Was Welter Kempowski mit seinem Riesenprojekt «Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch» für den Zweiten Weltkrieg schuf – nämlich eine dicht gefügte Collage von Zitaten aus meist privaten Aufzeichnungen entlang der Kriegsereignisse – wurde nun für den Ersten Weltkrieg realisiert. Aus der Sammlung des Deutschen Tagebucharchivs haben Lisbeth Exner und Herbert Kapfer die Diarien von zwanzig Zeitzeugen durchgearbeitet und zu einem chronologischen Mosaik gefügt.

Die Verfasserinnen und Verfasser dieser Zeugnisse könnten hinsichtlich ihres sozialen Status, Alters, Berufs und Weltanschauung diverser nicht sein, was dieses faszinierende Werk in den Rang des Repräsentativen hebt. Nicht wenige dieser Aufzeichnungen nehmen Meldungen der offiziellen Kriegsberichterstattung zum Anlass diaristischer Reflexion, wobei die jubelnd-zackige Propaganda die persönliche Sprache oft grell überdröhnt. So ist beispielsweise das masukulin-schmissig-preussische Adjektiv «famos» nicht nur in den Aufzeichnungen männlicher Autoren gängig, sondern in erstaunlicher Frequenz auch in den Notaten von Frauen. Dem Kriegsverlauf entsprechend wachsen einerseits Zweifel und Düsternis im Hinblick auf die Situation Deutschlands und der eigenen Lebenswelt, anderseits Wut, Hass und Abscheu gegenüber dem stereotyp als «infam» bezeichneten Feind.

Sehr konkrete Szenen überliefern die Zeugnisse aus dem Feld und von der Front, festgehalten von Soldaten, Sanitätern und Zivilpersonen: erlittene oder selbst ausgeführte Bombardements, grässliche Versehrungen, brennende Dörfer. Insgesamt liefert diese «Verborgene Chronik» eine Atem beraubende, multifokale Nahaufnahme des Ersten Weltkriegs, wie sie nicht im Geschichtsbuch steht und stehen kann.

⇒ Deutsches Tagebucharchiv (Hg.) | Lisbeth Exner, Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914, 6 CD (462 Min.), Der Hörverlag 2014  ⇒⇒ Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik

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Arthur Schnitzler: Dichterwelt
NZZ, 3. 10. 2014

audio aktuell neuczz – Eine erhebliche Entdeckung wurde den Schnitzler-Spezialisten jüngst in dessen Nachlass zuteil: eine Novelle, die der damals 32-Jährige 1894 – also zwischen den Theatererfolgen mit «Anatol» und «Liebelei» – geschrieben, allerdings nie veröffentlicht hat.

Das Prosastück um die Wiederentdeckung eines ehemals beachteten Dichters durch einen enthusiastischen Kreis jugendlicher Möchtegerns gibt erheiternde, momentan auch herbe Ansichten vom unteren Rand des Literaturbetriebs. Der «späte Ruhm», den der Ex-Poet durch die Schwärmerei der «Begeisterten» zu erfahren meint, mündet letztlich in einer (gar nicht so unwillkommenen) Desillusion, die den im bequemen Beamtenstand Zufriedenen von der Pflicht des Dichtens befreit. Kurz: eine nicht nur im Hinblick auf psychologischen Themen und Typen interessante Erzählung, die – neben kleinen Anspielungen auf Dichter des «Jungen Wien» – urbane Realien und Topografien zur Zeit der 1890er einflicht.

Glücklich hat man den Text für die akustische Ausgabe dem herrlichen Sprecher Udo Samel anvertraut, dessen singende Stimme sich der Anbiederung ans Wienerische enthält, gleichwohl die Schnitzlersche Melodie nonchalant zur Wirkung bringt.

