espace d’essays | herbert j. wimmer : DAS KRAFTWERK DER KÜNSTE : GERHARD RÜHM

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DAS KRAFTWERK DER KÜNSTE : GERHARD RÜHM
zu : Gerhard Rühm – Gesammelte Werke , parthas verlag , berlin

 

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gerhard rühm : ohne titel ( aus der serie konkrete poesie ; Wer ist wer ?) , 1955 – Courtesy Christine König Galerie , Wien

erste vorrede: DER SKANDAL DER STILLE

ruehm wer ist wer detailseit 2005 ist eine der interessantesten editionen deutschsprachiger dichtung im gange – und nichts rührt sich, weder im blätterwald noch im grundrauschen der elektronischen medien. in keiner der hochmögenden bestenlisten deutscher oder österreichischer provenienz, die ansonsten voll sind mit deutschsprachiger mainstream-literatur bzw. übersetzungen meist us-amerikanischer ehrwürdigkeiten, scheinen die “gesammelten werke” gerhard rühms auf [1].

das ist schlicht ein skandal, ein versagen der literatur-besprecher, roman-flüsterer und sonstiger buchtipperinnen und -tipper ist es sowieso.
zum schweige-skandal wird die ignoranz vor allem deshalb, weil gerade mit den ersten vier bänden, wunderbar edierten und sorgfältigst gedruckten büchern, die auch zu den schönsten büchern des jeweiligen erscheinungsjahres gehören, ein wahrer schatz an vielfältigster dichtung wieder und zum teil ganz neu der deutschsprachigen öffentlichkeit zur verfügung steht.

seit mehr als fünfzig jahren schreibt, zeichnet, komponiert gehard rühm, gehört er zum bedeutendsten teil der deutsprachigen nachkriegs-literaturgeschichte. es ist doch eine der wichtigsten leistungen aller mitglieder der “wiener gruppe” (zusammen mit gerhard rühm aus friedrich achleitner, h.c.artmann, konrad bayer und oswald wiener bestehend) vor allem das an literatur und kunst wiederzuentdecken – und ganz neu für sich produktiv zu machen – was in der mörderisch engstirnigen und kleinstgeistigen nazi-zeit verfolgt wurde und gänzlich ausgelöscht werden sollte.

dazu gehört auch die erfindung und weiterentwicklung ganz neuer formen der poesie, wie die konkrete poesie, oder eine neue, auch intellektuell erfrischende dialektdichtung (man denke an artmanns: med ana schwoazzn dintn, oder das ebenso legendäre, von achleitner, artmann und rühm geschriebene hosn rosn baa), die lautpoesie des wienerischen (oder im falle achleitners, des obderennsischen).
in den reaktionären 50er und 60er jahren waren diese arbeiten und ihre kenntnis überlebensmittel, die auch noch für leserinnen und leser, die sie erst in späteren jahrzehnten kennenlernten, jederzeit freude, anregung und dauerhafte ermutigung bedeuteten.

die bislang vorhandenen bände der rühm-edition sind eine grosse leistung der herausgeber michael fisch und monika lichtenfeld sowie des berliner parthas-verlags . dass diese anstrengung so völlig unbelohnt von gegenwärtiger literaturbetrieblicher aufmerksamkeit bleibt, zeigt nur die unfähigkeit und den penetranten unwillen dieser geschäftigkeit, die wirklich wichtigen bücher der gegenwart zu erfassen. doch genug des ärgers, nun zu erfreulichem, zu person und werk.

[1] rühmliche ausnahme: klaus kastberger, “Gerhard Rühm: ‘mein hut grüsst von selbst’ “. in Die Presse, 31.12.2005, wien.
einzig im august 2005 hatte es der erste doppelband “poesie 1.1/1.2″ unter die publizierten ersten zehn der orf-bestenliste geschafft.

