||| DISCLAIMER | ANNOTIERUNG | INHALT| VORWORT – MICHAEL HAMMERSCHMID | SPUREN 1 : ELFRIEDE GERSTL | SPUREN 2 : HÄNDL KLAUS | SPUREN 3 : ELFRIEDE JELINEK | SPUREN 4 : HANS- JOST FREY | SPUREN 5 – CHRISTIAN FUTSCHER | QUELLE | HINWEIS – LEIPZIGER BUCHMESSE
DISCLAIMER
Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung von Herausgeber und Verlag .
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ANNOTIERUNG

Er hat überall so seine Freundinnen, aber es ist nichts mit ihnen, und vor allen Dingen ist wieder nichts mit diesen sozusagen berühmten hundert Franken. Einst liess er aus nichts als Nachgiebigkeit, aus Menschenfreundlichkeit hunderttausend Mark in den Händen anderer liegen. Wenn man ihn auslacht, so lacht er mit. Schon das allein könnte als recht bedenklich an ihm erscheinen. Nicht einmal einen Freund hat er. Während all dieser Zeit, die er hier unter uns zubringt, ist es ihm, zu seinem Vergnügen, nicht gelungen, sich unter der Herrenwelt Wertschätzungen zu erwerben. ( Robert Walser , Der Räuber )
Würde es ihm , Robert Walsers “Räuber” , wohl zum Vergnügen gereichen , dass sich ihm und seinen “höflichen Manieren” poetischen Wesens heute so viele ungefragte Freunde , Forscher und Adoranten anschliessen ? – Der “schwer ergründliche Schweizer Robert Walser” ( Walter Benjamin ) zählt zu den leisen Leitfiguren der Moderne . Die Tatsache , dass sich aus den mikroskopisch winzigen Aufzeichnungen des heute so genannten “Bleistiftgebiets” postum ein letzter – der enigmatische “Räuber”- Roman – entziffern liess , hat den Nimbus des fast drei Jahrzehnte lang in den Heil- und Pflegeanstalten Waldaun bzw. Herisau untergebrachten Dichters Jahrzehnte nicht eben verringert .
Der graziös widerspruchsvollen Textur des “Raübers” ist kein ein- eindeutige Auslegung abzupressen . Was dem traditionellen Exegeten zur Qual werden kann , ist genuines Revier der Poesie geblieben und Inspirationsquelle vieler Dichter . Mit seiner Anthologie “Räuberische Poetik – Spuren zu Robert Walser” legt der Germanist und Schriftsleller Michael Hammerschmid eine Reihe poetischer Überlegungen vor .

Sei es im Scheitern an der “Grösse dieses Schriftstellers und [ der ] Schwierigkeit, von ihr Zeugnis abzugeben” ( Walter Benjamin ) , wie sie Händl Klaus formuliert , sei es in den asymptotischen Annäherungen , wie sie Ferdinand Schmatz zu Traum und Farbigkeit , Hans-Jost Frey zu einer “Poetik der Unentschiedenheit” oder Elfriede Jelinek mit ihren liquiden Diskurs über das “nehmende Geben” und gebende Nehmen” des “Räubers” formulieren :
Glücklich , dass nirgends der Anspruch besteht , diesen sich allen Kategorien entziehenden “Räuber” anzuhalten , festzustellen , zu fassen . Elfriede Gerstl formuliert die Verweigerung eines solchen Festhalte- Verfahrens in ihrem quasi amtlichen Formular- Gedicht gleich vorweg : ” ich brauche meine geringen kräfte / ganz für meine arbeit” . Womit die wach in die Welt blickende Miniaturistin ihre Fasson einer möglichen “Räuberischen Poetik” wiedergibt .
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MICHAEL HAMMERSCHMID ( HG. ) – RÄUBERISCHE POETIK – SPUREN ZU ROBERT WALSER : INHALT