⇒ Arthur Schnitzler: Später Ruhm, gesprochen von Udo Samel, 3 CD (200 Min.), HörbucHHamburg 2014
⇒⇒ Arthur Schnitzler: Die Hörspiel-Edition, 8 CD, Der Hörverlag 2011 (czz, NZZ, 6. 1. 2012)

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| salon littéraire | Johannes Tröndle: “grimms gegen duden” – eine “literatur als radiokunst”-produktion

 

| salon littéraire |

| literatur als radiokunst |

 Tröndle_bild_zur_produktion

 

am 28. 12. 2014 wird im ORF-kunstradio in der reihe “literatur als radiokunst” Johannes Tröndles produktion “grimms gegen duden” präsentiert.

⇒ details

die sendung, welche produktionen der autorin Petra Gannglbauer sowie des freien hörspielmachers Johannes Tröndle vorstellt, kündigen wir naturgemäss in|ad|ae|qu|at noch separat und ausführlich an.

⇒ hier die vorschau | literatur als radiokunst im ORF-kunstradio am 28. 12. 2014 |

im heutigen salon litteraire dokumentiert Johannes Tröndle konzept, produktion und einen teil der sprech-partitur seiner 5.1.-produktion “grimms gegen duden“.

 

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01 – auszug aus Johannes Tröndles sprech-partitur “grimms gegen duden”

02 – essay von Johannes Tröndle zu konzept und produktion “grimms gegen duden” – parts I / II

 

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01 – auszug aus Johannes Tröndles sprech-partitur “grimms gegen duden”

partitur

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02 – essay von Johannes Tröndle zu konzept und produktion “grimms ggen duden” – parts I / II

I – zum Stück

Die Idee, etwas mit Wörterbüchern zu machen, entstand aus meiner Prosaarbeit heraus. Ich hatte in den letzten Jahren mehrere Texte geschrieben, die sich, oft aus Kindheitsperspektive erzählend, u. a. mit Wörterbüchern / Lexika / Nachschlagewerken befassten, einen dieser Texte auch bereits zu einem Hörspiel umgearbeitet (Das Zeitmesser). Einen weiteren, Abel und das Wörterbuch, griff ich nun für mein LARK-Stück heraus, kürzte ihn um den Abel, mithin um alles Erzählende, ich wollte mich diesmal ganz auf das Wörterbuch selbst konzentrieren. Das Wörterbuch war zu Beginn meiner Arbeit ein Rechtschreibduden von 2001, der seit ungefähr dieser Zeit auf meinem Schreibtisch liegt. Er eignet sich zum Nachschlagen und Schmökern, hat inspirative Funktion sowie nachweislich in mir eine gewisse Faszination wenn nicht ausgelöst, so zumindest gefördert, Listen, alles Listenhafte, Listenmäßige betreffend.

