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QUARTAL- ANTHOLOGIE
Vierteljährlich erbittet das Forum litblogs.net von seinen Contributorinnen und Contributoren den Vorschlag eines persönlich bevorzugten ( besten , bösesten , repräsentativsten … “chacun à son goût” ) Beitrages für die quartalsmässig erscheinende Anthologie Lesezeichen .
Nun ist es wieder so weit und mit dem Lesezeichen 2 | 2009 ist die ( per RSS- Feed abonnierbare ) Querlese aus 14 literarischen und bildkünstlerischen Weblogs erschienen . Wir hoffen , die kommende Ausgabe wird sich entsprechend der einfliessenden Postings des kürzlich hinzugekommenden “goldenen fisches” erweitern .
Neu ist – neben der Backlist der bisherigen “Lesezeichen” – auch ein Archivband für sämtliche vier Ausgaben des Jahres 2008 : Als pdf in ansprechendem Print- Layout .
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LESEZEICHEN 2 | 2009
In dieser Ausgabe ( 15. 7. 2009 ) :
Blauhäutige Kinder und Lufttaufen , Weinberge und Rieslingsreben , Charlotte Grasnick , Gottlieb Siegmund Corvinus , staunenswerte Anfänge , das lyrische Nicht- Ich , Sukkulenten und Grauherden , das bricolierte Ich , Richard Obermayr , falsche Orte und Farben , zeitloses Grauen , Fährengefährten .…
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LESE | LISTE | PROBEN
Hier die Liste der Blogs , ihrer Menschen und deren ausgesuchte Stil- , Stich- und Streifproben :
INHALT:
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ulysses : 15.02 – Nördliches Griechenland. Karge Landschaft. Man erzählte mir von Siatista, dort sollen Wölfe leben in den Bergen, aus welchen die Steine der Häuser der kleinen Stadt geschlagen sind. Im Winter fällt Schnee und bleibt liegen. Dann kommen die Wölfe näher heran, sind zu hören in den Nächten, ihr heulendes Gespräch. Alt sind sie, uralt wie die Menschen in dieser Gegend, die sich widersetzen, wenn ihre letzte Stunde gekommen ist, leben sie einfach weiter. Sobald ein Winter endet und die Berge blühen für eine kurze Zeit in allen Farben, die man sich nur vorstellen kann, liegt eine junge Frau auf einer Wiese herum. Diese Wiese ist weiß von den Körben der Kamille, eine Wiese, die die Gestalt der jungen Frau erinnert, wie sie auf dem Rücken liegt, immer an derselben Stelle in den Himmel schaut und glaubt über ein Eismeer zu fliegen. Wenn man sie besuchen, wenn man sich neben sie legen würde, könnte man Geschichten hören, die sie mit tiefer Stimme sogleich erzählen wird. Dass sie blau war zum Beispiel, ein blauhäutiges Kind, dass sie nicht atmen konnte in der ersten Stunde ihres Lebens, dass man sie mit Luft, anstatt mit Wasser taufte, weil man glaubte, sie werde ihre zweite Lebensstunde nicht betreten. Dass sie sich im Alter von vier Jahren im Schnee verirrte, dass zwei Wölfinnen sie wärmten für eine Nacht, bis man sie fand. Dass sie eine Partisanentochter sei, dass sie mit den Schildkröten sprechen könne und den Schlangen, den Faltern, den Fliegen. Dann wird sie ein wenig schweigen und eine Hand voll Akazienblüten reichen, sie schmeckten vorzüglich, man müsse sie sich auf die Zunge legen und warten, bis sie schmelzen. Jetzt liegt die junge Frau wieder auf dem Rücken zum Eismeer hin, erzählt weiter, erzählt von den langen Wegen im Winter zur Schule und dass sie ein Jahr zurück das erste Mal das Meer gesehen habe. Ein großer Frieden. Ihre Stimme, die so seltsam tief ist. Das Brummen dreihundert Jahre alter Insekten. Auch Wölfe fressen weiße Blüten.
für v.s.

