INGEBORG BACHMANN – PAUL CELAN : HERZZEIT | WOLFGANG KOEPPEN : DEUTSCHES PANDÄMONIUM | CHRISTA WOLF : “KINDHEITSMUSTER” & “KASSANDRA” | KLANGAPPARAT
Nachkriegsdeutschland und seine diversen Verwerfungen : So in etwa könnte man die heute vorgestellten Hörspiele und Audio- Einspielungen einiger emienter Werke subsummieren .
Sei es der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan , in welchem die Shoah eine selten direkt apostrophierte , gleichwohl unterminierende Rolle spielt , sei es in Wolfgang Koeppens grausam- irrwitziger “Trilogie des Scheiterns” oder sei’s in Christa Wolfs “Kindheitsmustern” , welche ein Aufwachsen unter den wechselnden “Wahrheiten” verschiedener Regimes nachzeichnen . Noch ihre “Kassandra” spricht die Eigenlogik der Gewalt in Form eines Schlüsselromans der DDR- Diktatur an – und nimmt dabei die Frauen durchaus nicht aus von der Schuld des Komplizentums .
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INGEBORG BACHMANN | PAUL CELAN : HERZZEIT
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Als der Briefwechsel zweier eminenter poetischer Stimmen des 20. Jahrhunderts im Vorjahr in Buchform erschien , lag der Öffentlichkeit das Zeugnis einer verzweifelnden Liebe vor , welches wenig Anlass bot für Voyeurismen .
Die Briefe , Karten und Widmungen , die dem 1948 in Wien geknüpften Liebesband zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan während knapp zweier Jahrzehnte folgten , sind dramatische Dokumente des Einander- Verfehlens . Ob in Wien oder Rom , Paris oder München abgestempelt , bleiben die schriftlichen Zuwendungen Ursache und Resultat unablässiger Unruhe . Untrennbar aufeinander bezogen , ringen hier zwei Sprachmächtige um das “richtige” , das verbindende Wort .
Indem Verena Teichmann und Harald Krewer – gebührlich gerühmt für die Vertonungen der Briefwechsel Walter Benjamins mit Theodor und Gretel Adorno – nicht auf die Imitation von bekannten Stimmen setzen , sondern den Fokus auf den Ereignisreichtum der Texte schärfen , unterbleibt jede “Inszenierung” des ohnehin Dramatischen . Die etwas kühlere Note Johanna Wokaleks , das überraschend feminine Timbre Jens Harzers sind maximal auf die Texte konzentriert statt emotional exaltiert . In der Diskretion der Stimmführung schwingt gleichsam das Ungeschriebene und zwischen den Zeilen Ungesagte mit .
Zwiefach tragisch das Finale : Celans psychische Zerrüttung infolge der infamen “Affäre Goll” und sein Tod in der Seine 1970 . Nur drei Jahre später erliegt Ingeborg Bachmann einem fatalen Brandunfall – ihr “Todesarten“- Zyklus bleibt Fragment . Die Einspielung von Originalkommentaren der Buch- Herausgeber Barbara Wiedemann und Hans Höller bestätigt die akustisch dringlich vermittelte Vermutung , dass hier zwei Leben , zwei exzeptionelle Werke und eine fragile Liebe zwischen den Nachwirkungen der Shoah und dem gerade in seiner modernen Form in Gang gekommenen Literaturbetrieb zerrieben wurden .
( speak low 2009 – more … )
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WOLFGANG KOEPPEN : DEUTSCHES PANDÄMONIUM
Folgt man Wolfgang Koeppens Befunden zur deutschen Nachkriegszeit , verblassen die Mythen von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder angesichts des totalen moralischen Bankrotts , welchen der Krieg hinterliess .
Koeppens romaneske “Trilogie des Scheiterns” , Anfang der fünfziger Jahre publiziert , gibt ein katastrophales Bild des Kampfes aller gegen alle . Sei es ein Münchner Tag im Jahr 1948 ( “Tauben im Gras” ) , sei’s der politische Kochtopf Bonn ( “Das Treibhaus” ) oder sei es eine fatale Personenkonstellation im klassischen deutschen Sehnsuchtsort am Tiber ( “Der Tod in Rom” ) : Das teils expressionistische , teils nihilistische , in filmischen Sequenzen und subjektiven Denkfetzen gehaltene Triptychon wirft grelle Schlaglichter auf die Verfasstheit des kleinen Mannes , der politischen Kaste sowie der Ewiggestrigen .
