Tableau de Texte | Johannes Jansen “Im Durchgang . Absichten” (edition suhrkamp 2009)

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Portrait JJ von ANN Cotten

Portrait Johannes Jansen
Zeichnung von Ann Cotten
nach einem Foto von Florian Günter

DISCLAIMER

Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors .

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ANNOTIERUNG

Wer Johannes Jansens Werk kennt ( siehe “Salon Littéraire” ) , weiss , dass dieses eher auf der Schattseite von Welt und Gesellschaft siedelt , denn auf dem besonnten Corso der im Licht der Öffentlichkeit lustwandelnden Gerühmten . Jansens jüngere Publikationen , welches einerseits Texte aus den 80er und 90er Jahren nachreichten , anderseits aktuelle Arbeiten vorstellten , vermittelten ein zwiefaches Bild : dort die vorgängigen Formulierungen der Desintegration bis hin zu psychotischen oder postapoaklyptischen Episoden , hier dass allmähliche Herausarbeiten aus dem Sumpf der Bedrängnisse .

Zum Kontext hier ein Zitat aus Erik Steffens Vorwort zu “Atem holen , immerhin … TEXT EXTREM” ( hg. von Erik Steffen und Bernd Kramer – Karin Kramer Verlag , Berlin 2007 ) :

Heiner Müller muss eine Vision gehabt haben, als er – der alte Radikale – Johannes Jansen und Durs Grünbein fast zeitgleich in Startposition beim Suhrkamp-Verlag brachte. Rat Race im Kapitalismus – was bleibt von der DDR- Literatur der achtziger Jahre, die im sozialistischen System wenig Möglichkeiten zur Publikation hatte und ganz eigene Wege ging, Konkurrenz aber so nicht kannte. Die Entwicklungsgeschichte beider Autoren liest sich wie ein Brechtsches Lehrstück über Aufstieg und Fall. Jansens Arbeiten bleiben sperrig, inkonsumerabel [ sic ], experimentell. Durs Gründbein findet den Weg zum modernen Klassiker. ( …. ) Er erhält 1995 den Büchner-Preis, als Jansen die Psychiatrie kennen lernt. Der eine dichtet Seneca und Aischylos nach, der andere erträgt die die Wirklichkeit nicht mehrt . Thomas Kling ( …. ) hat Grünbeins Ankommen im Neuland Literaturbetrieb sehr treffend kommentiert : Wenn den Antikenfreund das Fell juckt, er aber kein Gefühl für Geschichte hat ? Dann bekommt man Kostümfilm – Sandalenfilme in den Grünbein-Studios !

Zwar mag der Irrsinn der ( wie man es einmal nannte ) “entfremdeten” gesellschaftlichen Verhältnisse derselbe – vielleicht in seinen Ausformungen mit der Zeit anders gearteter – geblieben sein : Allerdings ist es dem Autor allmählich und allein kraft seiner skrupulösen Fortarbeit am Organon der Sprache gelungen , sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf dieser Verhältnisse zu ziehen . Dabei ist Jansen stets darauf bedacht gewesen , seine “Aufzeichnungen aus einem Kellerloch” nicht als psychologisch Individuelles darzustellen , sondern hat es klug verstanden , stets auch den Genre- Charakter der jeweiligen Sprechmodalität mitzuverzeichnen . Was für die nachtschwarzen Visionen der früheren Schriften galt , stimmt auch für die 50 – distinkt als Teile eines Ganzen komponierten – konzentrierten Prosastücke des eben in der edition suhrkamp erschienen neuen Bandes .

Im Durchgang . Absichten” bleibt einer grundsätzlichen und bewussten Distanzierung vom herrschenden Spielplatz der Integrierten durchaus treu , setzt den Entfremdungs- und Desintegrationserfahrungen indes eine der Religon entlehnte Bildwelt von Diesseits und Jenseits , Kommunion und “Opfer” entgegen . Wobei das Religiöse , welches mit dem “Opfer” auch das unausgesprochene ( und tatsächlich unsagbare ) Bild einer wie immer gearteten “Erlösung” impliziert , nicht minder als “Genre” oder “Sprachspiel” zu begreifen ist wie zuvor die Anlehnung an die Formeln von Dystopie oder Psychose :

Draußen die Verteilungskämpfe, Rituale, die Tobsucht zu verkraften. Brot und Wein, heute besonders günstig, weit unter Niveau, könnte man sagen. Das Opfer, stark reduziert. So verkauft man Erlösung … ( 27 )

Zwischen die sardonischen Befunde zur Verfasstheit einer ausgehöhlten , zunehmend auch medial infiltrierten Gesellschaft ( hier gelingen nicht selten schwarzhumorige und paradoxe Apercus ) schieben sich die Motive aus dem christlichen Arsenal zunächst wie Fremdkörper . Mit diesem Affront gegenüber manchen Adepten einer als rein säkular verbuchten Moderne geht Johannes Jansen zweifellos in eine neue Runde der Subversion .