Andreas Louis Seyerlein -siatista – in particles
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- im Rheintal
von Stan Lafleur
in rheinsein
in den kirschen wimmeln maden &
durchs rheintal zieht ein lueftchen
die etueden der zikaden fuehlern
in den mueden huegeln. boppard
stumpfer dutzdutztekkno woppert
ueberm flusz ein kormoran, hals
voran. monster stolpern durch
konsolen, losgeschickt zum kippen
holen. containerschiffgeknatter. als
ueberraschungsgast: frankensteins
galvanischer sohn schweren tritts
auf dem langen weg zu sich selbst
den eigenen fuszstapfen folgend
mehr als zehnmal angeschossen
schlingernd die weinberge hinauf
wo die guten rieslingreben stehn
Stan Lafleur -im Rheintal – in rheinsein
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Berliner Dom
I
Im kühlen Steinbauch
dröhnen noch die Preßlufthämmer -
so irdisch wird es hier
nie wieder zugehn.
In blauen Wattejacken
und gelben Helmen
die Männer,
in ihrer Wirklichkeit
bauen sie den Traum:
endlicher Abschied
von Kriegen
kehren sie den Engeln
den Schutt aus dem Haar
und den Staub
von den Flügeln
II
Jeder neue Stein
ist erkennbar,
die alten Steine
sind dunkel.
Was haben wir überlebt,
daß wir so schwer
zu beeindrucken sind?
Ein Geländer aus Eisen,
das die Zeit noch zurückließ -
Stufe um Stufe
führt uns nach oben:
ein Schritt Zweifel,
ein Schritt Hoffnung.
Charlotte Grasnick (1939-2009)
••• Eben erst habe ich nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub den Anrufbeantworter abgehört. Nur eine Nachricht: Charlotte ist tot. Anfang April noch haben wir telefoniert und über die »Leinwand« gesprochen. Charlotte hatte die Chemo überstanden, und ich war fest davon überzeugt, dass sie es schaffen würde. “Weißt Du”, sagte sie: “So viel Zeit brauche ich ja nicht mehr, um die paar Geschichten zu beenden, die ich noch schreiben will …” Das waren jene poetischen Prosastücke, deren erste Anfänge ich Mitte der Neunziger für sie in den Computer getippt hatte und die ich so gern eines Tages als Buch in Händen gehalten hätte. Die Zeit aber hat nicht gereicht.
Ein Schritt Zweifel, ein Schritt Hoffnung – das war Charlottes “Gangart” als Dichterin. Die Zweifel waren ihr oft unüberwindbares Hindernis. So blieb manches unvollendet. Die Hoffnung aber trieb sie immer wieder an, dennoch und vielleicht gerade deswegen erneut zu versuchen, Worte für vermeintlich Unsagbares finden. Leicht war es nicht, sich in einer Künstlerfamilie von Männern zu behaupten – der Ehemann, Ulrich Grasnick, Lyriker wie sie, die beiden Söhne, Thomas Grasnick und Stefan Friedemann Maler. Ich habe ihr immer mehr Beachtung gewünscht – nicht nur als Dichterin.
Benjamin Stein -Ein Schritt Zweifel, ein Schritt Hoffnung – in Turmsegler
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Dagegen spricht die Eindringlichkeit der Beweisführung, dass Ich nicht Herr im eigenen Haus sei, durch den Morgen. (Man hat über Nacht Distanz gewonnen. Man kann sich beim Kaffeekochen beobachten. Jeder Handgriff ist der eines anderen. Jeder Gedanke wird nicht vollständig gedacht.)
Er lässt die Zeitung sinken und notiert. Zur Rezeption und damit Produktion eines Preisträgers eines österreichischen Komikerpreises in Schweizer Medien: ging die Rede von den Wortkaskaden und arbeitete hierfür eigens hart an der Aufwertung von Beinahegattungen wie der des Poetryslams, die einem obsoleten Text allerdings nur den Moment der Inszenierung hinzufügen ohne aber irgendetwas zum Text bemerken zu können. Das in dieser Betriebssparte langsam erfolgreiche Eventsupplement erhebt, wie in anderen Medien auch, einmal mehr Form über Inhalt, woran sich rezipierende Medien allmählich angleichen. Andernorts verschiebt sich Pro7-Abendunterhaltung vom Wort zum Begriff und folgerichtig unterlegt sich auch dort alles mit einem Rauschen, dem nichts mehr hinzugefügt werden kann. Gefeiert ist das zu Feiernde im Selbstzweck des Fests, zu dem man weiträumig eingeladen wird. Die Gratisbillette werden auf den Strassen verteilt. Man gibt Damenwahl. Die Wortkaskaden allerdings wurden unbehandelt den Gratisblättern entnommen, die schon früh an jedem Morgen durch die Gassen wehen, schreibt er.
