Ostseeroute 04 : Gdansk und Weichbild bis zur russischen Grenze

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04 So Gdansk Karte

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PARALLELAKTION A : LETZTE RECHERCHE

Als hätten wir es quasi im kleinen Zeh vorausgefühlt , dass es während der gesamten folgenden Reise so etwas wie “Internet” nicht mehr in die Tüte kommen wird , nutzen wir den buchstäblich firmen Boden des wehrhaften Speichers aus dem frühen 16. Jarhundert , um Etliches nach- und voraus zu recherchieren . Ein Wunder , dass das loklae W-Lan überhaupt durch die armstarken Mauern dringt .

Im einem für jede Reise eigens angelegten Scrapbook werden nicht nur Fundstücke aller Art per UHU- Stick botanisiert , sondern auch alle möglichen Mit- und Nachschriften durchgeführt . Die versehentlich im Handgepäck mitgeführte Volksschüler- Schere birgt – dank sicher abgerundeter Spitzen – nach Ansicht der Hamburger Airport- Security kein ernsthaftes Gefahrenpotential : Hélas , beim jüngsten Flug nach Zürich hatten die Sicherheitsbeamten mir immerhin beim Wiederfinden von drei ( 3 ) heiss geliebten Sackmessern , einem Brieföffner sowie einer verloren geglaubten Papierschere ( spitz ) geholfen …

Scrapbook_GdanskScrapbook_Gdansk

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Zu Danzig | Gdansk lässt sich natürlich jede Menge recherchieren , alleine das Hin- und Hergezerre zwischen Deutschen und Polen könnte Seiten füllen und dient nicht eben der Klärung . Interessant der Status als “Freie Stadt Danzig” – ertrotzt ( mal wieder ! – die polnische Geschichte ist Erhebungs- reich ) durch einen Aufstand 1918 , als die Deutschen bereits weithin sichtbar auf der Verliereseite standen , bestätigt im Rahmen der Versailler Verträge : 1920 bis 1939 als teilsouveräner Freistaat unter Schutz des Vökerbundes . Auf diese Weie soll einem freien Polen auch der freie Zugang zum Meer garantiert bleiben : Wir erinnern an die schöne Episode aus Christa Wolfs “Erinnerungsmustern” , wo dem Kind das aufgeschnappte Schlagwort vom “Polnischen Korridor” sehr konkret sich als ( stets peinlich sauber zu haltendes ) Haus- Entrée darstellt . Wertungsfrei sehr deutsch und sehr protestantisch : Der Korridor als “Visitkarte” eines Hauses .

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Ab ’33 massive Korporation einer SS- Heimwehr , welche unbehelligt die Strukturen für ein ab ’39 reichsdeutsches Danzig vorbereitet : Per 1. 9. 1939 und dem ( nicht nur durch das entsprechende Kapitel bei Grass ) notorischen Kampf um die Polnische Post ++ nein , wir haben deren Wiederaufbau NICHT gesehen ++ werden stante pede polnische Inteligentsija , die Aufständischen von 1918 und schliesslich die Juden in das seit 1936 für diesen Zweck vorbereitete Arbeitslager KZ Stutthof | Sztutowo verschafft . Doch dazu später . Und vor Ort .

Zur Danziger Werft ist ausser einer Reihe von Jahreszahlen ( Königl. Werft ab 1852 , Kaiserl. Werft der Wilhelminischen Flottenpolitikschnapsidee ab 1871 , von den um 1918 noch 6.000 Arbeitern sind zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise gerade noch 800 übrig ) und anderen Daten ( neben Kiel und Bremerhaven bedeutendste U- Boot- Werft der kaiserl. Marine ) bleibt uns so eine Schiffbau- Anstalt doch weiterhin opak . Da habe ich wohl eine der herrlichen “Wie entsteht … “- Produkt ( ions ) -Geschichten aus der “Sendung mit der Maus” verpasst . Interessant das Faktum , dass beim Anrücken der Sowjetischen Armee angeblich die gesamte Belegschaft ( Manpower + Know How ) nach Hamburg transferiert wurde .

