Im Landeflug gen Karfreitag fällt Publizisten und Publikum das Thema “Tod” einmal wieder rituell wie Schuppen von den und vor die Augen , wobei die freudlos lexikalische Pflichtübung in der ZEIT freilich in keiner Weise dem humanen und humanistischen Essay des deklariert humanistisch argumentierenden Naturwissenschafters Hubert Markl im MERKUR (606 / April 2007) das ( Weih- ) -Wasser zu reichen vermag .
Was sogleich für Markls MENSCHENLEBEN HEISST STERBENLERNEN einnimmt , ist sein Bezug auf den charismatischen Demographen und Denker der ARS MORIENDI , Arthur Imhof .
Markl – bis 2002 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft ( wo er entscheidend die Erforschung der willfährigen Wissenschaft der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft während der NS-Zeit vorantrieb ) wendet sich in seinem ausgreifenden Essay gegen den vorgeblichen “Schutz” , welche die Gesellschaft dem prekär gewordenen Leben ( Alter , Demenz , Pränatalstörungen ) unter dem Zeichen der “Fürsorge” auf oktroyiert . Die rezente und noch nicht bewältigte Erinnerung der – an sog. “unwertem Leben” vollzogenen – “Euthanasie” im Dritten Reich sei dabei , so Markl nur einer der Gründe für die staatlich- patriarchale Verhinderung von “Patientenverfügung” und “Freitod” .
Während uns die globale Sofortinformation aller Morde, Unglücksfälle, Katastrophen und schlächterischen Kriege buchstäblich bis zum Erbrechen (oder zum Wegsehen und Weghören) mit Leichen überschüttet, sind wir die aus Eigenerfahrung dem Tode entwöhnteste, entfremdetste Generation, die je lebte – und deshalb auch entsprechend unvorbereitet sterben wird.
[ "Tod" / Japan @ www.jamba.de ]
Wurde – mit Recht – die Reduktion der hohen Kindersterblichkeit als –rechtmässiges - Verdienst der Medizin angesehen , so hat sich die Lebens-Verlängerungs-Industrie mittlerweile unversehens zu einer Selbstläufer- Wirtschaft entwickelt , und zwar reichlich ornamentiert von bigottem Redeschmuck :
Denn wo diese grausam, aber schnell für die unvermeidliche Populationsbegrenzung durch den frühen Tod von Kindern sorgte, die kaum ins Bewusstsein einer Gemeinschaft getreten waren, bringt es der medizinische Fortschritt im Verein mit humanitärer Gesinnung mit sich, daß das Sterben der vertrauten und mitten im Leben der Gesellschaft stehenden Alten viel grausamer hinausgezögert und bis zur Unerträglichkeit verlängert wird. Verbunden wird dies mit dem Todesbekämpfungswahn eines gewichtigen ökonomischen, aber karitativ einherkommenden Sektors, der sich auch an notwendiger Pflege, Betreuung und Behandlung geschickt zu bereichern weiß, während er dabei immer nur von Gottesfurcht und Menschenliebe redet und manchmal geradezu von erhabener Moral trieft.
[ "Tod" / China @www.about.china.online ]
Was fehlt , ist die lebenslange Vorbereitung aufs Sterben – und gerade deshalb -, weil der Tod uns in säkularen Zeiten schlechthin das Undenkbare ist .
Seit der Mensch ein Gehirn entwickelt hat, das sich einen Begriff von Leben machen kann, muss er auch das Unfassliche denken: dessen Negation. Nicht erst, wenn es unmittelbar bevorsteht, denn es kann sich immer ereignen. Unsterblichkeit ist wie Unendlichkeit: eine der Kantschen Aporien eines Geistes, der zwar im Diesseits denken kann, was nur im Jenseits möglich wäre, der dies aber nicht in die diesseitige Wirklichkeit hereinholen kann.
Sterben , das passiert – trivial gesagt - immer nur den Anderen . His Majesty , the Ego ( Freud ) denkt sich davon uneinholbar .
