für Ann Cotten
Laudatio zur Verleihung des Reinhard Priessnitz- Preises 2007 , Literaturhaus Wien , 29. 10. 2007
“Laudatio auf N” oder : Keine Faden Würmer in der Buchstabensuppe
I .
“Wie ist es aber, frag ich dich, ein Mädchen zu sein” – Und Mädchen auf dem sich drehenden Platten-, pardon, Präsentierteller der Gerühmten ? -
Unter der Zirkuskuppel der Rühmenden und der Berühmten dreht die Kunstreiterin ihre Runden . Kafka , na klar . Wer dächte da nicht . Aber ja , wir denken an Kafka, der sich und die Seinen “KA” (“K” ) nannte . Aber ja , wir denken an die Schriftstellerin Ann Cotten , die zu verzichten pflegt auf zwei Drittel ihres Eigennamens : Stimmlich “EN” , stimmlos “N” – Neutrum.
Ja , das wäre man gern . Als Eines , Das schreibt . Sache An Sich , Schreiben Für Sich . Und kein Publizieren an die Einpeitscher der Meinungen . Und keine Adresse an die Zirkusdirektoren in den Jurien . Also bleiben auch wir (nachdenkend , vorsprechend ) über den “Fall EN” ( maskulin ) , “die Ann” ( feminin ) und das “N” ( neutrum ) … Also bleiben auch wir mit Franz Kafka “AUF DER GALERIE” :
Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd und von einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde , auf dem Pferde schwirrend , Küsse werfend , in der Taille sich wiegend ( … ) :
Vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab , stürzte in die Manege , riefe das : HALT ! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters . ( Franz Kafka , AUF DER GALERIE )
II .
Zwar war es kein circensisches Rund unter dem Gummi der Plane – aber ein Treibhaus unter Luft- und Klangabschluss war es doch , wo wir im Mai dieses Jahres eine Folge der Reihe LITERATUR ALS RADIOKUNST produzierten .- Stellen Sie sich anstelle von Kafkas “lange(r) Treppe durch alle Ränge” das reelle “Steppen durch lange Gänge” im Wiener Funkhaus vor . Drei Tage , je acht Stunden : Und man stürzt ins Studio , und man ruft das “HALT !” durch das Mikrophon und es hallt wieder . Nun die eigene – nämlich Anns , ENs , Ns – Stimme .
Ann Cotten hat in ihrer – by the way nur aussenhin – schaudernden Art ein entschlossenes Hörstück durch die Klippen der Wenns und der Abers und der Womöglichs manövriert . “PARKBANK” hat sie den 16- Minüter betitelt und in eine akustisch beseelte Welt gestellt .
So , wie es Ann Cottens Poetik nun einmal gefällt . – WELCHER Poetik ? – Nun , das müssen Sie , werte Zirkusbesucher , schon selber an unseren Vorgängen und -Trägen HIER erspähen !
Ganz also , wie es ihr gefiel , der EN , N , der AutoriN , hat sie wieder einmal eine ihrer fiktiven Frauenspersonen vom Stapel laufen und in einen Park fallen lassen , wo nicht nur “das Psychische” sich übel überbrütet , sondern auch so manch anderes Getier seine Wesen treibt . Tonmeister Martin Leitner reichte die helfende Hand , das Wirbelnde und Wirbellose sirrend und flirrend zu instrumentieren , das iterierende Ich- Splitting in Klänge zu setzen und in Wellen zu legen .
Womit wir ja schon mitten drin sind , in den krabbelnden , haarigen und die Unmündigkeit kundig zelebrierenden Textkörperchen der Lady EN .
“Wie ist es aber” , fragte ich sie , “eine Dichterin zu sein ?” , als wir vor Wochen ( zwar auf keiner Parkbank , so doch auf gemeinsamer Trainingsbank ) sassen . “Was ist Deine Schreibhand” , fragte ich sie , “doch für ein winderluches Tier ?” – Lachte und gab keine Antwort , die hochgelobte Dichterin . Blätterte lieber in einem FREMDWÖRTER- BUCH : SO NETT bereit gelegt auf dem Verhandlungstisch , zwischen uns und dem Expliziten .
Karl Ernst Georges’ “AUSFÜHRLICHES LATEINISCH- DEUTSCHES HANDWÖRTERBUCH , aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel” , Reprint der Ausgabe 1913 , Achte Auflage .
Zwei Bände , zwei Sprechende und 6.000 Seiten . Klar , dass man da auf “LOB” ( das , N , Neutrum ) und “LAUS” , “LAUDIS” ( femininen Wortgeschlechts ) kam und es kein Halten mehr gab des linguistischen Züngelns , Zirpens , Zischelns im Rascheln fremdwörtlicher Blätter .
So geriet die “LAUDATIO” als Wort wie als DING AN SICH in den “WIE SPRICHT MAN ?”- Blick . Wie es sein sollte , wissen die grossen Rhetoren : Die “LAUS ELOQUENTIAE” sei nach Cicero “modica” und nach Quintilian “solida” . Hüten müsse man sich vor der “laus insanis et infructuosa” ( Cicero ) sowie den “laudibus indignus” ( Cicero & Horaz ) . – Was also bleibt uns für diese Zirkus- Situation der “laudes summae” ( Qunintilian ) bzw. der “laudes maximae” ( Cicero ) übrig ?
