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HÖREN IM WANDEL DES HANDELS
Auch diesjahr wird sich die Leipziger Buchmesse mit Publikumsveranstaltungen und Fachmeetings besonders des Mediums “Hörbuch” annehmen , um die im Vorjahr radikal abgestürzten Wachstumsraten des Non- Book- Produkts wieder in eine höhere Plus- Zonen zu hieven : Konnte der Hörbuchmarkt im Jahr 2006 noch mit einer saftigen Zuwachsrate von 17, 4 % boomen , stürzte der Wert anno 2007 auf 2,6 % ab und belief sich 2008 auf 1,8 % .
Was hier triste klingt , hat sich mit einem Umsatzanteil von 4,8 % des Gesamtbuchmarktes allerdings stabil erhalten : Immerhin wurden im ersten Halbjahr 2008 rund sechs Millionen Hörbücher über diverse Vertriebswege – Sortimenter , Versand , Non- Book- Anbieter wie Discounter und Tankstellen – verkauft . ( Quelle : Media Control GfK International , Börsenblatt )
Bekanntlich haben wir in|ad|ae|qu|at mt dieser (“Wer hat eigentlich die Zeit , das alles zu hören ?” ) – Warengruppe nicht das geringste Problem . Im Gegenteil schätzen wir den eminent augenschonenden Aspekt des Hörens , nemen qualitativ hochwertige Produktionen durchaus als aktive Arbeit an der gesamtgesellschaftlichen akustischen Hygiene wahr und geniessen durchaus die Lust , uns während definierter und selbstbestimmter Zeiträume in ein ein gewisses Envelopping zu begeben .
Einst selbst Gelesenes erscheint im akuten Hallraum aufregend neu , bislang Unerhörtes ist durchaus dazu angetan , uns aus eingefahren Rezeptionsweisen und -kreisen herauszureissen . Als langjährige und leidenschaftliche Radiomacher begrüssen wir natürlich ganz besonders , dass geglückte Produktionen der öffentlich- rechtlichen Sender nicht in irgendwelche Archive absinken , sondern via CD- Publikation auch überregional dingfest und mit- teilbar werden .
Unsere heutige Präsentation gibt den heroischen Visionären des 19. und 20. Jahrhunderts , den Kampf- Rednern ( vulgo Slam- Poeten ) der Schweizer Schule sowie einem St. Galler Querdenker , welcher offenbar bis heute für gewisse Kreise unverdaulich geblieben ist .
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POE , MELVILLE : MÄNNLICHE METAPHYSIKER
Mit Edgar Allan Poes “Arthur Gordon Pym” ( 1838 ) und Melvilles “Billy Budd” ( 1924 ) setzt Christian Brückner die Reihe seiner rezitatorischen Huldigungen an diese zu Lebzeiten grausam verkannten Autoren fort und präsentiert zugleich zwei vexierend rätselhafte Werke .
Was in Poes einzigem Roman mit Bubenstücken auf einem Walfänger beginnt , dreht sich mit jeder neuen Episode ins Drastische : Nach Meuterei , Schiffbruch und anderen Lebensgefahren stossen Schiff und Erzählung mit Kurs auf den Südpol in bisher unbekannte Regionen vor , wo hinter dem Eis sich das milchige Meer in hitzigen Wallungen aufwirft . Dass dieser von Arno Schmidt glücklich ins Deutsche hinübergerettete Rausch phantastischer Visionen am Siedepunkt der Handlung abbricht , entspricht der dramaturgischen Absicht des Autors .
Herman Melville dahingegen hinterliess “Billy Budd, Sailor” bei seinem Tod 1891 unvollendet . 1924 erstmals publiziert , war es eben dieses parabolisch- diabolische Intrigenspiel um einen ebenso schönen wie parzivalesken Matrosen , welches die leider erst postume Rezeption des Prosaisten anstiess . Das – vornehmlich in Benjamin Brittens Vertonung bekannte – Fragment ist metaphorische Reflexion über Schuld und Unschuld , Natur und Kultur , Freiheit und Schicksal . Gleichzeitig gibt es eine aufschlussreiche Psycho-Soziologie der über Jahre auf einem Schiff isolierten Männergemeinschaften .