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Räuberische Poetik – Vorwort von Michael Hammerschmid
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Spuren zu Robert Walser
- Jürg Amann: “Liebe Frau Mermet“. Eine Art Liebesbrief nach Briefen von Robert Walser
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Marcel Beyer : Lambadamaschine
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Elfriede Czurda : Kinderland
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Hans-Jost Frey : Poetik der Unentschiedenheit
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Christian Futscher : Der verlorene Text
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Werner Garstenauer : “O wir Immergrünen …” – Sprachtraum an Reizschwellen
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Elfriede Gerstl : vorfabrikat für absagen
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Sabine Gruber : Berührungen mit Robert Walser
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Michael Hammerschmid : Eine Art der Andeutung
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Händl Klaus : Brief an Michael Hammerschmid
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Bodo Hell : Walsers Wilderer ( aus einem Verführungs- Dialog )
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Elfriede Jelinek : Was sich gehört ist ungehörig
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Helmut Neundlinger : in das bleistiftversteck
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Richard Reichensperger : “Welche große Kaserne , dieses moderne Leben!” – Über Robert Walser
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Ferdinand Schmatz : Der Voreilende-Nachfolger . Zu Robert Walsers Poetik
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Dominik Steiger : Text
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Andrea Winkler : Das Leben , die Kunst , ein Märchen ?
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Wolf Wondratschek : Verschönerung eines Prosastückes von Robert Walser
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Statt eines Schlussworts – Robert Walser : Der Räuber

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RÄUBERISCHE POETIK , VORWORT – MICHAEL HAMMERSCHMID ( S. 9 – 16 )

Etwas von dieser eigenartigen Dialektik des Räuberischen spielt bei Robert Walser, der Mitte der 20er Jahre seinen Räuber-Roman niedergeschrieben hat, eine bestimmende Rolle. Im buchstäblichen Sinn, könnte man sagen, hat er diesen Text tief ins Papier geschrieben. Dorthin, wo Walser wusste oder zumindest ahnen musste, dass keiner außer ihm die Sätze würde lesen können. Er hat sie versteckt. Wir sind damit mitten dort, wo auch das Projekt “Räuberische Poetik “ seinen Ausgang genommen hat, als es vor einigen Jahren initiiert wurde. Der sogenannte “Räuber-Roman“, den Walser nie publizierte und nie in eine Reinfassung gebracht hat, ist Teil eines glücklicherweise erhaltenen, 526 Blätter umfassenden Konvoluts. Er begann wahrscheinlich schon in den späten 10er Jahren seine Entwürfe zunehmend in mikroskopisch kleiner Schrift auf vorgefundenes Papier zu notieren. Der Räuber-Roman gehört dabei noch in eine Phase, in der die Schrift, es ist eine sogenannte Sütterlin-Handschrift, ein klein wenig größer als später war. Danach machte sich Walser schreibend, “bleistiftelnd“, noch kleiner und unscheinbarer; die Schrift der meisten dieser Blätter ist kaum größer als ein bis zwei Millimeter.
Das von Walser selbst einmal als “Bleistiftgebiet“ bezeichnete Textgelände, das auf diese Weise entstanden ist, hat von außen gesehen etwas Arabesken-, ja geradezu Ameisenhaftes. Schaut man auf die Blätter, sieht man Kolonnen an Zeichen, die gleichsam über das weiße Papier wandern, ohne dabei im Blick des ungeübten Lesers zu nur annähernd sinnvoller Schrift zu gerinnen. Wie in eine nahe Ferne gerückt, scheinen sie dennoch etwas zu verheißen. Sind es Zeichnungen? Ist es eine Geheimschrift ?
Selbst Jochen Greven, der erste Entzifferer des Räuber-Romans und Herausgeber einer ersten Robert Walser-Ausgabe, hielt sie lange Zeit für unlesbar, bevor er sie in den 60er Jahren mit Hilfe seines Mitarbeiters Martin Jürgens schließlich doch aus ihrer grabhaften Entrücktheit im weißen Papier bergen konnte. Die Geschichte der Dechiffrierung dieser sogenannten Mikrogramme erzählt auf ihre Weise vom für Walsers Poetik konstitutiven Wechselspiel von Auftauchen und Verschwinden. Dabei entpuppte sich die Schrift, in die sich Walser versenkte, bei ihrer philologisch-archäologischen Entdeckung nicht als ein weltabgewandtes, hermetisches Schreiben eines als verrückt Erklärten.