Während uns die globale Sofortinformation aller Morde, Unglücksfälle, Katastrophen und schlächterischen Kriege buchstäblich bis zum Erbrechen (oder zum Wegsehen und Weghören) mit Leichen überschüttet, sind wir die aus Eigenerfahrung dem Tode entwöhnteste, entfremdetste Generation, die je lebte – und deshalb auch entsprechend unvorbereitet sterben wird.
Wenn allerdings mittelalterlich-christliche Belehrung über die letzten Stunden des Menschen wirken soll, die wie eine ars bene moriendi diese erleichtern kann, so ist dies auf Furcht und Hoffnung eines Heilsgeschehens gegründet, das gar nicht von christlichem Glaubensgut getrennt gedacht werden kann. Wie sollte eine solche Botschaft den aufgeklärten, säkularisierten, glaubensfernen Menschen, wie sollte sie gar die vielfachen Arten von Nichtchristen erreichen, wie ihnen verständlich sein ?
Gegen diesen Hiatus – mit Blumenberg gesagt “Schiffbruch mit Zuschauer” – formuliert Markl drei Notwendigkeiten an der Schnittstelle von demographischer Realität , Bedachtnahme auf das Individuum sowie neuer und wertstiftender gesellschaftlicher Konfrontation mit der tat- sächlichen Sterblichkeit :
Erstens die Notwendigkeit des Sterbenlernens, einer neuen Art der Ars moriendi, sehr verschieden von jener, von der aus dem Mittelalter berichtet wird; zweitens die Notwendigkeit, die Würde der Individuen auch am Lebensende gegen ihre Enteignung durch Agenten der Gesellschaft zu schützen: Sterbebegleitung als Sicherung des Anspruchs darauf, in Frieden gehen gelassen zu werden, wenn der Betreffende die Zeit für gekommen hält; drittens die Notwendigkeit des Gleichmuts, der den Tod als eine Selbstverständlichkeit jedes biologischen Lebens begreift und dadurch die Kostbarkeit des Lebens erst wirklich erschließen kann.
Mit dem letzten Satz sind wir mitten in den erlauchten Kreisen der Stoiker gelandet , nichtsdestotrotz fährt Markl mit der Explikation des Sterbenlernens fort :
Sterben kann doch jeder, was gibt es da zu lernen? Sterben kann man gar nicht lernen, denn wer es gelernt hat, ist tot. Sterben und Tod genauso wie Geburt: Das erschliesst sich uns nur durch soziale Beobachtung, durch Mitteilung, durch Miterleben und Einfühlen in unsere Gemeinschaft. Darum ist der verborgene, verleugnete, in Krankenhäuser und andere Einrichtungen abgeschobene Tod in unseren ohnehin geschrumpften Familien ganz besonders verheerend für unser Bewusstsein, denn wir erfahren die Wirklichkeit des Todes von Mitmenschen ganz überwiegend nur durch Beschreibung in Geschichten und Fernsehfilmen, das heißt absichtsgerecht aufbereitet, geschönt und zensiert, eben nicht unmittelbar. Der erste und wichtigste Akt des Sterbenlernens ist jedoch die eigene Erfahrung der Todeswirklichkeit bei Menschen, wenn es uns denn schon verwehrt ist, aus eigenem Sterben zu lernen.
Wer denkt da nicht an den “Hand an sich legenden” Jean Améry ?
Eines sollte doch zunächst unbestritten sein: die unabdingbare Forderung nach Freiwilligkeit und eigener, wohlbedachter Entscheidung derer, um deren Leben es hier geht.
Der Kampf des angeblich selbstbestimmten Individuums für den “eigenen” (Rilke), freiwilligen und willentlichen Tod widerspricht – hier wird Markl ungewohnt scharf – der Interessenlage des Staatlichen Apparats , der die Bürger ( im British Empire heisst lautet es ja trefflich noch “Untertan” / “subject ” ) als Verfügungsmasse betrachtet :
Ganz anders steht es freilich dann, wenn erwachsene mündige Bürger lange vor einem solchen Entscheidungszeitpunkt nach reiflichen Überlegungen und gegebenenfalls nach gründlicher medizinischer und juristischer Beratung in frei getroffenem Beschluß durch Patientenverfügung bestimmt haben, wie mit ihnen im kritischen Ernstfall zu verfahren sei, wenn sie denn selbst nicht mehr entscheidungsfähig sein sollten.
