||| DREI TAGE ALLEMANN | DAS STÜCK | DIE AUFNAHMEN | DIE MISCHUNG | FINIS & TEASER
DREI TAGE ALLEMANN

Urs Alllemann am Regieplatz Studio 3
Drei Tage innerhalb des dicht gespickten Lesungskalenders von Urs Allemann in Kontaktschluss mit verfügbaren Studio- und Techniker- Terminen zu bringen , war wahrlich kein Kinderspiel .
Immerhin war dem “Literatur als Radiokunst“- Team mit der Buch- und CD- Ausgabe “im kinde schwirren die ahnen . 52 gedichte“ ( Urs Engeler Editor , 2008 ) ein lautlich fulminantes Unterpfand zur Hand ( sowie im Horchohr ) welches uns ermutigte , unter Einsatz aller verfügbaren Guten Kräfte eine genuin radiophone Produktion mit diesem radikalen Spracht- Laut- Künstler – koste es , was es wolle – wirklich ins Werk zu setzen .
Mit “radikal” indes ist – wie wir bereits im Laufe während des ersten Sprachaufnahme- Tages ( 14:30 – 23 H ! ) staunend erfuhren – eine phänomenale Artikulations- Fähigkeit und Lese- Akkuratesse gemeint – die aufgrund von sprachlichen “Ausrutschern” nötigen Schnitte liessen sich an den Fingern einer Hand abzählen . Einerseits- Zum andern trafen wir auf eine gedankliche , strukturelle , morphologische und kompositorische Durchdringung des Sprach- Materials , wie wir sie selten bei unseren Gästen im Studio erleben .
Dabei sei angemerkt , dass sich die Reihe “Literatur als Radiokunst” vornehmlich jenen Künstlerinnen und Sprachwerkern anbietet , für welche nicht alle Tage Radio ist und die solcherart mit den Modalitäten und Techniken radiophoner Produktionsweisen vertraut gemacht werden sollen .
Was den in Basel lebenden Urs Allemann anbelangt , vernahmen wir nicht ohne Staunen , dass der hinreissende Performer noch nie von Schweizer Sendern zu einer Eigenproduktion eingeladen worden sei . Umso grösser natürlich unsere Freude , unser Staunen und wohl auch ein bisschen unser Stolz , einen solchen Virtuosen für ein Radio- Début im Studio zu haben .
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DAS STÜCK

Script und dessen Tonspur- Rendering auf ProTools
Angeregt durch die Möglichkeit , bei der Ver Lautlichung des Textes nicht auf das Solo der vortragenden Stimme angewiesen zu sein , sondern diese chorisch , kanonhaft , wider- sprüchlich , verstärkend und relativierend auf 50 Aufnahmespuren zu , bot sich eine quasi- musikalische Anlage einer Partitur für eine Sprechoper an . Allemann bot dafür trefflich das wörtliche und begriffliche , das lautliche und semantische Thema der “VERLAUTBARUNG” an : dDie “Verlautbarung” , verstanden als das Genre schlechthin für offiziöses , staatliches , wenn nicht gar diktatorisches Verkündigungs- Radio .
Zunächst galt es einem “Generalbass” einzuspielen . In Echtzeit von nahezu 14 Minuten permutierte Allemann die Silben des vierschlägigen Wortes “VER – LAUT – BA – RUNG” mit grosser Verve in allen möglichen Versionen und sprachschöpferischen Korrumpierungen . Wobei sich erwies , wie viel produktiver die silbischen Permutationen der Konsonanten ausfielen als die der Vokale . So ergaben die von Allemann so genannten “Mitlaut- Switcher” eine Fülle von – teils gewagten Sprach- Materialien wie “VER – LAUT – AALUNG” | “DER HAUT JA STUNK” | “XER – DRAUT – PFAR – DLUNG” ) . Dahingegen erschöpfte sich da Potential der “Selbstlaut- Switcher” rasch in Fügungen wie der “VIER – LEUT – BOHRUNG” .
Des Weiteren waren hierarchisch komplex aufeinander bezogene “Nebenthemen” konzipiert , welche sich auf die stimmliche Modulierung bezogen und so den Modus des Kommentars ebenso umfassten wie den der szenisch aufgelösten linguistischen Erörterung . Und natürlich allerlei Abschweifungen in assoziativ spiralisieirende Piècen : so wurde etwa als akustisches Pendant zum sprichwörtlichen “Augenblick” der “Ohrenhorch” gesucht und grossem Vergnügen auch gefunden .
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DIE AUFNAHMEN

