AUDIO AKTUELL

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Orient-Express-( via )

WEST- ÖSTLICHER DIWAN

icon sign language whiteZiemlich west- östlich geht es in der heutigen Klangkammer her : Man lasse sich also gemütlich auf dem Diwan nieder und den guten alten Goethe dabei schön im Bücherregal . In der Tat begünstigt eine odaliskale Körperhaltung zwischen Sitzen , Liegen , Lehnen und Räkeln enorm jene Offenheit , welcher einer akustischen voyage imaginaire dienlich sei .

Kategorie : “Körpertechniken aktiver Rezeption” versus “Haltung und Halterungen konzentrierter Produktion” . Fehlt noch die ebenfalls halb horizontale Ein- und Ausrichtung des antiken “Symposiums” nebst dem peripatetischen Inspirationen des wandelnden Dialogs … Merks : Die Moderne mit ihrer Fixierung auf die vielfache Knickung des sittsam sitzenden Leibes hat’s nicht besser verdient , wenn Letzterer auf Dauer leidet .

Auf – diesmal visuelle – Zivilisationsgebresten zielt recht pfiffig der Slogan des Diogenes- Hörbuch- Programms für Frühjahr 2009 : “Schonen Sie Ihre Augen ! – Lassen Sie andere lesen “. – Wer als Literatur- und Bildschirmarbeiter einmal mit dem Prekären des eigenen Augenlichts konfrontiert war , wird aus diesem Spruch weit mehr als nur die “Message” der Bequemlichkeit entnehmen …

Ein Glück , dass suggestive Soundscapes wie die von Andreas Ammer und Saam Schlamminger sich der Verschriftlichung und dem augenscheinlichen Bilderdienst konsequent verwehren -

Aber nur zurück zum West- Östlichen ( Stichwort “Istanbul” in den Radioerzählungen der “preussische Scheherazade” Elsa Sophia von Kamphoevener ) , bzw. dem Ost- Westlichen , wie es Max Frisch in “Montauk” praktiziert , um letztlich doch wieder in den Athener Ruinen der persönlichen Antike des “Homo Faber” zu landen . Von den polybiographischen Beziehungen des blinden Seher und sehenden Blinden des ” Gantenbein” ganz zu schweigen erlauschen in Rudolf Noeltes exquisit- diskreter Hörspielfassung . Sprach- und Soundhistoriker kommen bei dieser Produktion des Bayerischen und Südwestrundfunks von 1967 auf ihre subtilen Kosten -

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RADIO- SCHEHEZERADE

icon sign language black Was wahr war oder was “als ob” : Wer mochte dies entscheiden , als eine vitale Siebzigerin mit ihren orientalischen “Live”-Erzählungen das deutsche Radiopublikum eroberte . Tochter eines deutschen Militärberaters von Abdulhamid II. zu Konstantinopel , wuchs Elsa Sophia von Kamphoevener ( 1878 – 1963 ) in einer polyglott- pittoresken Welt zwischen Palast und Basar , orientalischen Reizen und okzidentaler Bildung heran . Als der Süddeutsche Rundfunk die “Baronin” 1951 entdeckte , lagen vier Ehen , ein gescheiterter Verlag , der Einsatz als “Kamerad Märchen” unter Frontsoldaten und die ausgebombte Berliner Existenz hinter ihr . Über all dies fiel – beginnend mit der fulminanten Probe- Session im Stuttgarter Tonstudio bis zu den Aufnahmen praktisch aller Sender – kein Wort : Mit dem Radio hatte die “preussische Scheherazade” ihr Medium gefunden und der Rundfunk einen singulären Star .

Das auf zwei MP3- CD dokumentierte Erzählwerk ist so arrangiert , dass man sich zunächst in das modulare Verfahren dieser “oral poetry” einhören kann , ehe eine Serie von Studiogesprächen über “orientalische” Riten und Sitten anhebt . Energisch spielt die Erzählerin den zaghaft fragenden Moderator mit ihren bunten Schnurren aus angeblich Selbsterlebtem und Selbstgehörtem an die Wand . Mit Stimme , Trommel , nasalem Singsang und arabisch- türkischen “Zitaten” liefert die beredte Dame das Kaleidoskop eines eklektischen “Orients” , wie ihn das Publikum der fünfziger Jahre offenbar genoss .

Viel liesse sich über den Karl- May- haften Hang zur “authentischen Selbsterfindung” notieren , wie dies im exquisiten Beibuch geschieht . Mit ihrer Grandezza und Geistesgegenwart hat die umwerfend unkonventionelle Spontanrednerin dem Radio jedenfalls Sternstunden beschert – zu Recht wird die erfreuliche Edition durch einen Jahrespreis 2008 der deutschen Schallplattenkritik gewürdigt .

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ISTANBUL , MON AMOUR

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Liebe und Traum , Sammeln und Sehnen : In welch differenten Kunstformen diese Vektoren des Begehrens resultieren , erweist sich derzeit am Beispiel Istanbuls . Zusammen mit dem Sound- Spezialisten Saam Schlamminger hat sich der vielfach ausgezeichnete Hörspielmacher Andreas Ammer an den Bosporus begeben , dort atmosphärisches , stimmliches und musikalisches Klangmaterial gesammelt und in minuziöser Studioarbeit zu einem sinnlich- vexierenden Hörstück komponiert .