Die Frau , wenn überhaupt , erscheint als Exponentin einer Zivilisation , die, fern vom Elementaren , schnellen Moden folgt . Die Attacken , welche das fiktive Ehegespons in der als schrullige Plauderei getarnten Erzählung “Ich und mein Kamin” gegen die uralte Feuerstelle im Landhause reitet , deuten nicht nur auf Melvilles reale häusliche Misere hin , sondern widerspiegeln auch das Ressentiment eines so gründlich von seiner Zeit Missverstandenen .
- E. A. Poe – Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket, Dt. von Arno Schmidt – 7 CD ( 547 Min. ) ( NDR )
- Herman Melville – Billy Budd , Dt. von Richard Möhring – 3 CD ( 231 Min. )
- Herman Melville – Ich und mein Kamin , Dt. von Alfred Kuoni – 1 CD ( 87 Min. ) – sämtlich gelesen von Christian Brückner , edition parlando 2007 , 2008
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BRADBURY , CLARKE : ARCHÄOLOGIE DER ZUKUNFT
Dass es lohnt , just im Jetzt der wetteifernden Prognosen auf Zukunftsphantasien von gestern zu horchen , erweisen die Audio-Editionen zweier Klassiker . Zählt man den im März 2008 verstorbenen Arthur C. Clarke zur technisch orientierten Science- Fiction , scherte sich Ray Bradbury ( Jahrgang 1920 ) herzlich wenig um die wissenschaftliche Plausibilität seiner futuristischen Mythen .
Mit “Fahrenheit 451” benannte er allerdings korrekt jene Temperatur, bei welcher sich Papier entzündet , und damit einen Roman, der seit einem halben Jahrhundert zum Inventar weltliterarischer Dystopien gehört . Die drei Jahre zuvor erschienenen “Mars-Chroniken” nehmen manches Motiv vorweg , wobei sich die Geschichten um die Kolonisierung des roten Planeten nicht stringent aneinanderreihen , sondern als Laboratorium für Ideen und Genres fungieren : von atomarer Postapokalypse bis hin zur Satire auf den American Dream.
Arthur C. Clarkes “2001: Odyssee im Weltraum” wäre eine Short Story geblieben , hätte sich nicht Stanley Kubrick des Stoffes angenommen und die Skizze gemeinsam mit dem Autor in psychedelische Epik übergeführt . Clarkes Prosa vermag indes auch jenseits der Suggestion von Kubricks deliranten Kinobildern zu fesseln : Die Fabel saust im Schnelldurchlauf von der Urhorde zu interplanetarischen Missionen und retour in die rasante Rückentwicklung eines Saturn- Astronauten ins embryonale Stadium . Diese Zeit und Raum umstülpende LSD- Logik des 1968 publizierten Romans spiegelt ebenso den Zeitgeist ihrer Entstehung wie Bradburys Sorge um das Kulturerbe zwischen Zweitem Welt- und drohendem Atomkrieg .
Beide Autoren überraschen mit visionären Szenen , die uns mitten im Jetzt ertappen : Arthur C. Clarkes legendärer Supercomputer HAL und Bradburys Schilderung einer via TV- Riesen- Screens und Hörstöpsel zugedröhnten Gesellschaft dürften mit Fug und zu Recht zu denken geben .
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Ray Bradbury – Fahrenheit 451 , Dt. von Fritz Güttinger – 5 CD ( 351 Min. )
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Ray Bradbury – Die Mars-Chroniken , Dt. von Thomas Schlück – 8 CD ( 621 Min. ) – beide gelesen von Rufus Beck , Diogenes- Hörbuch 2008
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Arthur C. Clarke – 2001: Odyssee im Weltraum , Dt. von Egon Eis – 5 CD ( 352 Min. ) – Der Audio-Verlag 2008
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“JE SUIS LE SLAM SUISSE”
Seitdem das Lauffeuer der Poetry-Slams in den neunziger Jahren den deutschsprachigen Raum entfachte , vergeht kaum eine Woche , in der nicht irgendwo ein Verse- Stechen über die Bühne ginge . Anders als der Sängerwettstreit alter Schule buhlt dessen moderne Mutation nicht mit edel Gefälligem , sondern mit anarchischem Sprachwitz und stupendem Stimmspektakel um die lautstark bekundete Publikumsgunst .
Als viersprachiges Land multipler Mundarten bietet die Schweiz ein pralles poppoetisches Potenzial – und mit dem “Menschenversand” ein engagiertes Label , welches seit einem Jahrzehnt die Originalität solcher oralen Offenbarungen dokumentiert. Die Doppel-CD “Mund auf , Wort raus ” kann als Kompendium von nicht weniger als 26 Formen der Mund(un)artigkeit bereits bei ihrem Erscheinen den Rang eines Klassikers beanspruchen .