Nein, sie fing vielmehr mit beredter Stimme zu sprechen und zu erzählen an, sobald man sie lesen konnte, und musste sich offensichtlich kein Blatt vor den Mund nehmen. Stattdessen artikulierte sie sich als eine der vielgestaltigsten Mitschriften von Walsers Gegenwart, so weit sie sich auch oft in die Vergangenheit imaginierte, jedenfalls extemporierte sie frei und offen und wie jenseits aller Normen vor sich hin. Als wäre sie von der Hoffnung beseelt, dass alles ganz anders ist. Jedenfalls scheint es so, das sich dieses fortwährend hergestellte Wissen um die Differenz in nahezu jedem Satz ausdrückt. ( … ) Es gibt kaum etwas am Räuber, das nicht widersprüchlich und dazu geneigt ist, sein Gegenteil zu bedeuten. Ja, fast jedes Wort könnte sein Gegenteil bedeuten. Darin bildet sich freilich auch Glanz und Elend eines Räubers wie des Walserischen ab.
Er besaß Anpassungsgabe und ein gewisses naturhaftes Bedürfnis des Ausgleichs. Sah er einen Zarten, so überkam ihn die Empfindung, dass er da nicht auch noch zart zu sein habe, da es sonst zu gleichartig aussähe. Anscheinend sage ich eine sehr zarte Wahrheit, wenn ich sage, dass ihn Feine zu einem Krieger und Grobe zu einem Schäfer machten oder Grobe zu etwas Mädchenhaftem und Feine zu etwas Knabenmäßigem oder Burschikosem. Hieraus erhellt Romantisches, Mänteliges, Manschetteliges, man möchte glauben, Kühnes ( Der Räuber, S. 98 ).
Der Räuber, so wie er hier von sich spricht, scheint zu einer Chiffre der Metamorphose zu werden. Es ist dieser Zustand der Wandlung und Verwandlung, der ihn zuweilen als Schemen erscheinen lässt,
über dessen Gestalt es keine Gewissheit gibt. Was ist das also, ein Räuber ? So sehr er das Räuberische zu seinem Beruf macht, dem Räuber selbst kommt man nicht so leicht auf die Spur. Dem Räuber darf man in gewisser Weise auch nie auf die Spur kommen, oder nur auf die Spur, da er sonst sein notwendig verstecktes Dasein aufgeben müsste und nicht mehr Räuber sein könnte. ( … )

Man weiß nie, wer hinter einem Räuber steckt.
Meistens ist es eine ganze Gesellschaft.
So ein Räuber wie der von Walser kann eben nie nur einer sein. Und dennoch ist er allein.
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SPUREN 1 : ELFRIEDE GERSTL – VORFABRIKAT FÜR ABSAGEN ( S. 73 )

vorfabrikat für absagen
liebe leute
wozu ihr ladet klingt anregend &
anstrengend
danke dass ihr an mich denkt
ich brauche meine geringen kräfte
ganz für meine arbeit
sicher nicht für lange bahnfahrten
oder tagelanges anhören
eurer klugen kommentare
(bebilderung eurer bildung)
lesen & zisch & weg
für so eine schnelle nummer
bin ich fast immer zu haben
nachher mit netten menschen
k u r z in ein café
sodann zum zug oder flug
gutes gelingen
ausgiebiger exzesse
wünscht euch
eure gerstl
( wien, juni 2008 )
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SPUREN 2 : HÄNDL KLAUS – BRIEF AN MICHAEL HAMMERSCHMID ( S. 86 – 88 )

