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VON FALSCHEN WORTEN : “SAFFRON” & “REVOLUTION”
Ein Jahr ist es hin , dass “die Welt” - will meinen : die westliche Öffentlichkeit - eines kleinen Landes gewahr wurde , das bislang allenfalls einigen Travellers bekannt war und gewissen Hochpreis- Authentizitäts- Touristen . Nach dem Vorbild anderer , metaphorisch nach Stoffen und Farben benannter ( “orange” , “samtene” , “Tulpen-” ) Revolutionen wurden die seit August 2007 aufgekommenen , Ende September martialisch nieder gerungenen Bürgerproteste als “Saffron Revolution ” tituliert : eine Schlagzeile passend zur Yoga- und Asia- Food - Mode .
Von “Revolution” kann , wo nichts umgestossen wird , keine Rede sein . Ganz im Gegenteil : Anders als dies bei der “echten” Revolution des 8. 8. 1988 , die immerhin zu einer kurzfristigen - indes ehebaldigst vom Militär geputschten - demokratischen Regierung führten , boten die Bürgerproteste dem starren Staatsapparat die willkommene Gelegenheit , notorische und neu entdeckte “Staatsfeinde” offen oder verdeckt zu schikanieren , zu internieren , zu exekutieren .
Ebeneso geht die Zuschreibung “saffron” fehl : Die Kutten der Mönche , die voriges Jahr nach einer drastischen Erhöhung der Lebenshaltungskosten infolge der Streichung von Treibstoff- Subventionen durch die Regierung in friedlichen Kundgebungen seit August auf die Strasse gingen , ist karminrot . Wirklich “safranfarbige” Mönche sieht man auf dem indischen Subkontinent sowie auf Sri Lanka . Darüber hinaus gehen die Assoziationen des Kostbaren und Raren , welche Wort und Sache “Safran” evozieren , wesentlich am Charakter des burmesischen Mönchstums vorbei : Die der ältesten Schultradition ihrer Religion , dem Theravada - Buddhismus , verpflichteten Mönche leben - vergleichbar den europäischen Fratres Minores - von Almosen der Bevölkerung .
Volksnahe Zentren der Spiritualität und Bildung , spielen die Klöster im Burma allerdings eine wichtige Rolle als Informationspools und logistische Knoten : Dies offenbarte sich insbesondere inmitten des totalen Zusammenbruchs der Infrastruktur infolge des Zyklons “Nargis” : Die Regierung , welche die Bevölkerung wider besseres Wissen nicht von dem seit Tagen vorhersehnbaren Sturm gewarnt hatte , verfiel nach dessen Devastationen in totale Paralyse . Schlimmer noch : Das paranoide System verhinderte wochenlang jede direkte Soforthilfte ( Zelte , Wasseraufbereitung , Medikamente , Nahrungsmittel ) , soferne diese aus dem Westen kam . Die nach allerlei Schikanen endlich gelandeten Hilfsgüter sollen von der Regierung requiriert und entweder verkauft oder nur an linientreue Bürger weitergegeben worden sein .
Während die Militärregierung alle verfügbaren Kräfte teils zur Verhinderung unbefugten Zutritts der Katastrophenzonen durch Abgesandte westlicher humanitärer Organisationen abkommandierte , teils zur “Begleitung” ( im Klartext : handfesten und -greiflichen Beeinflussung ) eines Referendums , dessen vorgefertigtes Resultat als “demokratische” Legitimierung des Bestehenden verkauft wurde , waren es die Klöster , die Suppenküchen organisierten und | oder den Flutopfern Zuflucht boten .
Die Schüsse auf die von der Bevölkerung respektierten Mönche im September 2007 waren ein unumkehrbarer Tabubruch , erklärt der Südostasien- Experte Gerhard Will von der Berliner “Stiftung Wissenschaft und Politik” ( SWP )im Ö1- Interview :
Was sich sicherlich verändert hat, [ ist , ] dass die Regierung natürlich die Legitimation durch den buddhistischen Klerus eigentlich verloren hat.
