ZeitSchriften : Literatur & Gespenster # 8 | kolik # 44

Literaturzeitschriften

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Es gibt sie noch , die guten Zeitschriften : Periodika , die jenseits der Flüchtigkeit von Netzkassibern , Blogs und Twitter Texte und Essays integral oder in Auszügen so vorstellen , auf dass man sich ein gediegenes Bild von der entsprechenden Text- oder Sachlage machen kann .

In sommerlich vazierenden Zeiten übrigens doppelt praktisch : Wer mag schon einen 700- Seite oder ( s ) eine Artemis- Dünndruck- Ausgabe auf die Liegewiese ( “summen Unsummen von Hummeln in der Luft run / Ich seh , wie sie über Liegewiesen fliegen oder über Gras rasen” , Bas Böttcher ) mitnehmen , wo das teure Buchobjekt ohnehin nur Wasser- und Sonnenölflecken , resp. : Insektenleichen , davontragen kann .

Im Folgenden ein kleiner Rundgang durch Angekündigtes ( in bester Erfahrung und Erwartung ) sowie Vorliegendes in kritischer Rundschau . A propos : Innovative , künstlerische und schräge Mags werden in laufender Aufdatierung ( & nicht immer jugendfrei ) auf “gute Seiten” vorgestellt .

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KULTUR UND GESPENSTER # 8

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“Gute Seiten” weist zweifelos die aus dem Hamburger Textem- Verlag entspriessende und bislang in mehreren Rahmengrössen erschienene Literatur- und Diskurszeitschrt “Kultur und Gespenster” auf : Im Erfeuliche Néglience der Sparten “Hoch-” und “Popkultur” darf der Leser ( m | f  ) zeit- genössisches Denken aus nächster Nähe betrachten , wobei das Theorielevel stets beachtlich ausfällt .

Dazu feine Fotostrecken ausgewählter Künstler ( m | f ) und ein gehöriger Schuss Meta- Meta- Ironie . Was sich an der Themengebung der heute , 18. 6. per Release- Party ( HH ) lese- und lebensfreudig präsentierten Ausgabe # 8 in höchstmöglicher Ambivalenz manifestiert : HOCHSTAPLER .

Editorial :

Dies ist die erste von zwei Ausgaben zum Thema Hochstapler, eingefangen vom zweiseitigen Handspiegel, mit dem das Umschlagmotiv aufmacht: Elvis oder Beuys ? Aber nicht nur Heiratsschwindler oder Kasinokapitalisten sind Thema des Hefts Hochstapler I/II.

Hauptsächlich geht es um all die Gespenster, die am Rand der Medien die Kontrolle über ihre Identität riskieren, ob nun vorsätzlich oder unfreiwillig, als Kriminelle oder Doppelgänger, durch offizielles Photo-Shop-Lifting oder als virtuelle Investition. Der Inhalt des Hefts Hochstapler II/II ist bereits hier im Inhaltsverzeichnis mit aufgeführt.

Folgt nun die appetitanregende Listung einiger der in|ad|ae|qu|at bemerkenswertesten Hochstapeleien

K G I

K & G # 8 ( Auszug ) :

  • Enno Stahl : Die Welt will betrogen sein, gewiss. Sie wird sogar ernstlich böse, wenn du es nicht tust. – Walter Serner – Presse-Blague, Hochstapelei und der Nihilismus des l’ennui

… Anders als Arp, Huelsenbeck oder Schwitters montiert Serner keine vorgefertigten sprachlichen Versatzstücke, dennoch gelingt es ihm gewissermaßen, mehrere Bewusstseinsschichten miteinander zu verschalten, insbesondere durch das Prinzip der Parataxe: Klammerbemerkungen und Kommentare, wie wir sie – viel später – bei Arno Schmidt kennenlernten. Serners Schreibweise wirkt dadurch überaus komprimiert, die zahlreichen kurzen Klammereinwürfe (“die letzten (bum !) – Fragen”, “diese fürchterliche Öde um einen (man halte mich !) – großen Gedanken” bewirken eine ironisch-denunziatorische Gegensteuerung des Gesagten. Der Leser realisiert beide Schichten gleichzeitig: einmal die Vorstellung, welche “die letzten Fragen” notwendig hervorrufen, und zugleich ihre Negation durch die minimale Interjektion, welche ihnen vorgeschaltet ist. ( … )

