Kropotkin über Netzwerke

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KROPOTKIN , BARTHES UND DIE IDEE DES NETZWERKS

Der russische Adlige, Geograph und Anarchist Pjotr Alexejewitsch Kropotkin in seiner 1902 erschienenen Schrift “Mutual Aid : A factor of evolution” ( deutsch 1904 ) gegen die Ideologie des Sozialdarwinismus , wie ihn Herbert Spencer in reduktionistischer Auffassung des Darwin’schen “Survival of the Fittest” popularisiert hatte .

Kropotkin ttitel

Kropotkin nimmt darin einige Themen und Thesen vorweg , welche Roland Barthes in der vor zwei Wochen in|ad|ae|qu|at zitierten Vorlesung “Wie zusammen leben” mit seinen Beispielen idiorhythmischer Gemeinschaften ( Orden , Fischschwärme , Rotkelchen ) umfassend behandelt .

… wo ich auch immer das Tierleben in reicher Fülle auf engem Raum beobachtete, wie z.B. auf den Seen, wo unzählige Arten und Millionen von Individuen zusammenkamen, um ihre Nachkommenschaft aufzuziehen;Wie bei den Wanderungen von Vögeln, die zuj jener Zeit in wahrhaft amerikanischem Massstabe den Usuri entlang erfolgten; wie namentlich bei einer Wanderung von Damhirschen, die ich am Amur beobachten konnte und während deren Tausende dieser intelligenten Tiere von einem unermesslichen Gebiete sich sammelten, um dem drohenden Schnee zu entfliehen und den Amur an seiner schmalsten Stelle zu überschreiten – in all diesen Szenen des Tierlebens, die sich vor meinen Augen abspielten, sah ich gegenseitige Hilfe und gegenseitige Unterstützung sich in einem Masse bestätigen, dass ich in ihnen einen Faktor von grösster Wichtigkeit für die Erhaltung des Lebens und jeder Spezies, sowie ihrer Fortentwicklung zu ahnen begann.

Endlich sah ich bei den halbwilden Rindern und Pferden ins Transbaikalien, überall bei den wilden Wiederkäuern, bei den Eichhörnchen und in zahlreichen anderen Fällen, dass, wo Tiere infolge der oben erwähnten Ursachen mit Mangel an Futter zu kämpfen hatten, der gesamte Teil der Spezies, der von dem Unglück betroffen war, aus der Prüfung derartig gebrochen an Kraft und Gesundheit hervorgeht, dass keine fortschrittliche Entwicklung der Art auf solche Perioden heftigen Kampfes zurückgeführt werden kann.

Ich konnte daher, als später meine Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen Soziologie und Darwinismus gelenkt wurden, mit keinem der Werke oder Schriften, die über diesen wichtigen Gegenstand geschrieben waren, übereinstimmen. Sie suchten alle zu beweisen, dass die Menschheit dank ihrer höheren Intelligenz und Kenntnis die Stärke des Kampfes ums Dasein unter den Menschen wohl mildern könnte; aber sie erkannten zur gleichen Zeit an, dass der Kampf um die Existenzmittel bei jedem Tier seine Artgenossen und bei jedem Menschen gegen seine Mitmenschen ein ‘Naturgesetz’ sei. Diesen Standpunkt konnte ich nicht akzeptieren, da ich überzeugt war, dass die Annahme dieses erbarmungslosen Bürgerkrieges in jeder Spezies und die Wertung dieses Krieges als Bedingung des Fortschritts etwas zugeben hiess, was nicht nur nicht bewiesen war, sondern auch der Bestätigung durch direkte Wahrnehmung ermangelte. ( … )

