Gert Jonke | 8. 2. 1946 – 4. 1. 2009 | Eine Wiesenpolemik

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czz-pikto-blind-fuer-todNachdem sich das schnellverklingende Echo der “Redner rund um die Uhr” in den Nachruf- Kommandos der Feuilleton- Geschwader verflüchtigt hat , wollen wir dem Autor postum Gelegenheit geben , diesem Verhallten selbst nachzurufen .

Und zwar mit seiner “Wiesenpolemik” , welcher er wider die professionellen Schnellexegeten und “Eindeutigkeitsidiotisten” bei Gelegenheit einer Klagenfurter Tagung gehalten hat und aus deren Dokumentationsband ( Sonderzahl 1998 ) wir in|ad|ae|qu|at zitieren :

Wenn aber Literaturfachleute wie sogar Literaturkritiker aus den Seiten gewisser Feuilletons heraus zeitungsraschelnd vordergründigst fordern und nichts anderes als Eindeutigkeit und Trivialisierung der Literatur für nötig und erforderlich finden, kommen mir diese Eindeutigkeitsidiotisten vor wie dilettantische Botaniker, die, mit einem Grashalm herumfuchtelnd behaupten, dieser herumgefuchtelte Grashalm sei die einzige und eindeutige Antwort zur Auflösung eines schwer verständlichen Wiesenrätsels und dabei ganz vergessen, dass sie ja von jeder Grashalm- und Blumensorte, die in dieser hypothetisch angenommenen Wiese wächst, mindestens je einen Halm durch die Luft fuchteln müssten, um besagtes Wiesenrätsel wenigstens als halbwegs gelöst beantwortet behaupten zu dürfen; aber selbst, wenn sie erfahren, dass sie dieses Wiesenrätsel nur dann restlos beantworten könnten, wenn sie sämtliche Grashalme, die der Wiese entspriessen, auszuzupfen hätten, um das Wiesenrätsel restlos und endgültig beantwortbar vor uns hinbehaupten wollten, wird die Wiese von diesen Literaturbotanikern, die gar nicht bemerken, dass, nachdem sie sämtliche Grashalme besagter Weise ausgezupft haben werden, die Wiese gar nicht mehr da ist, von diesen Eindeutigkeitsidiotisten auch notfalls mutwillig gemäht, um dann anschliessend das getrocknete Gras in ihren Köpfen einzulagern wie in Scheunen hinterstirniger Tennen, und solche nichts als Heu und Stroh beinhaltenden Köpfe solcher Fachleute, nach wie vor Eindeutigkeit verlangend von Literatur, indem sie nach leichter Verständlichkeit bzw. vordergründig sofort vollziehbarer und somit leichter Lesbarkeit schreien und darauf weiterhin als Botaniker die Literatur beackernd von den Schreibenden mehr Klarheit oder Lesbarkeit, aber in Wirklichkeit Eindeutigkeit und den Nachvolzug dieses Eindeutigkeitsidotismus forderndn damit, dass die vom Wind durch die Luft geblasenen Buchstabensamenwolken der Literatur, wenn sie in die Köpfe augen- und ohrenwärts geblasen wird, hinkünftig gefälligst zur Folge haben müsse, dass aus jedem der von den Buchstabennebelfetzenwolken der neu zu verfertigen Literatur berührten Köpfe jeweils eine einzige und zwar immer gleiche Blumensorte von Gedanken kopfauswärts wachsen, spriessen und blühen dürfe, statt dass wie bislang aus lesenden Köpfen, die ich Sie nun mit Blumentöpfen bzw. Blumenbeeten zu vergleichen oder stellvertretend behauptbar an die Stelle der Köpfe zu treten sich vorzustellen bitte, jeweils eine neue und jeweils eine andere Blume oder Pflanze aus den jeweiligen Köpfen, Töpfen, Beeten, aus den kopfaus daraufhin spriessenden Gedanken gewachsen ist, und somit auch immer neue und von den Botanikern natürlich stets übersehene oder zwangsläufig übergangene Gewächse oder Blumen gewachsen oder erblüht sind, die als neu entdeckte Blumen, die aber soeben erst zum ersten Mal und zuvor noch nie und danach nie mehr und nur ein einziges Mal aus den jeweiligen Köpfen, Töpfen, Beeten erblüht sind, aber jeweils nur ein einziges Mal, ( …) müsste spätestens dann die für die tatsächlichen Pflanzen zuständigen Botaniker der Horror packen und sie würden mit Recht die Flucht ergreifen, um nichts zu tun zu bekommen mit besagten ständig neu sich maskierenden und ihre Botanikeraugen nichts als zum Narren haltenden ständig wechselnden Blumenkostümierungen (…) .

