Bombenkrieg, forwarded



Nachdem Jörg Friedrichs effektvoll “expressionistisch kaskadierende” (Die Zeit) Erinnerungscollage Der Brand . Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945 nun auch in englischer Sprache vorgelegt wurde, ist die Debatte um dieses “Wir waren doch Opfer” sentimentale und auf voyeuristisches Gruseln abzielende Buch noch einmal hochgekocht . Da brennt wohl noch die - unhaltbare - Sebald-These als Stachel im kollektiven Fleische, darüber hinaus setzt David Irving seine – offensichtlich durch Gerichtsurteile wenig irritierten - revisionistischen Diatribe fort . Antidot und sauberes Handwerk bleibt selbstredend Walter Kempowskis - aus Zeugnissen zum Dresdener Feuersturm komponierter - Roter Hahn. - - -

luftschutz ist selbstschutzIm 3. Teil der “Ästhetik des Widerstands” kommt auch Peter Weiss auf die drastischen Bilder zu sprechen, welche Charlotte Bischoff bei ihrer undercover-Rückkehr in deutschen Städten vorfindet .

Die glosenden Ruinen, in Reihen aufgelegte Leichen – man denkt sofort an Hubert Fichtes Bericht aus Hamburg, inklusive seinen ausführlichen Referaten aus Siegfried Gräffs Ausschlachtung des in Hamburg vorgefundenen Leichenmaterials , Tod im Luftangriff. Ergebnisse pathologisch-anatomischer Untersuchungen anlässlich der Angriffe auf Hamburg in den Jahren 1943-45, mit dreissig Abbildungen und elf Tafeln” (1948, 1955) : : :

QUOTE :::Die Autopsie der Schrumpfleiche. Zur Verarbeitung lagen somit Hitzeschrumpfleichen mit den Begleiterscheinungen mehr oder weniger fortgeschrittener Fäulnis vor. Bei diesen Schrumpfleichen konnte von einer Sektion mit Messer und Schere keine Rede sein. Als erstes waren die Kleider zu entfernen, was bei der aussergewöhnlichen Starre der Körper in der Regel nur durch Zerschneiden und Zerfetzen unter Beschädigung einzelner Körperteile zu bewerkstelligen war. Köpfe und Extremitäten konnten je nach Trockenheit der Gelenkverbindungen vielfach mühelos abgebrochen werden …. UNQUOTE [ zit. nach Hubert Fichte : Detlevs Irritationen, Grünspan, 35ff ]

Stichwörter “Luftschutzbunker” / “Bomben- Ruinen” >>> Erich Kästners Entsetzen (anlässlich seiner Artikel über den Nürnberger Prozess), wie das vorgebliche Kulturvolk der Deutschen in den Status einer versprengten Herde von Troglodyten zurückgefallen ist .

Ein grosses Bild bei Weiss - - - und diese Findung nähert sich durchaus dem in Picassos “Guernica” komprimierten Aufschrei der Kreatur - - - ist das Emblem der im Feuersturm entflammten Bäume Unter den Linden:

QUOTE ::: (….) eine Hitzewoge rauschte herbei und entzündete sich an den Linden, rasend schnell lief der Brand den Mittelweg der breiten Allee entlang, die Bäume reckten sich auf, in Sekundenschnelle war an diesem neunundzwanzigsten August der Herbst gekommen, die Äste schüttelten das rotglühende Laub von sich, die Stämme drehten und wandten sich, als wollten sie sich mitsamt den Wurzeln hinausschrauben aus der verhassten Erde . (…) wie sollte es jetzt Geduld geben, da die Bäume um Hilfe schrieen und versuchten, sich aus ihrer Gefangenschaft in den Himmel zu erheben . UNQUOTE [ III, 172]

>>> “da die Bäume um Hilfe schrieen” lässt an Rilkes “Wer, wenn ich schriee … “ denken und an Georg Friedrich Haas’ gleichnamige, exquisite Komposition .

Die aktuelle Ausgabe des LETTRE International ( No. 76 ) bezieht sich gleich mehrfach auf das Inferno . - - - Im Paradigma der “Stadt” und ihrer Transformation zur “Stalinmaschine” beschreibt Karl Schlögel die rapide Transformation der Metropole Moskau im Zuge der Säuberungen und Schauprozesse 1936 [ein – siehe unten – Chronotop, welches ja auch bei Peter Weiss eine eminente Rolle spielt :] :