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zweite vorrede: WAHRHAFT INTERDISZIPLINÄR, INTERMEDIAL

ruehm wer ist wer detailhervorragend interdisziplinär arbeiten heisst in erster linie, in verschiedenen disziplinen hervorragende leistungen vollbringen -und im zuge der ideen- und techniken-transformation – neue genres, neue gattungen zu erfinden, zu entwickeln, die das formenrepertoire aller am spezifischen kunstwerk beteiligten disziplinen erweitern.

eins steigerung – oder natürliche folge – fortgesetzt interdisziplinären schaffens ist das erreichen von intermedialität, z.b. wenn texte sowohl als dichtung wie als musikstück realisiert werden oder wenn blätter sowohl als zeichnung wie als text (als gedicht) ihren eigenwert haben, intensiviert durch die oszillation bzw. die gleichzeitigkeit der meist als streng unterschieden wahrgenommenen medien.
im text zu der ausstellung “JETZT – arbeiten aus 6 jahrzehnten “, die von jänner bis märz 2008 in der wiener galerie christine könig stattfand, sind die verfahren rühms sehr gut beschrieben.

Seit Anfang der 50er Jahre war Gerhard Rühm intermedial orientiert und immer auf der Suche nach neuen und unverbrauchten Formen künstlerischen Ausdrucks. Die grafische Gestaltung resultierte aus der konkreten Poesie, Gedichte wurden Chansons, Musik wiederum grafisch lesbar. In der Tradition der Wortkunst des Barock/Expressionismus/Dada stehend, entwickelte er Dichtung vor allem in Grenzbereichen weiter, sowohl hin zur bildenden Kunst (visuelle Poesie, gestische und konzeptionelle Zeichnungen, Fotomontagen, Buchobjekte) als auch zur Musik (auditive Poesie als Sprech- und Tonbandtexte, Chansons, dokumentarische Melodramen, Vokalensembles, konzeptionelle Klavierstücke wie Text-Ton-Transformationen). Dadurch lieferte er auch wichtige Beiträge zum neuen Hörspiel.

Seine bildnerischen Arbeiten, oftmals zyklisch und seriell angelegt und im Laufe der Jahrzehnte immer wieder thematisch aufgegriffen ohne sich bloß zu wiederholen, reichen daher von visueller Poesie zur visuellen Musik, dazwischen liegen gestische und automatische Zeichnungen, Buchstabenkonstellationen, Spiegeltexte, Briefbilder, Fotomontagen, Collagen, Schreibmaschinenideogramme, lebensgroße Körperzeichnungen, Frottagen, Buchobjekte, Scherenschnitte, Tuschen etc. Im Band Zeichnungen zählte Peter Weiermair bereits in den 80er Jahren chronologisch 89 Arten auf…

es ist kein wunder, dass seine arbeiten (wie auch die seiner kollegen aus der zeit der wiener gruppe) einen der interessantesten beiträge österreichs zur biennale in venedig (1997 ) ausmachten.

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drittens: GEDICHTE, band 1.1

ruehm wer ist wer detailexpandierender umgang mit gattungsbezeichnungen gehört zu den beständigsten eigenschaften rühms . was alles ein gedicht sein kann, erfährt man in den ersten beiden bänden der edition.
für den ersten band zeigt das inhaltsverzeichnis folgende zuordnungen an: konkrete poesie, lautgedichte, vokabulare, dreiunddreissig triolen, wortspiele, coole poesie, litaneien, montagen, zeitungsgedichte, paraphrasen, anagramme, vermischte gedichte . jedes einzelne kapitel verdiente eine ausführliche würdigung, wäre an sich schon ein eigenständiges diplomarbeits- oder dissertationsthema.
insgsamt 900 arbeiten, davon an die 200 bisher unveröffentlicht, enthalten die ersten beiden bände. von 1954 bis 2004 reichen die datierungen der einzelnen gedichte, manche texte sind auch, bezogen auf ihren erstdruck, verbesserte fassungen.

da gerhard rühm auch ein sehr guter lehrer ist, hat der anmerkungsteil über die reinen publikationshinweise hinaus sehr viel an information zu bieten. zu jedem abschnitt gibt es sowohl literaturwissenschaftlich wie literaturgeschichtlich wertvolle beschreibungen der jeweils angewandten methode, zur entstehung der gattungsbezeichnung oder zum grenzfall-charakter derselben. manche der litaneien hätten demzufolge auch in den (erst später erscheinenden band) auditive poesie gepasst, “da sie erst beim vortrag angemessen zur wirkung kommen”.

die didaktische komponente des autors ist eine konstante seines werks. jedes stück, jedes gedicht ist immer auch als beispiel für seine methode gedacht, oft auch ergibt sich die serialität der arbeiten aus dem bedürfnis, in einem schwung beispielhaft alle möglichkeiten des jeweiligen ausdrucksverfahrens oder formexperiments auszuschöpfen.