Dabei muss es ( im Unterschied zum Kabarett ) nicht direkt witzig zugehen , der Rede Dreh speist sich nicht selten aus mehr oder minder sublimierter Aggression : vom stoischen Antiwitz Pedro Lenz‘ ( geb. 1965 ) über die paranoiden Szenarien eines Jürg Halter ( 1980 ) , die atemlos abgehaspelten Kleinbürgerglücksmomente der wirkungssicheren Stefanie Grob ( 1975 ) bis hin zu den geniesserischen Gewaltphantasien Lara Stolls ( 1987 ) in der Rolle eines John-Deere- 180- PS- Supertraktors .
Eine produktive Alternative zum Konkurrenzprinzip der Slam- Szene bietet die Formation “Bern ist überall ” : In konzertierter Kooperation mit Musikern entstehen thematisch gruppierte Programme , sukzessiv orchestriert von der Vielfalt der Stimmen und Bühnencharaktere . Pedro Lenz‘ Alltagskalamitäten gehören ebenso zum festen Repertoire der Truppe wie Beat Sterchis ( 1949 ) und Michael Stauffers ( 1972 ) politische Giftpfeile . Als besonders reizvoll stellt sich indes das Spiel mit den Gleich- und Ähnlichklängen der französischen Sprache dar , wie von Noëlle Revaz ( 1968 ) und Daniel de Roulet ( 1944 ) virtuos artikuliert .
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Mund auf , Wort raus . 10 Jahre Poetry Slam in der Schweiz – 2 CD ( 120 Min. )
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Bern ist überall : partout – 1 CD ( 57 Min. ) – beide : Der gesunde Menschenversand 2008
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MEIENBERG , FILTERLOS
Zweifelsfrei mag man Niklaus Meienberg als Stachel im Fleisch einer im honetten Selbststolz geeinten Schweiz bezeichnen . Allerdings gilt der Satz auch umgekehrt : Das bleierne Schweigen seiner Zeitgenossen zu Verstrickungen des neutralen Landes in Finanz- und Waffengeschäfte mit dem NS- Regime deprimierte den Historiker und hellhörigen Poeten massiv .
Mit fundiert recherchierten Reportagen – sie gelten heute als Meisterstücke des Genres – schrieb der pointierte Publizist gegen die stillen Einverständnisse zwischen heilen “Heidi”- Kulissen an . Dem eisigem Schweigen , das ihm seitens der bürgerlichen Presse entgegenschlug ( und dem berüchtigten Schreibverbot im “Tages-Anzeiger” ) , wich der Vielseitige mittels Film und Rundfunkarbeiten aus .
Was der ambitionierte Tonspion Ingo Starz nun aus den Archiven geborgen und kunstvoll zu einem O- Ton Bogen montiert hat , ist ein eminentes Stück Radio- und damit auch Mentalitätsgeschichte der Schweiz . Mit wortgewaltigen Brandreden brachte Meienberg trockene Studio- Situationen zum Leuchten und im fulminanten Vortrag poetischer Wortassoziationen das Saalpublikum zu währschaftem Gelächter .
Wirkungsbewusst hat Starz eines der grossen Dokumente der Radiohistorie an den Schluss der detailgenauen Dokumentation gestellt : Meienbergs Verzweiflungstext über den “Fall der Stadt Srebrenica” infolge der massiven Offensive der Mladic-Truppen 1993 stellt ( zwei Jahre vor dem unermesslichen Massaker ) die Indifferenz des Westens an den Pranger . Wenige Monate später schied Meienberg – dreiundfünfzigjährig – nach eigenem Willen aus dem Leben .
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Niklaus Meienberg – Ein Porträt in Originalaufnahmen , hg. von Ingo Starz – 1 CD ( 72 Min. ) – Christoph Merian Verlag 2008
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KLANGAPPARAT
Distinkt perkussiv , indes mit Verzicht auf brachial technoide Anmutung gibt einmal wieder das Labomix aus dem Hause labomixfrequencies : gehostet von Subflow , liefert DJ Foton einmal wieder seinen
undoktinär und bescheiden feingearbeiteten Flow .
( thx 2 deepindub )
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