(Und moniert danach leise eine weitere Fehlerquelle im Idealsystem. Die Entdeckung des lyrischen Ichs (auch: seine, oft retrospektive Anwandlung) impliziert doch notwendigerweise ein lyrisches Nicht-Ich. Sicher handelt es sich dabei um ein immer unterstelltes Text- und Welterkenntnisprogramm, das aber – ich bitte sie!, empirisch – die meisten Ichtexte nur positiv möbliert. Wie kann also lyrisches Ich und lyrisches Nicht-Ich in einem Gedicht getrennt aufbewahrt werden (bei aller Hochachtung vor dessen Erzeuger). Das (vorhanden oder eben nicht) lyrische Nicht-Ich muss der Schlüssel bei solch einer Setzung sein. Das lyrische Nicht-Ich ist im Moment seiner Lektüre zwangsläufig unlesbar. Möglicherweise wird es lesbar (gemacht), dann wäre es aber kein lyrisches Nicht-Ich mehr. Folgt: Das lyrische Ich und das lyrische Nicht-Ich und das Ich und der ganze Rest im Text sind nicht objektivierbare Materialien oder Positionen, sondern abhängig von der Verfasstheit seines Lesers, jeder einzelnen Leserin. Das lyrische Ich muss also ein Gerücht sein. Das lyrische Ich gibt es und gibt es nicht und ist als solches gar nicht begreifbar. Als Distanzargument hat es jedenfalls ausgedient, liebe Leser. Lassen Sie sich nichts anderes von anderen erzählen.)
Sie verstehen nun, warum er keine Gedichte mehr schreibt oder doch das, was er schreibt, niemals nicht so nennen würde. Wir warten auf Ihre Antwort.
Hartmut Abendschein -Ein Leserbriefdenker (notula nova 41) – in taberna kritika
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- Die Fabel von dem Nacktmull und von dem Zebrastreifen auch
von Ursula T. Rossel Escalante Sánchez
in Notizen aus Kangerlussuaq
oder: Die Fabel von dem keinen Bock.
Kam ein Nacktmull des Weges und wollte sich in den Schatten eines stoppelbärtigen Sukkulents legen, denn er fürchtete sich so vor dem Sonnenflammeninferno (und er hatte blöderweise sein Après-Soleil nicht mit). Aber da stand eine Gnuherde in Einerreihe Schlange vor dem Sukkulent und scheuerte sich individuell am Stoppelbart. Als sich die Gnuherde fertig gescheuert hatte – das dauerte nämlich 40 Tage und 39 Nächte lang (oder verlangt die Fabel Kleinheit von Ort, Zeit und Handlung?! – Hab ich vergessen) – war der Schatten des Sukkulents so dünn geworden, dass der Nacktmull, ein Tier, das sowieso zeitlebens aus der Not geboren ist, es halbherzig vorzog, im Lee der Gnuherde mitzuwandern. Sie kamen an einen Zebrastreifen.
“Man sollte immer von Gelb zu Gelb springen, sonst hast du geschissen, wenn dich einer auf dem Grauen über den Haufen fährt (wegen der Lebensversicherung)”, riet die Gnuherde dem Nacktmull.
“Ach so”, sagte der Nacktmull.
Nachher kamen sie zu einem Kebabtakeaway.
“Achte immer gut drauf”, mahnte die Gnuherde, “dass die da drin kein Gnufleisch verwursten!, unter dem Scharf merkst dus vielleicht nicht”.
“Oukidouki”, sagte der Nacktmull.
Dann kamen sie an eine Riviera. Dort klebte an einem Marmorbrocken ein ziemlich mondänes Seegürklein und flörtete mit einem keinen geilen Bock.
“Pack den keinen Bock beim Einhorn!”, ätzte das Feld der Gnuherde, und “man muss Seegürklein mit Essig einreiben!”, grölte die Vorhut der Gnuherde (die vordere Nachhut bestellte gerade Vegikebab, die hintere Nachhut hüpfte noch von Gelb zu Gelb).