immer wieder nimmt rühm sein sprachmaterial aus zeitungsmeldungen, so die sprache der reportage und kolportage in dichtung transformierend. aller sprachgebrauch kann ja, so rühm mit einem hinweis auf einen verloren gegangenen “wiener gruppe“-text ( das “coole manifest“, oswald wiener , 1954) material für poesie liefern, es gibt keine wörter oder sätze, wie banal, trivial oder stilblütenhaft auch immer, die nicht bestandteil poetischer texte sein können. das exemplifizieren auch die zeitungsgedichte aus den 90er jahren auf das vergnüglichste. ein gedichtartig umgebrochener meldungstext wird in seinen schlussversen ganz zwanglos zum reim gebracht. nicht nur wird die aufmerksamkeit des lesers auf das intermediale ereignis gelenkt, sondern auch auf mögliche, noch unverbrauchte anwendungen des reims in texten der gegenwart. zeitungsgedichte sind form- und inhalts-, text- und kontext-spiele, allein die grafische anordnung, die gewöhnlich ein gedicht signalisiert, lässt auch den zeitungstext als gedicht wahrnehmen und verführt dazu, beim nachfolgenden zeitungslesen die meldungen in gedichte umzuarbeiten bzw. die qualität des poetischen aus dem reinen gebrauchstext herauszulesen, in sich einzulesen, bei gleichzeitig voller bewusstheit der textsorten-oszillation. die produktive beschäftigung mit wittgensteins sprachspiel-begriff ist für diese art von texten rühms wesentlich.

schlagzeilen – ein begriff aus dem zeitungskontext – bildet auch einen abschnitt im anagramm-kapitel, geschrieben 2003 und gewidmet heidi pataki , der 2006 verstorbenen dichterin, die sich intensiv mit dem anagramm beschäftigt hat. hier nimmt rühm den titel ihres in den 60er jahren bei suhrkamp erschienen gedichtbandes auf und bildet aus aktuellen schlagzeilen anagramm-gedichte.

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viertens: GEDICHTE, band 1.2

ruehm wer ist wer detaildieser band enthält: wiener dialektgedichte, da söbsdmeadagraunz, wiener lautgedichte, chansons, thusnelda-romanzen, gegenständliche fabeln, gelegenheitsgedichte, zwölf haikus, vier- und zweizeiler, schüttelreime, tiere sprechen und verstummen, nachdichtungen.

auch zu diesem band können im rahmen der rezension nur einige wenige bemerkungen zu einigen der abschnitte gemacht werden.

aufgenommen in die dialektgedichte wurde auch das erste, bislang unveröffentlichte, das in seiner schreibweise noch nicht der elaborierten orthographie der späteren texte entspricht: “ich schdamme aus an oidwina haus” von 1954. makbres, schwarze romantik und schwarzer humor zeichnen nicht nur die dialektarbeiten rühms aus, sondern auch die chansons. es ist hier nicht der platz alle klassiker aufzuzählen, denen man wiederbegegnet, nur eingie seien erwähnt: “eiter tschin” etwa oder “ogribm und gwassad”, “come again” und “liebling du hast mich heute ausgelacht”, nicht zu vergessen das wiener lautgedicht “rede an österreich”, das mit seiner konkretisierung der wiener artikulationen ein ewig wunderbares sprechdenkmal ist. viele dieser texte sind – vom autor gesprochen, gesungen und vertont – noch auf tonträgern erhältlich, sie zu hören ist ein einmaliges vergnügen, dessen sich kein leser und beschauer der texte berauben sollte. wie rühm in seinen erläuterungen mitteilt, hilft es allerdings, die phonetische notation ernst zu nehmen und sich die dialektgedichte laut vorzulesen, um einen eindruck von der klanglichen ebene zu erhalten.

gerhard rühm hat ja als musiker begonnen. er studierte an der wiener musikhochschule klavier und komposition, nahm privatstunden bei josef matthias hauer und beschäftigte sich auch mit orientalischer musik. seine chansons sind eigentlich eine folge früherer kompositions-aufträge, nämlich musik für bühnenstücke zu schreiben, was ihn bald dazu animierte, texte, vorwiegend von autoren der klassischen moderne (hans adler, erich mühsam, frank wedekind, kurt tucholsky, ferdinand hardekopf, alfred lichtenstein, franz werfel und wolfgang borchert ) zu vertonen. ab 1954, als die literatur mehr in den vordergrund rückte, schien es naheliegend, den chansons eigene texte zugrunde zu legen. (erläuterungen, bd. 1.2., s. 1192)

besonders interessant sind auch die nachdichtungen. sie geben einen weiteren einblick in die vielfalt des engagements und der kenntnisse rühms. so unterschiedlichen dichtern wie konstanty ildefons galczynski und miron bialoszewski, charles baudelaire, velimir chlebnikov, sergej tretjakov und jaroslav seifert hat er als übersetzer seine aufmerksamkeit gewidmet.