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“REVOLUTION” ? - NETZWEISE
Die tatsächliche “Revolution” fand einzig und allein auf medialer Ebene statt . Durch das dezentrale Kommunikationsmittel des Internet - speziell : der Blogs - konnten erstmals direkt und in Echtzeit Nachrichten aus einem Land dringen , dessen Staatsmedien einer nach innen wie gegenüber der Aussenwelt penibel selektierenden ( Des- ) Informationspolitik oblagen . Kein Wunder also , dass auf die erste , buchstäblich physische Niederringen der kritischen Masse eine zweite Phase des medialen “Knock Out” folgte : Das Netz wurde lahmgelegt , Netcafés unter Registrierungspflicht gestellt , kritische Blogger verhaftet .
Trotzdem war der Funke übergesprungen . Übergesprungen in die - stark um sich selbst und ihr Medium kreisende - Welt der Blogger und ( selbsternannten ) Bürgerjournalisten . Ausgehend von einer italienischen Initiative entspann sich eine - letztlich auf 4. Oktober datierte - Aktion “Free Burma” , die mittlerweile zum Paradebeispiel für virales “campaigning” avancierte . Man war erregt . Man erfand Logos , Parolen und Banner . Man war auf Seiten des Guten . Trug rote T- Shirts . Gab sein Posting ab am 4. Oktober . Und wartete dann - wie bei der Bundesliga - auf die zählbaren Resultate . Was für ein wohliges “Wir- Gefühl ” sich da breitmachte …
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KATASTROPHISCH FORT IM TROTT
Die Geschichte ist weitergegangen . Die Junta , verschanzt in ihrem frischen Bollwerk aus der Retorte ( Naypyidaw , eröffnet 2007 ) , hat sich von keinen UN- Emissären , Protestnoten , Presseartikeln , weltweiten Netzkampagnen oder Handelsembargos in ihrer terroristischen Anmassung , über den Volkskörper physisch ( Zwangsarbeit , Zwangsabsiedelung , Kindersoldaten ) und ideell ( Arrestierungen , Einschüchterung durch zivile und militärische Schlägertrupps , Auftragsmorde ) zu verfügen , nicht beirren lassen .
Die Geschichte ist weitergegangen und es bleibt bald kein Tag , der nicht als “Remembrance Day” dienen könnte für eine der unzähligen kollektiven und | oder singulären Regierungsverbrechen .
Die Geschichte ist weitergegangen und ab und zu haben - in schönem Wechsel - Medien und Blogger gefragt , warum denn niemand über Burma schriebe .
Die Geschichte ist weitergegangen und hat - Stichwort “Nargis” , Stichwort “Referendum” - mit weiteren Katastrophen für Aufsehen - und für viel Gefühl dort draussen - gesorgt .
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REMEMBERANCE DAYS
Die Geschichte ist weitergegangen und die Junta ist bislang allen “kritischen Terminen” - teils durch ostentative militärische Einschüchterung , teils durch bleiernes Schweigen - mit der bewährten Mischung aus Sturheit und Lüge begegnet :
“Independence Day” ( 4. 1. 1948 - Ende der britischen Besatzung ) , “Armed Forces Day” ( 27. 3. 1947 : Revolte der Burma National Army unter Führung General Aung Sans gegen die japanische Besatzung ) , “Martyr’s Day” ( 19. 7. 1947 - Mordanschlag auf General Aung San ) , 8. 8. 2008 ( 20 Jahre “8888- Uprising ” , Auftakt der Olympischen Sommerspiele 2008 ) …
Da wird sie , die Geschichte , auch nach diesen Erinnerungstagen weitergehen .
Die Zeichen gleichen sich : Vor Monaten schon war die Aufrüstung Rangoons beschlossen . Im Vorfeld des schwierigen September übte sich die Junta in der ihr angemessenen Interpretation des Prinzips “Reduktion von Komplexität” , indem sie regimekritische Webseiten per DDoS- Attacken abschoss , woraufhin “The Irrawaddy” sich kurzum aus einer Online- Zeitung in ein Blog verwandelte . Und diesen “cyber warfare” der Junta in einem Gastkommentar bei der “Herald Tribune” der lesenden Welt kund tat .
Heute “laufen” beide Kanäle parallel und berichten von einer Bombenexplosion am Donnerstag in einem öffentlichen Park Rangoons ( drei Verletzte ) sowie von der Armierung der Stadt durch 7.000 Mann Polizei .