Das geht irgendwie zu weit, hätte der Nacktmull jetzt einwenden müssen. Aber er sagte zu der Gnuherde: “Na wenn du meinst.”
Und die Moral von der Geschicht
ist
ich weiss auch nicht
was ein Nacktmull (Mist!, das passt da nicht rein
in das Gedicht)
ist.
Eine Gnuherde schon. (Aber das passt auch nicht rein.)
Ursula T. Rossel Escalante Sánchez -Die Fabel von dem Nacktmull und von dem Zebrastreifen auch – in Notizen aus Kangerlussuaq
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Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (112).
Ist nur dann sinnvoll, wenn Identität zugrundeliegt, also die Avatare nicht als Hecke verwendet werden, hinter die man sich duckt, um aus dem Hinterhalt Schlammbatzen zu werfen. Sondern man muß die Avatare fühlen, muß sie s e i n, muß ein Gefühl für ihre Persönlichkeit, auch für ihre Geschichte haben, die man darum k e n n e n muß. Dann werden aus Avataren Personen, literarische Personen. Dies verbindet das Literarische Bloggen sowohl mit Romanen als auch mit >>>> Rollenspielen, die imgrunde realisierte Romane s i n d. Bisweilen werden die physopsychischen Grenzen des “autonomen“ Subjektes dabei überschritten, so daß manchen Spielern nicht mehr bewußt ist, was (wer) sie „in Wirklichkeit“ sind. Nun ist aber diese Wirklichkeit durchlässig, >>>> Wie wirklich ist die Wirklichkeit? heißt ein Buch Paul Watzlawiks, das mich als jungen Mann ausgesprochen geprägt hat und am Anfang meiner Poetik der Desinformationen stand: >>>> Die Verwirrung des Gemüts (1983). Will sagen: das mittelalterliche Turmfräulein, das die Phantasie einer jungen Rollenspielerin konzstruiert hat, kann m e h r Wahrheit ausdrücken als ihre “realistische“ Existenz als MTA in einem Ärztehaus. Es kann ihr eine Reifung erlauben, die der auf Entfremdung bauende praktische Beruf verhindern, wegdrücken, abschleifen würde. Der literarische Spiegel hiervon k a n n der Avatar im Netz sein.
Es ist insgesamt zu bezweifeln, ob es eine einheitliche Identät von Menschen überhaupt gibt, ja je gab, ob nicht Spaltungen sogar lebensnotwendig sind. So daß man sich weiter fragen muß, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine einheitliche Identität zu verlangen, bzw. sie herzustellen. Wir erleben auch Welt als fragmentierte, und zwar in dem Moment schon, indem wir über unsere direkten Zusammenhänge, die materialistisch gefaßt werden können, hinausblicken. Hier gilt Lévi-Strauss’ bricolage: das Ich selbst ist bricoliert. Diesem ein einheitliches Ich entgegenzustellen, wäre vergeblich Illusion. Vielmehr ist die Fragmentierung des Ichs zu ergreifen, wie die marxistische Forderung umzusetzen, endlich über die Produktionsmittel selbst zu verfügen. Ich w i l l mich als fragmentierten: b i n Herbst u n d Ribbentrop u n d Daniello u n d Deters u n d Kerbmann u n d Bertrecht u n d Borkenbrod u n d (sogar!) Niamh of the Golden Hair. Ich bin es je in verschiedener Hinsicht. Daß es zwischen allen diesen ein Verbindendes gibt, ist außer Zweifel, allerdings ist dieses Verbindende selber ungefähr; man mag das mit der Unmöglichkeit vergleichen, zugleich den genauen Standort und die Zeit anzugeben, an der ein Elektron wann wo ist.
Alban Nikolai Herbst -Das “Spiel” mit der Vielfalt von Avataren. – in Die Dschungel. Anderswelt.
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passagiere – getroffen auf einer inselfähre.
