
Wenn Sie wissen wollen wie Franz Kafka gesprochen hat , hören Sie Lenka Reinerova zu , empfahl der Berliner Verleger und Autor Klaus Wagenbach . ( ORF )
||| Verfolgung , Vertreibung , Vernichtung der Anverwandten : Dem Holocaust im mexikanischen Exil entronnen , nach Rückkehr in ihre Heimatstadt Prag von Seiten der Stalinisten inhaftiert und mit jehrelangem Schreibverbot belegt , hatte die Schriftstellerin und Publizistin Lenka Reinerová eine verklungene Sprache bewahrt , bei welcher - weit über ein historisches Idiom hinausreichend - das Ethos einer Haltung anklang .
Noch vor zwei Jahren hat Reierová mit “Mandelduft” ( RBB | Der Audio Verlag ) ein eminentes Tondokument eingespielt , dessen Episoden Geschichte und Gegenwart eines einstigen k. k. Garnisons- und heute kargen Provinzstädtchens verweben , welches als Terezín | Theresienstadt zu einem der fatalen Inbegriffe der nationalsozialistischen Deportationslogistik zählt . Die Autorin blickt hin , hört hin , erfasst präzise das Unheimliche des jetzigen Ortes , erzählt es indes ohne Pathos .
Anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wurde am 25. Januar 2008 Lenka Reinerovás Rede “Ins Gas gestossen ” von der Schauspielerin Angela Winkler im Deutschen Bundestag verlesen . Die Autorin selbst blieb , da in gesundheitlich prekärer Verfasung , daheim in Prag .
Am Freitagnachmittag , den 27. Juni , ist Lenka Reinerová in ihrer Prager Wohnung verstorben . Uns bleibt ihre in glasklare Sprache gefasste , in grosser Bescheidenheit verfasste und skrupulös verbuchte Zeitzeugenschaft . Und eine Stimme , welche , wer deren Aufnahme je vernommen , nicht mehr vergisst .
Eine akustische Erinnerung .
Man nennt sie die Grande Dame der deutschsprachigen Prager Literatur : In der Tat verfügt die im Mai 1916 geborene Lenka Reinerová über eine vexierend leuchtende Stimme , deren Pragerdeutsch aus einer fernen Epoche herüber ins dritte Jahrtausend verlautet . Der artikuliert altösterreichischen Diktion dieser Erzählerin eignet indes nicht das geringste Quäntchen von Nostalgie - dafür ist die Spannkraft der sanft von tschechischer Sprechmelodie getragenen Stimme zu jung .
Die treffliche Einspielung einer Lesung von Erzählungen aus dem Band “Mandelduft” gibt dem landläufig entleerten Wort der “Würde” wieder Sinn : Lenka Reinerovas exzeptionelle Stimme , ihre noch in der Empathie gelassen pointierende Präzision , bürgen für und beglaubigen das , wovon sie erzählt . So wird die persönliche Perspektive einer Wiederbegegnung mit den baulichen Resten der - von Maria Theresia als Garnison gegründeten und von den Nationalsozialisten zum jüdischen Ghetto degradierten - nordböhmischen Theresienstadt ( Terezín ) zur unsentimentalen Reise .
Hier , wo ihre Verwandten ums Leben gebracht oder in Vernichtungslager verschickt wurden , wohnen nun stumm gestikulierende Patienten der Psychiatrie , als wären sie Wiedergänger der ehedem in Verzweiflung Verstorbenen . Reinerová beobachtet nur , sie konstatiert : Und es öffnet sich ein Raum - literarisch , philosophisch und akustisch - für Fragen , die , aus dem Gestern kommend , wohl auch übermorgen keine Antwort finden werden . ( czz , 2006 )
|||

( Terezín , Sommer 2006 )
|||
Lenka Reinerová : Ins Gas gestossen . Rede am 25. Januar 2008 vor dem Deutschen Bundestag zum Gedenken an den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ( P.E.N. Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland )
|||















0 Responses to “Rare Sprache : Lenka Reinerová im 93. Lebensjahr verstorben”