In welch aufregender Weise sich das szenische Material der Prosa Koeppens einer auditiven Adaptierung anbietet , erweist die üppig instrumentierte Hörspielfassung der Trilogie , welche nun auf CD erschienen ist . Dabei übernimmt Leonhard Koppelmann , vielbeschäftigter Regisseur des Jahrgangs 1970 , die handlungsstarken Teile eins und drei , wo die Generationen von Altnazis und Kriegskindern aneinander zerschellen . Walter Adler , Grandseigneur des deutschen Hörspiels , formt dahingegen Teil zwei – den inneren Monolog des Abgeordneten Keetenheuve im Bonner “Treibhaus” – als introvertierteren Part .
Nichtsdestoweniger gestaltet die klug um einige Handlungsstränge gekürzte auditive Fassung ein deutsches Pandämonium , welches in den perversen Obsessionen des ehemaligen SS- Generals Judejahn gipfelt . Den sprechenden Namen , typisierten Charakteren und drastischen Ereignissen der Romanvorlage gemäss greift auch die auditive Adaptierung in Stimmführung , atmosphärischen Effekten und musikalischer Ausgestaltung in heftigere Register : Wer aber dächte sich ein danteskes Inferno in Zimmerlautstärke ?
( HR | SWR | WDR | Der Hörverlag 2009 – more … )
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CHRISTA WOLF : “KINDHEITSMUSTER” & “KASSANDRA”
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Man glaubte sie in Schule und intellektuellem Leben durch und durch verbucht : “Kindheitsmuster” und “Kassandra” von Christa Wolf . Wenn die Autorin auf CD aber mit eigener Stimme die Bedingungen einer in den Nationalsozialismus hineingewachsenen Kindheit befragt und Letztere hart gegen eine spätere Reise an die Schauplätze im deutsch- polnischen Grenzgebiet schneidet , umspinnt uns das Textgewebe aus unterschiedlichen Zeitschichten mit unverminderter Präsenz : Seismografisch verzeichnet die Chronistin Wesen und Werden dessen , was nur höchst ungenau zwischen einem unwillkürlichen “Ich” ( “nature” ) und dessen Sozialisation ( “nurture” ) zu scheiden ist .
Wo das offenherzige In- die- Welt- Hineinwachsen mit jäh wechselnden Werten konfrontiert ist , dringen – wie angesichts der neuen Ordnungen und Sprachregelungen des Nationalsozialismus – die Techniken der Verstellung tief ins Inwendigste . Durch all die anekdotenhaften Episoden hindurch bleibt die Frage nach der Konsistenz eines “Ich” ungemindert aktuell .
Noch in doppelter Verklausulierung – antiker Troja -Mythos plus Sammelporträt der politischen Chargen der DDR – wird die Stimme authentischen Aufbegehrens gegen die Strukturmuster der Gewalt vernehmlich . Es war zwar der Fluch Kassandras , als Seherin und als Frau nicht gehört zu werden : Am Ende hat sie mit der berühmten Bezeichnung des homerischen Superhelden als “Achill , das Vieh” für jedweden Krieg seither recht behalten .
( Random House Audio 2009 , more … )
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KLANGAPPARAT
Fraglos , Romain Roqueta aka Sukdabeat agiert vor dunklem Hintergrund : Seine fliessende Atmosphärik scheint einer postapokalyptischen Welt zu entstammen , beleuchtet indes von surreal hellen
Schlaglichtern und plötzlich wärmend durchbrechenden Sonnenstrahlen . Sein beim Netlabel Crazy Language als Nummer 022 herausgekommene Release “Struktur” legt Comiczitate , Glockenspiel und schön viel Gamelan über teils schwebende , teils treibende dark beatz . Sollte man mehrmals hören : Vexierend .
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