Strenge Kammer : Allemann beim Einsprechen des Textes
Selbst wenn wir im Radio mehr- und simultan- stimmig komponierte Partituren vertonen können , bleibt es dem einzelnen Sprecher im Studio nicht erspart , sämtliche Komonenten sukzessive einzulesen werden . Nach dem mit eminenter Verve vorgetragenen Permutations- Generalbass war klar , dass Allemanns stimmliches Instrumentarium über enorme Fähigkeiten hinsichtlich Dynamik und rückhaltloser Intensität verfügt .
Mit ungewöhnlicher Neugier begrüsste und probierte der Autor flugs unsere bescheidenen Anregungen , was die Modulation von “Sprechhaltungen” – “zart” | “gerade” | “epmpfindsam” | “dramatisch” oder “umständlich professoral” anbelangte : Auf diese Weise sammelte sich allmählich ein passables Register von Arikulationen zur späteren Mischung an .
Was uns allerdings auffiel , war , dass Allemann hinsichtlich der Tonhöhe seiner diversen Sprechmodalitäten weitgehend konstant blieb . Diese gleichbleibende tonale Stimmung barg klar die Gefahr , dass simultane Sprachereignisse einander beim Vorgang des Mischens zur Unkenntlichkeit verdecken könnten . Wie beim Bild eines monochromen Malers , wo stets die Gefahr des “Totmalens” besteht – also des Untergang von Details im Sumpf einer aus zu ähnichen sinnlichen Komponenten bestehenden Gesamt- Konfiguration .

Strenge Kammer . aus der Perspektive des Regieplatzes aus
Auf die entsprechenden Anmerkungen aus dem Regieraum ( Tonmeister Martin Leitner wie stets geduldig und tiefenscharf ) mit Blitzesschnelle und in grandioser Ausführung reagierend , unterfing sich der Autor | Sprecher mit sichtlicher Lust der Mühe , ganze Textpassagen im Flüsterton zu realisieren . Aber was für ein Füstern ! -
Was anwesende Kindsväter sofort an die Gnomenstimmen aus verfilmten Phantasy- Film- Spektakeln erinnerte , bestach im Klang dank zwiefacher Mikrophoniereung , welche einerseits die unittelbar mundnahen stimmlichen Informationen einfing , andererseits – per Mikrophon Numero Zwei in etwa eineinhalb Metern des Sprechers – die Körperlaute des mit ungewöhnlicher Stimmkraft Flüsternden aufzeichnete . Akustisch dabei von hohem Reiz : Das Stakkato der Konsonnanten , insbesondere aber die oft nur sekundenkurzen Anklänge der Stimmbänder . Sogenannte Glottislaute , wie sie die Dichterin Anja Utler ja sehr bewusst in ihrer Dichtung einsetzt .
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DIE MISCHUNG

Martin Leitner , unser bewährter Tonmeister
Geschnitten , als Einzelspuren und -Stimmen auf dem ProTools- Interface ausgebreitet , konnten die “mebra disjecta” in der Folge nun praktikabel im simultanen Zeit- Raum- Kontinuum “angelegt” und aufeinander abgestimmt werden : Dank der Dichte des Sprachmaterials waren kaum besondere artifizielle “Special Effects” nötig : Die Hierarchien und jeweiligen Präsenz- Pegel der diversen Stimmen wurden einerseits durch die Lautstärken- Skalierung , anderseits natürlich durch die Verteilung im Mehrkanalspektrum akzentuiert .
Während Urs Alllemann bereits ein wenig unruhig auf die sich stetig verringernde Zeit bis zum nahenden Rückflug- Termin zu achten hatte , bestand sein Stück “Verlautbarung” mühelos die Nagelprobe des Stereo- Downmix ( = die “Umrechnung” des auf fünfeinhalb Kanälen Angelegten auf das reduzierte Wiedergabe- Panorama in Stereo ) : Trotz der nunmehr zwei , zur UKW- Sendung und üblichen CD- Abspielung tauglichen Kanäle situieren sich die Sprachereignisse auf einem deutlich differenzierteren Spektrum als dies durch eine traditionelle Stereo- Produktion erzielbar gewesen wäre .

Horchen , diskutieren , justieren : De Arbeit im Tonstudio bleibt eine vornehmlich dialogische
Gerade bleibt noch Zeit , dem Autor die erste fertig gebrannte CD in die Hand zu drücken , bevor es quasi in allerletzter Sekunde zurück zum Flughafen ging : Drei maximal dichte , für alle Beteiligten allerdings ungemein erfahrungsstarke und lehrreiche Tage .
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FINIS & TEASER
Zum Abschluss und als Teaser für die am 21. Juni im ORF- Kunstradio auszustrahlende Sendung , gestatten wir uns in|ad|ae|qu|at , Urs Allemann aus dem Konzept zu seinem Radiokunst- Stück zu zitieren :
urs allemann macht in seiner “verlautbarung” das viersilbig vor sich hin lautende wort “ver-laut-ba-rung” (bzw. “ver-laut-bar-ung” bzw. “verl-aut-bah-rung” bzw. “verl-autb-aar- ung”) zum medium sowohl als auch zum gegenstand der verlautbarung. über einem “generalbass”, der 209 mal die silben der “verlautbarung” variierend repetiert, werden verschiedene stimmen laut, die sich – kommentierend, reflektierend, abschweifend,schimpfend, blödelnd, polemisierend – zu einem bizarren verlautbarungschor mischen. dabei löst sich die verlautbarung in der verlautbarung auf. denn: “die verlautbarung zerfällt anders als gallien, aber sie zerfällt auch.”
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