Danzig_Bleihofinsel_Ruine_copyright_zintzenVon den Querelen zwischen EU und dem hoch subventionierten Werftbetrieb ist freilich wenig mehr zu lesen : Sollen doch die kränkelnden Werfen Gdynia | Gdingen sowie Szczecin | Stettin vergeblich ausbezahlte EU- Gelder rückerstatten . Und der Werft von Wismar droht sowieso das Aus . 2.400 Stellen …

Obwohl wir samstags auf der Strecke zwischen Heiligendamm und Hamburg einen einfachen Abstecher in die genannte Stadt machen könnten , unterlassen wir dies einerseits aus gerechtfertigter Erschöpfung , anderseits haben wir hinreichend verrottende Industriestrukturen während unserer Tour gesehen , um hier noch einmal des ambivalenten Reizes einer sterbenden Stadt ansichtig werden zu wollen .

Sonst : Solidarnosc- Nostalgia rauf und runter .

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PARALLELAKTION B : ALT- UND SPEICHERSTADT

Gdansk Kastre Altstadt

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Während wir hier hocken und uns vom Hundertsten ins Tausendste locken lassen , hat unser Kompagnon mutig die Brücke zur Altstadt überquert , um dort mit Schreck und Schock einen schier endlosen Büdchenzauber zu entdecken : Waren aller Art für jedweden Gebrauch – kein Wunder , dass die Mehrzahl der Touristen aus Polen besteht .

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Der Romantiker würde da gleich wieder an das Genrebild “Familienbesuch beim Werftarbeiter” denken , wären nur noch so viele Facharbeiter da , um mit all diesen vielen Frauen , Kindern und Tieren vergnüglich flanieren zu gehen .

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Ergo Flucht zurück nach vorn und wieder auf die Speicherinsel , von welcher die sog. “Bleiinsel” abgeht , wo Speicherruinen sich vor blauem Himmel ins kolosseumhaft Pittoreske erheben .

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Selten kommt man so nahe an Wirtschaftskadaver heran ( “Eltern haften für ihre Kinder” ) , entsprechend darf das Test- i- Phone [ = keine Schleichwerbung ] zum ersten Mal zeigen , was es kann . Bis zum sozusagen endgültigen Ende des Endes .

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Bleibt also nur die Rückkehr in die dicht bespielten Gefilde der auftoupiert behübschten und wochenendlich hochfrequent begangenen Altstadt . Hier setzt schlagartig jener Reflex ein , den Reinhard Lettau unnachahmlich als Flucht vor Gästen titulierte .

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Ein Phänomen , welches sich in all jenen zauberhaft und extra- clean novellierten Alt- , Hanse- und Musealstädten regelmässig einstellt : Ob Wroclaw | Breslau , Rostock , Greifswald sowie ein geringer Teil des sonst sehr bemerkenswerten Stralsund ( Lübeck überspringen wir sowieso a priori ) : Auge und Kamera prallen von dieser Fassadenpracht blicklos ab – überdies ist die untere Hälfte der ohnehin nur gemässigt hohen Prototypen deutscher Backsteingotik ohnehin von Gastgärten und deren riesigen Sonnenschirmen verdeckt .

Ohne den Anspruch auf ein “Anders Reisen” erheben zu wollen , landen wir wir doch immer wieder in Zonen des Nichtmehr oder Nochnicht , von bedenklich miefigen LandGASThöfen ganz zu schweigen .

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NACH OSTEN : ÜBER DIE WEICHSEL INS HINTERLAND ODER : WO IST HIER DER STRAND ?

Der Nachmittagsplan besteht in der – wie zu sehen sein wird : nicht eben originellen – Querung der Weichsel | Wisla möglichst nordwärts . Wobei es sich bei dem breit und leicht windbewegt dahinfliessenden Gewässer eigentlich um einen schiffahrtstauglichen Durchstich ( 1895 ) durch ein anarchisches Delta handelt : Hier ist eben alles wasserdominiert und strebt in Richtung einer nicht und nicht in Sicht kommenden Ostsee . Entsprechend sind auch Zugbrücken über Seitenarme de rigueur .

Edit : Inzwischen wurde infolge eingehender Fachlektüren die korrekte Kennzeichnung für diesen Brückentypus mehr gefunden denn gesucht : HUB- Brücke .

Zugbrücke_Weichsel_copyright_Christiane_ZintzenZugbrücke_Weichsel_copyright_Christiane_Zintzen

Und dann natürlich die Fähre : an einem Stahlseil geführt und von einem jener kleinen Bulldog- Kraftpakete teils geschoben , teils gezogen ( wie am Isthmus von Korinth , wo diese Miniatur- Schaluppen ganze Ozeanriesen durch den Kanal schleppen , da die Schiffsschraube der Letzgenannten einfach zu gross ist für diesen künstlichen Durchstich ) .