… GPT versteht sich im kunsthistorischen Kontext einer Technik, für die sich seit den 80er Jahren allmählich der Begriff Fake durchgesetzt hat. Fälschung. Fälschung freilich nicht im Sinne harter ökonomischer Betrugsdelikte innerhalb des Kunstmarkts
(etwa das Anfertigen gefälschter Werke). Das wäre vermutlich zu viel der (viel zu handgreiflichen) Kritik und zu wenig der Rückversicherung durch die Tradition von Kunst als unbedrohliche, in den ihr zur Verfügung gestellten symbolischen Raum sich bescheidende, frühbürgerliche Gattinnenfigur der Ökonomie.
Die Kunst hat sich nie bewaffnet, und wie könnte sie auch: Sie hat ja gar keine Hände. Nur Wände. ( … )

Fake als künstlerische Strategie bedeutet (being a bourgeoise artist means: You won’t go to jail [you go to history instead …]) kein wirkliches, betrügerisches Fälschen, sondern ein symbolisches Handeln in symbolischen Räumen. Ein Symbolhandeln, mehr ist nicht drin. Geweint wurde ja jetzt bereits genug hierüber.

Und die Überwindung-in-die-Lebenspraxis-Pubertät der Kunst ist zum Glück unwiederbringlich vorbei. Mag sie auch wild und schön gewesen sein, wie das jede Pubertät eben manchmal und unter Umständen zu sein vorgibt. ( … )

GEORG PAUL THOMANN ist ein von der Wien-Graz-Bamberger Gruppe monochrom erfundener österreichischer Großkünstler, dessen Weg durch das späte 20. Jahrhundert markante Punkte und Positionen der Gegenkulturgeschichte sowie der künstlerischen Avantgarde miteinander verbindet.

2000 nahm Thomann an der ARS electronica in Linz teil, 2002 als österreichischer Beitrag an der Biennale São Paulo bzw. wurde er von monochrom vorgeschoben, da die Gruppe den unappetitlichen, aber lukrativen nationalen Repräsentationsjob nicht selbst erledigen wollte.

Zentraler Bestandteil der Werkeinheit “Georg Paul Thomann” ist die fast hundertseitige Biografie, die sich auch als Entwurf einer Gegenkulturkunstgeschichte lesen lässt.

Sie ist nachzulesen im THOMANN-READER – Thomas Edlinger | Johannes Grenzfurthner | Fritz Ostermayer ( Hg. ) : Wer erschoss Immanenz ? Betrachtungen zur Dynamik und Intervention bei Georg Paul Thomann, edition selene 2002. ( Nur noch wenige Exemplare vorhanden, zu bestellen bei frank.apunkt.schneider@gmx.net oder unter www.monochrom.at/thomann. )

… Jeff Koons ist nicht der Erfinder der Gleichung, das Publikum sei ein Readymade. Der Gedanke, den Adressaten als eine fixe und berechen – bare Größe aufzufassen, an dem ein Aktant, z. B. ein Redner, seine Gabe orientiert, ist alt und geht auf die klassische Rhetorik zurück. Die Manipulationsbereitschaft und -fähigkeit der Sophisten ist bekannt.

Je nach Gegenüber gibt es einen anderen Text, der prinzipiell austauschbar ist. Das ist auch notwenig, denn Sophisten und Konsorten haben ein Zeitproblem insofern, als ihre Technik, ihre Tricks früher oder später bekannt sein werden. Der Manipulierende muss also schnell reagieren und das eine Readymade gegen ein anderes austauschen können. Im schlimmsten Fall, im Moment der drohenden oder un aufhaltsamen Entlarvung, heißt es: fliehen. Die Rache des Readymades ist dem Manipulierenden sicher. Im Augenblick der Enttarnung löst sich das Readymade auf und verfolgt als wieder eigenverantwortliches System eigene Interessen, die zunächst direkt mit der Bestrafung zu tun haben.

