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Salon Littéraire | Markus Köhle :
Sturzgut und Mollsplitt ( Auszüge )

Schwab rät: Vermisch Sprecher und Besprochenes. Mach die Sprache unrein, sprich Objekte an, schaff Figurentypen. Das sollte deiner Person und dir schon gelingen.
Mon weiß, dass das Schreiben ein Kurzschluss der schreibenden Hand mit der Innenwelt ist. Schreiben als Handarbeit im Sinne von mit der Hand schreiben, nicht im Sinne von Handwerk. Also das Gehirn
über die Hand ausströmen lassen. Die Hand als verlängerter Arm der Gedanken, wenn man so will.
Beim Tinzltag in Aldein gelten andere Gesetze. Je länger die Feder am Hut, desto schneidiger der Bub. In Tramin werden Schnappviecher abgeschlachtet. Morgen wird dann endlich gefastet.
Die Wörter “abgöttisch“ und “brandneu“, könnte man getrost mal ins Rampenlicht stellen, so wie “schlechthin“ und “hinlänglich“. Nehmen wir sie vorerst einfach und so hin.
Wahrnehmungen sind Deutungsakte und sowohl Sprache, als auch Literatur im schuhschen Verständnis Wahrnehmungskonserven. Hier für Sie Früchte aus meiner Dose: Fasten macht Spaß. Die kreuzfidelen Kostverächter wissen wie und im Radio läuft Schicksalsergebenheitsschlagerscheiße. Mir läuft ein Schauer über und über und über und über und über und über und… Davonlaufen. Aber wohin ?
Es gilt den Schmerz des Devotierens durch Freiwilligkeit zu parodieren.
Understatement bringt übrigens nur auf gleicher Ebene etwas.
Rezept: Als Dichter musst du aus dem Sozialen Ästhetisches rauspicken und dies dann klischeefrei hoch würgen. Ein Dichter ist also Umweltspicker und Wahrheitswürger. Besser als Hühnerficker
und Spießbürger. ( … )
Mein Gedankenstrom ist ein Tornado und heißt Hugo. Ob anarchisches Toben der Phantasie und delirieren der Logik einen weiterbringen ? Wohin eigentlich? Wie bringt man die Logik zum Delirieren ? Und wer kümmert sich um das Gepäck ? Kofferkulifahrer Kurt sicher nicht, der kugelt gerade schankbierbreit vom Bahnhofsrestenhocker und bleibt im Schutze des Tresens friedlich schnarchend am Fliesenboden liegen. ( … )
Gleiche Chancen am Arbeitsmarkt sind nur bei gleicher Verfügbarkeit gegeben. Hört, hört. Aber Kurt liegt doch eh da am Bahnhofsrestenboden. Er möge wieder eingegliedert werden in die arbeitstechnische Verwurstungskette. Schult ihn um, bildet in fort, weit, weit fort …
Und weg ist er, verschwunden aus der Statistik und gelandet in einer anderen und der Existenzminimumsfrühpension. Nein, kein Einzelfallobstbeispiel, sondern die Regel der Regel. ( … )
Ich darbe, bin Nasenschleim und Muskelverspannung. Der Kopf ist Durchhaus zur Depression, Käfig für frei flottierende, beängstigende Hugos. Das Hirn pfeift mir eins, die Vernunft hat Fenstertag, die Unterschenkel schmerzen, wohl weil sie so weit unten sind in der Körperhierarchie und die Hände häuten sich beleidigt, fühlen sich zu wenig geliebt, eingecremt und aneinandergeklatscht. Na dann klatscht doch, Hände! Stellt euch nicht so an, seid selbständig, entscheidet aus dem Bauch heraus. Ihr könnt das !
Selbstbemitleidungsgeschreibsel kurz vor dem Ersaufen in Rotz. Time out. Eine Generalüberholung wäre wieder mal höchst an der Zeit. Nein, ist nicht als arbeitsloser Selbständiger. Geh, schleich di. “Das Krughafte des Kruges west im Geschenk des Gusses”, schenkt Heidegger ein und aus.

Ja, spuck’s aus. Verbalentleerungen reinigen Körper und Seele.
Nein, mir geht es auch nicht immer gut. Zuweilen zermürbt mich das auch alles. Machen mir nächtliche Seilzugserscheinungen zu schaffen, schnüren mir meine Träume und die Kehle ab.
Doch Scheibenreiniger hilft nicht gegen Mieselsucht, das weiß ich und Löschblätter fallen nicht vom Stammbaum, selbst wenn Zweigstellen Einbrüche erleben.
Wer aber die Kopulierungskupplung schleifen lässt, der hat keinen Bleifuß. Und darauf kommt es doch an, beim Mann, nicht ?
