Dienstag , 10. 6. | Firenze - Perugia



Kurz nach 6 Uhr früh speit der klamm- enge Nachtzug seine Passagiere in ein vormorgendliches Florenz , wo einzig die Kehrmaschinen , Strassenkehrer und Cafetiers das noch karg belebte Stadtbild prägen .

Firenze_Hauptbahnhof

Angesichts des Kommenden ist die nahezu serene Stille hervorzuheben sowie eine wie weicher Würzwein zu trinkende Luft : Mémoire involontiare an die von Tau , Pinien und Pflanzenaromata belebte Luft an der Grabungsstätte Ephesos , kurz vor Sonnenaufgang -

Firenze_arrival

Florenz , die ruhende Megäre , welche nach ihrem Erwachen sich in ein tobend lärmendes Ungeheuer verwandeln wird .

Firenze_GIOCONDA

Noch aber befindet sich die schlafende Schöne im Boxenstop : Alles , was zwei Hände hat und zwei Beine , kehrt , putzt , poliert Fenster , Auslagen , Gläser .

Firenze_Pasticcheria

Allein die Pasticcherien haben ihre zuckerbäckerlichen Meisterwerke bereits pret à porter hinter den von Art Nouveau- Schriftzügen geätzten Schaufenstern ausgebreitet .

Firenze_Pasticcheria

Erste Einübung in die Stadtarchitekturen , wo sich um Haaresbreite Busse und behende Kleinwagen an Fussgängern vorbei und um atemberaubend schmale Winkel werfen : Erste Lektion in Sachen pedestrischer Flexibilität .

Firenze_Arc_de_Triomphe

… welche angesichts der hinter Gassengewirr und durch schmale Duchblicke hindurch bereits sichtbaren Monumentalbauten gar nicht so einfach zu bewerkstelligen ist .

Firenze_early_morning

Mäandern Richtung Uffizien - frühmorgens soll noch eine immerhin minimale Möglichkeit bestehen , Vasaris Kunsttempel ohne allzulanges Schlangestehen zu betreten - : Markthallen auf riesigen Stelzen , grotesk riesig dimensionierte Kuppelbauten ( Brunelleschi- Bronze- Tore ? ) , Palazzo del Popoplo zwischen venezianisch und normannisch .

Firenze_morning

Je näher die langgestreckten Bauten der “Ufficii” rücken , desto mehr nimmt die Anzahl der praktikablen Nahversorger ab , elegante Kaffeehäuser , Trattorien geben sich stolz und abweisend . Vor allem in dieser einigermassen unchristlichen Frühe .

Firenze_Dom

Immerhin gelingt es , einem in schönstem Art Nouveau gehaltenen Cafetier zwei Coffe- to- go buchstäblich herauszureissen : was sich als überlebensnotwendig erweisen wird , denn : um halb acht Uhr harrt bereits ein Trüppchen Japaner der uffizianischen Öffnungszeit Punkt 8:15 Uhr .

Firenze_Arno_ponte_vecchio

Wir aber sehen noch mal kurz zum Arno , dessen pastos grüne Fläche nur subliminale wenig Bewegung zeigt , vielleicht gilt der Wassertief- und Notstand ja auch hier . Wo aber verschwindet all das zum Abspritzen und Sauberschwemmen der Gassen und Plätze verwendete Wasser ? -

Firenze_Arno_ponte_Vasar

Egal : Vasaris Mehrstockbrücke mit der Händlerzone und dem Geheimgang zwischen Fürstenpalast und Uffizien lohnt einige Fotografier- Gymnastik an bzw. über die Arno Ballustrade hinweg .

Firenze_Ufficii_queue

Himmel , höchste Zeit , sich endlich an der mittlerweile um ein Beträchtliches angewachsenen Schlange vor den Uffizien anzustellen . Die Topoi der Reiseliteratur seit 400 Jahren haben inmitten des Sprachen - , Leiber- und Stimmengewirrs trefflich Zeit , Revue zu passieren : Von der Beleidigung , die Lawrence Sterne in seiner “Sentimental Journey” ausdrückt , im schönen Italien immer nur auf Landleute treffen zu müssen , Jensens Satire auf die Deutschen , erkennbar an ihrem ewigen roten Baedeker vor der Nase , Mark Twain über die amerikanischen “Innocents Abroad” und deren pietistisch- protestantischer Krisen angesichts des vielen antikisch gebildeten Frischfleischs on display

Firenze_Ufficii

Von Japanern war da unseres Wissens allerdings noch nicht die Rede … Immerhin , nach einer dreiviertel Stunde Warten sowie allerlei Verwirrungen über die korrekte Richtung der Warteschlange nimmt uns die erste Welle der ins Sancrosancte Eingelassenen auf , Durchleuchtung , czz muss Schere abliefern , sonstige Devices ( welche wir weniger gerne den Steilhang der Stufen in den dritten Stock hinauf geschleppt hätten ) dürfen mit .