Dem ewigen Umspringbild der “Dialektik der Aufklärung” setzt Jansen insofern eine tragfähige Textur entgegen , indem er nicht nur mit dem Zitat metaphysischer Begriffe oder religöser Formeln kontert , sondern vor allem durch die ungewöhnlich melodische Durchkomposition seiner Prosastücke . Und es ist diese ausserordentlich musikalische Instrumentierung , welche Johannes Jannens Texte in einem Raum jenseits der Begriffe beglaubigt und : in diesem Raum auch glaubwürdig trägt .

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JOHANNES JANSEN : IM DURCHGANG . ABSICHTEN ( AUSZUG )

30

… daß jeder in seiner eigenen Welt sich findet. Eine an sich gerichtete Sehnsucht. Ein unerreichbares Bild, so heißt es noch immer. Doch man findet sich schließlich, zumindest nähert man sich an, weil man ja weiß, was man haben kann in dieser Zeit, die man vorläufig da ist. Die Mehrheit ist schließlich der Sieger und betrachtet mitunter die, die die Welt scheinbar lenken, denn die Mehrheit weiß, daß diese Welt ihr zu Diensten zu sein hat, denn die Mehrheit besteht aus lauter einzelnen Welten, die ein Auskommen brauchen, um sich als Meer zu begreifen. Der Rest ankert auf eigenen Gütern, die manchmal nicht größer sind als was man grad unterm Schuh hat …
Heute mal wieder am grauen Meer, und seitab liegt die Straße, die Graustadt, könnte man sagen. Jede Bemühung scheint zwecklos.Wir äußern uns zwar, aber der Bogen will nicht gelingen.Die ströme ziehen unbezwingbar an uns vorbei. Aber sie ziehen.Vielleicht sind wir falsch hier. Wir entsprechen doch schon jenem Bild, das uns ausmacht. Also Schluß … ( 50 )

31

Sollen wir Haltung zeigen, fällt es uns schwer. Wie stellt man sich zu den Tatbeständen, die zweideutig sind ? Ist das egal, oder sollen wir Nachsicht mit beiden Blickwinkeln üben ? Die Tragik der Gewöhnlichkeit, die man ihr am Gesicht nicht gleich ansieht und die doch die Tiefe beherrscht, in der sie sich auslebt. Mitleid wäre da falsch. Was zählt, ist die Bestätigung durch ein igenes Beispiel. Wie viele wohl an diesem Tag jener Blitz trifft, der sie bekehrt ? Die Ausgelassenen, denen man es dann doch plötzlich ansieht, daß sie Mitwisser sind. ( 51 )

35

Alles ist defekt, sagen die Kleinen. ein Schlag mit der flachen Hand auf den Tisch. Der Tisch geht zu Bruch. Und wir müssen ihn leimen, sagen die, die das Spiel angeblich gestalten. Politisch gesehen die Regeln, die man sich auferlegt, um durchzuhalten, wutdurchzogen, könnte man sagen, wie der Streit in den Höfen, nachmittags, wenn die Hunde sich ausleben auf dem dürren Gras. Schließlich erringt man Siege, die nicht immer auf ein Großes verzichten, weil sie ein Großes doch sind. Vor dem Hintergrund des Defekten spüren wir schließlich, daß die Welt eine andere Realität will, als wir sie bedenken, gleichgültig ob eine Systematik erkennbar sein könnte. So müßte man toben, doch Exzentrik wird nicht belohnt, und Lohn brauchen wir ja, um zu vergehen im Glück der Gestaltung, in dem auch unser Anteil bleibt als gelesene Spur. Nicht der Nachlaß von Ketzern. Mündige Bürger, die den Geschmacksnerven folgen, um die Logik in diesem Spiel zu verstehen, das sie nicht erdacht haben, aber bestimmen können, wenn man so will. ( 55 )