Lieber Michael,
hoffentlich sehen wir einander bald wieder. (Mitte Dezember; jetzt war ich in Wien … und ich hätte auch noch nach Graz fahren sollen, aber mit halbleeren Händen wäre das sinnlos gewesen, also bin ich früher nach Innsbruck zurück, der Vater ist wieder in der Psychiatrie, sehr ruhig, wie versalzen, von mächtigen Pillen und Tropfen.) Aber Auf Wiedersehen : Zum einen überhaupt, weil ich Dich gern sähe, spräche, mit Dir tränke : eine Heiße Schokolade mit viel Schlag, oder den Hagebuttentee vom Diglas; zum andern mag ich ein gutes Dutzend sehr tiefer Bücklinge vor Dir tun und mich sehr laut und lang entschuldigen, das heißt, es wäre nichts als Zähneknirschen, weil ich den Text, ich weiß es nach einem ewigen Herumtüfteln und Verwerfen und Wiederversuchen und endlich aufrichtigen Aufgeben, einfach nicht zustandebringe. Weder zustande, noch zuliegen. Ich meine, auch ein hingesetztes Liegen ließe sich ja lesen. Aber es will nicht, es ragt, was dann hingeschrieben dasteht, immerzu zackig giftgrün hinter den Ohren auf, oder, wie es in der Schule treffend hieß, und wir lernten ja fürs Leben : NICHT GENÜGEND ( … ).
Nämlich es gibt: die Walserbücher – und ich sauge dran wie eine selber aber nutzlose Biene, eine Raubbiene. Und dann schlage ich eben, müde, doch das du-Heft auf mit dem Gespräch zwischen Walsers “Pfleger“ Josef Wehrle und Catherine Sauvat und lese Schwarz auf Weiß, wie Wehrle den R.W. zitiert mit: “Gönt Sie wäg !“ Das sagte er also, “kam jemand auch nur in seine Nähe“, so Wehrle, und ich weiß, wie dieser Satz auf Bärndeutsch klingt, ich lebe lang genug jetzt hier: Es klingt zugleich trotzig (wie von einem Kind, das seinen Schatz herzeigen soll, aber nicht zeigen will – leere Schneckenhäuser vielleicht, Käferflügel) und verwundet (ein Stiefkind, ein Ledigenkind, jedenfalls ungewollt), und dazu ausgesprochen höflich (im Klang), wie umgewandter, eingedrehter, ausgekehrter Stolz; es ist ein immerschlimmer Klang, der wirklich wehtut. –
Kam jemand auch nur in seine Nähe, dann sagte er: Gönt Sie wäg ! – Gehen Sie weg ! Und wenn man nicht ging, dann hat er es ein zweites Mal gesagt, aber lauter. Ja, und dann ist man eben gegangen, nicht ?

Walser liegt nein steht und geht mir im Innersten, und was er in Gang setzt, steht ja in seinen Büchern, und darüber, davon, dazu noch ausführen, das läßt sich (für mich, von mir) einfach nicht machen, ich bin stumm wie ein Fisch. Ich weiß, man könnte Flossenschläge absolvieren, ich habe sie versucht, sie sind hilflos. Es ist wie grünes Gras: Es grünt, wir haben Sommer, und es grünt so grün. Da grünt es, all das Gras, so grün, und grünt für sich so vor sich hin, ich leg mich hin, darin, das Grün zutiefst vor Augen, auch die Kühe grasen, still, und es grünt weiterhin. Und ich will sagen : Das Gras, es grünt so grün ! und falle damit hin. Ich dachte noch letzte Woche, daß ich über eine Form doch hingefunden hätte : Ich schreibe ab und zu so kleine Gewebe, von Doppelpunkten durchsetzt, Springinsfelder, und diese Sprunghaftigkeit wollte ich anwenden auf die R.W.- Lektüre, von den Enttäuschtenstellen reden, aber eben, das Reden, das Dazu-Sagen, erübrigt sich sofort, wirklich sofort, drum die Scham, weißt Du, welche ich meine, die Innerste Scham, das Überflüssige, und draus das Scheitern, auch mithilfe der Form noch Scheitern, also durch und durch : gründliches Scheitern: “es geht einfach nicht“.
Es gibt wenige, zu denen sich nichts sagen läßt, man kann zu Marlen Haushofer und sogar zur Jelinek was sagen, zu Virginia Woolf, zu Dennis Cooper, dem gewaltigen Werner Schwab, Büchner und Koltès und erst recht und billig zu Kafka. Aber zu Walser, zu Emily Dickinson und zu Carson McCullers, und zu Kleist, kann man nur schweigen. Michael, mir sind buchstäblich die Augen aufgegangen : “Gönt Sie wäg “, hieß und heißt es.
Herzlich Dein Klaus.
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SPUREN 3 : ELFRIEDE JELINEK – WAS SICH GEHÖRT IST UNGHÖRIG ( S. 95 – 99 )

