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OH , POLNISCHE STADT- TRIADE – OH , FLUCHT VOR IHR
Was wäre grossartig von einer Etappe zu erzählen , welche tendenziell im Stau stecken geblieben wäre , hätte man nicht hurtig die Kurve nah Westen gekratzt , um quer über’s buchstäblich platte Land sozusagen Schrittchen für Schrittchen dem kühn gesteckten Ziel entgegenzutrippeln ? – Bis nach Swinoujscie | Swinemünde hätte uns die Theorie geführt : realiter konnte man im Zuge der acht Stunden währenden Strecke von rund 400 Kilometern die einzelnen Gräser zählen .
Nicht , dass es uns nach Landschaftrasen wäre ( und ich denke den gesamten Tag darüber nach , wie Internet und Telefon den Raum vernichten ) , doch als uns der Bordcomputer zusätzlich zur “Schmach von Swinemünde” ( s. u. ) auch noch hämisch bedeutet , wir hätten im Schnitt ganze 49 Kilometer pro Stunde zurückgelegt , gefriert kurzfristig selbst das Notfall- Lächeln auf unseren Lippen .
Nun , gut : versuchen wir eine Reihenfolge ins Unspektakuläre zu bringen , wäre zunächst die frische Verproviantierung des Personals zu nennen ; mit Hilfe eines jener Supermärkte , welche unter dem Logo eines Grünen Frosches auf Gelbem Grund figurieren , entreissen wir den Regalbetreuerinnen das für zwei Tage nötige Gemüse – sehr deutlich aus lokallandwirtschaftlichen Lagen , Blaubeer’ & Pfifferling’ inklusive – und kommen mit der Gesamtsumme von 25 Zloty ( = 5.- € ) ziemlich glimpflich davon .
Dann hat uns die universalpolnische Strassenbaustelle wieder . Ursprünglich war ja gedacht , auf den Magistralen über die “Dreistadt” ( Gdansk + Gdyna | Gdingen + Sopot | Zopot = Troijmiasto ) nach Nordwesten zu gleiten , um dann mehr Zeit für die Landsträsschen ( Strände ? ) zu gewinnen , doch stecken wir bereits bei der Ausfahrt von Gdansk | Danzig in Schlamm eines zähen Stroms , welcher nun mal einem Ballungsraum von 1,15 Millionen entspringt .