Ja, eine Buch- und Beziehungsbrechung mit Nachwehen. Richtig erkannt.
Mein Gott, Hyperaktivität und Schwallreden sind halt auch nur zwei Problembewältigungsstrategien von vielen.
Wer kuchenkonform argumentiert, dürfte ein süßes Tonfallbeispiel abgeben. Schwer zu verheimlichen.
Most und ein Mohnstern zu Ostern, das macht Freude. Und die Schnupftabakdose stets gefüllt, das ist ein gutes Gefühl. Aber Kinder ?
Ja, ich hadere selbst. Keine Spur von Sicherheit. Nach außen, ja … Aber innen, nein …
Zweifel, der Rand der Medaille. ( … )
Aber wie wissen, wenn nicht ausprobieren. Kann man nur wissen, was man lebt ? Wer soll das wieder wissen ? Wer lebt schon alles, und redet nicht nur groß? Wer gesteht schon gerne Fehler ein, zumal von lebensbestimmender Dimension ?
Ich weiß, ich weiß, mit Gabelstaplern isst man nicht. Hochstapeln hingegen hilft gelegentlich.
Freilich ist das alles nur Ablenkung, ein geschickter Slalomkurs auf der Lebenspiste, die doch ausschließlich für Abfahrtsläufer präperiert ist. Ganze Kerle mit Steherqualitäten und Oberschenkel statt Oberstübchen. Das zu wissen ist nur bedingt hilfreich.
Jeder Faustschlag lieber gesehen als treffende Vorschläge. Jeder Bildungsmaulwurf lieber gesehen als alternative Lebensentwürfe. Jedes verzogene Kind lieber gesehen als ungezogene Künstler.
Miststreuer und Steuersenkungen dominieren die Politik. Wer sich Bildung und Kultur auf die Fahnen schreibt, der riskiert blaue Wunder. Wer hinter- und nachfragt, wird ins Extremeck gestellt. ( … )
Ja, Wut ! Ja, Wut und Angst und allen Grund dazu. Aber ich glaub an Wissen und Wünsche und ich wünsche mir, dass das anders wird. Denn Wünsche sind fromm und sitzen im Himmelsorchestergraben gleich neben dem Kontemplationstriangelengel. Eine gute Ausgangsposition fürs Dortbleiben und Weitermachen wie gehabt.

Um einen Witz komisch finden zu können, muss man ihn auf der kognitiven Ebene verstehen und auf der affektiven Ebene als humorvollen Reiz spüren. Das heißt, man muss erstens die Inhaltskongruenz entdecken und zweitens die richtige Resolution ziehen. Keine Kunst, nicht ?
“Keine Kunst ist möglich ohne einen Tanz mit dem Tod“, sagt Céline.
“Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen“, sagt Susan Sontag.
Und: “Nein, Abtönungspartikel schmiert man sich nicht ins sorgenfaltengeplagte Gesicht“, sage ich.
Von wegen Apperzeption respektive hingebungsvolle Wahrnehmung des Gleichzeitigen, er las immer “hingebumsvoll“, so sehr litt er unter seinem Notständer.
Ist das drastische, gleichwohl poetische Obszönität ? Die selbstbefleckte Empfängnis hat den Wunsch als Vater des Kindes, schreibt Eichberger.
Ja, ich gebe es unumwunden zu, ab und zu bin ich gern zu. Denn schon Herodot hat die Perserinnen und Perser gelehrt wichtige Entscheidungen betrunken zu fällen und sie nüchtern dann zu überdenken.
Und du ? – Du bist zu beschäftigt ? Aber du bist doch Geisteswissenschafter und der Geisteswissenschafter verliert doch seine Berechtigung, wenn er vom kritischen Intellektuellen zum reinen Brotgelehrten mutiert oder wie, was, was ?
Das humanistische Bildungsideal ist längst den Bach runter gegangen. Ob man dem nachtrauern soll, ist eine andere Frage.
Die Geisteswissenschaften sollten der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst geben. Das ist an sich ein rund um die Uhr Job. Oh ja, die eigentliche Schuld ist das Müde werden. Da hilft kein Reiki und keine Handauflegheilhilfe und eine Dauertratsch- ist eher eine Matsch-, als Ideenglühbirne. Und was machst du so ?
Durchlaufpostenschacher.
Durchlaufpostenschacher, oh, ich versteh, du frönst dem Praktikantentum. Zum angemessenen Geldverdienen zu jung und dumm, sagen die Verlage, die Museen, die Architekturbüros, die Designstudios, die Veranstaltungszentren, die Tageszeitungen, die Wochenzeitungen, die Illustrierten, die Magazine, die Werbeagenturen, die Grafikbüros, und, und, und… Und das ist gut, ja ?
