Archive for July 10th, 2008

Dokumentation | Alte Schmiede : Wiener Literaturförderungstrauerspiele ( Gerhard Ruiss )



Alte Schmiede wohin ?

Fortsetzung unserer seit der ersten Meldung über den möglichen Verkauf des Hauses Schönlaterngasse 9 ( Alte Schmiede ) vor zwei Monaten unternommenen DOKUMENTATION . - Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at hält Meldungen , Meinungen , Äusserungen , Protestnoten und Politikerrepliken in chronologischer Folge fest .

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WIENER LITERATURFÖRDERUNGSTRAUERSPIELE
( Gerhard Ruiss , die seiten des Vereins für kulturelle Imformation , Nr. 2 | Sommer 2008 , Kommentar , S. 3 )

KOMMERZIALISIERUNG KOMMUNALER KULTUREN

alte-schmiede-was-tunSelbst vor öffentlichen Toiletten hat die Kommerzialisierung kommunaler und staatlicher Einrichtungen in den letzten Jahren nicht haltgemacht. Während auf Bundesebene Unternehmen verkauft wurden, Liegenschaften oder sogar Straßen, hat die Wiener Stadtverwaltung die Überprüfung der Wirtschaftlichkeit öffentlicher Toiletten vorgenommen und deren Stillegung bzw. bessere Auslastung oder eines der sonst üblichen Ergebnisse solcher Untersuchungen überlegt. Wie die Pläne umgesetzt wurden, kann an Ort und Stelle überprüft werden, falls eine jeweils stillgelegte Toilettenanlage noch besteht bzw. nur noch gegen ein entsprechendes Eintrittsgeld betreten werden kann.

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WIENER MISCHUNG HOLDING

Dessen ungeachtet verfügt Wien nach wie vor über den größten österreichischen Haus- und Wohnungsbesitz und gehen Wien zahlreiche Unternehmen zur Hand, die es schwer machen, die kommunalen Interessen von privaten zu unterscheiden. Ein besonders Appetit machender Küchengruß der Wiener Spezialvermischung zwischen Stadt und privat ist vor kurzem aufgetischt worden.

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VERKAUF DAS PALAIS HANSEN AN DIE WIENER STÄDTISCHE

alte-schmiede-was-tunIn großer Eile hat die Wiener Städtische Versicherung, deren nunmehriger Generaldirektor mehr als ein Jahrzehnt Präsident des Wiener Kunstvereins und der Alten Schmiede war, die 1987 vom Wiener kommunalen Verlag Jugend und Volk um rund 100.000 Euro erworbene Liegenschaft Schönlaterngasse 9 mit dem dort untergebrachten Wiener Kunstverein und der Alten Schmiede, weil das Haus auf Grund seiner zu geringen Größe nicht in das Profil der Hauseigentümerschaften der Wiener Städtischen Versicherung passe, an einen neuen privaten Eigentümer verkauft. Dieser Verkauf war keine “drei Tage” alt, da hat die Stadt Wien ihre “für einen Gemeindebau atypische Liegenschaft” neben dem Ringturm am Schottenring an die Wiener Städtische Versicherung verkauft.

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DIE WIENER STÄDTISCHE STÖSST SCHÖNLATERNGASSE AB

Beides hat nichts miteinander zu tun, hätte aber etwas miteinander zu tun haben können. Noch Anfang Mai hat der Generalsekretär des Kunstvereins Wien den Wiener Finanzstadtrat darauf hingewiesen, daß das Haus Schönlaterngasse 9 von der Stadt Wien zu einem Kaufpreis von 4,5 bis 6 Mio Euro erworben werden könnte. Leider vergeblich. Ein solcher Kauf sei der Stadt Wien nicht möglich, lautete die damalige Antwort. Nun hat aber die Stadt Wien wenige Wochen darauf ihre Schottenring-Liegenschaft um mehr als 20 Millionen Euro an die Wiener Städtische Versicherung verkauft, also um das rund Vierfache des ihr nicht möglich gewesenen Ankaufs.

