Verfasst für JeliNetz , Online- Forum @ Elfriede Jelinek Forschungszentrum Wien
Die Autorin stellt einen Text ins Netz und wirft ein Netz darüber : Das ist ein PRIVATROMAN . Blickt durch die Maschen am WWW- Draht und deklariert : Hier beginnt der Zoo der Wörter , Sätze und Gestalten : NO TRESPASSING . Nicht füttern und nicht berühren ! Noli me tangere , denn die Genannten sind sämtlich Fleisch von meinem Fleisch , Geist von meinem Geist . Blümlein Rührmichnichtan , Touch-me-not , Mimosa pudica .
UNTERM STURZ
Das Recht , ihr Wesen auf- und abzuspalten und deren Splitter in Figuren , Formen zu fügen , behält sich die Creatrix vor : Da soll und da kann ihr diesmal keiner was weg- und rausschneiden . Wie es Mutter Natur seit je widerfährt . Und den vielen, von den Moosbruggers aller Couleur aufgeschlitzten Jelinek- Frauen .
Elfriede Jelineks Textlaufwerk NEID sitzt als PRIVATROMAN im Netz : von A bis Z abgesperrt durch den Stacheldrahtverhau eines absoluten Zitierverbotes . Das zeugt vom Willen , die Werk werdende Privat- Obsession und hermetische Individualmythologie auch materiell gegen das Draussen zu versiegeln : “hermetisch abdichten” , ein Begriff aus der Alchemie , auf Neudeutsch “wasserdicht machen” . - Imperméable . Ein Alibi .
Pikierte Berichte erweisen , DASS und WIE auch das wasserdichte Alibi forensisch verhandelbar wird . Auf dem Forum der Öffentlichkeit und vor ihren Tribunalen . Nun sind es die Literaturgerichtsbarkeit der Kritik sowie die philologischen Verwertungs- und Ausschlachtungsdisziplinen , deren Hieb- , Stich- und Schneid- Instrumente an den von der Autorin ex cathedra versiegelten Geschichten abgleiten : “Ob sie ” , droht Burkhard Müller in der SZ , “den Unlustfaktor bei der Lektüre tatsächlich so leichterhand erhöhen möchte , wie sie es hier tut , das sollte sich vielleicht gerade Elfriede Jelinek genau überlegen .”
WORT OHNE ORT
Seht her , wie er dasteht , der Text , vor aller Augen , mitten im Netz : “öffentlichste” aller “Öffentlichkeiten” , zugleich labyrinthisches Verwirrkabinett des Virtuellen . IRGENDWO gibt es einen Text , vielleicht DIESEN Text , an DIESER Webadresse , auf JENEM Server . Existiert diese “Roman”- Fläche , welche sich vorderhand nur als Stückwerk gibt , indes wirklich ? - Also gegenständlich wie seine gedruckten “faux amis” - die in Lettern gesetzten , dem Papier aufgestanzten , gepressten , beschnittenen , gebundenen und unfrei versandten Bücher ? - Ist das , was da im Netz steht - eventuell sich peu à peu dem “Peeping Reader” weiter preisgeben wird - tatsächlich das Ab- und Eben-Bild eines real existierenden Werkes ? - So wären wir’s jedenfalls gewöhnt , beanspruchen wir Gewohnheitsrechte .
Oder ist nicht vielmehr sogar das fiktionale Werk selbst eine Fiktion , aufgezogen auf die Kulisse einer Webseite ? - Das Netz als platonische Höhle : Auf unseren vielen kleinen Flimmerschirmen sehen wir Licht- und Schattenspiele . Die Brechung eines noch nicht umbrochenen “Romans”. Offenes Buch mit sieben Siegeln . Eher ein “Scroller” denn ein “Page-turner”.
ZEITUNGSKREISE
Geil wollen wir hingreifen , “copy und paste” , im hermeneutischen Wettlauf losstarten : Wer weiss zuerst , wer berichtet zuerst , wer hat das bessere Interview , die vifere ( Be-) Deutung . Das Rattenrennen des Literaturbetriebs muss sich selbst als im Hamsterrad rasend betrachten . Textferner Leerlauf . Wer hat noch nicht , wer will noch mal , die Geschichte geht im Kreise : DER STANDARD ( 7. 4. ) , Wiener Zeitung ( 12. 4. ) , FR ( 14. 4. ) , börsenblatt ( 16. 4. ) , turi-2.blog.de ( 16. 4. ) , FAZ-Artikel + Interview ( 17. 4. ) , SZ ( 17. 4. ) , Welt-Online ( 17. 4. ) , taz ( 21. 4. ) …
GONG ! - und ausgezählt für die erste Runde , welche das fremdartige Genreding mit teils spitzen , teils leicht angewiderten Fingern fasste . Auch Kränkung ist im Spiel : NEID ist somit nicht nur Thema , sondern auch Effekt eines FORT| DA- Manövers , für welches die Autorin im Medium des Virtuellen ein virtuoses Vehikel entwickelt . Der Link zwischen PRIVATEN Lastern und ÖFFENTLICHEN Vorteilen ist seit Bernard Mandevilles THE FABLE OF THE BEES : OR , PRIVATE VICES PUBLIC BENEFITS stichhaltig :
“Nicht minder dient der Neid sowie
Die Eitelkeit der Industrie .”