Weiters entdeckte ich nun in meinem Wörterbuch eine interessante ambivalente Mischung aus Ordnung und Chaos, saß hier doch jedes Stichwort dem Alphabet gemäß ordentlich an seinem Platz, freilich aber war deren Abfolge, die Abfolge der Stichwörter, in jeder anderen Hinsicht (von den Komposita-Bildungen einmal abgesehen) völlig willkürlich. Die Vorstellung gefiel mir, dass hier, im Wörterbuch, gewissermaßen “aller Stoff dieser Welt” sich versammelt hielt; das ist sehr naiv und kindlich gedacht, andererseits, wenn man die Welt als eine auch, ja vielleicht vor allem sprachlich Hergestellte begreift, gar nicht so abwegig. Die Vorstellung gefiel mir, das Wörterbuch wie ein herkömmliches Buch zu lesen, wie einen Roman von Anfang bis Ende, ein sehr wortgewaltiger Roman, bei dem die Wörter allerdings, hier der feine Unterschied, keinerlei Verbindung untereinander eingingen, sondern ganz isoliert, man könnte hinzudenken: angewurzelt an ihrem Platz verharrten. – War es nicht möglich, den Wörtern ein wenig auf die Sprünge zu helfen? Ich sah nun einzelne Wörter sich lösen und durch die starre Wortlandschaft umherirren, namentlich den “Kater” griff ich mir heraus, schickte ihn auf die Reise, was sucht der Kater? – Natürlich die Katze. Im Rechtschreibduden, zählte ich nach, waren Kater und Katze 55 Stichworte voneinander entfernt, d.h. zwischen dem Stichwort “Kater” und der im Alphabet nachgestellten “Katze” fanden sich 55 andere Einträge (oder “Hürden”, wie ich weiter sinnierte, Hürden, die der Kater auf dem Weg zur Katze, der nachgestellten Katze, der er nachstellte, zu überwinden hätte), so etwa “Katharsis”, “Katheder”, “Katheter”, “katholisch”; und weiters fanden sich unter diesen 55 Stichworten “von Kater bis Katze” 9 Eigennamen, nämlich “Katharina”, “Katharine”, “Kätchen”, “Käthe”, “Kathinka”, “Kathrin”, “Katinka”, “Katja”, “Katrin”. Diesen Zufall, schon die Anhäufung von Eigennamen erstens, viel zu viele verglichen mit dem in dieser Hinsicht ansonst eher sparsam und vorsichtig hantierenden Rest-Duden, dann die Tatsache, dass es allesamt Vornamen waren (keine Städte, Länder, Flüsse, Nachnamen berühmter Persönlichkeiten…), drittens dass es allesamt weibliche Vornamen waren, sich kein einziger männlicher Vorname dem läufigen Kater in die Quere stellte, fand ich einigermaßen bemerkenswert. – Wie stand es nun mit Hund – Hündin, Erpel – Ente, Hahn – Henne, Eber – Sau?

Nach Stichwort-Listen dieser und ähnlicher Art forschte ich also in meinem Rechtschreibduden, bis ich von Christiane Zintzen dankenswerter Weise den Tipp erhielt, meine Recherche auch auf andere Wörterbücher auszuweiten, etwa mithilfe des praktischen www.woerterbuchnetz.de, einer von der Universität Trier bespielten Website, Volltextsuche dort in 24 versch. dt. Wörterbüchern jeder nur erdenklichen Art. Das riesige, etwas unübersichtliche Feld, das sich in Folge vor mir auftat, beschränkte ich bald auf einen gewissen Adelung, Herausgeber des Grammatisch-kritischen Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart, verfasst Ende 18.Jhd., sowie erstmals auch auf die beiden Grimms und deren Deutsches Wörterbuch, die ich nun beide oder alle drei, Adelung und Grimms, in puncto Stichwortlisten mit meinem Rechtschreibduden zu vergleichen begann. Zwei Probleme waren die Folge, ein eher subjektiv-geschmackliches und ein dramaturgisches. – Adelung, so sehr mich auch der herrlich umständliche Titel Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen entzückte, ja auch sein Name selbst, Adelung, nicht von schlechten Eltern war, kam ich nicht umhin, festzustellen, dass die aus Adelungs Wörterbuch exzerpierten Listen merkwürdig langweilig waren. Adelungs Listen schienen mir im Vergleich zur Detailversessenheit Dudens und den Seltsamkeiten der Grimms (bei diesen ja ca. jedes zweite Wort heute nicht mehr gebräuchlich) blass, steif, stur und witzlos, zudem, zweitens, dramaturgisch, war es ziemlich schwierig, den Vergleich gleich dreier Wörterbücher zu bemühen, Duden, Grimm und Adelung, ohne dabei in der Form behäbig zu werden, kurz: das schleppte sich so dahin, kurz: ich kippte den Adelung, und die Unternehmung grimms gegen duden anstelle von grimms gegen duden gegen adelung ging deutlich flinker voran; die Reduktion auf einen Zweier-Vergleich ja nicht zuletzt gerade für ein Radiostück, Stichwort Stereophonie, naheliegend.