… die flüchtenden Botaniker, die brüllend von Heu und Stroh verstopften Köpfe besagter Literaturbotaniker, die uns einreden wollen, man soll sich am besten in alle schreibenden und lesenden Köpfe von ihnen eine holländische Tulpenzwiebel einsetzen lassen, denn dann wachse endlich aus jedem Kopf die eine gleiche leicht verständliche holländische Tulpe heraus, die eine wie ein Haar dem andern gleiche, wie das Haar des jeweiligen Kopfs dem andern. ( …)

Aber spätestens wenn diese besagten Literaturbotaniker, die noch immer mit ihren Grashalmen fuchteln und damit jede Wiese einfach abgemäht behaupten wollen, wenn wir sie auf eine Brennnessel hinweisen, die aus einer Blumenzwiebel plötzlich blitzartig uns vor Augen tritt, dann behaupten, das sei gar keine Brennessel, sondern eine Tulpe oder zumindest eine Brennesseltulpe, eine sogenannte, das sehe man doch deutlich oder nicht, und wenn die auch noch behaupten sollten, da ihnen diese plötzliche in unser Gesicht geschossene Brennessel nicht und nicht in ihren Kopf hinein will, weil die Brennnessel in ihren Köpfen die gemütliche Heimeligkeit des dort eingelagerten Heus und Strohs gefährdete, solche Köpfe darauf behaupten sollten, die Brennessel müsse sofort ausgerissen und verbrannt werden, müsssten uns beim Wort verbrannt spätestens Alarmglocken klingeln, so dass wir solchen Literaturidiotistenbotanikern zum Teufel sich zu scheren gefälligst, sie auf ihre nach wie vor gefuchtelten sogenannten Grashalme hinweisend, endgültig erklären, und zwar ganz eindeutig, ihre sogenannten Grashalme seien ja in der Tat in Wirklichkeit inzwischen Stohröhrchen aus Plastik, die nicht im fernsten mit irgendwelchen Wiesen etwas zu tun haben könnten länger und mit denen sie bitte hinkünftig endlich Milch trinken sollten oder Coca Cola anstatt weiter uns mit ihren Leselustbarkeitseindeutigkeitsidiotismen zu belästigen aus ihren raschelnden Zeitungsseiten, die nicht zum Lesen, sondern zum Einheizen geeignet [ sind ] oder um ihre Köpfe damit einzuwickeln wie Kohlköpfe, aber nicht unsere. ( … )

( Kursivierungen : czz )

Dürer Das grosse Rasenstück

Abrecht Dürer : Das grosse Rasenstück , 1503

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Quelle : Klaus Amann ( Hg. ) : Die Aufhebung der Schwerkraft. Zu Gert Jonkes Poesie – Sonderzahl 1998 , p. 202 – 206 ( more … )

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3 Responses to Gert Jonke | 8. 2. 1946 – 4. 1. 2009 | Eine Wiesenpolemik
  1. hab
    January 7, 2009 | 08h34

    ja! hm? nein! hm?: auf jeden fall ist die brennnesseltulpe dem wiesengrund sein tod.

  2. czz
    January 7, 2009 | 11h34

    … leider nicht nur dem stand der materialästhetik nach betrachtet …

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