Man mag gegen dieses Buch den Vorwurf erheben, dass darin Tiere und Menschen in einem zu günstigen Lichte dargestellt werden, dass ihre sozialen Fähigkeiten hervorgehoben, während ihre antisozialen Instinkte und der Instinkt individueller Selbstbehauptung kaum berührt werden. Dies war indessen unvermeidlich. Wir haben in den letzten Jahren so viel von dem ‘harten, erbarmungslosen Kampf ums Dasein‘ gehört, der von jedem Tier gegen alle anderen Tiere, von jedem ‘Wilden’ gegen alle anderen ‘Wilden’ und von jedem zivilisierten Menschen gegen alle seine Mitbürger geführt wird, und diese Behauptungen sind in einem Masse Glaubensartikel geworden, dass es erst einmal notwendig war, ihnen eine lange Reihe von Tatsachen gegenüberzustellen, die Tier- und Menschenleben in einem anderen Lichte zeigen. Es war notwendig, auf die überwältigende Bedeutung hinzuweisen, die soziale Gewohnheiten für die Natur, sowie für die fortschreitende Entwicklung der Tierarten und der menschlichen Wesen haben, zu beweisen, dass sie den Tieren einen wirksameren Schutz vor ihren Feinden, sehr häufig eine Erleichterung für die Beschaffung der Nahrung ( Winterproviant, Wanderungen usw. ), Langlebigkeit uns damit eine größere Möglichkeit für die Entwicklung geistiger Fähigkeiten gesichert haben, und dass sie den Menschen neben solchen Vorteilen die Möglichkeit gewährt haben, jene Institutionen auszuarbeiten, auf Grund deren sie in dem harten Kampfe wieder die Natur überleben und trotz aller Wechselfälle ihrer Geschichte fortschreiten konnten.

Kropotkin vorsatz

Beide , Barthes wie Kropotkin , formulieren im Grunde nichts anderes als die Idee des Netzwerks .

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9 Responses to Kropotkin über Netzwerke
  1. otto brandenberg
    March 28, 2009 | 16h19

    Versuch einer Differenzierung:

    Idiorhythmische Lebensformen suchen den eigenen Weg (“Einsiedler in der Gemeinschaft”), keine Form der praktischen Organisation.
    Siehe auch Tibor Joanelly zu Barthes unter:
    http://www.joanelly.ch/documents/theorie/escapeespace/escapeespace.htm

    Scheinbar intelligenter Organisation zahlreicher an sich autonomer Organismen (Fischschwärme) liegt keinerlei “gegenseitige Hilfe und gegenseitige Unterstützung” zu Grunde, viel mehr das Prinzip “Zufall und Notwendigkeit”.
    siehe auch Stephen Johnson in “Emergence“:

    Mit der Schlüsselerkenntnis: “More is different. You get a very different behavior of the system when certain thresholds are reached.”

    Netzwerke (Familie, Rinderherde, Mafia) schließlich basieren tatsächlich auf wechselseitige Bezugnahme, erwarten einen konkreten Vorteil aus der Beziehung. Hier können auch abstrakte Begriffe wie Zuneigung, Abneigung und Strategie wirksam werden.

    Obwohl also formale Ähnlichkeiten zwischen Ordensleben, Rinderherden und Ameisenbergen bestehen, sehe ich die darunter liegenden Prozesse als höchst unterschiedlich.

  2. Olivier SC
    March 28, 2009 | 21h07

    Pierre Alexeiévitch Kropotkine ; un petit complément en français. Danke for this article.

  3. czz
    March 29, 2009 | 05h45

    … le conte Russe , Darwiniste , anarchiste contre les idées du Darwinisme social … ,-)

  4. czz
    March 29, 2009 | 06h06

    Der Schluss nach Tibor Joanelly , werter Otto , geht fehl :
    Barthes geht just von der praktischen Organisation der idiorhythmischen Klöster auf Berg Athos aus : Er betrachtet sie als Zweckgemeinschaften , welche keine affektive Bindung ( Familie ) implizieren , sondern dem Individuum grösstmögliche Unangetastetheit garantieren . Die pragmatischen , indes relativ losen Zusammenschlüsse sind dem Zweck des individuellen Klausur untergeordnet .

    Deshalb passen auch die “emergenten” Fisch- Schwärme hierzu , Johnson hat seinen Barthes mit Sicherheit gelesen . Auch Kropotkin behauptet ja nicht , die Damhirsche sammelten sich auf affektiven Gründen . Gilt auch für die Mafia : Gemeinschaft zum Zweck des Überlebens .

     

    Kropotkins Buch ist eine Kampfschrift gegen den Trivial- Sozialdarwinismus , wie er gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufkam . Die titelgebende Formel , welche Affektivität und willentliche Absicht suggeriert , diente als Provokation des Konzepts vom “Kampf aller gegen alle” .

    Heute werden altruistische Leistungen , welche letztlich einem egoistischen Zweck dienen , unter dem Begriff des “reziproken Altruismus” rubriziert .

  5. Bjoern
    March 31, 2009 | 14h20

    Randnotiz:
    ‘in reduktionistischer Auffassung des Darwin’schen “Survival of the Fittest”’ klingt seltsam, da Darwin die Idee der natürlichen Auslese doch von Spencer geklaut hat. Darwin hatte seine Beobachtungen auf der Beagle-Reise gar nicht verstanden. Gilt als Klassiker des Diebstahl geistigen Eigentums.