III.
Richtig : Die Laus . Ganz recht , denn mittlerweile sind zwischen den fadengehefteten Blättern des Lexikons jene Fadenwürmer hervorgekrochen , welche Ann Cottens Denk- und Metaphernleben als “Wappentiere” ( Selbstaussage ) begleiten : Wer, der EN nennt und kennt , würde da nicht sofort an des Genetikers Lieblingstier , den CAENORHABDITIS ELEGANS denken ? – Es braucht kein PETRI DISH und keine Weisskittel, um diese Fadenwurmart als Modellorganismus zu nehmen : Notizbuch und Kitzelstift , Kritzelstift tun es – wie Sie anwandend projiziert sehen . Sie tun es auch: Für den poetischen ( wenn nicht sogar zum poetologischen ) Hausgebrauch .
“Was soll jetzt DAS schon wieder” , fragen Sie , werte Zirkus- Besucher und wollen Sie jetzt sicher NICHT wissen , dass es der “adulte Wurm” auf “einen Millimeter” bringt . Länge . “Das langt !” , sagen Sie , noch bevor Sie erfahren , dass der CAENORHABDITIS ELEGANS ein sogenannter “Konsekutivzwitter” ist : Der “Hermaphrodit bildet zuerst Spermien , dann Oozyten” und pflanzt sich “durch Selbstbefruchtung fort”.
Ganz so selbstbefruchtend , wie Lady EN , Neutrum N , laut Wappen-Blason dies gerne hätte , ergibt sich freilich KEINE Poesie . Bei allem Autopoietischen , welches EN – scheinbar nebenher und leger – in ihre ( n ) Verse stellt , gehen ihre Suchbewegungen doch stets auf Tuchfühlung mit DEM , was sie anregt . Situationen , Konventionen und mitunter ein schlichtes NEIN sind die Wirtstiere , aus denen Ann Cottens parasitär pataphysisch geneigter poetischer Eros sich speist .
Ja , er ist ganz schön verfressen , dieser Parasit und bleibt – wiewohl kein Kostverächter – trotzdem wählerisch : Beste Lese an Fremden Federn , Aufschwingen an ihnen und vorturnen den ikarischen Fall . Falls es ihr so gefällt . Der EN , dem N , der Dichterin , der Essayistin . Immer heute , immer neu , mit jedem Text ein proklamiertes Scheitern an den sogenannt Grossen Dingen : Verstehen , Welt , Leben , Beziehung .
Ja , grinst Ihr nur , Ihr Entitäten : Entgegen dem , was sie als rhetorische Geste vor sich her trägt , sitzt sie – nämlich EN – Euch längst im Fell , saugt Euch aus , und spricht obenhin doch immer wieder nur vom ICH als einem Zerknautschten .
IV.
Hautsack und Wirbel dieser Lyrik sind nur geliehen , Versmasse , Prosodie , Motive : Bezüglich sind die Lyrik , hochgradig anzüglich natürlich die Prosa , in ihrer proklamierten Beziehungslosigkeit , scharf im Auftrumpfen mit dem Stumpfen , Kalauer als Wille hinter der Vorstellung .
Morphings und Anverwandlungen finden statt und ENs Gestaltungen gestalten sich immer so artgerecht , dass Kafkas – also K’sche – Käfer rechtzeitig rücklings zu liegen kommen . Gäbe es eine Poesie des Wirbellosen , Quastenflossers , Polymorphen – sie läge hier im Werk vor . Unzertrennlich indes amalgamiert mit dem Wirtstier und der endemischen Bewegung des “Gegen” . WIDER : -Spenst , -Spruch , und -Rede geben regelmässig den Imperativ zu frischer und eminent beweglicher Selbstvermehrung .
… und WENN dieses Spiel unter dem nichtaussetztenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die graue Zukunft sich fortsetzte , begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind …
DANN – erst -eilen wir in der Rolle von K’s jungem
Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab , stürzte ( n ) in die Manege , riefe ( n ) das : HALT ! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters ( Franz Kafka , AUF DER GALERIE ) -
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Links :
- Reinhard-Priessnitz-Preis 2007 an Ann Cotten ( Literaturhaus Wien )
- Ann Cotten : Fremdwörterbuchsonette , edition suhrkamp 2007 ( R : Ina Hartwig , FR – R : Wolf Haas , Standard ALBUM )
- Ann Cotten : PARKBANK @ LITERATUR ALS RADIOKUNST , ORF Kunstradio ( bio | making of 1 | making of 2 |about + listen MP3 )
- Wikipedia : Caenorhabditis elegans
- ‘The Poster Girl for Germany’s Poetry Jet Set’ ( Dwight Garner , NYT , 18. 10. 2007 )
- ‘Unter unsäglichen Mühen den Lachs nach Hause gekarrt…’ ( Paperholic )
- News at Eleven | “Beauty had to fail at something …” ( Poetry & Poets in Rags )
- Despatches ( Bookish Monkey )
- “Girl from Iowa Makes Good in Vienna, goes to Berlin” ( Nomadics )
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- Nachrichten von Freunden ( Priessnitz- Preis , FR , Fremdwörterbuchsonette )
- Summertime, / and The Living’ is Easy ( Broadcast of KUNSTRADIO delayed )
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