Der Titel “Sehe dich , Istanbul, meine Augen geschlossen” zitiert einen Satz des türkisch- deutschen Romanciers Feridun Zaimoglu , der sich anhand einer Jugendliebe an die Genüsse , Düfte und Gefühle seiner Zeit in Istanbul erinnert . Der traumartige Fluss dieser auditiven Reflexion lässt Stimmen ( u. a. der Übersetzerin Sezer Duru ) aufblitzen , schwillt durch einfliessende ethnische Klänge ( etwa des Duduk-Spielers Suren Asatryan ) an , ebbt aber stets zurück in das Bett der Klanglandschaften penibel editierter “field recordings” .

Träumerisch delirant mutet auch das Istanbul des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk an : Eine fatale “amour fou” wird zur Triebkraft für das rastlose Sammeln von Andenken aller Art an die Geliebte und findet schliesslich zu einer nachgerade Benjaminschen Besinnung auf das Wesen von “Sammeln” und “Erinnern” .

In grossen Bögen – indes nie langatmig – erzählt , skizziert “Das Museum der Unschuld” zugleich eine mentale Karte Istanbuls Mitte der siebziger bis neunziger Jahre . Hier setzt die Fiktion fort , was Pamuks Autobiografie – unauflöslich assoziiert mit dem Namen der Stadt – im Faktischen dargelegt hatte : den Zwiespalt zwischen Orient und Okzident , Tradition und Fortschritt und wie es sich konkret lebt inmitten der byzantinischen Verwirrung importierter “Konstantinopel”- Klischees .

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MAX . FRISCH . JETZT

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Offensichtlich angeregt durch Matthias von Guntens derzeit im Kino gezeigte ( und im März 2009 bei Suhrkamp erscheinende ) Dokumentation “Max Frisch Citoyen” sowie von den Frisch- Briefen innerhalb des Bachmann- Celan- Briefwechsels lanciert der Hörverlag eben eine Reihe von Klassikern auf CD . In Kooperation mit ARD-Sendern liegen nun “Homo Faber” ( 1967 ) und “Montauk” ( 1975 ) in Neueinspielungen vor . Dabei setzt man konsequent auf die virile Stimme Felix von Manteuffels , eines Sprechers , dem die für Frisch typischen fliegenden Wechsel in die Kreisel selbstquälerischer Skepsis mühelos zu Gebote stehen .

Da Volker Schlöndorffs üppig bebilderter Film seit 1980 glücklich verblasst ist , gibt die Lesung des “Homo Faber” einen frischen Blick frei auf des Erzählers technischen Machbarkeitswahn , welcher letztlich nach Art antiker Tragödien in menschlicher Verstrickung scheitert . Desgleichen bietet “Montauk” – viel geschmäht für die privaten Details aus der Beziehung mit Ingeborg Bachmann – heute ein differenzierteres Bild .

Der wiederholte Hinweis auf Philip Roths “My Life As a Man” ( 1974 ) trägt erheblich dazu bei , Brücken zu Frischs biografischen Spielmodellen zu schlagen . In Vorwegnahme der Möglichkeitsformen von “Biografie , ein Spiel” ( 1967 ) erweist sich der vorgeblich Blinde in “Mein Name sei Gantenbein” ( 1954 ) als Seher und die Liebe als zarte Pflanze , welche im Biotop unausgesprochen vereinbarter toter Winkel gedeiht .

Hier wurde bewusst auf ein Update verzichtet und an Rudolf Noeltes fein tarierte Hörspielfassung ( pdf ) von 1967 erinnert : Die minimal-mondänen Klangkulissen , vor welchen Robert Freitag die changierenden Egos zur Sprache bringt , reden keinem plumpen Realismus das Wort , sondern einer fast schon musikalischen Taktung .

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KLANGAPPARAT

Zugegeben , die wahl der in|ad|ae|qu|at vorgestellten Netlabels und Piècen richtet sich nicht selten nach Kriterien der “usability” von Aufmachung und Erschliessung der entsprechenden Webseiten . Bei stratospherik harren etwa endlose Ladezeiten . Auch würde man allzu gerne mal aeronautique präsentieren : Doch wo ein Anhören erst nach einem ZIP- Download möglich wird , müssten wir die Sound erst down- und auf unserer Seite wieder uploaden , um sie dem p. t. publico einigermassen barrierefrei anzubieten .

Zudem ist – nicht zuletzt Folgewirkung der finalemente neu erschlossen Vertriebswege der Major- Musikindustrie auch bei den czz-hoerempfehlungFreien und Creative Commons so Einiges in Bewegung geraten . Manche Klangarbeiter von Qualitätslabels wie 1 Bit Wonder zerstieben in diverseste Projekte und stoppen das Ursprungslabel per Release Numero 032 … glücklicher- und fairer Weise allerdings unter Bestandserhaltung des bestehenden CC- Release- Archivs . Andere wiederum – wie das stil- und richtungsweisende Label Thinner – steigen plötzlich und punktuell um von freien Content auf Bezahlware : War Release 102 ( leif – benrhos dubs ) im Oktober noch gratis , startet im Dezember mit Numer 103 ( leif – fundamental movement ) die Epoche einer “paid downloads structure” . Purer Selbstschutz zur Wahrung der qualitativen und ökonomischen Ressourcen , wird argumentiert und gibt damit Manchem ( siehe kraftfuttermischwerk ) gehörig zu denken .