QUOTE :::Diese Zahlen [ der Opfer, zwischen 90 und 200.000 ] sagen zunächst, dass Moskau 1937 nicht einfach eine gewöhnliche Stadtgeschichte in einem bestimmten Jahr sein kann. Moskau 1937 ist keine gewöhnliche Stadt in einem gewöhnlichen Jahrhundert, sondern ein Schauplatz im Jahrhundert der Extreme (Eric Hobsbawm). In der unerhört dichten Sequenz von Ereignissen zwischen August 1936 und März 1938, zwischen dem ersten und dem dritten Moskauer Schauprozess, geht das alte Moskau unter und tritt das neue hervor. Moskau 1937 ist mehr als eine dramatische Zuspitzung in einem bestimmten Jahr. Es ist zu einer Chiffre totalitärer Gewalt und totaler Macht geworden. Moskau 1937 ist, um mit dem großen russischen Gelehrten und Denker Michail Bachtin - auch er ein Insasse der Stalin’schen Lager - zu sprechen: ein Chronotop, die Einheit von Ort und Zeit, ein Moment, in dem eine geschichtliche Konstellation zu einem Bild, zu einem Symbol, zu einem Begriff gerinnt. UNQUOTE . © Karl Schlögel / Lettre International 76

Sven Lindqvists Text “Der Bombentraum” behandelt die Thesen für und gegen die Rechtfertigung der britischen Luftkriegsstrategie, wendet sich insbesondere aber gegen die Robert Neillands Rechtfertigung der Harris’schen Angriffstaktik : : :

QUOTE :::Neillands erklärt, die Bombardierung der Zivilbevölkerung sei militärisch wirkungsvoll oder zumindest notwendig gewesen und somit moralisch und juristisch zu verteidigen . Als Harris im September 1944 seine Bomber zurückerhielt, stellte man ihm eine Aufgabe: die Bombardierung der deutschen Ölindustrie. 1942 und 1943 war dies schwierig und gefährlich gewesen. Jetzt waren die deutschen Jagdflieger so geschwächt, dass auch Ölziele ohne größere Verluste präzise bombardiert werden konnten. Harris aber vernachlässigte seine Befehle und jagte weiter hinter dem Bombertraum her. Am 3. Februar 1945 tötete er in einer einzigen Nacht 25.000 Berliner, zum größten Teil Zivilisten. Jede Nacht hoffte er, die Deutschen hätten genug .

Was aber heißt genug ? Heute ist es leicht, den Fehler in dieser Argumentation zu erkennen: Die Repression in Nazideutschland hatte ein Maß erreicht, das Aktionen gegen Hitler und sein Regime (die eine Kapitulation strikt ablehnten) unmöglich machte . Die Deutschen hatten nicht die Möglichkeit, Hitler abzuwählen .

Nicht nur heute lässt sich dies leicht erkennen. Jedes Kind wusste, dass die Deutschen kein Wahlrecht mehr hatten. Alle wussten, dass Deutschland eine Diktatur war, in der die geringste oppositionelle Äußerung mit Gewalt niedergeschlagen wurde. Auch Harris. Warum setzte er dann auf den Bombertraum, der ein ganz anderes Deutschland voraussetzte, als jenes, das er bombardierte? Und wie kann Neillands heute noch glauben, dass Harris, womöglich recht hatte?

Neillands fragt, ob die Bombenangriffe auf deutsche Städte in dieser Situation nicht Zeitverschwendung gewesen seien.Doch muss die Frage lauten, ob es sich nicht um eine Vergeudung von Menschenleben handelte. Genauer: eine Vergeudung von Kindern. Diese Vergeudung begann nicht in dieser Situation, im Februar 1945, sie fand während des gesamten Bombenkrieges statt.Der Nachweis, das die Bombardierung der Zivilbevölkerung militärisch effektiv war, misslingt Neillands. Sie verursachte furchtbare Zerstörungen und riesiges Leid, erreichte aber nie die angestrebten Ziele. Dies wurde zunehmend deutlich, je länger der Bombenkrieg sich fortsetzte. UNQUOTE .© Sven Lindqvist / Lettre International 76

luftschutz
Die Wortwahl “Vergeudung von Kindern” wäre - inadäquat bescheiden bemerkt – ihrerseits . . . “ein Thema” - - - Dass nicht alles Fleisch vergeudet wurde, erweist Hubert Fichtes an Arthur Harris adressiertesVaterunser - - - noch im apokalyptischen Waste Land bricht sich das Begehren Bahn : : :

 

QUOTE::: Arthur Harris, der du bist im Himmel, die schwule Stadt mit Phosphorstabbrandbomden einäschern, komm mit mir, Azze, wir suchen uns in Neu-Sodom zwei Gomorrhöer (….), Arthur Harris, denn dein ist das Reich, und auf dem Hannöverschen Bahnhof umhalste der Geliebte den Geliebten im Landserrock. UNQUOTE [ Detlevs Irritationen, Grünspan , 36ff ]

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