Mit diesen Überlegungen ist noch nichts über die Bereitschaft der Leute gesagt, sich um den Finger wickeln zu lassen. Die Welt will
getäuscht werden, so hieß es einmal – Besserung scheint unterdessen nicht eingetreten zu sein. Das eminent Fiktive in unser aller Köpfen ist unbestritten. Ob mit oder ohne Täuschung, wir sind alle Meisterschüler der abstrakten Maler, die es bekanntlich schon immer gegeben hat.

Abstrakt im Sinne von abstrahieren, von reduzieren, verknappen, vielleicht auch verdichten, auf jeden Fall ist am Ende nur noch ganz wenig da vom ganzen Reichtum des Realen. Man kommt trotzdem gut klar, weil es den anderen genauso geht. Verglichen wird erst mal und für viele überhaupt mit den Fiktionen der anderen. Hier kommt einiges ins Spiel: Kritik, Neid, Bewunderung, Anerkennung, all das, was, vor allem in den positiven Ausformungen wie Bewunderung, die Initiative dem Bewunderten überlässt, der allerdings dadurch noch nicht zum Hochstapler wird. Hierzu gehört mehr, z. B. die von anderen bewunderte Fiktion in einen blendenden Rahmen zu stellen, der somit den Geblendeten verführt und sistiert, also ruhigstellt. Nach der Produktion der Fiktion des Manipulators ist das die (Selbst-)Produktion des Publikums: als Readymade.

Wolfgang Bauers Theaterstück “Change” aus dem Jahr 1969 ist nur bedingt ein Werk zum Thema Hochstapelei. Weder wird bereits im Titel auf das Thema aufmerksam gemacht wie bei Thomas Manns einschlägigem Roman oder Jean Cocteaus “Thomas l’imposteur“, noch lässt Bauer die Manipulationskünste seines Helden Fery am Zuschauer vorbeiziehen.

Dieser erfährt bloß von einem Plan, der Idee Ferys, jemand anderen als Maler zu pushen, diesen von den Kunstmarkt-Streicheleien abhängig zu machen und ihm dann wieder alles zu nehmen, sodass ihm, dem Maler, nichts anderes bliebe als der Selbstmord.

Das Projekt eines hochgestapelten Künstlers, der am Ende wie Ikarus aus dem Himmel stürzte und zerschellte, hat Wolfgang Bauer von den bösen Buben der Wiener Gruppe als objet trouvé übernommen. Oswald Wiener, Konrad Bayer und die anderen der Wiener Gruppe setzten das Projekt niemals durch (bzw. es ging nicht über die ersten Schritte hinaus), vielleicht weil sie einfach sahen, dass sich ein menschliches objet trouvée manipulée (sic !) nicht so glatt algorithmisch einem kybernetischen Prozess aussetzen lässt. Diese Steuermannskunst hätte etwas Nachtwandlerisches und wäre gerade dadurch schon keine Kunst mehr. (Auf das Zusammentreffen von Manipulation und Somnambulismus kommt Bauer in seinem Stück “Gespenster” (1974) zurück, ein Stück, das ähnlich wie “Change” von einem Projekt spricht, das gar nicht Gegenstand des Stücks selbst ist: Substitutionsdramatik.)

Die Wiener Gruppe wird in “Change” namentlich nicht erwähnt, ebenso wenig wie der Künstler-Manager als Experimentator (Konrad Bayer managt Robert Klemmer). Das nur in Ansätzen ausgeführte Projekt der Wiener Gruppe lässt sich als Konzeptkunst avant la lettre begreifen, auch insofern, als das durchgeführte Projekt sich eben als dieses Projekt als ausstellungsresistent erwiesen hätte (oder dann ex post als Dokumentation in Form von Fotos, Videos und Tonbändern eingerichtet worden wäre). ( … )

Wolfgang Bauer schließt damit nahtlos an einige zentrale Thesen des 1965 gemeinsam mit seinem Freund Gunter Falk verfassten 1. Manifest der HAPPY ART & ATTITUDE ( HAA ) an. Lange vor Jeff Koons wird darin wunderbar affirmativ “die Kunst der Lebensfreude und der Liebenswürdigkeit” (These 2.1.1) gesetzt. Die vielleicht wichtigste These (2.2.6) lautet:

“Die Haltung gegenüber dem Tod ist die der Endhandlung (“consummatory act”, Endhandlung eines Instinktverhaltens, lustbetont, z. B. Orgasmus). (HAA löst also das Problem des Todes, seine vermeintliche Unlustbetontheit, so wie sie alle Lebensprobleme löst.

