Tableau de Texte | Anja Utler : “jana , vermacht” (edition korrespondenzen 2009)

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DISCLAIMER

Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin und des Verlags .

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Anja scan

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ANNOTATION

Der eminent dem Akustischen zustrebende expressive Gestus der Lyrikerin Anja Utler wurde bereits von den Rezensenten der Print- Ausgaben ihrer vorangegangenen Bücher früh bemerkt . Gleichwohl respektierte die Dichterin in den Bänden “münden – entzüngeln” ( 2005 ) sowie “brinnen” ( 2006 ) noch das Wort als Entität , indem sie dessen Materialität qua formaler Reduktion des Verses in den Aggregatzustand maximaler Expression transformierte .

Bei Lesungen freilich zeigt sich , dass Utler die notwendige Linearität der Wortfolge längst nicht mehr genügte : Was mit Zuspielungen von Wortteilen , Parallel- und Gegenstimmen begann , konnte in der polyphonen und multilingualen “Literatur als Radiokunst“- Produktion “suchrufen , taub” zu neuen Ausdrucksweisen finden .

Auch hier , in der formal hoch konzentrierten Suchbewegung zwischen Stille , Pause ( also der Verhaltung der Rede ) einerseits und Weisen möglichen Sagens in verschiedenen , teils simultan zugespielten Sprachbrocken erwies sich das nur auf den ersten Blick als solches erscheinende Paradox von Konzentration , Reduktion und einem deutlich expressiven Animus .

Im solchem polyphonen Verfahren , wo die Stimme sich selbst ins Wort fällt , geraten notwendig auch die Wörter einander ins Gehege : Verdoppelung und Widerrede , aber auch Splitting und Unterbrechung . Damit war gleichsam die Bindung ans “unversehrte” Wort und zum einstimmigen , einsinnigen Sagen zerrissen .

Nun , da sich Anja Utler sich mit ihrem neuen Band “Jana , vermacht” tief in eine würgende , stotternde und sich selbst versagende Rede hinein wagt , geschieht dies nicht von ungefähr im Kontext von Gewalt und Krieg . Dass hier eine Dichterin direkt an den sprachlichen Reverbationen von Gewalt interessiert ist , hatte sich bereits an ihrer ausgiebigen lyrischen Befassung mit der Szene des von Apoll grausam geschundenen Marsyas erwiesen . Dank des mythischen Ursprungs des Flusses Mäander an jenem Topos der Bestialität schien der Stoff allerdings auch im Fluss der Rede rettbar .

Wenn Utler in “Jana , vermacht” wiederum das Motiv der Gewalt aufgreift , legt sie deren erzählbarem Fluss Steine in den Weg . Steine indes , die wenig jenen Kieseln gleichen , welche man sich zur Verbesserung der Sprechtechnik in den Mund zu legen pflegt .

Es sind die herabfallenden Steine der Bombennächte , es sind die Steine der Trümmerfrauen , über die kein gerade Weg mehr zu dem Erfahrungen der Kriegsgenerationen mehr führt . Dass – unter Überspringung | Auslassung der Eltern – das “suchrufen” sich direkt an die Generation der Grosseltern wendet , ist kein Exotikum in der zeitgenössischen Literatur . Über die Gründe und Ursachen dafür mag an anderer Stelle spekuliert werden . Vielleicht ist es der überreiche Fruchtgenuss , welchen die Wirtschaftswunder- und 68er- Generationen in ihrer aufdringlichen Jugendlichkeit zelebrieren , welcher die Enkel zu ihren Grosseltern treibt und diese nach Spuren unmittelbarer Erfahrung fragen lässt .

Dass sich diese Fragen nach so-und-so-vielen Kriegsschuld- bzw. -Opfer- Diskurs- Konjunkturen nicht mehr so einfach stellen lassen , erweist die zerrüttete und buchstäblich in der Kehle ( Glottislaut ) steckenbleibende Sprache , die Anja Utler für “Jana , vermacht” entwickelt hat . Sie ist sensu stricto eigentlich nur akustisch erfahrbar , weshalb dem Buch ( und dessen Auszug hier ) je auch eine Hörversion beigegeben ist . Dabei handelt es sich freilich um keinen “Bonus” oder “Addendum” : Vielmehr ist die akustische Rezeption unumgänglich , um die graphische Notation entschlüsseln und dann auch lesend im inneren Ohr aufrufen zu können .

Wie sagt sich das Gebrochene , das Zerbrochene ? – Musste sich die “konkrete poesie” der 50er Jahre die vom NS- Regime missbrauchte Sprache durch Freistellung und damit “reinigung und klärung” ( Gerhard Rühm ) das Einzelwort quasi wieder zurückerobern , kehrt Anja Utler ein halbes Jahrhundert später , da Krieg und Geschichte sich in Betsellern oder in den Hauptabendprogrammen eines Guido Knopp linear dahererzählen , zum Stottern und Würgen des Unsagbaren , ja : Unfragbaren , zurück .

Gleicherweise fern vom ausladenden Pathos des “expressionistischen Aufschreis” wie zur Kühle und | oder zum Spielerischen des ideographischen Experiments , begibt sich Anja Utler auf die Suche nach dem Fehlenden . Vor dem Hintergrund sowohl der schwindenden Zeit als auch einer zunehmnenden medialen Demenz rückt Anja Utlers Entwurf eines versehrten Dialogs ( vielleicht analog zu Ernst Jandls “korrumpierter Sprache” ) , das Motiv der “nicht gestellten Frage” bzw. dasjenige der “nicht gegebenen Antwort” in den Mittelpunkt .

Da dies aus weiblicher Perspektive und im Rahmen des Privaten geschieht , können sich beide ( anders als dies bei den männlichen “Täter-” und “Opfer”- Geschichten ) nicht auf die verbuchte Historie berufen , sondern betreffen die vergessenen Praxen weiblicher Alltagsbewältigung .

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ANJA UTLER : “JANA , VERMACHT” – AUDIO

Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.

icon-sound-1.pngAnja Utler liest aus “Jana , vermacht” -  Auszug aus der dem Buch beigefügten CD .

Die Thumbnail- Texte der Buchpartitur sind der Lese- Reihenfolge gemäss angeordnet .
( mp3 @ litradio.net )

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ANJA UTLER : “JANA , VERMACHT” – BUCHPARTITUR

anja 01 Titel(click to XL)

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anja 02 zu sprechen 1(click to XL)

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anja 03 zu sprechen 2(click to XL)

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anja 04 was wir wissen mü 1(click to XL)

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anja 05 was wir wissen mü 1(click to XL)

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anja 06 was wir wissen mü 1(click to XL)

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anja 07 und ich 1(click to XL)

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anja 08 im namen an 1(click to XL)

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anja 09 im namen an 2(click to XL)

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anja 10 im namen an 3(click to XL)

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anja 11 im namen an 4(click to XL)

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anja 13 zu sprechen 3(click to XL)

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anja 14 sagst gibts angst 1(click to XL)

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QUELLE

Anja Utler : Jana , vermacht . Buch mit CD – edition korrespondenzen , Wien 2009

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LESUGNEN

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