FAZ- Literaturkritik : Oliver Jungen reitet ein Schnitzel unter nacktem Hintern breit ( und paniert Josef Winkler )

||| OH POINTE , OH SCHUTZ VOR IHR | VERBALER ENDDARM- EXTREMISMUS | VOM TOD – UND DER IRONIE | SPRECHEN WIR MAL UNTER MÄNNERN | BERNHARD , WAS ? | NACKTER BOULEVARD- STIL | SELBST ENTBLÖSSUNG | GUTER RAT | KLANGAPPARAT

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OH POINTE , OH SCHUTZ VOR IHR

Friedhof der Namenlosen croSehr , sehr dringend hat er müssen , so stark müssen , dass der Rezensent seine Schlusspointe gleich als Titel verheizt : “Wenn der Suizid Suizid begeht , bleibt Winkler übrig” . Flott und flink schnappt sich FAZ- Rezensent Oliver Jungen und verkalauert das von Josef Winkler am Ende der Büchnerpreisrede abgelegte Bekenntnis , der das Schreiben vor sich herjagende Drang zum Selbstmord habe den mittlerweile zweifachen Vater verlassen . Zur Erinnerung :

… da schrieb ich also, dass ich in letzter Zeit nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen habe, weil ich nur mehr ganz selten an Selbstmord denke, aber es werden diese guten, alten Zeiten auch nicht wiederkommen können, die mich veranlaßten in mein Tagebuch zu schreiben am Lido in Venedig, dass ich dann und wann richtig traurig bin, weil ich seit einiger Zeit keine Selbstmordgedanken mehr habe. ( Josef Winkler)

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VERBALER ENDDARM- EXTREMISMUS

Bereits am ersten Absatz sitzt und schwitzt und drückt der auf”s Originellsein bedachte Tag- für- Tagesjournalist ungeheuer : Da muss das “schön” ( Prädikat für das von Peter Pongratz gestaltete Überzieherchen , welches das simple edition suhrkamp verbirgt ) , umso heftiger mit einem völlig aus dem Sprachpflegeregister der FAZ kippenden “beknackt” opponiert werden . Ein Attribut , welches einem Titel gilt , welcher zu Buchmessezeiten noch in die Shortlist des Wettbewerbs um den kuriosesten Buchtitel ( ausgeschrieben vom Börsenblatt und dem unnötigsten aller Buch”autoren” , Ben Schott ) gewählt wurde .

Womit wir noch immer nicht am Ende dieses Enddarm- Anfangssatzes angelangt sind : Zum angestrengt deplatzierten Wört “beknackt” ( den Mumm , das “n” fortzulassen , hatte der Rezensent freilich nicht , der Setzer ) gesellt sich das Wort vom “Thanatos- Extremisten”. Als wäre “Thanatos” eine Sportart , eine politische Gesinnung oder islamistische Sub- Gruppierung . Als wäre der Tod nicht schon das Extremste im Erleben und für die menschliche Vorstellungskraft , wird dem “Thanatos- Extremisten” in solcher Wortfügung unterstellt , der Autor lege es darauf an , Gevatter Hein zu überholen .

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VOM TOD – UND DER IRONIE

Friedhof der Namenlosen croDas Bild des Hochleistungs- Leichenschreibers wird solcherart fortgesetzt und enggeführt mit dem albernen Ego der Hochleistungs- Dreitausender- Bezwinger , nur dass es in Winklers neuem Buch nicht um die Karste von Kahtmandu geht , sondern um das Aufsuchen wahl- und qualverwandter Stellen und Quellen :

Als Verbündete führt er Schriftsteller wie Curzio Malaparte, Annemarie Schwarzenbach, Alfred Döblin, Peter Handke, Terézia Mora, Gerald Zschorsch oder Paul Nizon an. Doch fahndet er bei ihnen lediglich nach makabren Höhepunkten ( ….) . Wie Intarsien sind die Zitate in die Essays eingearbeitet. So kommt es, dass die stärksten Sätze fremden Federn entstammen. Winkler übernimmt die Anreicherung mit persönlichen Nebensächlichkeiten wie beiläufigen Äußerungen von Tochter Siri.

Dass Einer , der sein Lebtag über und um den Tod herum schreibt , das Morbide in seinen Lektüren aufsucht , findet , um diese ganze Wucht an einem Kinderwort gleichzeitig zu ironisieren wie zu brechen , kommt dem rezensierenden Vitalisten nicht in den Sinn .

Die Ironie , findet letzterer , hat nämlich er selbst gepachtet und ( wie an dieser Stelle öfters wiederholt ) sowieso etwas gegen Literaturpreisträger . Den Titel “Autorenförderung ? Hungert sie aus !” fand dieser Mann , über dessem Werdegang sich selbst das Netz beharrlich ausschweigt , offensichtlich ironisch und schreibt , wie man sieht , auch heute noch so , als wäre er stolz darauf .