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KOMMUNALE KULTUR , ADÉ ?

alte-schmiede-was-tunDie Alte Schmiede und der Kunstverein Wien hingegen sind auf den guten Willen des neuen Eigentümers und auf die Finanzierung des Hausumbaues durch die Stadt Wien angewiesen. Auf diese Weise ist aus einem noch Mitte der 80er Jahre kommunalen Objekt allmählich ein kommunal und privatwirtschaftlich genutztes Objekt geworden und wird aus ihm in absehbarer Zeit vielleicht sogar ein ehemaliges kommunales Projekt geworden sein. Die unter viel Hohn aus dem Haus Schönlaterngasse abgesielte und aufgelöste “Zukunftswerkstätte” der SPÖ ist dieser Entwicklung bereits ebenso vorausgegangen wie die Artothek und diverse im Haus angesiedelt gewesene andere Kulturadressen.

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ALTE SCHMIEDE ALS “VORZEIGE- INSTITUTION”

Möglicherweise hätte dieser Verkauf weniger Staub aufgewirbelt, ginge es bei der Alten Schmiede und dem Kunstverein Wien nicht um von der Stadt Wien selbst ins Leben gerufene literarische bzw. kulturelle Vorzeigeinstitutionen. Und wäre es nicht um einen Hauseigentümer gegangen, der keine Gelegenheit ausläßt, um auf sich als Kultursponsor hinzuweisen. Und ginge es nicht um eine Stadt, deren Repräsentanten keine Gelegenheit verpassen, ihr den Ruf einer Kulturmetropole oder “Literaturweltstadt” (Andreas Mailath-Pokorny) umzuhängen. Diese Literaturweltstadt hat nur zwei, drei, vier Probleme, die der Glaubwürdigkeit einer solchen Bezeichnung im Weg stehen.

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FAKTEN , ZAHLEN

alte-schmiede-was-tunWie u.a. daß der Kultursprecher der seit Ewigkeiten regierenden Stadtpartei Angestellter der Wiener Städtischen Versicherung ist und man nur hoffen kann, daß seine weisungsgebundene Mitarbeit bei der Wiener Städtischen und sein weisungsfreies Mandat als Volksvertreter nie miteinander in Kollision kommen. Oder daß ihr Literaturförderungsbudget innerhalb der Kunstförderungen gerade einmal 0,7 Prozent beträgt bzw. 10 Prozent dessen, was die Stadt Wien zur Förderung von Bildender Kunst oder für die Filmförderung ausgibt. Oder daß sie im Bereich der neuen Medienförderungen den Subventionsvergabeautomaten zur Regelung der Verteilungsfrage eingeführt hat. Oder daß der Bürgermeister der Stadt Wien und eigentlich jedes andere Ressort der Stadt Wien bestimmender in das Kulturförderungsgeschehen eingreifen kann als es dem für Kultur und Wissenschaft zuständigen Stadtrat möglich ist.

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PARTEI- FESTE STATT KULTRURFÖRDERUNGSGESETZ

Ergänzend kommt dazu, daß Wien als einziges österreichisches Bundesland über kein Kulturförderungsgesetz verfügt und daß die Parteifestspiele der beiden größten Stadtparteien, das Wiener Stadtfest der ÖVP und das Donauinselfest der SPÖ eine Bilderbuchkarriere der Finanzierungsmöglichkeiten von neuen Kulturinitiativen hingelegt haben. Insoferne ist es auch alles andere als verwunderlich, wenn der Wiener Kulturstadtrat in einem Schreiben der Aktion zur Rettung der Alten Schmiede mit der auf keinen Fall uneinlösbaren Prognose beisteht: “Ich sehe daher weder die Existenz der Alten Schmiede, noch die Zukunft gefährdet.”

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Dokumentation | Alte Schmiede : Gerhard Ruiss’ Replik auf Andreas Mailath-Pokorny “Die Alte Schmiede lebt” ( Die Presse , 17. 6. 2008 )



Alte Schmiede wohin ?

alte-schmiede-was-tunFortsetzung unserer seit der ersten Meldung über den möglichen Verkauf des Hauses Schönlaterngasse 9 ( Alte Schmiede ) vor zwei Monaten unternommenen DOKUMENTATION . - Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at hält Meldungen , Meinungen , Äusserungen , Protestnoten und Politikerrepliken in chronologischer Folge fest .