Firenze_Ufficii_view

Und voilà : Da sind sie also , die Vasari’schen Loggien und Wandelgänge mit den Abgüssen antiker Statuen , den Hunderten Künstler- Selbstbildnissen knapp unter der Decke und den phantastischen , an der etruskischen bzw. pompianischen Malerei inspirierten Deckenfresken . Eingelagert in die Innenräume des Gebäude dann die “eigendlichen” Bildersäle , mit allen ihren Videoüberwachungs- Kameras , Mikrophonen ( ! ) und Infrarot- Schranken .

Firenze_Ufficii

Wir wählen die Säle von Giotto aufwärts , streifen allerdings noch allerlei gotische Altar- und Goldmalerei , landen schliesslich bei Perugino und einer herrlich restaurierten “Verkündigung” Leonardos .

Vinci_Verkündigung_1475_1480

Beeindruckend : Agnolo Bronzinos “Portrait der Lukrezia Panciatichi” ( ca. 1540-45 ) , soll angeblich Vorbild für die Figur der Milly Theale in Henry James’ “The Wings of the Dove” ( 1902 ) gewesen sein .

Uffizien Agnolo Bronzino Bildnis der Lukrezia Panciatichi ca 1540

Eiin Tribut an die Pop- Kultur bei Caravaggio und dessen “Medusenhaupt” - erneutes Staunen angesichts der konvexen Form des Malgrundes , gemacht , um das Waffenschild eines derer von Medici zu schmücken .

Firenze_Ufficii_view

Nicht , dass auch schn in den Uffizien ganz schön Gedränge geherrscht hätte , aber als sich deren Pforten ins grelles Sonnenlicht öffnen , reiben wir uns die Augen : Als handelte es sich um eine Slapstick- Darstellung oder um eines dieser Umspringbilder von Jacques Tati , hat sich die vormals noch leere Stadtkulisse während der beiden verflossenen Stunden in ein kreischend , schreiend lärmendes Ensemble verwandelt : Fremdenführer brüllen Anweisungen in ihre Verstärker , welche neuerdings als Knöpfe im Ohr ihrer Schäfchen enden , dessenungeachtet Gebrabbel , Gesummse in allen Sprachen , Mensch an Mensch , Leib an Leib , zwei Drittel des Platzes vor dem Palazzo del Popolo sind dicht gepackt .

“Augen , Ohren zu - und durch !” lautet die Parole - allein der Corso , wohl die Direttissima in Richtung Bahnhof , bietet kein anderes Bild . Also wieder in die Seitengassen und Fersengeld geben , um aus diesem Inferno des Kulturgutkonsums bei lebendigem Leibe wieder heraus zu kommen !

Am Horizont harrt unser bereits das schlicht flächige Gebäude , selbstverständlich dort ein nicht minder ameisengleiches Gewühl , Gepäckaufbewahrung , Nötigstes im Self- Service , dann endlich der rettende Bahnsteig : “Foligno” soll uns binnen zweier Stunden nach Perugia bringen .

Knallvoller Vorortezug , welcher sich allerdings peu à peu leert , piquenique auf den knien unter dem Gebläse der unvermeidlichen Klimaanlage ; rundumidum : Landschaft im Wandel zwischen Wohnquartier ( Wäsche weiss , Wäsche Blaumann vor den Fenstern ) und üppiger Landschaft , Gärtchen , Felder und Industrie- bzw. Lagerbrachen .

Rechter Hand die erste Nase des Trasimenischen Sees : Boote und Marinas .

Lago Trasimeno

Die Hügelstädtchen linkerhand offenbaren ein Muster , welches immer mehr hält , was man im Traum nicht clichéhaft sich zu versprechen gewagt hatte : “Perugia università” , “Perugia” - Endstation .

