||| DISCLAIMER | ANNOTIERUNG | ELFRIEDE GERSTL : LEBENSZEICHEN – GEDICHTE TRÄUME DENKKRÜMEL | QUELLE | HINWEIS | RELATED

DISCLAIMER
Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren den Text ausführlich mit ausdrücklicher Genehmigung der Nachlasswalter und des Verlags .
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ANNOTIERUNG
Elfriede Gerstl hat , wie in vielen Aspekten ihrer penibel durchkomponierten Lebensführung * , welche den Platz für das persönliche Chaos ebenso vorsah wie für ( pünktlich eingehaltene und mit je einer speziellen Brosche aus ihrer Sammlung kommentierte ) Rendez- Vous sowie Literatur- und Kunsttermine , auch ihr letztes Buch sorgfältig geplant .
Man wäre versucht , von einem “Nachlass zu Lebzeiten” zu sprechen , wäre dieser Begriff nicht so abgegriffen . Einerseits . Seit bibliothekarische Institutionen und Literaturarchive einander entweder hochpreisig die Nachlässe der Berühmten streitig machen , nicht wenige Autorinnen und Autoren allerdings schon aus ökonomischen Gründen sich dazu durchringen , gegen überschaubare Summen Teile ihrer Vorlässe an solche Körperschaften abzugeben , um für ihr ökonomisches Auskommen wneigstens für kurze Zeit aufkommen zu können , klebt an all diesen Gelassen der Ruch des Geldes , der Verwaltung , des Funktionellen . Speziell angesichts des kargen Honorars , welches man als Autorin für Vorlasshändel hier , schmale Gedichtbände ( “altes lied” ) dort und spärliche Lesungen zugesprochen erhält , sind solche Gelasse eine verdammt einsame Sache .
Elfriede hat sich indes während der ihr als solche bewussten letzten Monate ihres Lebens anders entschieden . So , wie sie ihr Lebtag darauf aus war , die Freunde zu Tandel- Treffs oder Jour Fixes auf der Roten Couch zu versammeln , so hat sie dies auch in ihrer letzten Buchpublikation ( buchstäbliche eine Ausgabe Letzter Hand ) gehalten : In Widmungen , in Anspielungen , Genre- Reverenzen und nicht zuletzt durch die Illustrationen von ihr nahestehenden Künstlern hat sie gleichsam erneut ein solches Treffen arrangiert ; selbstredend auch mit einem Nachwort der anderen Elfriede .
So ist aus der Roten Couch jener Rote Punkt geworden , welcher – organisch in die Struktur von Angelika Kaufmanns “pinselabdruck” eingebettet – die Titulatur Lebenszeichen – gedichte träume denkkrümel in sich birgt .
Rund wie Caféhaustisch , an welchem nicht wenige der Notizen entstanden und über dessen Platte hinweg sie den Austausch mit Freunden pflegte , lädt das Signet zur Teilhabe ein . Postum , kaum einen Monat nach Elfriedes Ableben am 9. April 2009 erschienen , reicht das Büchlein die poetischen Miniaturen , Traum- und Kärtchen- Texte als scheinbar kleine “Denkkrümel” an die imiaginierte Community von Freunden , Kollegen und Leserinnen weiter .
Im Unterschied zu früheren Gedichtbänden nehmen sich diese “Lebenszeichen” – sub specie aeternitatis und aus der Situation der verzehrenden Krankheit heraus – die Freiheit , “Pointen” weniger als gewitzte Form von Triebabfuhr zu setzen , sondern buchstäblich als Spitzen des Aufbegehrens gegen Alter , Verfall und erzwungenen Rückzug in die eigenen vier Wände , wo der Beistand Einiger Weniger sie den Begriff der Freundschaft neu definieren liess .
Wo noch von Elfriede Gerstls ureigenem Lebensraum – den Gassen , Kaffeehäusern und Menschen ihres “Grätzls” ( Biotops ) – die Rede ist , ist die Nonchalance des Überall- und- Nirgends mit einem Mal “von verlust bedroht” ( “heimat” ) . Das Bedürfnis nach Trost ortet die dezidierte Individualistin und Agnostikerin noch im Februar 2009 “am ehesten in den wenigen verlässlichen freundschaften / die keinesweges jedem vergönnt ( “woher soll jemand der denkt wie ich trost holen” , 20. 2. 2009 ) .
Dass , wer von Altersgedichten spricht , nicht umhin kommt , an Ernst Jandls radikale Reflexion des körperlichen und intellektuellen Verfalls zu denken ( “idyllen” , 1989 ) , weiss die Autorin sehr genau .
Wie different die poetische Fassung des Unfasslichen indes geschieht , erweist Gerstls Replik auf Jandls “kein widerspruch” ( aus : “der gelbe hund” , 1980 ) , wobei der Schlussvers “warts ab” eine Spannungslinie zieht zwischen dem resignierten Rat derjenigen , die es am eigenen Leibe erfährt und der ironischen Farce auf die Drohgebärde Hochbetagter gegenüber Jüngeren .