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SPRECHEN WIR MAL UNTER MÄNNERN

Nach einigem Gefüllsel zieht Jungens erneutgdegen die Autorenauspreisung vom Leder und lässt , man ist ja unter Männern , verbal die Hosen runter und argumentativ die Sau raus:

Man wird es, Büchnerpreis hin oder her, doch sagen dürfen: wie gewaltig diese österreichische Attitüde, die verquält psychoanalytische Obsession mit dem Morbiden inzwischen nervt. Seit dreißig Jahren breitet Winkler Tode, Suizide, Morde und tödliche Unfälle in kaum erträglicher Aufdringlichkeit aus, als wäre etwas zu beweisen und als wäre damit etwas bewiesen. Ja, Meister aus Kärnten, wir sind sterblich. Das ist schlimm. aber was soll man machen? Verdrängen ist da keine ganz kleine Kulturleistung.

Der schulterklopfende Ratschlag nach “ein bissel” mehr “Verdrängung” , entstammt ja bekanntlich auch einem dieser “nervend” morbiden Österreicher , nur hätte jener das Schreiben an sich und das Hervorbringen intersubjektiv sinstiftender Kunstwerke schon als die höchste der Verdrängungsleistungen , nämlich diejenige der “Sublimierung” erachtet .

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BERNHARD , WAS ?

Friedhof der Namenlosen croDie Sache beim Namen nennen und sie dabei gleichzeitig zu sublimieren ?! – Tja , das weite Feld der Seele ist eben einfach komplizierter als es sich ein Franc- FAZ- Tireur so denkt . – Wenn dieser Rezensent die aus dem Singsang des kreisenden Litanei- und Rosenkranzbetens abgeleiteten Rondo- und Rallentando- Sätze als bernhardesk denunziert , bleibt nur ein Grundkurs in chronologischer Literaturgeschichte zu empfehlen :

Wenn aber jeder einzelne Bandwurmsatz (in parataktischer Bernhardmanier) auf das Verenden hinausläuft, wenn jedes Verb zwanghaft das Zeitliche segnet, jedes Adjektiv nur ein weiteres Epitheton ist, das sich ans Aushauchen der Lebensgeister hängt, dann ist da jemand – wie schon so mancher Hippie in Varanasi – auf dem Memento-mori-Trip hängengeblieben: stilistisch ambitionierter Styx-Tourismus.

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NACKTER BOULEVARD- STIL

To make a long story short : Hier reitet einer sein kleines Argumentationsschnitzel ordentlich unter nacktem Hintern breit und erhält von seinem Mutterblatt dafür auch hinreichend Raum , um Schlagwörter , tendenziöse Wortspiele und mieseste Spiegel- Stil- Blüten auf den Appell zu verwenden : “Ey , Mann , dein Ding ist abgelutscht . Mach’ mal was anderes .”

Instrumentiert wird der behauptete Niedergang Winkler’scher Schreibkunst mit Invektiven wie “sensationalistisches Vernichtungspathos” und “literarisches Gaffertum” und ergo in die Nähe zum “Boulevardvoyeurismus” gerückt . “Nein, das reicht nicht” , lautet das Verdikt :

Todessehnsucht macht noch keinen Baudelaire.

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SELBST ENTBLÖSSUNG

Friedhof der Namenlosen croHier täte dringend ein weiterer Grundkurs not : Die Differenzierungsleistung zwischen dröger Manier und dem legitimen Stilmittel des Manierismus . Gottlob wendet sich der Satz , gemünzt auf den “jüngst unter dem Büchnerpreis bestatteten Autor” gegen den Rezensenten selbst :

O Hirn voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn !

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GUTER RAT

Ratschlag zum Guten : Man möge diesen Mann hinkünftig von sämtlichen Rilke- , Poe-, Mellville- , Rimbaud- Lektüren abhalten , was die Klassiker anbelangt . Ganz besonders sei in dieser Hinsicht vor einer grossartig konstruierten , allerdings namenlos morbiden Neuerscheinung gewarnt : Thomas Stangls meisterlich , morbide und manieristisch durchkomponiertem Roman “Was kommt” ( Literaturverlag Droschl , 2009 ) .

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KLANGAPPARAT

Zeit für feinere Substanzen , welche uns auf Anregendste die uns bis zum Tode bleibende Frist versüssen : Wer das Netlabel white in music wählt , geht selten fehl : zarte czz-hoerempfehlungEprouvetten voll mit innig ( fragen Sie jetzt ja nicht , ob rechts- oder linksherum ) geschüttelten musikalischen Substanzen : Ob unter “Madeiera” die Insel oder eher der Wein benannt sei , bleibe dahingestellt , Wellen von Wärme gehem jedenfalls von beiden aus . An- und eingerichtet hat das ruhig blubbernde Gebräu ein Herr aus São Paulo namens Laercio Schwantes Iorio , besser bekannt unter der Radikalbuchstabenverkürzung L_cio ( MySpace ) . – CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( WMP ) .