Er nimmt, was er kriegen kann, aber nicht in Angriff, sondern einfach so. Er hat einen Bejahungsgeist, mit dem er sogar Verse dichtet, das kostet ihn nichts, bringt ihm aber auch was, das ist des Räubers Art, es muß alles etwas bringen, und wäre es nichts. Und wäre nichts da, es würde ihm auch noch etwas bringen. ( … )
Dieser Dichter ist so geartet, daß er der Beraubung durch andre, ängstliche Leute wie mich, standhält, während er standhaft einen andren Räuber beschreibt, der wenigstens ab und zu aufbegehrt. Der Beschreiber des Räubers hat nicht einmal das Aufbegehren nötig. Er gibt alles und doch wieder nicht. Er ist keiner, der ja alles geben würde, um etwas zu erreichen. Man kann vielleicht zu stürmisch sein und wird dafür zurechtgewiesen, das macht aber nichts, der Anblick darf ihm ja bleiben, dem Räuber.
Der Anblick darf sich in einem setzen, man behält ihn, der Räuber behält also diesen Anblick, sogar den Kamm im Haar betet er an, und so gehört er ihm. So gehört es sich für den Räuber, daß ihm vieles gehört, was anderen gehört. Manchmal gehört ihm nicht allein, was auch andren gehört: mancher Anblick, den er teilen muß, eine Beute, die aufgeteilt werden muß. Aber das, was ihm allein gehört, behält er dann auch.
Der Räuber behält alles, er überträgt nichts. Er bürdet anderen nichts auf, er läßt den anderen alles, bis auf das, was er ihnen raubt, und damit beraubt er sie ja nicht. Die anderen, die Mitbürger, sind nicht dazu da, daß man seine eigenen Fehler auf sie überträgt. Die könnten das alles ja gar nicht tragen, aber sie sind viele, das darf man nicht vergessen, sie sind viele, obwohl sie einander beim Tragen nicht helfen. Der Räuber nimmt, was er tragen kann, und das sind ein oder mehrere Anblicke, dafür gibt er selber auch manchmal ein paar Blicke her. Er ißt Reste, er ißt einen angebissenen Apfel, den eine Frau auf dem Tisch liegenlassen hat, fertig.
Er muß alles haben, er muß auch die Reste haben. Diejenigen, für die nur Reste übrig sind, nehmen die auch. Alles Räuber an uns! Alle berauben sie uns, alle nehmen sie uns was weg ! Eine Unverschämtheit ! Aber man muß doch mit allem etwas anzufangen wissen, wenn man sich auch nicht mit jedem etwas anfangen muß, auch nicht mit einem Gruß. Manche grüßen nicht. Dann ist auch nichts zu nehmen. Der Räuber nimmt aber auch, wo es nichts zu nehmen gibt, er nimmt einen Gruß auch dort, wo nichts erwidert wird. Er gibt auch, was er nicht hat. Er nimmt alles, damit nichts bleibt und er wieder nehmen kann. Er nimmt die letzte Spur, und wäre sie die eines kleinen Dummchens, dem nichts mehr geblieben ist, als ein Stück Wurst auf einem Tellerchen und Spuren ehemaliger Lieblichkeit im Gesicht. ( ….)
Eine Erscheinung ist aufgetreten, und der Räuber hat sie sich genommen, und keiner hat es gemerkt, daß er einfach nur seinem Beruf nachgegangen ist.
15. April 2003
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SPUREN 4 : HANS- JOST FREY – POETIK DER UNENTSCHIEDENHEIT ( S. 45 – 61 )