Ungefähr in dieser Phase machte ich allerdings zufällig Bekanntschaft mit einem weiteren Wörterbuch, genannt Duden: Das Grundschulwörterbuch, das mich sofort für sich einnahm und recht bestimmt auf seine Teilnahme drängte. Ich hatte also erneut mit drei Wörterbüchern zu kämpfen. Auf der Suche nach einem harmonischen Ausgleich, “vier”, dachte ich mir, “ist zwei mal zwei, also immer noch besser als drei”, fielen mir Grimms Kinder- und Hausmärchen in die Hände, mithin die Idee, die Veranstaltung gewissermaßen in zwei Kategorien auszurichten, jeweils mit Grimms und Duden, einmal die Erwachsenenversion mit den beiden “großen” Wörterbüchern Rechtschreibduden und Deutsches Wörterbuch, dann die Kinderversion mit dem “kleinen” Grundschulwörterbuch sowie, zugegeben leicht in Ermangelung eines Grimm´schen Äquivalents, mit deren Kinder- und Hausmärchen, ausgewählten Märchenpassagen, die im Stichwortgehalt mit dem Grundschulwörterbuch korrespondierten (Beispiele Der gestiefelte Kater, Der Hund und der Sperling, Die Bremer Stadtmusikanten und und und). Im Basteln an dieser Kinderversion zeigte sich nun, dass der bekannt getragene, etwas schwerfällige, vor allem von Wilhelm Grimm geprägte Erzählstil in völligem Kontrast zum harten Staccato des ganz ohne Worterklärungen oder sonstige Einschübe auskommenden Grundschulwörterbuchs stand; weiters, dass mich die Beschäftigung mit den Märchen ein Stückweit von meiner Grundidee eines Wörterbuch-Stücks entfernte, sie, die Märchen, mir auch viel zu schade für den Kurzauftritt waren, lieber mochte ich dereinst etwas eigenes aus dem Märchenstoff basteln, kurz: ich kippte die Märchen, das Grundschulwörterbuch aber behielt ich, als “zweiten Duden” quasi, denn ca. zeitgleich kam mir die Erkenntnis, dass Grimms, die Brüder Grimm, ja zweifelsohne zu zweit waren, mir zu zweit auftreten sollten, wohingegen Duden ja allein stand, es stand also zwei gegen eins, Missverhältnis, das sich mit dem nun zusätzlichen Grundschulwortschatzduden zu Dudens Gunsten ausgleichen ließ.

Noch ein Wort zur Figur des “Moderators”. Er hat sich, ich weiß nicht mehr wann, in das Stück so eingeschlichen, sich aufgeplustert und ziemlich wichtig gemacht. Gedanke war ursprünglich, einfach bloß meine Stichwortlisten ablaufen, auflaufen, um die Wette laufen zu lassen, sie nach rhythmischen Prinzipien zu ordnen, einander gegenüberzustellen u. dgl; allerdings wollte ich die Hörer gleichzeitig schon wissen lassen, aus welchen Wörterbüchern gerade zitiert, welches Spiel hier gerade getrieben wurde, ich spürte also die Notwendigkeit einer Quellenangabe, musste ein Auskunft gebendes Element schaffen, das aus dem Listengeratter herausfiel. Und es trat hervor die ordnende, durch das Stück führende Instanz des Moderators, die mir, einmal eingeführt, immer besser gefiel, weil sie in den Ablauf ein Moment von Inszenierung mit einbrachte, mit dem sich wiederum spielen ließ. Insbesondere das Spiel mit Wiederholungen und Redundanzen, in den Stichwortlisten selbst bereits angelegt (zb die diversen “Grimm”- und “Hund”-Komposita), ließ sich in der Moderation spiegeln und ironisch auf die Spitze treiben; ein Spiel auch mit der Erwartungshaltung des Hörers / der Hörerinnen, dergestalt etwa, dass gewisse Phrasen oder Moderationsbausteine (“Guten Abend”, “Sie hören…”, “…im Vergleich”), durch mehrfache Wiederholung sich im Bewusstsein festsetzen bis zum Punkt ihrer Erwartbarkeit, die dann jedoch durch eine kleine Variation/Irritation enttäuscht wird, Moment, in dem sich im geglückten Fall dann Komik einstellt. Der Moderator jedenfalls schien mir von Anfang an von einer gewissen Eigendynamik geführt, der ich dann Stück für Stück nachgab, bis er sich schlussendlich ganz in den Vordergrund gespielt, das Heft, in diesem Fall konkret den Grundschulduden an sich gerissen hatte und alle Inszenierung mit einem Paukenschlag abbrach.