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9 Responses to FAZ- Literaturkritik : Oliver Jungen reitet ein Schnitzel unter nacktem Hintern breit ( und paniert Josef Winkler )
  1. otto brandenberg
    January 20, 2009 | 17h27

    sehr angebracht, diese eleganten, doch eindeutigen worte bezüglich dem artikel von oliver jungen!
    auch interessant, was man an (wenigen) spuren im netz über diesen formal so faz-netz-aktiven menschen findet.
    “einschleichjournalismus” zeigt sich da als eine beobachtung:
    http://www.nilsole.net/medien/absolut-neutrale-mediensatire-die-faz-sucht-undercover-agenten/
    mitautorschaft an büchern zu stilistik, grammatik und döblin:
    http://www.amazon.de/exec/obidos/search-handle-url?%5Fencoding=UTF8&search-type=ss&index=books-de&field-author=Oliver%20Jungen
    Aufsätze zur Phonometrie (Eberhard Zwirner, in “Anthropometrie”) und zur funktion des radios in zeiten der propaganda (Alle Äther Lügen. Eine Semantik des Radios als Stimme der Wahrheit, 2003).

  2. Christoph Kepplinger
    January 20, 2009 | 21h13

    Vielleicht wird dem Faz-Menschen auch einfach wieder mal zu wenig erzählt, zu wenig mitgeteilt in der Lektüre, ist das zu Berichtende mangelhaft vorhanden? Wer solcherart auf eine Ebene nur konzentriert ist bei Winkler übersieht freilich gänzlich das Spiel mit der Form selbst, das bei Winkler immer mitbestimmt. Dazu vielleicht der Autor selbst, zitiert aus dem Gespräch mit Evelyne Polt-Heinzl am Sonntag, den 18.1.09:

    Diese Vorsicht geht bei mir auch ins Ästhetische hinein und das ist die Lust am Schreiben. Es ist der Stil, es ist die Form, das ist die Lust am Schreiben. Es geht mir ja gar nicht darum, irgendwas zusagen, das interessiert mich doch überhaupt nicht. Erst in dem Moment, wo ich merke, jetzt kommt irgendetwas daher, das ich in eine bestimmte Form bringe, die auch mit einer gewissen Artistik zu tun hat, dann habe ich das Gefühl “ich schreibe”, sonst habe ich nicht das Gefühl “ich schreibe”, sonst habe ich das Gefühl “ich informiere”, aber genau das interessiert mich an der Literatur nicht, die Information.

  3. czz
    January 21, 2009 | 01h44

    Nachdem die FAZ in ihrer jubelnden Kehlmann- Berichterstattung – allen voran : Volker Weiddermann – kaum verhelt , dass der Autor von “Ruhm – Ein Roman in neun Geschichten” der erwünschte Büchner- Preisträger gewesen wäre , schickt man jetzt den Mann für’s Grobe aus , um des tatsächlichen Büchner- Preisträgers jüngste Sammlung von elf Prosastücken umso heftiger zu denunzieren .
    Kategorie : “Der Vergleich macht Sie sicher !”-

  4. Blogvisit
    January 21, 2009 | 09h57

    Kehlmann wäre aber tatsächlich ein würdiger Büchnerpreisträger gewesen, das ändert auch nichts daran, dass dieser Kommentar gelöscht wird.

  5. czz
    January 21, 2009 | 10h11

    Paradoxe Provokation ?! – Uns stört nur das Anonym .

  6. Dramatisch
    January 21, 2009 | 16h46

    Gerade sehe ich dass die Aichinger den Büchner Preis noch gar nicht hat,
    tzzz, so gehts aber nicht, wenn ihn eine verdient hat dann doch wohl sie.

  7. czz
    January 21, 2009 | 17h55

    Es gab längere Zeit Leute in der Kommission , die waren sogar stolz darauf , Friederike Mayröcker lange erfolgreich verhindert zu haben ; bei Aichinger darf man nicht ganz aus dem Blick verlieren , dass sie während der 90er praktisch und dezidiert wenig bis nichts geschrieben hat , dann erst wieder auf Einladung der Zeitung Filmessays und grausame Glossen ….
    Allerdings wurde Ilse Aichinger im Jahr 2000 der – wesentlich höher dotierte – Breitbach- Preis zuerkannt .

  8. Dramatisch
    January 21, 2009 | 18h00

    Ich habe sie gerade entdeckt und liebe sie, die ist so was
    von groß.
    Herta Müller müsste den Preis aber schon lange haben.
    Na ja eigentlich wurscht, solange man weiß was man an diesen
    vorzüglichen Autoren hat.

  9. czz
    January 22, 2009 | 07h12

    Mit Herta Müller haben Sie ganz besonders recht . Aber Sie sehen’s ja an der ewigen Nobelpreis- Debatte : Just in der Literatur wird mit diesen Grossaszeichnungen sehr bewusst Politik betrieben . Dagegen fingieren die regelmässigen Wechsel zwischen “progressiven” und “konservativen” Büchnerpreisträgern ja geradezu so etwas wie “ausgleichende Gerechtigkeit” …

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