38

Wie oft bedarfs denn noch der Wiederholung ? Die Fälle sind doch geklärt ? Aber tausend Türme beenden noch immer den Horizont. Tausend Zurückgebliebene, an verschiedenen Hoffnungen Erkrankte. Vielleicht ist die Haltung ja falsch und muß berichtigt werden. Eine Mitte wäre gut jetzt, möchte man sagen, aber man kann die Mitte nicht halten, wenn man die Grenze nicht kennt. Diese alten Gestalten, die uns solches bezeugen. Grenzgänger, Hundeführer auf Postengang, die das abgerichtete Personal auf eine gute Zukunft einschwören. Jedem sein Trog. Möglich, uns reicht das, denn nicht wir zeigen , wie man lebt – man zeigt uns das. Zum Beispiel: Ein Vater packt aus: Die genormte Kinderwelt: ein Saurier, ein Auto und ein Superheld. Damit kommt man anscheinend weiter als bis nach L. A., und wenn es schiefgeht, kommt man zurück, kriegt ein Stübchen und ein Taschengeld und ist in einer anderen Welt. Es gibt auch Eintagsfliegen, die leben gut und können auf Menschen verzichten. ( 58 )

39

Wenn die Lebensmüden munter werden und sich gelassen einrichten in ihrer lebbaren Müdigkeit, während die anderen Helden sich wutschnaubend die Kleider vom Leibe reißen. Die Geburtswehen des neuen Menschen. Und dazu dann, aber später, nach jener kurzen Zeit der Besinnung, die Bescheidenheit der Gedanken. Wozu ein Wohnzimmer, wenn man eine große Küche hat ? Die Bescheidenheit als Lustprinzip sozusagen. Zurückhaltung als Haltung auf Erden … damit des Nachts die Engel nicht zürnen: Gnadenloses Vertrauen in die Logik der Schöpfung. Man kann eben nicht gleich alles haben. Doch wenn die Suchtkranken uns hier den Garten verpesten, dann ist aber Schluß. Wer kuriert sie denn endlich …
Ach, dass wir das alles nicht wissen müssen, welch ein Glück, sagen die meisten und machen das Licht an. Die Wege sind ausgeschildert. Die Beleuchtung ist gut. Stoische Ruhe auf allen Kanälen, bevor die Gewißheit beginnt, eine mißbrauchbare Mahnung. Den Letzten beißen die Hunde, so heißt es. Die nächste Nacht schlafen Sie besser ! Verstanden ? ( 59 )

44

Verständnis schwächt, wie Sie wissen. Doch so lange Sie ihre Funktionen ernst nehmen, kann Ihnen nichts passieren. Also bleiben Sie ruhig … ( 64 )

45

Täglich ins wechselnde Licht brechen wir auf, ein Essen zu besorgen, und während wir den Speisehäusern entgegengehen, wechselt der Blick ständig die Perspektiven. Alles von allen Seiten. So ist Gültigkeit denkbar und selbst ein bereits weinseliger Schuft kann uns kaum mehr erschüttern, da auch er eine Mahlzeit benötigt und schweigt, zumindest wenn der Kauvorgang einsetzt. Mit vollem Mund spricht man nicht … Gesegnet sei das Brot, wenn es satt macht und die Welt ein wenig zu lindern versteht, denn die guten Erlebnisse sind karg und reichen nie aus, die Hoffnung zu stärken. Nach Tagen beginnt das Graben von vorn. Was wir bräuchten, wäre ein Standort, ein Blick. Der Blick hinter die Kulissen zum Beispiel, wo die eisige Armut ihre subventionierten Spiele treibt. Wer das wirklich sieht, wird nicht mehr davon ablassen, die Möglichkeit zu behaupten, denn was er zu sehen bekommt, ist ein Hohn, durchschaubar und bildbar zum Endlich genug. ( 65 )

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QUELLE

Johannes Jansen : Im Durchgang . Absichten – Frankfurt | Main , edition suhrkamp 2009

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UPDATE | LINK

Würdigung Johannes Jansens in der ZEIT : Carsten Klook , Krise ist Normalzustand ( DIE ZEIT , 16. 4. 2009 )

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KLANGAPPARAT

Mit trürgerischer Leichtigkeit perlen die Klänge : Gleichwohl bleibt das Electronica- und Experimental- Projekt IJO Lithauens wohl erfolgreichster Export : Das beim Netlabel Sutemos bereitgestellte Album czz-hoerempfehlungComputer Pop weist sich ironisch als “easy listenting” aus , doch sind die ambienten Wurzeln unschwer zu verkennen – dass IJO auch auf komplizierteren Registern spielt , erweist eine kurze Visite auf der zugehörigen MySpace- Expositur . Und : Was spricht eigentlich gegen sanft wärme- fächelnde Sounds , wenn draussen im kalten Wind die Wetterhähne knattern ? – CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM . ( WMP )

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One Response to Tableau de Texte | Johannes Jansen “Im Durchgang . Absichten” (edition suhrkamp 2009)
  1. [...] : Johannes Jansen “Im Durchgang. Absichten” ; voir Personnalité dans Eve et Marianne du 8 décembre [...]

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