Im Schrittempo unter dem Brennglas der Frontscheibe sengend , auf der Stop- and- Go- Kriechspur zwischen Plattenbuden , Autoclustern , Heimwerkerhallen und “Meble”- Schauräumen üben wir ein bisschen Etymologie . Der Name “Danzig” kann stolz auf zwei lateinische Stammwörter zurückblicken : “Gedanum” resp. “Dantiscum” . Und das einst abgebrannte Pommerland lässt sich per Seelage klären : das slawische “po merze” hiess schlicht und einfach “am Meer” . Man erinnere sich : Das Meer , welches nach Verlaine “mit der Sonne rollt” sich dabei allerdings keusch ( protestantisch ? ) stets hinter einem dichten Strandwaldstreifen versteckt .
Die letzten Lexikonreste werden gesprächsweise über die – dank GG zu weltliterarischem Ruhm aufestiegenen – Kaschuben verbraten : Mit Stettin | Szczecin steuern wir quasi eines der kaschubischen Kerngebiete an , dessen Bevölkerungsanteile bereits früh mit denjenigen der “Slavorum et Cassubiae” genannt werden . Seit der ersten planmässigen deutschen Ostbesiedelung ( ab 1300 , Staunen ) hat sich die ehemalige Majorität in eine Minderheit verwandelt , deren es ( laut Wikipedia- Exzerpt ) heute etwa 50.000 aktive Sprecher gibt . Immerhin blieb den deutschen Kolonisten meist nichts anderes übrig , als die bestehenden kaschubischen Flur- und Ortsbezeichnungen zu übernehmen .
Indes registriert man zwei grobe Fehler in der bisherigen Reise- Systematik : 1. Hätte man sich von Anfang an die Mühe machen sollen , die in buchstäblich jedem Ort unverwechselbar singulären Buswartehäuschen zu fotografieren . Wäre eine immens vielgestaltiges Exempel für Serialität gewesen .
Und 2. hätte man ebenfalls mit dem Passieren der polnischen Grenze eine Strichliste für Baustellen anlegen sollen . Eben demonstriert eine entsprechende Gegenverkehrsstelle ein schönes Exemplar einer Baubrigade , deren Personen zwo heftig an ihrem Werk beschäftigt sind , derweil die restlichen vier bis acht Individuen fleissig am Fachsimpeln sind . Da ja bekanntlich die letzten guten Handwerker und Facharbeiter im Polnischen aufzufinden sind und kein einziges Bier- Gebinde während der gesamten Fahrt rekognoszierbar ist , wollen wir das Klischee im besten Sinn bestätigen .
Oh Gdansk , oh Geduld , du bist ein Fädchen nur , welches die Tonnagen des vorüberkrachenden Schwerverkehrs nicht hält : Also links ‘rin in die Büsche und und quer durch ein eminent differentes Raum- Zeit- Kontinuum .
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ÜBER DIE ( KASCHUBISCHEN ) DÖRFER
Stille empfängt den Gehetzten Durchschnittsstrassenbenutzer , Dörfer im Grauverputz ducken sich in Mulden , dazwischen Alleen , Alleen , Allee und Chauseen , Chauseen, Chauseen . Ja , nun sind wir mittendrin , im Kaschubischen Kerngebiet , als welches im Allgemeinen der Flecken Kartuzy | Karthaus genannt wird . GG hatte Oskar Matzeraths kaschubische Grossmutter allerdings wesentlich weiter östlich angesiedelt , eher Weichsel- wärts .
Ihre Kartoffeläcker begegnen allerdings erst in diesem Gelände , als erstmalige Unterbrechung des allpolnischen Mais- Weizen- Monopols . In einem der Dörfer – war es Sierakowice ( vom welchem es heisst “Kashubian is here in official use, as a regional language” ) oder Puzdrow , wo man bei der Jemüsefrouw prächtige Salzgurken bestaunt , das Brot allerdings bei einer tranig über diverse Tierinnereien wachenden Fleischerin erwirbt . Selbstbedienung ? – Ich bitt’ Sie !
Edit : Die zuletzt dargelegte Passage stellt einen klaren Memoiren- Lapsus dar : Das Szenario stammt klar aus Sektion Zwei dieses Berichts . Indes hatte es mit dem Brotkauf in Folge Fünf insofern eine Bewandtnis , als man erst sträflich fälschlich trachtete , “chleb” in einer Konditorei zu erlangen , beim zwei Häuschen strassab situierten Bäcker dann den letzten Laib errang . Angewiesen auf basale Gestik ein kein gerade kleines oder banales Unterfangen .
Auch die deutsche Sprache kann bei diesen nahe an Mundraub grenzenden Preisen gerne mal draussen bleiben . Allerdings bleibt strassenseitig jedwede Sprache aussen vor : Weit und breit kein Mensch zu sehen . Zu hören . U. s. f.

Ortsnamen sind später nur unter Zuhilfenahme einer Lupe zu rekonstruieren ( nach stundenlangen Ärgernissen mit den ewigen Querschlägern @ Google- Maps ) ; noch hoch genug zu loben dagegen eine bidere 1:800.000- Strassenkarte . Den schweren Shell- Atlast [ bemerkenswerte Freud'sche Verschreibung , der Setzer ] ( “2010 Edition !” – “Deutschland und Nachbarländer !” ) kannste getrost vergessen .
Mit seinen schätzungsweise drei Kilogramm Papier und nachgerade idiotisch zu kleinen oder zu grossen Mass- Stabs- Karten ignoriert das dicke Ding nicht nur Polen geflissentlich , sondern ist sich auch zu gut dafür , Legenden zu spenden . Solcherart übersieht man manches Signal , welches auf “Autobahn im Bau” oder “Querung nur per Fähre” hindeutete , erschlössen sich nur die entsprechende Symbolgestaltung auf einen Blick .
Es muss wohl irgendwo zwischen dem kaschubischen Czarna Dabrówka | Schwarz Damerkow und der nächstgrösseren Kreisstadt Slupsk | Stolp gewesen sein , wo wir den “Mama pack die Kinder ein“- Leih- VW in eine rumpelige Seitenallee steuern , um unsere Kräfte per Mittagsrast neu zu befeuern . Interessant , welch grosse Namen die Stadt für sich reklamiert . Mit dem Philosophen Odo Marquard , dem Historiker Christian Meier , dem Schnell- und Jederzeit- Sprecher Bazon Brock und dem Soziologen der “Risikogesellschaft” , Ulrich Beck , seien nur ein paar medial besonders begabte Exponenten erwähnt .