Rittiner & Gomez -Passenger – in logbuch isla volante
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- LITERATUR ALS RADIOKUNST | Richard Obermayr im ORF- Studio | Produktionsnotizen
von Christiane Zintzen
in in|ad|ae|qu|at
Darf hier als bekannt vorausgesetzt werden …
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- un’ (u.a.)
von Helmut Schulze
in parallalie: 1, 2, 3
1 un’ …
un’
kain
abe’
lebt
uns
übe’
hin
&
aus
wem
sonst
die
zung’
die
schnitt’ne
2 am fal- …
am fal-
schen ort
schmetzt
ein
hol rüber
ein
bogen-
sekunden-
blick
in dich
zurück
da vorn
liebt sich
die zeit
3 rot
rot wär’ wo
andersherum
grün wär’ wo
gar nichts wär’
und auf dem
schwarzweiß
dann grau blau
wär’ und sw
die abkürzung
für “scheiß
wolken!“ und
alles komple-
mentäre sich
endlich aus
sich heraus
kompli-
mentierend
sich selbst
kontemplierte
bzw. dich
un’ (u.a.) – von Helmut Schulze – in parallalie: 1, 2, 3
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- Ästhetik
von Ken Yamamoto
in Ken Yamamoto
Am Fuß der Kreidefelsen lag,
auf einem Totenbett aus Feuersteinen,
umspült vom Rauschen des Meers,
ein Reh: die Augenhöhlen leer,
die Innereien nach außen,
das Geäse weit offen
im Schreck.
Ich positionierte mich,
kniete nieder davor
und machte ein Foto;
versuchte das Grauen
möglichst zeitlos
in Szene zu setzen.
Sicher hatte es
(wir kennen das)
plötzlich den Boden
unter den Füßen verloren
und war in die Tiefe gestürzt.
Später sagte einer,
nachdem er schweigsam,
lange und eingehend
das Bild betrachtete:
schön!
Ken Yamamoto -Ästhetik – in Ken Yamamoto
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ikon. Archiv1 Was zur Sprache kam, hatte seinen Anfang im Staunen.
Marianne Büttiker -ikon. Archiv1 – in con.tempo
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KLANGAPPARAT ( DOUBLE FEATURE )
Weist die aktuelle Ausgabe des “Lesezeichens” bereits einen ungewöhnlich starken Hang zum Wasser in Flüssen und Meeren , unter Fähren und den Hufen von Gnuherden auf , findet sich unsere in|ad|ae|qu|ate Musikauswahl ebenfalls ziemlich im Liquiden wieder . Ausnahmsweise sind heute zwei Releases zu prasentieren .
Da wäre zum Einen ein Loopzilla- expansive sound- Mix des Argentiniers
Alberto Brichuk , welches – hätte man beim Mastern keinen so sturen Beat drübergelegt , im Grunde eine anspruchsvolle Anspielung auf elektroakustische Experimente darstellt .
Hätte man sich nicht zu einem stampfenden Midi- Beat verpflichtet , könnnte man sich leicht ins Kölner Experimentalstudio für elektrokustische Musik ( der 60er Jahre , nota bene ) versetzt fühlen : Gedanken an Xenakis , Eötvös , Asperghis und Quelques Concrêtes drängen sich unweigerlich auf , gewährt man sich den langen Atem für’s Komplizierte , welches zwischen den rohen Schlägen der Rhythmusmaschine glänzt .
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Agiert Ambient- Music meist an den Rändern der Stille , wird mit dem
“Invisible College” von Fora aka Jaime de Almeida eine Position inmitten eines sanft schwappenden Ozeans verortet ( Editora do Porto #013 ) .
Ist man einmal so weit , die üblichen Vorurteile hinsichtlich ambienter Pathetik über Bord zu werfen , wird man eine unwägbare Ebbe akustisch erfahren und zwar – Geduld , liebe Leute , nur Geduld ! – wird man sich irgendwann wie Arthur Gordon Pym in einem deutlich vernehmlichen Schiffsrumpf befinden . Das Erstaunlichste an diesen atmos- meerischen Piècen alllerdings scheint ihre Verweigerung hinsichtlich visueller Imperative .
Ja , ein Wasser ist da , so viel weiss man wohl , doch drängt es sich nicht ins Kino des Kopfinneren . Selbst das rhythmische Ächzen des Schiffrumpfes spürt man eher , als dass man’s imaginiert – die knarrende Tieflage des Kiels ist da , zu dunkel im Inneren , als dass visuelle Orientierung möglich sei .
Seltenes Beispiel also eines Ambient-, welcher keine Bilder evoziert , sondern ein wunschloses Sein im Hier garantiert . Ist es das , was sie dort draussen “authentisch ” nennen ?! – Jedenfalls : ein Meisterwerk .
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