Perugia_Stazione

Schleppen Koffer eines Nönnchens ritterlich die Stufen hinab und wieder hinan ( “War wohl viel Messwein drin !” - “Oder Gebetsmühlsteine …” ) -

Stazione_Perugia

Bis es gelingt , die Bahnhofsstrasse ( links steil bergan ) zu überqueren , hat das kleine Europcar- Büro ( wie alles : ab 3 pm ) auch schon wieder aufgesperrt . Finalemente das schwere Gepäck in einen blitzblauen Fiat Punto und dann los in die Achterbahnfahrt durch diese auf zwei Hügeln errichtete Etrusker- Stadt : Je länger wir Kreise fahren , Kehren und abenteuerliche Schleifen , wird uns die Höhe dieses nach Norden und Osten steil abfallenden Borgo klar -

Hotelverzeichnis “outside of town” + @ Kategorie *** führt zunächst via GPS über und unter sämtlichen der hier zusammentreffenden drei Autobahnen und Zuglinien hinweg - Autocluster- Tristesse , Hotel “Fontanella” mit Fensterchen ( kniehoch ) auf den Parkplatz … Behalten Vorbehalte . Zum Glück !

RESET und einfach noch mal los , fort aus diesen Betonwüsten . Man müsste doch auch hier so etwas wie eine gute alte Landstrasse finden und - - Keine Ahnung , wie wir auf die Route nach Corcione verfallen , Richtungswechsel SO nach NO , “warum nicht einfach links die kleine Strasse nehmen - besser jetzt als später” - - - und siehe :

colle_della_trinita_view_corciano

Man beachte das Drama der umbrischen Wolkenformationen …

colle_della_trinita_view_corciano

Eine “scenic route” beginnt sich mehr und mehr aus bescheidenen Anfängen zu entwickeln , beabsichtigt offenbar , kein ende mehr zu nehmen . Kehre um Kehre mehr Ginster , üppigeres Grün , es weitet sich der Blick und irgendwann tauchen Hotelschilder auf - COLLE DELLA TRINTA **** ( “na , das wird sicher nix” ) . - -

colle_della_trinita_ginestra

Fi donc : Nach weiteren 20 Spitzkehren und Aufstieg im Ersten Gang und dort harret dort , wo man nicht mehr denkt , es könnte noch irgendwie weitergehen , eine Lichtung - sind wir hier in einer kolonie reicher Briten gelandet ? -

colle_della_trinita_view_perugia

Noch einmal linksherum , die Strasse knickt runter und da ist eine platte Flunder an den “scenic” Geländebruch gestellt - oder doch eine Baustelle ? - “Gar nicht erst aussteigen ?” - “Nein , da ist aber doch Betrieb !”

Folglich also mit weichen Knien in ein elegantes , superledersitzgelegenheiten vor sensations- panorama- einschüchterndes Foyer : “Zimmer - na ja , es gäbe da doch noch was , “french bed” um 70 … ” - “Pro Person ?” - “Nein , zu zweit und breakfast kann nicht abbestellt werden - ” -

colle_della_trinita

Über die Tücken eines Frenchbed ein ander Mal oder mehr , bzw. : Nachlesen in den entsprechenden Schilderungen betreffend einschlägiger Unterkünfte entlang der “Route 66” . Als deutlich erschwerender ( bzw. maximal unrealistischer Faktor tritt hier die Tatsache hinzu , dass für zwei Personen eine einziges Plaid vorgesehen ist , welches allerds gross tut und “dramatisch” quer gelegt wurde - -

Sonst : Tanz um die kleinste Regung im engen Ballettzimmer des Einander- Ausweichens , den unmitelbar vor dem Fenster befindlichen Urschlamm , welcher einst mal eine Terrasse werden will , übersehen wir geflissentlich … Aber Luft ! Aber Licht ! Aber Stille ! - Beim Lied des abdlichen Amserichs gibt es Vino Santo aus Plastikbechern . |||



2 Responses to “Dienstag , 10. 6. | Firenze - Perugia”


  1. 1 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 Olivier SC

    Une bien jolie promenade, merci !

    Moi, je me contente d’une ancienne avec une seule photo mais des liens …

  2. 2 4Avatars v0.3.1 v0.3.1 czz

    Bon anniversiare , Olivier , à NUAGE DE BLOGS , qui se developpe - dans sa troisième année - de plus en plus dans la direction du pittoreque … une vraie mine des idées et impressions les plus diverses !