  6. otto brandenberg
    March 31, 2009 | 22h19

    mhhh, lieber @Bjoern,
    ich bin da nun gar kein experte und bloß mal im netz diesbezüglich herumgestreift, aber ist das haltbar? Spencer hat doch erst zu einer zeit mit dem schreiben begonnen (ca. 1860) als Darwin schon recht viel publiziert hatte. Ich sehe schon dass es einige papers gibt über den “reziprocal influence” zwischen den beiden, doch war die Darwin-Hauptschrift 1859 ja doch das ergebnis vieler jahre an beobachtung und denkbewegung.

    @czz: gegen-einwand. die hirschchen und menschchen helfen einander, sei es auch nur aus eigennutz. die ameischen und fischchen wissen nichts übereinander und reagieren nur auf chemische und elektrische impulse. rein praktisch gedacht. gegen die parole “survival of the fittest” muss man aber auf jeden fall anschreiben und Herrn Kropotkin ist dafür sehr zu danken.

  7. czz
    April 1, 2009 | 07h56

    @ Björn : Habe mich inzwischen wieder ein bissel eingelesen und gebe zu : Stimmt , ich hab’s verdreht , der Slogan vom “Survival of the Fittest” stammt tatsächlich von Spencer . Der aber war Autodidakt und hat die Idee von der systemischen Auslese ohne jeden Beleg in die Sozialwissenschaften katapultiert . Bei Darwin war es umgekehrt : Er suchte bis zum Ende seines Lebens nach positiven Beweismaterialien für die allmähliche Transformation der Arten .

    Hier geht es allerdings um Adaptierungsprozesse , nicht um direkte Konkurrenzen . Im Gegenteil hat er explizit die Übertragung der trivialisierten Idee vom LebensRecht der Stärkeren auf die humane Sozietät zurückgewiesen : Dies mit Hinweis auf Wohlfahrts- und Vorsorge- Einrichtungen ( vom Notasyl bis zur Vorsorge- Impfung ) .

    Den Schimpf vom “Diebstahl geistigen Eigentums” lasse ich nicht auf diesem äusserst skrupulösen Forscher sitzen . Und seine “Beagle” ist herrlich .

    @ otto : Auch unser Hirn und Willen bestehen nur aus chemischen > neuronalen Prozessen . Darin sind wir den Fischlein und Bienchen wenig überlegen .

  8. Bjoern
    April 1, 2009 | 08h43

    Lieber otto brandenberg und geschätzte czz,
    verkomplizieren wir weiter: das Schlagwort ‘survival of the fittest’ kommt wie gesagt von Spencer. In den ersten 4 Auflagen von ‘origin of species’ findet sich dieser Slogan noch nicht. Er wird erst 1869 in die fünfte Auflage eingearbeitet.
    Aber Darwin raffte noch mehr zusammen: die entscheidende Neuerung und Kern der Evolutionstheorie ist die Artbildung durch Variation und Selektion. Erdacht nicht von Darwin, sondern von Alfred Russel Wallace. Sie taucht erstmals in einem Brief auf, den der an Malaria erkrankte Wallace an Darwin schrieb. Von seinem Krankenlager in Indonesien.
    Der Öffentlichkeit vorgestellt wurde die Theorie von Wallace und Darwin gemeinsam. 1858 verlesen von beiden vor der Linnean Society of London.

  9. czz
    April 1, 2009 | 10h00

    Hab’s gestern Nacht Ronald W. Clarks Darwin- Biographie nachgelesen . Man kann aber durchaus dabei mitbedenken , dass seit Gall und bis zu Lombroso & Nordau das dann “eugenisch” genannte Motivkonglomerat sich quer durchs 19. Jahrhundert zog . H. W. Bates , Wallaces Kollege , hatte Kropotkin nach dessen Auskunft ja direkt aufgefordert , sein Buch zu schreiben . Das sei “wahrer Darwinismus” …

     

    Verrennen wir uns hier bitte aber nicht in Quisquilien : Oder gibt es hier irgendetwas recht zu haben ?

     

    Nach ausgiebiger Beschäftigung mit dem 19. Jahrhundert kann ich methodologisch nur anmerken , dass Ansätze von einsinnigen “Einfluss”- Theorien nicht greifen . Wir befinden uns schon im Zeitalter der Massenmedien und im “bitches brew” der sich immer neuen Aggregationen und Abwandlungen manifestierenden Ideen .

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