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fünftens: VISUELLE POESIE

ruehm wer ist wer detaildie produktions- und betriebssysteme von literatur und bildender kunst befinden sich seit langem in einem ausdifferenzierungsprozess, der es schwierig macht und es manchmal sogar als augeschlossen erscheinen lässt, verbindungen, überlappungen, mischzustände dieser systeme wahrzunehmen.

vielleicht liegt ja in dieser – durchaus bedauerlichen, wenngleich wie zu fürchten ist, irreversiblen – entwicklung eine erklärung für die ausgeprägte fach- und massenmediale nichtbeachtung der beginnenden edition des so vielfältigen, formenreichen rühmschen œuvres. so reizvoll, dicht, klar und intensiv seine arbeiten auch sind, so anspruchsvoll sind sie auch in ihren je ganz eigenen mischungsverhältnissen von dichtung und bildender kunst.

obwohl der band 2.1 an die 680 arbeiten enthält, versammelt er nur einen kleineren teil der visuellen poesie. wie der editorische bericht der herausgeberin monika lichtenfeld mitteilt, mussten ganze werkgruppen, die mit dem element farbe als “farbwortkonstellationen” arbeiten, weggelassen werden, da nur eine schwarz-weiss-publikation in frage kommen konnte.

alle folgenden angaben beziehen ihre information aus dem editorischen bericht. insgesamt 18 werkgruppen werden dokumentiert, von den schreibmaschinenideogrammen der frühen 50er jahre bis zu den bildgedichten, die bereits im 21. jahrhundert entstanden sind. teilweise nur einige jahre lang, teilweise auch immer die ganzen fünf jahrzehnte hindurch, schuf rühm u.a. fototypogramme, typocollagen, fototypocollagen, zeitungscollagen, schriftzeichnungen, automatische schriftzeichnungen, schriftbilder, vertuschungen, schrifttuschen, tuschtypocollagen und – als literatisches pendant zu den “ready mades” von marcel duchamp – sogenannte adaptionen, textliche fundstücke (zettel-trouvaillen), die per signatur als kunstwerk / artefakt erkennbar werden, so den diskurs “was ist ein kunstwerk?” auch im bereich der visuellen poesie mit gestaltungswitz und kategorischer ironie aufnehmend.

ein durchgängiges element in rühms arbeit ist die arbeit mit gegensätzen, ihre herstellung, ihre exemplifikation, die spannung im moment ihrer gleichzeitigkeit, ihrer vereinigung auf dem einzelnen blatt, als einzelnes blatt.

in den tuschtypocollagen beispielsweise werden die auseinanderlaufenden linien eines tuschaquarells mit klar und präzise abgegrenzten schrifttypen in ein spannungsreiches verhältnis gebracht. in den automatischen zeichnungen geht es darum, bewusstes und unbewusstes agieren auf dem zeichenblatt in den übergängen von handschrift zu bild hervorzurufen und gleichzeitig zu dokumentieren. in seinen erläuterungen, die nachzulesen dem betrachter der blätter nur gewinn bringt, verweist rühm auf eine formulierung des parapsychologen rudolf tischner, die den anregungunsmoment der arbeiten beschreibt als bild von “steigrohren des unterbewusstseins”. und weiter in den erläuterungen, rühm:

psychische automatismen sind durch systematisches training entwickelbar. (…) natürlich ist die veranlagung zu automatischer produktion nicht bei allen menschen gleich stark. einige werden sehr rasch zu positiven ergebnissen kommen, die meisten werden eine reihe geduldiger versuche anstellen müssen, bis es funktioniert, manchen wird es vielleicht nie gelingen. im allgemeinen aber ist die automatische praxis eine wirksame methode zur aktivierung des latenten kreativen potentials. (bd. 2.1., s. 743)

permanente aktivierung latent kreativen potentials ist das stichwort, auf allen ebenen, in allen seinen kunstgattungen und zu allen zeiten geht es rühm um diese aktivierung. jede idee, jeder einfall entwickelt sich in der ausführung, der man sich einerseits völlig überlässt, während man andererseits hochwach auf jedes ergebnis mit weiterer aktivität im augenblick / im jetzt reagiert, zu den serien von arbeiten, die ganz selbstverständlich auch die psycho-physischen interdependenzen im künstlerischen wie dichterischen prozess dokumentieren.