Zur Entstehung des Stücks wäre vielleicht noch zu sagen, dass es kaum auf dem Papier, sondern zuallererst im Audioprogramm entstand, ich also schon in einer sehr frühen Phase direkt im Medium Klang zu arbeiten begann. Ich machte mir in der Regel nur kurze Notizen, um diese umgehend in das Aufnahmegerät zu sprechen, im nachfolgenden Anordnen und Umordnen der verschiedenen Spuren auf dem PC konnte ich die Struktur meines Hörstücks viel besser erfassen sowie auch gleich auf ihre Tauglichkeit hin überprüfen. Erst im Anschluss, nach Fix- und Fertigstellung einer akustischen Demo-Version machte ich mich daran, das Geschehen zu transkribieren, zunächst in Fließtext, anschließend noch in eine Art achtteilige Partitur, was deswegen notwendig schien, da ich auch Gleichzeitig-Erklingendes und zuletzt noch gewisse Vorstellungen was den Schnitt anbelangte zu berücksichtigen hatte , was sich besser graphisch als linear darstellen ließ.

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II – zur Produktion

Am ersten Studiotag, insgesamt gab es ja deren drei, konnte recht erfreulich zügig aufgenommen, konnten die Aufnahmen im Anschluss “geputzt”, d.h. zurechtgeschnitten und, Millisekundenarbeit, befreit werden von Zungenklicks und -klacks, Atemgeräuschen und ähnlichem Beiwerk. Die einzelnen Stimmen (Moderator, Duden, 2xGrimm, Publikum [des letzteren “Aaahs” und “Ooohs” übrigens entstanden auf Anregung C. Zintzens) wurden dabei jeweils am Stück aufgenommen; Erörterungen und Absprachen hinsichtlich deren Gestaltung (wie lassen sich die Einzelstimmen voneinander unterscheiden?) gingen den Aufnahmen voraus. Konsens diesbzgl. war, die Differenzierung möglichst auf “natürlichem”/stimmlichem Weg herbeizuführen, nicht mittels technischer Effekte, wobei sich hier schlussendlich eine Art Kompromisslösung als am Vernünftigsten erwies: nämlich die beiden Grimms “stimmlich”, in Stimmlage, Dynamik & emotionalem Ausdruck voneinander zu scheiden (der eine tief, grimmig und angriffslustig, der andere “normal”, sanft und etwas ängstlich), Duden & Moderator aber hauptsächlich technisch, nämlich durch Hinzufügen eines kleinen Hallraums zu ersterem (M. Leitner: “Amtsstube”), Duden also etwas räumlicher gesetzt in Unterscheidung zum stets “trockenen” Moderator. Weiters wurden die Einzelstimmen jeweils unterschiedlich mikrophoniert, wurde beim hauptsächlich “rufenden” bis “schreienden” Publikum zuletzt auch die Sprecherposition im Studio gewechselt, hinein also in den hintersten, “Schnecke” geheißenen Raumteil, dies ein erstaunlicher speziell schallgedämmter Gang, in welchem jeder Laut dem Luftlinie 2 Meter entfernten Hörer/Mikrophon wie aus 50 Metern Entfernung erklingt. (Auch ist in dieser “Schnecke” kein Sichtkontakt in den Regieraum gegeben, sodass introvertierte Charaktere sich dort quasi tonmeisterseelenallein austoben können).