Hier droht nun von einer ganzen Heerschar wohlwollender oder auch höchst interessierter Agenten – denn kaum ein anderer Wirtschaftszweig hat künftig so beständige Zuwachserwartungen wie die Betreuungs-, Behandlungs- und sanfte bis grobe Bevormundungssparte des Sterbebegleitungs- und -hinauszögerungsgewerbes – der massive Versuch, den Menschen gerade dann, wenn er ganz individuell von den Folgen jedes Handelns und Unterlassens betroffen ist, seiner ureigensten P ureigensten Persönlichkeitsrechte zu berauben und ihn de facto zu entmündigen. Daß sich solches patriarchalisch fremdbestimmende Verfügen – natürlich immer kleidsam eingehüllt in Floskeln besorgter Fürsorglichkeit – schon darin erkennbar macht, wenn die Agenten der Sozialpflichtigkeit aller Bürger deren freien Entschluß zur Lebensbeendigung als (Selbst)Mord diffamieren, ist wenig überraschend.
Die Parallele zur Psychiatrie ist offenbar und wird auch prompt benannt . Die Ein- und Ausführungen Hubert Markls sind ebenso leicht einleuchtend wie schwer in die Praxis des konkreten Selbstumgangs zu integrieren :
Der Tod ist nicht das, was sich wie eine Katastrophe ereignet, wenn alle Hilfe versagt oder zu spät kommt. Er ist ein ständiger Begleiter des lebendigen Menschen, ein Leben lang.
[ "Leben" / China @www.about.china.online ]
Wer nicht nur auf VANITY FAIR oder PARK AVENUE abonniert ist , kann bei den Alten Inspirationen suchen und finden :
Beginnend mit Platons Dialogen in Phaidon und Kriton über Senecas stoische Sicht des Todes als Bestandteil jedes Lebens bis zu Michel de Montaignes Einsicht, dass Philosophieren sterben lernen heißt, dreht sich abendländisches Denken immer wieder um die Versöhnung mit dem absoluten Skandalon, dem letztendlich unabwendbaren Tod jedes Menschen.
Denke nicht , p. t. Leser , dass damit diese freudlose Schose damit vom Tapet sei : Im Gegenteil – nur wird sie zunehmende absurder . Auf TP wird Hans Schmids Geschichte des Hinrichtungsfilms unter dem makaber- halblustigen Titel WIR DREHEN UNS IM KREIS angeboten , des Grassens Günters Selbstrufmord setzt sich mit holprigen AuguSStiaden so dümmlich fort , dass die FAZ ( deren Rolle in diesem “Wahrheitsspiel” ja eine durchwegs fragwürdige bleibt ) und es natürlich dirty old Henrik M. Broder sich nicht nehmen lässt, den Bullshit im SPIEGEL ordentlich nachzupfeffern . Wohl Bekomm’s !
Ad Selbstmord und bei Nachlesen der Essays von Jean Améry ergibt sich in|ad|ae|qu|at neuerdings die Betrachtung , dass Einer , dem konkret und quälend ans nackte Leben gegriffen wurde und dem in der Nachkriegsgesellschaft kein intellektueller Lebensraum zugestanden wurde zu diesem Thema wohl anders denken dürfte als das “zivile”, narzisstische gekränkte Ego im Eck .
Aber das Leben geht ja weiter , mit jedem kathartischen Waschgang neu und hier und da stirbt halt einmal eine - bemerkenswert - einzelne - Socke .
[ Tod und Waschmachine www.martinweyers.com ]
Beste Voraussetzungen für ein langsam anrollendes Schleuderprogramm : Tanz verheisst LOOPZILLA 017 : ADAPTIVE STATE OF THE UNION . Da raffen sich sanfte Sounds unmerklich sukzessive
zusammen , um nach etwa 20 Minuten satte Tanz-Dynamik in eine endlos scheinende Einstünder- Spirale zu drehen . - Quote : “A warm welcome to our newest artist adaptive who joins in with this fantastic mix. You may call state of the union a little bizarre, containing lots of clicks and cuts. Love it or hate it - we love it !”
















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