TAST- UND TAPP- EMBARGO
Dies klemmt just dem Journalismus seit jeher hinter dem Spiegel . Nicht nur dem Wochenblatt , welches maliziös-männlicher Hysterie vier volle Seiten M & Ms gewährte . Neid auf die Autorin , die ihre Wörter in einem zwiefachen Exhibitionismus “privat” und “für sich” behält . Ein Exhibitionismus zur Potenz : Ich zeige , dass ich zeige , und damit zeig ich’s euch . Den Text ausstellen , als wär’s ein Bild , ein Gemälde : Das ja auch nicht jedermanns “sticky fingers” auf- und ausgreifen dürfen . Von dem sich nicht jedefrau ein Stückerl abschneiden dar f. Kein - frei nach Valie Export - ” Tapp- und Tast -Text” eben .
Auf- und ausgestellt hinter Glas . Flachware in Vitrine . Cam-Cording eines DORT . Ort des Textes , der Autorin “Hortus Conclusus” . Wo wir - bei aller Illusion von Nähe eben NICHT sind . NIE sein werden . Wir haben die Sache eben nicht - wie die Filmsprache sagt - “im Kasten”. Der Aus- Druck , welchen wir selbst erledigen , mag Abbild sein , Anschein , wird aber Falschgeld bleiben . Lost Screenshot . Was von Seiten der Autorin nie für “gut zum Druck” und “fit to print” befunden , bietet uns weder Kopf noch Zahl von irgend barer Münze . Kein Hartgeld im Business der Kommentare . Allenfalls ein Options- und Spekulationsgeschäft : Ein “Work in Progress” als Schweinehälfte . Handel mit Derivaten . Wie dies Brouillon hier eines ist : Effekt der Projektionen eines TFT-Displays .
MONSTRANZ
Der “Privatroman” erscheint im Bullauge unseres Monitors und - Jelinek selbst gibt das Bild - wird dort eingesargt und ausgestellt wie in einer Monstranz . Die BeWerkstelligung in der Stille der Heimstatt wird der “Societé du Spectacle” - so Jelinek gegenüber der FAZ - “entgegengehalten wie etwas Magisches , wie - für die Katholiken - eine Monstranz den Gläubigen “. Wer dächte in diesem katholisch-barocken Kontext nicht an Joseph Mosers makabere Kolomanimonstranz ( 1752 ) zu Melk : Der untere Teil der Hostienkapsel besteht aus der Reliquie - dem Unterkiefer ! - des Hl. Koloman, des Schutzheiligen der Gehängten , der Reisenden (wie Hermes) und des Viehs . - Schlingen hermetischer Verschlingungen : Ist es der Leser , welcher - dem alten Bild der RUMINATIO gemäss - den Text wiederkäut und verschlingt oder ist es umgekehrt : Verschlingt der DEEP THROAT des Monitors nicht allmählich den Leser ? - Mit TV- Verlaub gesagt : “Lesen !” |||
Zur unheimlichen Heimat nicht nur der deutsch- österreichischen Wälder seien die souverän unterspielten Electronix von Jonathan Canupp a.k.a.
TEN AND TRACER empfohlen . Was sonst noch zum feinen Sprühregen auf BAKER’S BLOOD @ zymogen beiträgt ? - - - Passend zum angespielten Track WALDSTERBEN [ sic ] folgender Klangkrempel : “arranged twigs , sticks , field recordings , flutes , violins , roland jp-8000 , roland jx-10 , reaktor , max/msp , audition , fls6 , birds , strange tapes and rain .” - Man kriegt echt Lust , dem alten Geräusch- Band- Archiv des ORF nachzuweinen : Tausende Sekundenschnipsel mit field recordings , zum Teil zugeliefert von den sogenannten ( Hobby- ) KLANGJÄGERN . “Pistolenschuss , Wald” , “Pistolenschuss , Nacht” , “Pistolenschuss unscharf , Hall” . Alles schön alphabetisch . Und seitdem wir DAS hörten und sahen , sind auch wir permanent auf Klangpirsch . Wie tönt Pistole bei Mond ? |||















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