Weichselufer_copyright_Christiane_ZintzenWeichselufer_copyright_Christiane_Zintzen

Fähre_Weichsel_Copyright_Christiane_ZintzenFähre_Weichsel_copyright_Zintzen

Den von beiden Seiten mal salz- , mal süsswasserumspülten “Pfannenstiel” Richtung Kaliningrad und russischer Grenze nennt man die “Danziger” oder “Frische Nehrung” . Durch Versandungen enstandene Süsswasserflächen heissen “Haff” oder “Bodden” – wir sind demnach in die linguistische Zone des Doppelkonsonanten eingelaufen .

30 Land östlich Weichsel 02Je einsamer der Landstrich , desto älter der Alleebestand , mitunter gar Katzenkopfpflaster säumend . Was auf der deutschen Seite ( “strukturschwach” würde man’s nennen ) zu nachgerade grotesken Armierung einzelner Bäume führt : EU- Gelder waren sorglich bemüht , dass praktisch jedes Bäumchen seine High- Tech- Stoss- Stange ( mit Pufferzone ) erhielt . Ach , du überreguliertes Deutschland !

Was ostwärts wie eine Küstenstrasse anmutet , stellt realiter nichts anderes dar als die seit Niederösterreich anzutreffende ostmitteleuropäische Intensivlandwirtschaftszone : Weizen und Mais , Mais und Weizen , mal in gewohnter Pflanzhöhe , mal genetisch zu 100% gleichförmigem Prunkwuchs optimiert , Hafer dann erst auf bundesrepublikanischen Gemarkungen . Die Felder sind riesig und haben offenbar ihre Kolchos- Abmessungen beibehalten : Wie hier wohl die “Abwicklung” und | oder “Reprivatisierung” verlaufen sein mag , wer weiss ?

Von der – kartographisch gesehen – zum Greifen nahen Ostsee ist nach wie vor nicht die geringste Spur zu sehen , zu hören , zu schmecken .

Danziger_Nehrung_copyright_Christiane_Zintzen

Wir hätten eben unseren Grass besser lesen sollen – speziell mit Blick auf die lokalen Details . So beginnt eines der Brausepulver- Abenteuer mit der Ladengehilfin Maria wie folgt :

In Brösen [ Brzezno , czz ] kaufte Maria ein Pfund Kirschen, nahm mich bei der Hand ( … ) und führte uns durch den Strandkiefernwald zur Badeanstalt. ( Blechtrommel , dtv , 314 )

Stichwort “Strandkiefernwald” ! – Da wir am frühen Abend und bei erheblicher Abkühlung der ohnehin unablässig pfeffrig wehenden Brise aus dem Wald linkerhand ( = Norden ) Horden von Bademenschen diversen Strässlein , Wegen , Pfaden und Fährten strömen sehen , muss da ja wohl in Gehweite etwas Strandartiges sich befinden . Brutal , wie wir sind , steuern wir den Leih- VW einfach mal ‘rein in so eine hohle Gasse . Ängstlich , wie wir sind , lassen wir uns von einer plötzlich auftauchenden Pfadfinder- Meute gleich wieder ins Bockshorn , recte : auf die brave Strasse zurückjagen .

Danziger_Nehrung_Schutzwald_copyright_Christiane_ZintzenDanziger_Nehrung_Schutzwald_copyright_Christiane_Zintzen

Der nächste – offenbar schon recht grenznahe – Versuch stoppt uns qua militärischer Einrichtungen . Der Dritte Wunsch geht indes insofern in Erfüllung , als sich der Wagen immerhin ca. 2 Kilometer auf eine Waldlichtung führt und uns als “humble pedestrians” entlässt . Und siehe da , da liegt sie , die Ostsee und grinst hämisch . Schon haben die letzten Kneipp- Anhänger das rasch abgekühlte Revier verlassen und wir sind Spätbetrachter einer bis dahin munter bespielten See .