Da mag man doch ein wenig über die wahren Gründe für die am Dienstag verkündete Amnestie für 9.002 Häftlinge spekulieren : Grimmiges Schönwettergrinsen in Richtung der - bekanntlich dieser Tage auf Burma blickenden - Welt oder praktikable “Flurbereinigung” der Infrastruktur , um nötigenfalls … ? -
Mit raren Ausnahmen wie dem bislang am längsten ( seit 19 Jahren ) inhaftierten kritischen Journalisten Win Tin - handelt es sich bei den Entlassungen vornehmlich um “unpolitische Fälle” .
Präsident George W. Bush bestärkt in einem komplizierten Papier einmal mehr das Handelsembargo , während gleichzeitig ein Sitzungsprotokoll der Junta ruchbar wird ( “leaked” ) , das die Notwendigkeit einer tragenden Achse mit China betont , weiters eine diskrete Reorganisation der “riot police” avisiert :
According to the leaked minutes of the meeting, Maj-Gen Maung Oo told Home Ministry officials that in reaction to the global influence of the US and the West, Burma would continue to pursue ’strong relations’ with China, but that didn’t mean that the junta was pro-Beijing. ‘In the modern world, we cannot stand alone’, Maung Oo reportedly said.
The leaked document also revealed that the regime plans to deploy riot police in the event of future protests or civil unrest.
‘The international community criticized us for using the armed forces to crack down on [last September’s] demonstrators,” the home minister is quoted as saying. ‘Therefore we need to reorganize our riot police.’
Erinnerungen und bittere Kommentare zum “Crackdown” - dem Schock der auf Zivilisten schiessenden Polizei - in den Zeitungen : Von der “Mizzima News” über “The Irrawaddy” ( Zeitungsseite wieder online ) und “Radio Free Asia” bis hin zur “taz” . - Die wichtigsten Berichte - speziell die September- Ereignisse betreffend - finden sich indes bei “Human Rights Watch” sowie in Sérgio Pinheiros UN- Report vom November 2007 .
“World focus on Burma ( 27 September 2008 )” titelt ein Blog und bezeugt kommentarlos die Hilflosigkeit der Beobachter . Kollege Breaking News aus dem Netzwerk “BLOG 4 BURMA ” fasst das Dilemma der Berichterstattung unumwunden in unbequeme Worte :
Die Dokumentation der ewig gleichen Perspektivlosigkeit hat sich über die Zeit wohl doch etwas abgenutzt, Aufmerksamkeit wie Interesse abgestumpft und zur Kapitulation vor dem Elend geführt …
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BLOG 4 BURMA
Selbstredend bilden die derzeitig verhängnisvollen Jahrestage den Mittelpunkt der Postings des internationalen Netzwerks “BLOG 4 BURMA” , wo Blogger aus Deutschland , Frankreich , Spanien , Österreich und der Schweiz aus ihren persönlichen Perspektiven berichten . Daburna erinnert mit einem Video an den “Crackdown” und beklagt den Mangel an wirkungsvoller internationaler Intiative , “1 Jahr nach der ‘Saffran-Revolution’, 1 Jahr nach ‘Free Burma’” zieht Breaking News ein eher tristes Résumée . Kathy weist auf die heute seit 14 Uhr in Paris ( Trocadero ) stattfindende Demonstration hin und findet “Birmanie , un an après , la situation s’est aggravée” . Bei Birmania libre in spanischer Sprache : “Primer aniversario de la Revolución Azafrán ” .
Jonas Lanter analysiert die Massenamnestie : “Unter den 9002 Freigelassenen nur sieben Politische” , zuvor hatte er in einem ausgreifenden Artikel die Verlegung des Regierungssitzes von Rangoon nach Naypyidaw reflektiert . Was in den aktuellen Bulletins von NGOs wie der “Assistance Association for political prisoners” ( AAPP ) sowie der “Human Rights Documentation Unit” ( HRDU @ National Coalition Government of the Union of Burma ) über Haft , Publikations- und Menschenrechte steht , resümiert Birma news united - eine vergleichende Lektüre mit dem oben zitierten “Human Rights Watch“- Bericht bietet sich an . Letzterer bei Birmania libre auf Spanisch .