Damit ist auch die zentrale Unterdrückung “spielerisch abgefangen”.
Und wer es immer noch nicht gemerkt hat: Die These 2 hält Wolfgang Bauers (sanften) Holzhammer parat: “HAPPY ART & ATTITUDE ist vermutlich die bedeutsamste Bewegung seit dem Christentum.”

  • Armin Chodzinski : Wir sind die, wir sind die, wir sind die Modernisten. Clean Living under Difficult Circumstances – that’s what it means to be a mod
  • Daniel Künzler : Coupé Décalé. Ostentativer Konsum im Dunstkreis von Betrug und Bürgerkrieg

VorschauK & G # 9 ( Auszug ) :

K G II

  • Alexander Adolph : Hochstapler – Der fast unmögliche Film
  • Sebastian Burdach : “Bist du der Staat ?” – Herbert Achternbuschs Film “Bierkampf
  • Helmut Höge : Look Alikes
  • Thorsten Pannen : Anmerkungen aus dem Zettelkasten eines angestellten Hochstaplers nebst umfassender Theorie zum Verschwinden der Hochstapelei im entwickelten Digitalismus
  • Alexander Schimmelbusch : Zeiten des Abschwungs. Richard Yates – der ideale Autor für entlassene Investmentbanker von heute ( czz : in der Tat , über den erst 2002 ins Deutsche übertragenen und sinnloserweise verfilmten Roman “Revolutionary Road” ( 1961 ) | “Zeiten des Aufruhrs” lassen wir in|ad|ae|qu|at akum eine schärfere Diagnostik der Hochstapelei des American Dream Kommen … )
  • Sonja Veelen : Schröder erzählt – Die Doktormacher Barbara Kalender und Jörg Schröder. Techniken zur Herstellung gefälschter Identität. Eine soziologische Analyse der Hochstapelei – in Auszügen

Kultur und Gespenster @ Textem- Verlag , Hamburg

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KOLIK # 44

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Gegenwarts- und textproduktionsnahen Zeitschriften wie das Wiener Leseheft “kolik” sind beileibe keine Hochglanzschriften , welche etwa vorgeben würden , das jeweils “Beste” , Geglückteste” in nobler Aufmachung zu präsentieren . Demgemäss macht die “kolik” auf grafisch sehr absichtlich “wenig her” , hält man mit dem jeweils etwa 150- Seite nichts mehr – aber auch nichts weniger – als einen praktikablen Reader zur meist noch in statu nascendi befindlichen Gegenwartsliteratur in Händen .

Hinzu kommen Buchrezensionen , in welchen es auch mal recht unverblümt zugehen darf ( siehe Karin Fleischanderls Kommentare zu des Kehlmannens “Ruhm” ) , wobei die im Fötong ignorierten Klein- und Autorenverlage besondere – vielleicht eher nachsichtige – Berücksichtigung finden . Die Essayistik hat sich – dem streitbaren Herausgeber Gustav Ernst gemäss – zum Forum der Polemik entwickelt : In Glücksfall zeitigen diese wiederum sukzessive Gegen- und Widerpolemiken zur Kulturpolitik , respektive literarischen Marktmechanismen .

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Nummer 44 scheint uns in|ad|ae|qu|at eine besonders geglückte Ausgabe darzustellen : Von einem luziden Nachruf auf den am 1. April 2009 verstorbenen Gert Jonke , Thomas Rothschilds unter der Sigle “Joseph Roth” versteckte Abrechnung mit der Sozialdemokratie , letzte Gedichte Elfriede Gerstls , Antonio Fians Capriccio “Die Weltverbesserer” bis hin zu Theresia Prammers Laudatio auf Monika Rinck anlässlich der Ernst- Meister- Preisvrerleihung .

Aus den erst- und letztgenannten Texten wollen wir in|ad|ae|qu|at einige Passagen zitieren , wohl wissend , dass wir damit den Textvorstellungen jüngerer Autoren ( m | f ) ( i. e. Gedichten von Michael Hammerschmid – dem neuen Reinhad- Priessnitz- Preisträger , wir gratulieren ! ) sowie Gerhard Rühms Beiträgen nicht würdig Genüge tun .