Frisch also weiter über Koszalin | Köslin – jetzt knickt & falzt die Karte – , Nowogard | Naugard , Goleniów | Gollnow ( interessant : in der Wikipedia findet sich auch eine Liste der unbewohnten Stadtteile … ) , über Reclaw auf die Insel Wolin | Wollin , deren insulare Lage dank generöser Brücken- Ingenieurskunst nachgerade unbemerkt geblieben ist .
Gelullt von glattem Gelingen und fantastischem Landfrieden lassen wir das einst mondäne Ostseebad Miedzyzdroje | Misdroy lässig rechter Hand liegen ( Badebetrieb seit den 1830er Jahren , mehrere kaiserliche Thronfolger hatten sich dort erquickt ebenso wie der Pathologe und grosse Humanist Rudolf Virchow , einer der in|ad|ae|qu|at private heroes … ) und sehen uns bereits in Swinoujscie | Swinemünde mit der Fähre nach der Insel Uznam | Usedom | – unserem Etappenziel – schippern …
Da ereilt uns jenes Ereignis , welches als “Schmach von Swinemünde” in die Annalen der Reiseliteratur eingehen wird .
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GESTRANDET AN HAFF & HAFEN : NO FERRY 4 ALIENS


Es gibt zwar eine Fähre . Und die versieht auch gediegen ihren Dienst . Indem sie PKWs , Radler und Fussgeher ( Letztere gratis ) über die Swine vor- und zurück schippert . Aber glaubst du , es wäre auch nur mit einem einzigen ( deutschen ) Jota irgendwo angeschrieben , dass das Schinakel lediglich FOR LOCALS ONLY existiert ?! – Ohne Swinemündn’ner Kennzeichen nehmen sie dich nicht , es sei denn , du tanzt zwischen 22 und 4 Uhr früh an …
Grosse Enttäuschung & tiefe Bitternis : Immerhin geht es ja – abgesehen von einem schmalen polnischen Part der Stadt – in Richtung Deutschland . Wir nehmen’s als ein weiteres Indiz für die mannigfaltig manifesten ( historischen ) Verwerfungen zwischen den in ihrer Gestalt stets hin- und herruckenden Nationen . Auf der anderen Seite – wir werden sie morgen nach 200 Kilometern Umweg über Szczecin | Stettin ( Brücke ! ) inspizieren – sind sämtliche “Gebrauchsanweisungen” nett & adrett in deutscher Sprache angeschrieben . Umgekehrt würde ein Schuh draus , dürfen wir Arno Schmidt zitieren .
Also sehen wir uns im polnischen Vorort von Swinoujscie | Swinemünde gestrandet : einem sehr dicht geschürzten Verkehrsknotenpunkt , wo Bahn , PKW , LKW , Kräne und Schiffahrt einander zum Wohle des Handels und Wandels zuarbeiten .
Schnell ist in diesem mit Ostswine Warzow benamsten Flecken ein umso namenloseres Hotel gefunden , wo man ( d. h. zwiefachfrau ) ebenfalls keine Silbe des deutschen mächtig uns gelassen einen Zettel mit dem hingekritzelten Zimmerpreis über den Tresen schiebt . 170 Zloty ohne Frühstück , dafür ein “Room with a View” .
Würdiger Wasserturm , Bahnhof , Güterzüge , im Hintergrund zwei mächtige Kräne sowie der Fähren- Ablegeplatz . Abgesehen von der im Hamburger “Chelsea“- mässigen “Figaro“- Hotel ( nahe St. Pauli und Sozialfallriesensupermarkt , gegenüber Rummelplatz und unmittelbar an der stark befahrenen Einfallstrasse plus hausinternem Punk- Getrampel , Rohrrauschen etc. ) wäre hier die wohl spannendste Soundscape der gesamten Reise aufzunehmen .


Weibliche Baaahndurchsaaagen ( Verstärker ) , Veeerkeeehr , Schiffstuuten , rüttelnde schüttelnde Güterwaggaggaggongs , allmählich abschwellellellender ( LKW- ) Verkeeehr , versprengte Möööwen , Schrebergärtlein mit polnisch Monolologogo- Rentner & munter kläffäffäffendes Hündchen : Hier käme ein Surround- “Field- Recording” voll auf seine Kosten .


Was soll’s . Letzte Abendsonnenstrahlen schrägen ins Gehege , routiniert wird der technische Aufbau ins Werk ( und sämtliche Steckdosen ) gesetzt : vier Handys , eine Digitalkamera , das gute alte Nokia 800 mitsamt GPS- Empfänger plus ein Laptop obendrein . Wir sind’s zufrieden und verraten aus Rache für die “Swinemündener Schmach” jetzt wirklich nicht , dass Theodor Fontanes fiktiver Ort Kissin ( “Effi Briest” ) nichts anderes darstellt als …

… Swinoujscie | Swinemünde . Ja , genau .

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[...] Voyage : Gdansk – Ostswine Warzow – oder : « Die Schmach von Swinemünde ». [...]