Danziger_Nehrung_Ostsee_copyright_Christiane_ZintzenDanziger_Nehrung_Ostsee_copyright_Christiane_Zintzen

Der Wald- ( = Schutz- ) Gürtel wird uns bis Heiligendamm fest angeschnallt bleiben : Rau wie der Wind fordert das Erreichen der Dünung seinen konsequenten Tribut . Ohne ein paar Kilometer Parkstreifen sowie dem obligaten Waldgang is nüscht mit Baden und Plantschen . Die spärlich gewordenen Dörfer bieten “Sklep” neben “Sklep” , “Bar” neben “Bar” und die unvermeidlichen “All- you- can- imagine“- Büdchen . Und natürlich Fisch , Fisch , Fisch – “Ryby” in allen Darreichungsformen zwischen roh und gedörrt , gebraten und gehackt … Willkommen in Matjes- Country !

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STUTTHOF BIS RUSSISCHE GRENZE

Museum-Stutthof

Was für jedes deutschsprachig sozialisierte Kind einen frühen & rätselhaften Mythos darstellt – “Pommerland ist abgebrannt” – , hier , zwischen der Danziger Nehrung und Weichsel ist dieses Albtraumland heute eine stille und in sich ruhende Realität .

Was hier in der bis ’45 als preussische Provinz bestand , reichte von den Regierungsbezirken Stettin | Szczecin sowie Köslin | Koszalin über Stralsund , die Inseln Rügen , Wolin | Wollin und Usedom | Uznam , ostpreussisch dann bis Russland : Masuren .

Die seit 1933 in Bereitschaft harrenden SS- Heimwehrleute hatten sich mit einem in Stutthof | Sztutowo situierten Altenheim den in der inneren Kehle der Danziger Nahrung möglichst östlichen Ort gewählt , um die “Schmach von Versailles” höchst konkret zu rächen : Alte Gegner und immer neu definierte zivile Volksschädlinge in einen zunächst als Arbeitslager definierten Komplex auszusiedeln und dort zu internieren .

Ab 1942 figurierte der Komplex dann auch wörtlich als “Konzentrationslager der Stufe I” . Rundherum um die “Zentrale” und seine 39 Aussenlager gab es ein paar praktikalble Euphemismen wie “Waldlager” , “Durchgangslager” , “Sonderlager” oder “Arbeitserziehungslager” . Die Details sind nachzulesen .

Insgesamt dürften cirka 110.000 Menschen dort inhaftiert worden sein , wovon ungefähr 65.000 ( zum Teil im Zuge der Todesmärsche bei Anrücken der Roten Armee ) umkamen . Demgegenüber waren insgesamt 3.000 SS- Leute in den Jahren ’39 bis ’45 dort stationiert .

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Fast fühllos wie jene unbegreiflichen Ziffern starrt man auch die hölzernen Wachturm- und Baracken- Rekonstruktionen der jetzigen Gedenkstätte an . Dabei beeindruckt Dreierlei : Baulich 1. die Reste des originalen Drahtverhaus in seiner verrosteten , krud- unordentlichen Brutalität . Baulich 2. der durch einfache Beton- etc. Blöcke markierte Rayon der ( zerstörten ) Baracken sowie 3. der für Sonntag , 17:55 Uhr ausserordentlich dichte Besucherandrang .

Der Parkplatz weist ausschliesslich polnische Kennzeichen auf : Irgendwie kein Wunder , waren es doch hier unzweifelhaft Deutsche , welche sich an der polnischen Intelligenz , später an ungarischen Frauen vergingen . Die Schuldfrage scheint mithin also geklärt …. Übrigens sind wir an Auschwitz | Oswiecim , wohin – da nahe dem Verkehrsknoten Kattowitz | Katowice – sozusagen alle Wege Polens führen , durchaus mit Absicht vorbeigefahren .

Mauthausen und Theresienstadt haben uns über die Unfähigkeit , angesichts von Mahnmalen und Nachbauten zu trauern , hinreichend belehrt .

Museum-Stutthof Parkschein

Von hier dann noch bis zum oben geschilderten “Cul de Sac” in Richtung Russland -

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LANGSAME HEIMKEHR

Da wir “keine Strasse zweimal fahren” wollen , wählen wir als Route zurück nach Danzig | Gdansk die südliche Strecke über die Weichselbrücke bei ( So , jetzt braucht’s die Lupe ) Klezmark .

Auch hier stossen wir wieder auf jene nautische Perspektive ( siehe Brücken Stettin und Swinemünde ) welche die Brücke per Verkehrsschild als “offen” deklariert , wenn die PKW- Fahrbahn heraufgezogen ist , als “geschlossen” dahingegen , wenn wir , Sklaven der Landstrasse ,  freie Fahrt haben .

Land_östliich_Weichsel_copyright_Christiane_Zintzen

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