Seinen bösen Doppelsinn – und hier steht Elfriede Gerstl ihrem im Jahr 2000 verstorbenen Kollegen an Drastik kaum nach – entfaltet das Wort “verlässlich” , indem es das Explizite im Hintersinn versteckt und damit umso wirkungsvoller dessen Doppeldeutigkeit exponiert : “unser wille geschieht / verlässlich” ( “im krankenzimmer” , 16. 2. 2009 ) . Ja , selbst die berühmten “Kärtchen” haben – wie der Vergleich mit einem früher in Umlauf gebrachten erweist – den lakonischen Witz um einige Lux verdüstert .
Die Veröffentlichung einiger Traumsequenzen könnte durchaus als eine Reverenz an den von Elfriede hoch geschätzten Andreas Okopenko und dessen “Traumberichte” ( Edition Blattwerk , 1998 ) markiert sein . Gleichwohl erweisen scheinbar surreale Sequenzen wie der vegetabil überwucherten Innenstadtstrasse Tuchlauben mitsamt den Alice-im-Wunderland- Kellner- Spielfiguren erst ihre wahre Drastik , wenn man die strikte Allergie der Autorin gegen jedwede Manifestation von “Natur” kennt .
Auch das aus dem Körpergefühl ( und der Realität ) physischer Leichtigkeit entspringende Bild des Engels ist ungewöhnlich für eine dem poetischen Stereotyp derart fern stehende Dichterin wie Elfriede Gerstl , dass dieses Imago zu einem der verstörendsten des gesamten Buches zählt .
Elfriede Jelineks Nachwort ( “Vom Boden abgestossen” ) sei hier ausgespart : Als streike die üblicherweise glatt laufende Wortumdrehungsmaschine , nimmt sich dieser Text fast holpernd aus , als gelte es , angesichts des Unsäglichen nicht in die Falle persönlicher Bekenntnisse zu stolpern . Als sei dies – etwa mit der Laudatio zum Erich Fried- Preis 1999 oder Hanna Laura Klars Fim “Elfriede und Elfriede” ( 2005 ) – hinreichend geschehen und zu diesem Zeitpunkt und an dieser Stelle buchstäblich nicht mehr am Platz . Sprünge und Brüche anstelle eleganter Sentenzen .
* In jenen Bereichen zumal , wo sie jenseits biographischer und ökonomischer Zwänge frei schalten und walten durfte .
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ELFRIEDE GERSTL : LEBENSZEICHEN – GEDICHTE TRÄUME DENKKRÜMEL
altes lied
gedichte erbitten besprechung
wie kinder spielen sie im sprachwald
und werden nur von wenigen so ernst genommen
wie ihre erwachsenen verwandten
die breitspurigen romane ( august 2006 )
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heimat
heimat im stammbeisel
heimat im landhäusl
heimat in einem mann
heimat in einer frau
heimat ist schutz und last
jeder fund
von verlust bedroht
heimat kann man nicht buchen
nur suchen
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oldie- alltag
1
schrullen pflegen
ärzte besuchen
tote beklagen
freunde anjammern
2
schrullen besuchen
ärzte pflegen
tote anjammern
freunde klagen
3 & 4
selber variieren ( 10. 1. 2009 )
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zu ernst jandl “kein widerspruch”
ernst jandl – kein widerspruch
das leben
wird länger
und länger
nämlich kürzer
und kürzer;
es zieht sich nicht ( ernst jandl , “der gelbe hund” , 1980 )
Replik Elfriede Gerstl – lebenslängen
lang
lang lang
kränkung
krankheit
kummer
kurzes glück
es gibt keinen plan
man kann auch keinen machen
zufällig zerstört der zufall
dies und das
warts ab
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11. 12. 2008
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[ traum ]
in der tuchlauben erstrecken sich wiesen mit mauerresten, wo das café korb ist, wächst hohes gras, in dem schwarzgekleidetes wachpersonal liegt ( die besmokingten kellner ? ), das fallweise gerufen wird, um als schachfiguren zu dienen oder auf einem anderen brettspiel mach regeln herumzugehen oder zu hüpfen. ( 2006 )
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traum von luft in der luft sein
ich könnte in der luft gehen, zehn zentimeter über dem boden.
die sonst so schweren füsse waren ganz leicht – in bewegung aufgelöst.
glücksgefühl. habe ich engelstatus erreicht ? ( 11. 3. 2009 )
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QUELLE
Elfriede Gerstl : Lebenszeichen – gedichte träume denkkrümel . Illustrationen von Heinrich Heuer , Angelika Kaufmann und herbert j. wimmer , Nachwort Elfriede Jelinek – Literaturverlag Droschl 2009
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HINWEIS
Die Schauspielerin Vera Borek und herbert j. wimmer stellen das Buch vor und lesen in memoriam Elfriede Gerstl .
Elfriede Gerstl : Lebenszeichen – Literarisches Quartier Alte Schmiede – Mittwoch, 20. 5. 2009 , 19.00 H
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RELATED
- Dokumentation : Stimmen über Elfriede Gerstl ( 1932 – 2009 )
- Elfriede Gerstl 1932 – 2009
- Bio- Bibliographie
- Lexikon
- Portrait “gast im kopfhaus“
- Elfriede Gerstl im “Salon Littéraire” :
- Elfriede Gerstl in “tableau de texte”
- “vorfabrikat für absagen” in Michael Hammerschmied ( Hg. ) : Räuberische Poetik . Spuren zu Robert Walser ( Klever Verlag 2009 )
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