es ist eine ganz spezielle version von intermedialität, die in den automatischen schriftzeichnungen präsent ist. gesucht wird der bewusste übergang in die bereiche des parapsychologischen, der agierenden medien und ihrer phänomene, was für rühm den dialog ermöglicht “zwischen trieb und vernunft, denken und träumen”. es bedarf grosser arbeitsdisziplin, aus den übergangs- und überlappungsphasen von trance und wachheit zu jenen steigerungsmomenten zu gelangen, die dann als bilddichtungen und dichtungsbilder die schönsten beispiele für konzentration und meditation ergeben.

sehr aktuelle beiträge sind die bildgedichte (s. 703 – 714), sie entstanden in den jahren 1997 – 2005. obwohl sie weder worte noch buchstaben enthalten, sind die fotomontagen bzw. fotocuts sofort als gedichte und als rühm-arbeiten erkennbar. bildmaterial der erotischen art, das hauptthema jeder kunst und dichtung, die körperliche liebe, wird in horizontale streifen verschnitten, gegeneinander verschoben und in zeilenform vertikal angeordnet, unterschiedliche abstände suggerieren verschiedene strophenformen., auch zwei als vierzehnzeiliges sonett auffassbare blätter sind enthalten. die explikation der bildlichkeit und die implikation der gattungszuschreibung als literatur im weitesten sinn lassen in den augenblick der bilderlese (lesen und auslesen) je nach persönlicher verfügbarkeit alle möglichen liebesgedichtzeilen ins bildliche einfahren. es ist der umgekehrte metaphorische prozess, anstelle der bilder der sprache die sprache der bilder einzusetzen, der den reiz der bildgedichte (der wie ein gedicht gelungenen bildschnittkompositionen) ausmacht.

der dialog der antagonismen, auch der dialog über die definition dessen, was jetzt einen antagonismus ausmacht und das permanente sprachspiel mit diesen dialogen erster und zweiter ordnung gehört zu den eigenschaften, die als denkstil / schöpfungsstil im œuvre immer wieder erscheinen.

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sechstens: VISUELLE MUSIK

ruehm wer ist wer detailbei den arbeiten dieses bandes muss der rezensent erkennen, dass er – bei aller anregungsqualität der arbeiten – die grenzen seiner kompetenz erreicht hat und sich nun mit einem flauen gefühl der wachsenden inkompetenz in den gegenden seines unwissens, seiner unerfahrenheit umschaut.

der band enthält ca. 550 blätter, von denen an die 300 bislang unveröffentlich waren. die werkgruppen werden vor allem eingeteilt in: lesemusik, leselieder, bleistiftmusik, melogramme, klangkörper, gegenständliche musik, notenüberzeichnungen.

bis seite 378 gehts ja noch. die arbeiten sind alle auf vorliniertem notenpapier ausgeführt, dieses notenpapier gibt den weiten kontext des musikalischen vor.

gestische und automatische zeichenweisen, schriftzeichnungen und in der gegenständlichen musik einfache zeichnungen von gegenständen eben, bestecken, tischtennisschlägern etc. füllen und überlagern die strenge struktur der notenlinien. die serie klangkörper besteht als intensive reduktion aus einzelnen frauengestalten, die in ihren posen erkennbar aus erotischen kontexten auf leeres notenpapier gezeichnet und ausgeschnitten wurden, um dann wieder in leeres notenpapier collagiert zu werden. eleganz und kategorialer anspielungsreichtum (sei es auf die vielfältigen erscheinungsweisen des erotischen im werk oder die überaus variationsreichen anwendungen der collagetechnik) zeichnen diese arbeiten aus.