Mir machen es uns jetzt nicht eben in|ad|ae|qu|at schwer , indem wir auf das brave Netlabel [ schall ] verweisen , dessen Veröffentlichungen den durchwegs sympathischen Hang zu einem unprätentiösen Minimalismus aufweisen : Nichts da mit dem Spektakel um krampfhafte Originalität – der gesamte Katalog liesse sich als durchgehender Flow anhören . “Floating” benennt sich von daher nicht ganz zufällig das garantiert augenschonende Klangaggregat des Berliners aku aku . CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( 14:43 , WMP ) .

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5 Responses to AUDIO AKTUELL
  1. [...] un pays démocratique ; les choses évolues ? C’est bien et c’est bien de le notifier. Audio Aktuell ; avec l’affiche du Simplon-Orient-Express, au risque de passer à côté du sujet de [...]

  2. uh
    December 17, 2008 | 10h44

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    Leif – Fundamental Movement
    11-2008 | Thinner
    4 Tracks | 4,95 €
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    paid downloads structure” . Purer Selbstschutz zur Wahrung der qualitativen und ökonomischen Ressourcen

    Ob die angestrebte paid downloads structure das gewünschte Geschäftsmodell verschafft, bleibt skeptisch abzuwarten. Zur Wahrung der qualitativen und ökonomischen Ressourcen könnten auch wenige, hochwertige Releases beitragen. Ich will nicht vermessen sein, dies generell zu beantworten, allerdings erscheint mir das neue Arbeitsmodell wenig visionär, Thinner ist damit in der Vergangenheit gelandet, glattes Eigentor:
    “Warum sollten wir uns aus politischen Gründen einschränken – und nur mit Künstlern arbeiten, die nicht Teil einer Verwertungsgesellschaft sind … wem wäre denn damit gedient?”
    Sebastian Redenz in einem Kommentar zu der Entscheidung.

    || thx4/uh

  3. czz
    December 17, 2008 | 11h25

    Good point , werter uha : Erst bastelt Thinner monatelang an einer neuen Webseite herum , kommt nachher gerade mal mit einem V.A.- Sampler und bringt mit Leif dann auch nicht eben Überzeugendes . Man versucht da zwar per Blog den Geist des “Thinnerism” zu beschwören ( womit nichts gegen dessen theoretische Erörterungen gesagt sei ) , ist ( imho ) musikalisch mittlerweile irgendwie auf der Strecke geblieben . In diesem Kontext kann eine “paid content”- Agenda wohl kaum aufgehen . Allerdings auch ein Anlass , die Sicht auf einmal zu solchen erhobenen Privat- “Helden” zu revidieren .

  4. otto brandenberg
    December 18, 2008 | 01h11

    das studium der thinner´schen gedanken lässt mich etwas ratlos zurück:

    argument: netlabels können keine künstler listen die bei verwertungsgesellschaften eingetragen sind
    gegenargument: nur die bloße mitgliedschaft erlegt doch keinem künstler auf, dass er/sie nichts mehr freies herausgeben darf. es ist immer noch der artist welcher bestimmen kann, ob ein werk gratis oder nur gegen gebühr bereitgestellt wird, völlig unabhängig von AKM, GEMA und Co.

    argument: die echten DJ´s und musikfreaks kaufen ihre tracks bei den großen kaufshops und ignorieren netlabels
    gegenargument: in den kaufshops treibet sich eher nur das mainstream-publikum herum, sicher nichts die freaks und geeks und experts. und gibt es interessante tracks nicht an sich schon gratis, dann eben via torrent.

    argument: nur mit bezahlfiles können artist und auch das label überleben
    gegenargument: das ist doch eine ansicht von vor 15 jahren, aus meiner sicht geben im gegenteil auch sehr bekannte und gute artists ihre files gratis ab, und holen den revenue über live-acts herein. siehe manche underground-hiphoper die auf myspace ihre kompletten sets frei anbieten, im konzertlisting dann aber über drei monate hindurch jeden einzelnen tag einen gig abhalten

    insgesamt höchst rückwärtsgewandte linie die hier gefahren wird, ich zweifle am erfolg und kann diesen auch nichtmal wirklich wünschen: solche sätze kamen bisher nur von den major labels.

  5. czz
    December 18, 2008 | 04h49

    wenn schon der ton sprichwörtlich die musik macht , ist dieser “thinneristisch” tatsächlich etwas unangenehm .

     

    die promotion von musikern via freeware auf netlabels kann letztere ( siehe broque ) zu regelrechten konzertagenturen transformieren . mit der zeit kann man sich dann auch die produktion von vinyls leisten , d. i. echter DJ- profi- oder liebhaber- ware .

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