Tableau de Texte | Thomas Stangl “Was kommt” (Droschl 2009)

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||| DISCLAIMER | ANNOTIERUNG | THOMAS STANGL : WAS KOMMT ( AUSZUG ) | QUELLE | KLANGAPPARAT

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Ophelia , Pathologisch- anatomisches Bundesmuseum , Wien

DISCLAIMER

Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung des Literaturverlags Droschl .

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ANNOTIERUNG

Mögen hier Manche einmal wieder das Cliché von der Wiener Morbidezza bemühen , werden Andere zweifellos nach dem sogenannten Plot suchen oder nach handelsüblicher Figurenpsychologie rufen , zur Not dann vielleicht schliesslich das feine Gespinst von Thomas Stangls drittem Roman “Was kommt” mit groben Freudianismen planieren . Es liegt in der Tat nicht auf der Hand der praktischen Phrase , ein vielschichtig ineinander geschobenes Konvolut von Bildern be- schreibend zu evozieren : Bilder , semitransparent , ineinander- und übereinandergeblendet , Bilder von zwei Menschen und deren Lebenswelten , Bilder von zwei Epochen , Bilder von verschiedenen Phasen des Wiener Stadtkörpers am Donaukanal .

Am ehesten wäre zum Verständnis dieses durch Leitmotive , Rhythmen und wiederkehrende Melodien stringent strukturierten Romans jene Bemerkung Freuds heranzuziehen , in welcher dieser beim Anblick des in vielen historischen Schichten auf- und übereinander gebauten Rom bedauert , dass die späteren die früheren Bauwerke verdecken und nicht etwa durchscheinen lassen . Und genau diese Überbelichtung ( surimpression) unternimmt Thomas Stangl , wenn er zwei Menschen aus zwei verschiedenen Zeiten aufeinander zutreiben lässt : Da ist Emilie , die 17- Jährige aus dem Jahr 1937 . Und da ist Georg , der Pubertierende des Jahres 1977 .

Quer durch die Zeiten , die Fotografien und Träume der Lebenden , Toten und Vergessenen kreuzen sich die ( phantasmagorischen ? ) Wege zweier Wesensverwandter in wiederkehrenden Spiegelungen und Reflexen . In diesem Dritten Element jenseits von Traum und Wirklichkeit sind zweifellos Momente des Surrealismus am Werk , Repliken auf Heimito von Doderers Gross- Stadt- und Querzeit- Romane wie “Die Strudlhofstiege” oder “Die Dämonen” .

Als – auch darstellungstechnisch produktive – Leitmetaphern fungieren allerdings Fotografie und Film , Ablauf und Standbild , Entwicklung , Überblendung , Verblassen . In dieser Überblendung von Personen und Zeiträumen treten Aspekte von Francis Galtons Durchschnittsfotografie ( composite photography ) hervor , welche das Individuelle hinter den Typus zurücktreten lassen : Dies wäre wohl das oberste Sakrileg dieses still insistierenden Romans gegen die akute Religion des Ich und die emiente Epoche des Ego . Wo Tote präsent bleiben und die Lebenden sich in ihrer Vergänglichkeit einrichten , entzaubert sich der “Engel der Geschichte” in der wiederkehrenden Personifikation einer schwersichtigen , alten Frau :

… eine fette Frau mit dicken Brillen und vorgeschobenem Kinn , die bei jedem Schritt ihr ganzes Gewicht mühsam in ihrem Körper verschieben muss , ( … ) , ihre Augen treiben durch das Glasmeer .

Und dennoch gibt es inmitten der Metaphorik des Wassers und seiner – Lebende wie Tote mit sich führenden – Strömung  “kleine Inseln, ausgeschnittene Orte” , welche ein “Tertium Datur” zwischen Gestern und Heute , Ich und Du , Sprechen und Schweigen , “wahr” und “falsch” mehr andeuten als ausmalen .

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THOMAS STANGL : WAS KOMMT ( AUSZUG )