gar nicht allerdings kann der rezensent die musikalischen assoziationsebenen in seiner wahrnehmung realisieren. weder ausgebildet noch geübt im notenlesen, in der fähigkeit notenzeichen und lineamente in musik umzusetzen, als musik zu hören, bleibt ihm diese explizit angeführte ebene der arbeiten verborgen.

vor allem im zweiten teil des bandes, wenn mit überzeichneten, eincollagierten und bruchstückhaft vorhandenen noten als melodie-zitaten gearbeitet wird, eröffnen sich nur für musikalisch geübte leser und betrachter die eingearbeiteten klangereignisse.

abgesehen von seiner musikalischen insuffizienz liest der rezensent mit grosser freude auf der bilddichtungsebene auch die arbeiten der visuellen musik, die in ihrem anspruch der liedhaftigkeit ja auch ein beitrag zu den kunstvollen gattungsbegriffs-expansionen der vorliegenden arbeiten sind.

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siebtens: nachrede | vorschau

ruehm wer ist wer detailnoch gar nicht wurde über den begriff des “illustrativen” in poesie und bildender kunst gesprochen. wie sehr nämlich gerhard rühm die illustrativen anstrengungen mancher autoren, die ihm – vor allem in der konkreten poesie – nur als völlige missverständnisse eben der verfahren der konkreten kunstgattungen erscheinen, in seinem werk auf das schärfste und das vergnüglichste immer wieder kritisiert. als paradebeispiel auch in den erläuterungen erwähnt (bd. 1.2, s. 1177): das wort “apfel”, beim konkreten poeten reinhard döhl in form eines apfels geschrieben und mit dem wort “wurm” im innern der textfigur komplettiert. das schlagend kritische gegenbeispiel hierzu stammt allerdings von rühms freund und kollegen friedrich achleitner. in seinem “quadratroman ” wird unter dem titel “ehrenrettung der konkreten poesie” auf den seiten 150/151 einmal aus “birne” eine birne geschrieben, die anstelle eines wurms “döhl” enthält und als gegenstück dann eine textbirne, die aus dem wort “hirn” besteht.
womit hintersinnig deutlich die dringlichkeit des nicht-illustrativen vorgehens illustriert wurde.
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bereits angekündigt sind die nächsten bände der “gesammelten werke”, sie werden theaterstücke enthalten und auditive poesie (dieser band wird von thomas eder herausgegeben).
für den leser ist jedes der vorliegenden bücher ein dynamo, der ihn auflädt mit poetischer und bildnerischer energie. das kraftwerk gerhard rühm läuft mit voller leistung und es ist zu wünschen, dass die unangenehme stille der rezeption bald in das hochspannungs-summen eifriger interpretations- und multiplikations-aktivitäten übergeht.

ED kolik 41 , letztfassung 18.01.2008

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herbert j. wimmer

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GERHARD RÜHM – GESAMMELTE WERKE

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KLANGAPPARAT

Gerhard Rühm hat sich für manche Dichtungsformen und Denkformationen an ZEN- Traditionen orientiert . Dem soll mit dem heutigen KLANGAPPARAT in|ad|ae|qu|at Rechnung getragen werden . Also nicht gleich “New Age !” schreien und abdrehen , sondern einfach mal zuhören . Hinhören auf ein ethno- ambient- elektronisches Kommen und Gehen von Texturen und Intensitäten , Rhythmczz-hoerempfehlungen und melodischen Akzenten : Was die Instrumentalisten Holger Flinsch ( MySpace ) und Gernoth Czypull da bei kreislauf mit “Khoma Sutra” vorlegen , vernimmt man nicht alle Tage . Dass Flinsch techno- mässig durchaus anders traben kann , indizieren die zitierten Profilseiten . – CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( WMP )

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2 Responses to espace d’essays | herbert j. wimmer : DAS KRAFTWERK DER KÜNSTE : GERHARD RÜHM
  1. visuellerpoesiefan
    April 15, 2009 | 18h11

    hallo!

    toller artikel zu gerhard rühm!
    ich fand eine homepage eines ebenfalls aus wien stammenden künstlers, der sich der visuellen und konkreten poesie verschrieben hat:
    http://www.anatol.cc/032-Poesie.htm

    dachte das passt gut dazu ;-)

  2. czz
    April 16, 2009 | 09h18

    Wir danken unsererseits für das Lob und reichen es gerne an den Autor weiter !
    Grosses Vergnügen angesichts der poetischen Visualisationlust @ Anatol – - -

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