Es ist schon mehrmals festgestellt worden, dass Jonkes Wurzeln in der Romantik liegen. Allerdings galt seine Vorliebe weniger dem Solipsismus der Romantiker, den er als unverantwortlich ablehnte, als den Synästhesien, dem sinnlich Aufgeladenen. Ein Zitat aus der Chorphantasie, die nach Beethovens genresprengendem Opus 80 benannt ist, lautet: “Alles ist Poesie, alles ist Musik, man muss nur zuhören können, hinlauschen. Das Unhörbare ist das Unerhörte, und der Dirigent ohne Orchester erscheint als der tollkühne Mystiker, der materielos, weil ohne orchestrale Klangverschmutzung, das ideale innere Hören erschaffen will.”

Das ist Keats’ auf die Spitze getriebene Liebe zu den “ungehörten Melodien”. In Geblendeter Augenblick sagt Anton Webern während der Proben zur Premiere von Alban Bergs Violinkonzert 1936 zu den Orchestermusikern: “Nicht nur in diesem Werk, dem Violinkonzert von Herrn Berg, aber hier besonders und ansonsten brauchen wir dieses Werk gar nicht erst zu spielen, muss der Klang auf alle Fälle da sein, ehe Sie ihn noch spielen.”

Total disziplinierte Inszenierung total ungezügelter Phantasie, vollständige Verwirklichung im Reich abstrakter Ideen, Übertrgung des rein Gedanklichen auf da vibrierend Körperliche, Absolutes, das durch Ephemera zum Ausdruck gebracht wird – kein Wunder, denn Jonke kam ja über die Musik zur Literatur, worauf er die Grenzen der beiden Künste radikaler auflöste als die meisten anderen, In seinem Essay Individuum und Metamorphose mit dem Untertitel Wie es zu einer Besiedelung der Sprache und der Wohnung in Erzählzimmern kam beschreibt er, wie die komplexe Musik seiner Wortmelodien von den Erfahrungen des Klavierunterrichts und der Musiktheorie beeinflusst wurde.

Das Feuerwerk, das in Der Kopf des Georg Friedrich Händel den Himmel erleuchtet, steht auch für Jonke brillante Sprachfeuerwerke, genauso wie die mächtige Kathedrale, die Händel später mit Musik füllt ( … ), ein Bild für die kolloquiale Improvisation des Komponisten ist. Jonkes Sprache ist eine Kaskade extravaganter Barockeffekte, die mehr mit den sich auftürmenden Klangmauern eines gewaltigen Orgelwerks von Bach oder Messiaen zu tun hat, denn mit einer einstimmigen literarischen Struktur.

Armin Thuswaldner stellt fest, dass Jonke seine Texte nicht schrieb, sondern komponierte. “Sie arbeiten nach musikalischen Prinzipien, orientiern sich an Klang und Rhythmus ….”. Wer sonst hätte ein Jörger Straßenpräludium oder eine Gürtelfuge schreiben können, wer sonst hätte einen unbedeutenden Unfall zum Thema einer vielschichtigen musikalischen Struktur machen können ? Wer sonst wäre imstande gewesen, Beethovens, Weberns oder Händels Schaffenskrisen auf die Ebene der Allgemeingültigkeit zu heben ? ( …. )

“Sprache durchrauscht ihn wie ein Strom”, sagt Adorno über Rudolf Borchardt. Auch auf Monika Rinck gemünzt wäre diese Behauptung nicht verkehrt. Doch nicht überall läßt sich das Rauschen ihrer Sprache gleich laut vernehmen. Einer seiner privilegierten Schauplätze war das Internet- Forum der 13, an dem Monika Rinck jahrelang (und es waren, kann man rückblickend sagen, wohl die besten Jahre des Forums) mitgewirkt hat: ein vernetzungsstrategisches Spiel war da im Gange, ein Gestrick von Ansteckungen, Manifestsätzen, Interferenzen, ineinander verzahnten Kommentaren, lose verknüpften Erkenntnispartikeln, das von den sogenannten neuen Medien sich das Faszinierendster herüberholte und im kontinuierlichen poetologischen Austausch zu beseelen verstand, kurz: ein Ort für Schreibweisen war geschaffen. ( … )