Er kann immer wieder zurückkehren, ins Halbdunkel der Wörter, alles ist dort wie gestern, wie im letzten Jahr, wie vor zehn Jahren ( wenn er vor zehn Jahren schon Bücher gelesen hätte ), er kann auch dieselben Bücher immer wieder lesen; die Erinnerung ist nur die an ein anderes Leben, ein vages Jenseits, und hindert ihn nicht daran, den nächsten Satz, die nächste Seite, die neue Wendung der Handlung mit Spannung zu erwarten. Er ist nicht bloß er selbst, er ist der andere, in dessen Körper er die vorgeschriebenen Wendungen vollzieht; er leiht den vorgeschriebenen Sätzen, dem anderen seinen Körper, zwischen den Körpern entsteht die Spannung. Er mag es, wenn die Helden sterben, mit ihrem Raumschiff verglühen, hingerichtet werden, wenn er das Buch wiederliest, hat er das Ende vergessen und die Toten sind zurückgekehrt. Er erkennt Schritt für Schritt die Landschaft wieder, durch die er sich schon einmal bewegt, das fremde Leben, das er schon einmal gelebt hat. Das Ende kann nicht auslöschen, was davor war: das scheint ihm so schrecklich wie tröstlich. Dann sogar mehr als tröstlich, denn das endlos Wiederentdeckbare ist nach nicht bloß irgendein Leben, etwas Wirkliches, es ist in Sprache umgewandeltes, durch Sprache verwandeltes Leben; und es ist nicht sein Leben, bloß ihm Vor- und Nachgelebtes. Er selbst kann vergessen sein, sterben und fortsein, er kann nicht vergessen ( die Sätze und Wendungen, die er immer wieder neu entdecken kann, ja, aber kein flüchtiges Gesicht, das in angrinst), aber er kann vergessen sein. Kann er sich vorstellen, um ihn wäre gar kein Raum mehr.

Die Straßen glühen in der Hitze, durch die Fensterscheibe dringt pures Licht, nicht irgendein Bild. Wenn er sich abends nach den Nachrichten zu seiner Großmutter vor den Fernseher setzt, ist es draußen noch beinah hell; in der Werbung für die Seife Atlantis liegt eine Frau mit brauner Haut, den Kopf mit dem langen Haar zurückgelegt, nackt in der Meeresbrandung und kehrt später, wenn er im Bett liegt und auf den Schlaf oder (noch viel weiter fort als der Schlaf) auf die Schlaflosigkeit wartet, wieder, dann ist er diese Frau und spürt am ganzen nackten Körper das Meer und die Blicke. huderttausende Blicke an jedem Abend zwischen den Nachichten und dem Sport, an jedem Abend dieselben Wellen. Der Fernseher hat seinen Platz im Zentrum eines mahagonifarbenen Wandverbaus; gegenüber stehen eine Couch und zwei Fauteuils, der alte Kreisky, sagt die Großmutter, ist ein Schuldenmacher, das also ist ein Satz, den man über den alten Kreisky sagen kann, nachdem man die Nachrichten gesehen hat, er verlangt keine Erklärung, Antwort oder Ergänzung. Das Zimmer versinkt langsam im Schatten der Möbel, die blaue Lichtfläche des Fensters, die bunte Lichtfläche des Fernsehers bleiben. ( 106 – 108 )

Das Wasser des Kanals spiegelt den Himmel, nicht für alle. Einige Buben mit seltsam altmodischen Kinderfahrrädern, vielleicht verjüngt, ziehen Kreise über die Betonfläche des Vorkais, ein kleines Mädchen wirft seine Zöpfe über die Schulter. Eine alte Frau mit kurzgeschnittenem weißen Haar (er hat sie schon einmal gesehen) setzt mühsam Schritt für Schritt, an der Hand führt sie einen ganz nackten weißhäutigen Jungen, man weiß nicht, ob er geht oder ob er an ihrer Hand schwebt, vielleicht fehlt ein Stück seiner Schädeldecke, vielleicht eine ganze Hälfte seines Schädeldachs, aber das sieht man nicht, man sieht die schlanken Hüften, das sanft gekräuselte Schamhaar, seinen Blick aus dem nichts herauszulesen ist. Das Wasser verdunkelt sich noch vor dem Himmel, die angeketteten Rettungszillen bei den Stufen scheinen untertauchen zu wollen, wenn er nur zuschauen, denken, beschreiben würde, wäre alles ganz einfach; Wolkenschichten schieben sich übereinander, der Himmel über der Stadt färbt sich gelblich. Die Häuser rücken näher an den Kanal heran, die altmodischen Kinderfahrräder ziehen weiter ihre Kreise, jetzt schon westlich der Rossauerbrücke, wo die Ufermauer endet und sich unter der Autostraße die Böschung mit Bänkchen, Wiesen und ein paar Büschen zum Wasser hinabneigt, gegenüber braust langgezogen eine silbrige U-Bahn unter den alten Stadtbahnbögen nach Heiligenstadt. Bald weiß man nicht, wo Wasser ist und wo Luft, die Stadt schließt sich um die Figuren und um ihn, den Beobachter, der Regen peitscht Wellen durch die Luft über den Boden, den Wasserspiegel, die Straßen, die Laternen, die festgeschraubten Eisenbänke, die Häuser über ihren Kellern und Fundamenten wollen sich losreißen. Die alte Frau mit der Handtasche wackelt (aber schwebt sie nicht zugleich in ihrem Wackeln ?) wie eine nasse Taube über den Gehweg und läßt sich auf einem Bänkchen nieder, die Handtasche stellt sie auf ihrem Schoß ab, sie öffnet sie mit einem Klick,es regnet hinein, wie es auf ihr zu einem Knoten gebundenes Haar regnet, sie kramt darin herum, Stofftaschentücher, Medikamentenschachteln, Brillenetuis, Bonbons, kleine Plastikfläschchen mit völlig funktionslosen Herztropfen mögen darin sein, vielleicht ein alter Einkaufszettel, Fotos von Kindern, Enkeln, dem im Krieg gefallenen Ehemann. Diese Fotos wird kein Mensch mehr anschauen, kein Mensch würde jemanden darauf wiedererkennen. Der Regen läuft in ihren Kragen, füllt die Tasche an, sie holt eine Handvoll Dominosteine hervor und legt sie auf ihrem dunklen Rock aus, mit den Gesichtern nach unten, es entsteht keine Reihe und kein Muster, sondenr ein loser Haufen. Die Tasche steht neben der alten Fau auf der Parkbank und füllt sich mit Wasser; die Finger der alten Frau wirken jetzt ganz zart, aber sie rühren so hilflos an den nassen Steinen, als würden sie Schlafende, Tote, schlafende, tote Tiere anstupsen, um sie zu wecken. Man kann erwarten daß diese Figur so wie jede Figur sich im Regen aufköst wie ein Stück Zucker. ( 112 f )