Fürs erste, zweite, dritte, vierte, vorerst muss ich Erfahrungen und Schulden sammeln. Das ist in der Branche so Usus.
If you pay peanuts you get monkeys. Möchte man meinen, aber nein, anything goes. Und wer nicht mit macht, der geht baden. Das schlägt auf Herz und Nieren und der Magen bedankt sich dann mit satten … Weil Weichheit generiert schwerwiegende Innenlebenschäden.
Ohne Gedächtnis kein Bewusstsein.
Ohne Erinnerungsvermögen kein Zeitbegriff.
Ohne Wut keine Schreiblust.
Ohne aber kein eigentlich.
Gelegentlich fehlt mir der moralische Drive. ( … )

Es geht bloß um den dramatischen Kitzel und das Affektpotenzial. Mit stummer Bestürzung die Fahne der Erkenntnis hissen. Radikalität vorgeben und dann in biedere Schauerlichkeit mit leicht
gewürzter Ekelästhetik abdriften, steif pathetisch gedrillte Ernsthaftigkeit vorgeben und nur schwülstige Getragenheit liefern. Von drastischer Sprachpenetration kann keine Rede sein. Von wegen Textexotik. Kalkulierte Verfremdungsinszenierungen, weit und breit kein hemmungsloses Sprachgeficke und dazu billiges Bildungsgeklapper. Magengrubenhunt. Faustschlaganfall. Wortbruch und Sprachstückstollwerck. Pfui ! Ich bin verwirrt. Auch das kann ein Ziel sein.
Und was ist wichtiger: Stil oder Gedanke ? Antwort: Allerdings. Danke Dieter Dath. Vulnerant omnes, ultima necat. Alle verwunden, die letzte tötet. Alte Bierkrügelweisheit. Lichtmastenfeld am Frachtenbahnhof vor dem Zentralfriedhof. Schönes Reih und Glied.
Glied, Blase und Donaukanal. Urin ist zu 96 Prozent überschüssiges Körperwasser, ergänzt durch Harnstoff, Salze, Vitamine und Pigmente. Urin wird in den Nieren produziert und ist steril und praktisch geruchlos. Er wirkt erst störend, wenn er an der Luft von Bakterien besiedelt wird, die den Harnstoff zum stechend riechenden Ammoniak wandeln. Sylvia Branzei, die Erfinderin der Ekelkunde an Schulen, vermtittelt’s. Vorläufig noch ausschließlich in Amerika.
“Man kann sich immer darauf verlassen, dass die Amerikaner das Richtige tun – nachdem sie alles andere ausprobiert haben“, meinte Winston.
Man möge mir vorwerfen ich leide unter Akkumulationsmanie, strebe ein allumfassendes Amalgam an, habe Weltversprachlichungszwang. Das ist leider nicht von der Hand zu weisen aber Sprachsträucher und Wortwildwuchs schärfen den Blick fürs Wesentliche. Oh ja ! Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt, sagt der andere Gerhard Roth und das Unbewusste entsteht zeitlich vor dem Bewusstseinszuständen und das bewusste Ich hat wenig Einsicht in die Grundlagen seiner Wünsche und Handlungen.
You never use the same brain twice.
Die Schnellspannmutter ist für Vielschrauber mit Zeitnot gedacht. Ratschen übers Gewinde, einklinken, drehen, fertig.
Noch nie war Doppelmoral so preiswert. Als Kunde fördern wir alles, was uns als Bürger empört. Der Protestwähler ist im Zivilstand Schnäppchenjäger. In der Konsumgesellschaft ist Moral ein Privileg. “Man muss verstehen, die Fehler zu begehen, die unser Charakter von uns verlangt“, sagt Nicolas de Chamfort dazu.
Mein geistiges Vermögen versiegt. Mein brain-cash-flow geht flöten. Kant würde konstatieren die “innere Barschaft“ ist futsch. Ausverkauft ! Billig, billiger, noch billiger. Alles immer billig, billiger, noch billiger. Ach, alles, alles, alles umsonst.
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- “Sturzgut und Mollsplitt” ist in Markus Köhles Textsammlung “Bruchharsch” – Skarabäus- Verlag , Innsbruck 2009 erschienen
- Wenn schon im Jänner der Juni nervt , dann hat’s weit herunter geschneit
- Ich wache noch immer auf – Loops des Grauens ( Thema-verfehlt- Variation 1 )
- Ich wache noch immer auf – Loops des Grauens ( Thema-verfehlt- Variation 2 )
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HINWEIS
Unter dem Titel “SPRECHMASCHE” tritt Markus Köhle in Doppelconférence mit Mieze Medusa zu einer Spoken Word- und Slam Poetry- Performance ( mit Live- Aufnahme ) im Wiener Literaturhaus an – Mittwoch , 13. 5. 2009 , 20 H
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