Mondsüchtig, schlaflos sind diese Texte, zugleich Dokumente eines unausgesetzten “Wachseins in Sprache” ( Oswald Egger ), eingedenk dessen, was sich, aus der Müdigkeit, aus der Erschöpfung, aus der Übernächtigkeit aufs “Papier” retten läßt als fortlaufendes, fortwährendes Postskriptum “wenn es draussen hell / und innen redlich wird”. Manchmal sind die Stücke akribisch ausformuliert, manchmal nur flüchtig hingeworfen, so wie man kleider abends vor dem Schlafengehen, Aufgreifen, Einfreifen, zwischenspeichern, kommentieren, protestieren; nicht haushalten mit dem Sagen und Sein, nichts zurückhalten, kaum etwas aufsparen: Mehr als ein Jahrzehnt hat Monika Rinck so verschwenderisch, so reaktionsschnell, so großzügig gearbeitet und dabei einen Grad des Sichaussetzens erreicht, der Fürs- Netz- Schreiben einem “Schreiben ohne Netz” annähert. ( …)

Sag, was reden die Leute ? – Thomas Bernhard war besessen von dieser Frage. Bei der Lektüre von Monika Ricks Texten kommt sie mir manchmal in den Sinn. Freilich: Kolloquialausdrücke, traditionell dichtungsfremde diskursive Formate haben bereits eine lange Geschichte. Doch diese Autorin hat ein so entspanntes und dabei so kluges, geschickt manipulatives, wenn nicht gar innig- innovatives Verhältnis zum Tras und Motiven aus der Populärkultur, daß derlei Motive nicht bloß punktuell und zeitgemäße Einsprengsel oder als dekoratives lyrische Pendant der Rollenprosa ihr Dasein fristen, sondern mitunter tatsächlich neue rhetorische Formen erahnbar werden.

Da sind Redensarten und Jargons, smalltalk, akademischer Kongreßklatsch, diskursive Posen aller Art, da ist die Doppelbödigkeit, die das Klischee auf mitunter unerhörte Weise zum Konzept konvertiert: doch nicht mit dem vorhersehbaren Konzept der Entlarvung ( … ). Im Gegenteil: Monika Rinck greift die Seifenoper da auf, wo sie sich fatalerweise (noch) ernst nimmt und projiziert umgekehrt, über feine Verschleifungen und ironische Pointen, ihre gängigen (und allzu eingängigen) Schemata in den poetologischen Elitediskurs. ( …) Die Idiomatik fungiert dabei gleichsam als Falle, die zuschnappt, als Kissen, das weggezogen wird, wenn es doch einmal zu gemütlich wird. Monika rinck besitzt, scheint mir ( … ) die Gabe des “plumpen Denkens”, wie walter Benjamin sie an Brecht rückhaltslos bewunderte: Plumpe Gedanken seien es, die den Haushalt des dialektischen Denkens erst richtig in Gang bringen und paradox beweglich machen.; frei, nonchalant, an Sprichwörtern geschult. ( … )

kolik 44 ( home ) – Hg. Gustav Ernst , Karin Fleischanderl ( bestellen )

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KLANGAPPARAT

Wenn jetzt recht viel von musikalischen ( Pop- ) Kulturen die Rede war , soll jetzt mit einem 45 Minuten langen Stück spaciger IDM der bodennahe Alltag verlassen werden . czz-hoerempfehlung

Raumsounds und Flächen müssen – wie der Spanier DDO mit ihrer “GL 5.3 Breathe Live 03” bestens belegen – nicht notwendig in diffusem Ambient verschweben , sondern mögen sich durchaus gekonnt der guten alten ( wenn auch digitalen ) Rythm Group bedienen .

Fast zu schön , um es einfach so strömen zu lassen : Das Netlabel Breathe machts möglich .

CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( WMP ) .

2 Responses to ZeitSchriften : Literatur & Gespenster # 8 | kolik # 44
  1. [...] : ZeitSchriften : Literatur & Gespenster # 8 | kolik # 44 ; avec [...]

  2. Updating at breathe compilations
    July 4, 2009 | 05h22

    [...] Literatur & Gespenster # 8 | kolik # 44 (in german) recomends Breathe Live 03 by [...]

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