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Die folgende Replik von Gerhard Ruiss ( IG Autorinnen Autoren ) auf den von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny als “Brief des Tages” in der Tageszeitung “Die Presse” veröffentlichten Leserbrief “Die Alte Schmiede lebt” blieb ungedruckt . Gerhard Ruiss war so freundlich , in|ad|ae|qu|at den Brief zur Dokumentation zur Verfügng zu stellen .

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Von : Gerhard Ruiss <gr@literaturhaus.at>
Datum : 22. Juni 2008 17:03:25 GMT+02:00
An: meinung@diepresse.com
Betreff: Brief des Tages, 17.6. - Stellungnahme

Sehr geehrte Damen und Herren!

Nach einer kurzen berufsbedingten Abwesenheit habe ich heute die Stellungnahme des Wiener Kulturstadtrats zur Gefährdung des Fortbestands der Alten Schmiede auf Ihrer Meinungsseite nachgelesen. Soweit sie sich auf die Maßnahmen zur Literaturförderung bezieht, kann diese Stellungnahme nicht unwidersprochen bleiben.

Herzliche Grüße
Gerhard Ruiss

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Betrifft: Meinung. Brief des Tages. “Die Alte Schmiede lebt“, von Andreas Mailath-Pokorny, 17. 6. 2008

alte-schmiede-was-tunWien, Literaturweltstadt

Es gibt nicht den geringsten Grund, an den Angaben des Wiener Kulturstadtrats im “Brief des Tages “ in der “Presse“ vom 17.6.2008 über die Zuwächse bei den Wiener Kulturförderungsausgaben in den letzten fünf Jahren zu zweifeln, bestätigt doch die Zunahme der Ausgaben für Kultur um rund ein Drittel den Armutsrang der Literaturförderung der Stadt Wien mehr als deutlich. 0,7 Prozent der Kunstausgaben sieht die Stadt Wien für Literatur- und Autorenförderungen vor. Annähernd den gleichen Anteil wie vor 5 Jahren, vor 15 Jahren und vor 30 Jahren. Die anteiligen Literaturförderungsausgaben am Kunstbudget des Bundes und der Kosten für die Bundestheater sind hingegen von einem ähnlichen Ausgangswert auf 3,5 Prozent gestiegen.

Die Vielzahl literarischer Veranstaltungen ist daher kein Verdienst der Literaturförderungen der Stadt Wien, sondern wird durch Bundesförderungen ermöglicht. Die Stadt Wien hat es sich in Fragen der Literaturförderung in den Fauteuils der Literaturförderung des Bundes gemütlich gemacht und innerhalb der eigenen Kunst- und Kulturausgaben der Literatur und den Autoren die Katzentischplätze, Küchenhocker- und Fußschemelsitze zugewiesen.

Die Situation läßt sich auch nicht durch die Einbeziehung der Ausgaben für Bildungszwecke besser darstellen als sie ist, wie groß die Anstrengungen im Bereich der Stadt Wien zur Förderung des Lesens und der Allgemeinbildung außerhalb des Schulischen immer sein mögen. Solche Ausgaben bestehen selbstverständlich genauso aus Bundesmitteln und sind daher nur mit diesen Ausgaben zu vergleichen.

alte-schmiede-was-tunWenn der Wiener Kulturstadtrat Wien als “Literaturweltstadt” bezeichnet, was anläßlich der Präsentation der kommenden ersten internationalen Buchmesse “Buch Wien” der Fall war, wird das nicht durch ein literarisches Wiener Selbsterhaltungswunder zu erreichen oder allenfalls, hätte der Wiener Kulturstadtrat zu mehr als einem Slogan gegriffen, zu erhalten sein, sondern nur durch Geld. Das Geld, das die Alte Schmiede zur Sicherung ihrer Existenz benötigt und das Geld, das die Autoren und literarischen Einrichtungen Wiens zur Fortsetzung ihrer Arbeit brauchen, zu deren Unterstützung die Stadt Wien schon seit langem nur mehr gelegentliche bis marginale Beiträge leistet.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 22. 6. 2008

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