( …. ) Mit der Gefährdung nicht nur der Selbstverständlichkeit, sondern der Verständlichkeit der Welt gerät auch die Ordnung der Sprache, deren feste Bezüglichkeit sich aufzulösen beginnt, ins Schlingern. Die Grammatik wird gerade dadurch, dass sie, obwohl sie die Gedanken nicht mehr in Ordnung bringt, übertrieben genau angewendet wird, in Zweifel gezogen. Das Künstliche der nicht mehr erfüllbaren gewählten Formulierung stellt sie als brüchige, dem Gesagten nicht mehr gewachsene Fiktion bloß. Aber diese Denunziation der Sprache im ironischen Beharren auf gewissen etablierten, oft verstaubt amtlichen Formen bringt den Schwund des Vertrauens in die fremd gewordenen Wörter und Sätze zum Vorschein. Darin ist der Versuch eines Rückzugs aus dem unverlässlich Gewordenen in die Unentschiedenheit des Möglichen zu spüren, in der alles noch bevorstünde, und aus der, als der Ruhe der Sprachlosigkeit, eine neue und stimmigere Sprache entspringen könnte, in der Reden nicht mehr selbstverständlich, aber Verstehen wäre – oder Poesie.
So können sich in Walsers Sprachwalzer ironisch klappernde Konventionalität und spracherneuernde Kreativität zusammenfinden, um die zwischen ihnen verschwiegene Stille zum Klingen zu bringen.
„Nie sprachen sie ein Wörtchen mehr darüber“: lesbar, wenn auch nur unter anderem, als das Ende des Sprachvertrauens, am Anfang des Gedichts, das in der Unentschiedenheit aller Beziehungen die Bedingung der „Künstlerinnenschaft“ und damit seiner Entstehung darstellt.
Der Dichter, dem das Entschiedene von allem in die Unvertrautheit entgleitet, spricht immer, selbst wenn er vertraute Wörter nach gewohnter Weise verbindet, fremd, weil er, Bekanntes
erst erkennend und sich an Gewohntes nicht gewöhnend, seine Rede Wort für Wort aus dem Nebel des Möglichen zu formen hat, zu dem ihm die Starre des Gewusstgeglaubten, an dem man sich gewöhnlich, es für fest haltend, festhält, zerflossen ist.

Das Verstummen jeglicher Art von Geschwätz und bescheidwissendem Redeschwall in der Sprachlosigkeit einer Usicherheit, die in Poesie umschlägt, findet im Mikrogramm, dessen schwindende Schriftgröße die Sprache in einem in beinahe uneinholbare Ferne rückt und auf dem Papier wuchern lässt, eine Art von graphischer Darstellung. Die Kleinheit des Geschriebenen nimmt das Gesagte in die Verschwiegenheit und Verschwommenheit des fast Unleserlichen zurück, aus dem heraus es sich gleichzeitig gestochen scharf kristallisiert.
Die ständige Aufmerksamkeit auf das Widersprüchliche des Sprachlichen, das zu vergessen einlädt, dass es an das, worauf es verweist, nur erinnert, verhindert ein Erzählen, das illusionsbildend wäre. So frisch drauflos und gekonnt unbekümmert Walser erzählt, das Erzählte, nie endgültig festgeschrieben, wird immer so deutlich als solches ausgewiesen, dass die Täuschung, es sei unabhängig von der Sprache, in der es erzählt wird, nicht aufkommen kann.
Die Verhinderung der sprachvergessenen Illusion geschieht auf mannigfache Weise. Der Erzähler in den Prosastücken unterlässt es selten, den ereignishungrigen Leser zurückzupfeifen und ihm in Erinnerung zu rufen, „dass ich in dieser sonderbaren und anscheinend künstlerisch eingeleiteten Geschichte bereits in tüchtiges Stück vorwärtskam, und wenn ich im Erzählen weiterfahre, so tu’ ich damit nichts, als was unbedingt vollbracht werden muss“ (AdB 1, 43), nämlich erzählen.
Oder es kommt, im Räuber-Roman, zur wiederkehrenden Verwechslung des Erzählers mit dem Räuber, der am Roman, den der andere über ihn schreibt, mitarbeitet, sodass im ineinander Übergehen von ich und er Erzählen und Erzähltes nicht mehr deutlich zu trennen sind: das Erzählte erzählt, anstatt nur erzählt zu werden, den Erzähler, dadurch sich selbst erst ermöglichend. ( …)
In Walsers nicht als Schwäche oder Ängstlichkeit auszulegender Unentschiedenheit äußert sich ein Sprachgefühl, für das Gesagtes, ohne dass doch je darauf zu verzichten wäre, es mit einer anderen als sprachlichen Wirklichkeit in Beziehung zu setzen, nur als solches gewiss ist. Das prekäre Gleichgewicht der beiden von allem Sprachlichen ausgehenden Versuchungen – dass man es vom Nichtsprachlichen unabhängig glaubt oder es dafür hält – nicht nur zu bewahren, sondern in jedem Augenblick auch zu zeigen, und damit der einen so wenig wie der anderen länger als vorübergehend zu erliegen, ist die in unermüdlicher Schreibübung perfektionierte akrobatische Leistung, die Walsers Schreibweise vorführt. ( … )
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SPUREN 5 – CHRISTIAN FUTSCHER : DER VERLORENE TEXT ( S. 59 – 61 )