(Dieser Letztendlich-Doch-Rückgriff-AUCH-auf-techn.-Differenzierungshilfen natürlich motiviert durch den Fakt, dass ein Zuviel an stimmlicher Variation, ein Zuviel an Abweichen von der natürlichen Sprechstimme die Gefahr von Schauspielergehabe in sich birgt, von im schlimmsten Fall sogar unfreiwilliger Komik, wohingegen wir Komik ja vorzugsweise aus dem Text selbst zu entwickeln gedachten).

An Studiotag 2 wurde der Grobschnitt, an Studiotag 3 der Feinschnitt erledigt, sozusagen die ausgedruckte Partitur in “pro tools” übersetzt (Name des Schneideprogramms). Es galt die vielen, schätzungsweise 80 Einzelaufnahmen in ihre partiturgemäße Abfolge zu bringen unter Berücksichtigung von Schnitt, Dynamik und Panorama = Positionierung im Hörraum. Dem Skript wurde dabei im Wesentlichen sehr genau, im Allgemeinen jedoch nicht dogmatisch gefolgt. Gelegentlich ergaben sich aus Zufälligkeiten oder Einsprechfehlern interessante Effekte, die beibehalten wurden, etwa bei gewissen “Grimm”-Passagen, Grimms, die in dem Stück ja immer “gedoppelt” auftreten, wofür beim Einsprechen vorsorglich ein Metronom zum Einsatz kam, dessen Diktat ich aber nicht immer exakt zu folgen in der Lage war, sodass ursprünglich synchron geplante Passagen nun im Zusammenschnitt auseinanderzudriften begannen, Phasenverschiebungen traten ein, die sehr lebendig und witzig klangen und das Experiment des Grimm´schen Duetts teilweise auf sympathische Weise scheitern ließ.

Spannendes experimentelles Moment zuletzt, als es daran ging, dem im finalen Part zu einer Art Stadionsprecher mutierten Moderator einen entsprechenden Stadionsprecher-Effekt zu verpassen, das ist in der Regel reichlich Feedback und etwas delay. Anstelle des Griffs in die virtuelle Trickkiste entschied Martin Leitner für eine analoge Echtzeit-Variante komplexeren Zuschnitts, bei der wir unseren zuvor bereits “clean” aufgenommenen Moderatorenpart im Regieraum ablaufen ließen und die Passage gleichzeitig über das auf die Lautsprecher gerichtete Tonmeistermikrophon ins benachbarte Sprecherstudio hinüberschickten, dort der Klang wiederum mittels auf die Lautsprecher gerichtetem Mikrophon in den Regieraum zurückgeschickt und ein zweites Mal aufgenommen wurde; Prozedere, bei dem wir aufgrund des “scharf” geschaltetem Tonmeistermikrophons mucksmäuschenstill auf unseren Plätzen zu verharren hatten, jeder Mucks von uns wäre ja mitaufgenommen worden. Einmal blies ich während der Aufnahme unabsichtlich oder spaßeshalber ins Mikrophon hinein, was dann einen schönen wummernden Basslaut ergab, Klang, den wir dem finalen Durcheinander, dem chaotischen Schlusspart des Stückes kurzerhand unterlegten.

 

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Links

 

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… jetzt echt goethe

 

⇒ wer leuchtet hier wen an ?
| vielleicht zu viel brockes gelesen |

lampe foto czz inadaequati

waer nicht das auge sonnenhaft,
die sonne koennt es nie erblicken;
laeg nicht in uns des gottes eigne kraft,
wie koennt uns goettliches entzuecken ?

( goethe )

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heinz von foerster | flugstunde

  Rubens Gewitterlandschaft mit Philemon und Baucis (um 1625 | Kunsthistorisches Museum Wien | Detail | Foto © czz) Verlust des archimedischen Punktes Bernhard Pörksen : Dieser grundsätzliche Zweifel an der Wahrheitskenntnis und die schlagartige Konfrontation mit einer Vielzahl von Möglichkeiten kann doch einen epistemologischen Schwindel auslösen, der dem Gefühl gleicht, den Boden unter den Füssen…

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