Es ist, als hätte sich der Geruch morgens auf den Straßen geändert, ein Duft nach frischem Brot, dem Benzin der Zweitaktmotoren, nach Fischen und Zwiebel; als wäre sie in einer anderen Stadt. Die Kulissen der Häuser sind klein, unschenibar und aus Pappe, sie drücken und sie stören nicht, dazwischen öffnen sich weite Räume. das scheppernde Blech der Colonia- Kübel morgens hat einen anderen Klang als im letzten Herbst und Winter; die Automobile, die sie vom Bett aus hört, könnten aus der Stadt hinaus brausen, die Pferdefuhrwerke mit ihren Bierfässern davongaloppieren. Die Stimmen der Händler vom Markt sind nur zarte bunte Ornamente; sie fühlt eine Zärtlichkeit den Leuten auf der Straße gegenüber, die alle so ausschauen, als wären sie schlecht erfunden. Es kann anders werden, sagt sie im Kopf zu den abgerissenen Figuren, die sich vor der israelitischen Volksküche Im Werd anstellen; und schämt sich sogleich für diesen Satz, dem nichts folgt. Kaum etwas hält sie in der Wohnung: aber sie ist auch nicht ungeduldig hier drin, die alten Möbel sind leicht geworden, es ist, als wäre die selbst mit ihrer Schwere nicht mehr da, die Großmutter und sie sind beliebige Gestalten geworden, die sich nach gewissen Regeln bewegen lassen, sie spielt mit diesen Figuren, der Figur, die sie selbst ist; Georg ist hier nicht bei ihr, aber es geht, so wie es nicht um sie selbst geht, auch nicht um Georg, ihr gestreicheltes Tier, ihren Mann, sondern um ein Drittes an ihrer Stelle; etwas anderes, das sie hervorgebracht haben, in dem sie leben können, seit sie es hervorgebracht haben; in dem sie immer leben, ob sie gerade zusammen sind oder nicht. Selbst diese Wohnung, die er nie betreten hat und nie betreten wird, wo er nicht einmal an die Tür geklopft oder geläutet hat, um sie abzuholen, ist verwandelt, die Luft hier drin, die er nie ein- und ausgeatmet hat oder nie ein- und ausatmen wird, ist eine andere. ( 114 f )

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QUELLE

Thomas Stangl : Was kommt . Roman – Literaturverlag Droschl 2009

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KLANGAPPARAT

Semitransparent , diskret und konsequent webt der Stockholmer Komponist Hakan Lidbo ( home | MySpace ) seine zarten elektroniczz-hoerempfehlung-106.jpgschen Netze : Seine neue e.p. “snälla doktorn” ist virtuoses Loblied auf das Immaterielle , ventiliert selbstredend von unserem Lieblingslabel broque . CLICK LINKS TO LISTEN – 01. dammlunga | 02. fotsvamp | 03. tarmvred | 04. njursten | 05. foglossning

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