Der de facto- Hungerstreik der NLD- Führerin Aung San Suu Kyi - die unter Hausarrest gestellte Friedensnobelpreisträgerin hatte die Annahme der Nahrungsmittelpakete ihrer “Wärter” ( = der Regierung ) seit Mitte August verweigert - wird von Breaking News und Kathy ( en francais ) thematisiert . Weniger Aufsehen hat indes die Hungersnot unter den Angehörigen der Chin- Burmesen erregt : Birma news united erzählt von den im Zyklus von etwa 50 Jahren wiederkehrenden Rattenplagen , denen eine vorausschauende Regierung pragmatisch entgegenwirken könnte - vorausgesetzt freilich , dies wäre ihr Anliegen . Das Übel wird mitnichten bei der Wurzel - nämlich derjenigen einer nur alle 50 Jahre blühenden und früchtetragenden Bambusart , Melocanna baccifera - gepackt , sondern den Bauern zusätzlich eine absurde Steuerlast aufgebürdet .
“Wie” , fragt adaeequat bezüglich der Mühen der Ebene , den Ereignissen in Burma bloggend auf der Spur zu bleiben ,
wie formuliert man andauerndes Elend immer wieder neu, politische Nullmeldungen, humanitäre Katastrophen, zynische Regierungsaktionen ?
Und Birma news united antwortet indirekt mit einem oft als Ermunterung zum “Trotzdem” zitierten Goethe- Vers :
Was keiner wagt , das sollt ihr wagen ,
was keiner sagt , das sagt heraus .
Was keiner denkt , das wagt zu denken ,
was keiner anfängt , das führt aus .
Olivier führt ( en francais ) wie stets seine Linklisten , informiert über internationale Intiativen wie die “The Burma Campaign UK” , eine Facebook- Petition und , ja auch : an das Zustandekommen des Netzwerks “BLOG 4 BURMA” , in dessen RSS- Feed alle Threads zusammenlaufen .
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LINKS
- Burma - Ein Jahr nach den Protesten buddhistischer Mönche [ Interview mit dem Südostasienexperten Gerhard Will , Stiftung "Wissenschaft und Politik" ] ( Christian Lininger , Radio Österreich 1 , Mittagsjournal 27. 9. 2007 )
- Stiftung “Wissenschaft und Politik” ( SWP , Berlin ) : Dossier Myanmar ( Birma )
- Junta Braces for Anniversary of Monk-led Uprising ( The Irrawaddy , 15. 6. 2008 )
- DDoS-Angriffe auf Webseiten von regimekritischen Exil- Birmesen ( heise , 22. 9. 2008 )
- The Generals Go Cyber ? ( Aung Zaw , The Herald Tribune - Opinion , 19. 9. 2008 )
- Bomb Blast in Rangoon Park Injures Three ( The Irrawaddy , 25. 9. 2008 )
- Security Clampdown Follows Rangoon Bombing ( The Irrawaddy , 25. 9. 2008 )
- Myanmar junta grants amnesty to 9,002 prisoners ( Herald Tribune , 23. 9. 2008 )
- Junta frees veteran journalist & longest serving political prisoner , Win Tin ( Mizzima , 23. 9. 2008 )
- Joy at U Win Tin’s release after 19 years in prison ( RSF , 23. 9. 2008 )
- To Implement Amendments to the Burmese Freedom and Democracy Act of 2003 - A Proclamation by the President of the United States of America ( The White House , 26. 9. 2008 )
- Leaked Document Reveals Burma’s US Policy ( The Irrawaddy , 23. 9. 2008 )
- Unforgettable : The anniversary of the ‘Saffron Revolution’ crackdown ( Mizzima , 26. 9. 2008 )
- Editorial - No Happy Anniversary for Than Shwe ( Aung Zaw , The Irrawaddy , 26. 9. 2008 )
- Remembering Burma’s Saffron Revolution ( Radio Free Asia , 12. 9. 2008 )
- Menschenrechte in Birma - Keine Aussicht auf Wandel ( Nicola Glass , taz , 26. 9. 2008 )
- Burma : One Year After Violent Crackdown , Repression Continues - UN Should Press Military Leaders to Keep Their Promises ( Human Rights Watch , 26. 9. 2008 )
- Paulo Sérgio Pinheiro - Burma Report : The Facts on the Ground ( The Watson Institute for Intertational Studies , 27. 11. 2007 )
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RELATED
Blog 4 Burma @ in|ad|ae|qu|at
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Also das mit der falschen Farbe lese ich grad zum ersten Mal… Aber bei meiner Rot-Grün-Schwäche bin ich dafür auch der falscheste Experte - nicht mal “Safran” schreibe ich offenbar richtig - und das obwohl ich aus einer der Krokushauptstädte der Welt stamme.
Zeit also für eine “Krokus- Revolution” ?!
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