Vor Jahren habe ich einen kurzen Text über Robert Walser geschrieben, der mir in sehr guter Erinnerung ist, also der Text als solcher, d.h. ich kann mich erinnern, dass er mir ehr gelungen schien, dass ich mir dachte, da ist dir wieder einmal ein hübsches kleines Meisterwerk geglückt. Leider weß ich nicht mehr, was ich in dem Text geschrieben habe, ich weiß nur, es ging um Robert Walser, von dem ich zuvor eine Geschichte gelesen hatte, über die ich aber auch nur sagen kann, dass sie mich sehr beeindruckt, bzw. gepackt hat – es ging ums Reisen, glaube ich, bzw. um die Verweigerung ( ? ) größerer Reisen.
Dabei fällt mir Urs Widmer ein, ebenfalls ein Schweizer, der auch schon sehr schön über Robert Walser geschrieben hat, ebenso wie über das Reisen. Über letzteres z.B. Folgendes:
Wäre ich Diktator der Welt (ein alter Schriftstellertraum), würde ich als allererstes, noch bevor ich die Autos und die Fußgängerzonen verböte, das Reisen unterbinden.
Nur das “Zu-Fuß-Gehen“ wäre bei Widmer gestattet. Walser war ein großer Spaziergänger. Dazu passt auch, was ich vor ein paar Tagen von der Wienerin Elfriede Gerstl abgeschrieben habe ( … ) . In einem Gedicht mit dem Titel “urlaubsmoden ( modi ) “ steht zum Schluss:
ich kann jeden tag was entdecken
ohne tickets zu checken
weil die innere stadt
unbemerkte ecken und flecken
für mich aufbewahrt hat.
Das werde ich einer Freundin schicken, die mich immer wieder dazu überreden will, nach Costa Rica, Kuba, Nicaragua oder weiß der Kuckuck wohin zu reisen. Mich interessiert das nicht, und irgendwo habe ich geschrieben: “Wozu reisen, es gibt doch Bücher.“
Aber ich bin etwas abgeschweift, ich wollte eigentlich von dem Text erzählen, in dem es um Robert Walser ging. Irgendwo in der Wohnung müsste er sich befinden, irgendwann

werde ich auf ihn stoßen und dann werde ich freudig ausrufen: “Nie wieder ausuferndes Geschwätz, Geplapper und Gschistigschasti !“ Möglich aber auch, dass der kleine Text über den großen Walser verloren ging, wie schon so viele vor ihm, weil bei mir herrscht unglückseligerweise ein heilloses Durcheinander. Um die meisten anderen Verluste tut es mir nicht Leid, um diesen schon. Schade !
Da fällt mir ein, dass ich meinem Buch “Schön und gut“ mit dem Untertitel “Diverse Vorhaben“ zwei Zitate vorangestellt habe. Das eine ist von Richard Brautigan und lautet:
Der kleinste Schneesturm, der je registriert wurde, hat vor einer Stunde hier in meinem Hinterhof stattgefunden. Er bestand aus etwa zwei Flocken. Ich wartete darauf, dass noch mehr Schneeflocken fielen, aber das wars schon gewesen. Der ganze Sturm bestand bloß aus zwei Flocken. ( … )
Das andere Zitat ist von Robert Walser und lautet:
Eine Schneeflocke fiel mir auf den Mund, als fliege mir ein Kuss zu.
Das nehme ich jetzt als Zeichen und halte den Mund. ( … )

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QUELLE
Michael Hammerschmid ( Hg. ) – Räuberische Poetik . Spuren zu Robert Walser – Wien , Klever- Verlag 2009
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HINWEIS – LEIPZIGER BUCHMESSE
Heute , den 12. 3. , stellen Michael Hammerschmid und Verleger Ralph Klever den Band
im Rahmen der Leiptiger Buchmesse vor : Wiener Kaffeehaus , Halle 4, Stand C213 / D208 , 13:15 H
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UPDATE : WEITERE TERMINE

- Michael Hammerschmid im Interview mit Peter Zimmermann – Radio Österreich 1 , ex libris – Sonntag , 22. 3. 2009 , 18.15 H
- Buchpräsentation – Wien , Literarisches Quartier Alte Schmiede – Donnerstag , 23. 4. 2009 , 19 H
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