Ostseeroute Teil 6 : Von Swinemünde Ost nach Swinemünde West – Grosse Tour via Stettin | Szczecin

||| 200 KILOMETER LAND STATT 50 METERN WASSER : VIA STETTIN | DURCH DEUTSCHLAND | USEDOM KURZ- RUNDKURS : TILGUNG DER “SCHMACH VON SWINEMÜNDE” | RELATED

06_Swinemünde_Stettin_Anklam

( click to XL )

200 KILOMETER LAND STATT 50 METERN WASSER : VIA STETTIN

Swinoujslie_Swinemünde_Ost_copyright_Christiane_ZintzenSwinoujslie_Swinemünde_Ost_copyright_Christiane_Zintzen

( Swinoujslie | Swinemünde Ost)

Die Rekognosierung der frühmorgendlichen Übersetzungs- Lage , Kategorie “Touristenfähre” ergibt , dass der Kahn gerade mal alle halben Stunden ablegt ; wir stehen bei 8 Uhr 10 , müssten nun also mindestens bis 9 Uhr 30 warten , ohne etwelche Sicherheit zu geniessen , überhaupt Platz zu finden . Die Reihe der Wartenden ( LKW auf Xtra- Spur ) weist doch recht beträchtlich auf bevorstehende nautische Unterkapazitäten hin .

Eine pedestrische Expedition entlang des Blechkordons redet einer Ernüchterung das Wort : gezählte 52 PKW bis zur Andockstelle , dazu an die 25 LKW und Autobusse in zweiter Spur ; bei 1 Fährgang alle 30 Minuten und rund 25 Fahrzeugen pro Übersetzung wäre demnach mit einer Wartezeit von mindestens zwei Stunden zu rechnen . Selbstappelle zur demütigen Hinnahme von bedrängtem Raum unter Umständen gedehnter Zeit verhallen vergeblich und weichem einen plötzlichen Fluchtreflex , welcher sich in einem beherzten Warteschlangen- Ausscher- & Wendemanövr entlädt .

Zurück nach vorne also und rauf auf Autobahn : Die Überland- und Brückenfahrt via Stettin | Szczecin müsste doch fast innerhalb der abzusehenden Abwartungen machbar sein . So . So wie man sich das eben vorstellt , wenn man in Kategorien horizontoffener Kontinentalfahrten auf vergessenen Nebenstrassen oder glatten Autobahnen denkt . Selbstredend gestaltet sich die Situation nach ihren eigenen Regeln und spendet reichlich Reibung ; der Berufsverkehr nach Stettin stockt ob eines dramatisch quergestürzten DHL- Sattelschleppers .

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_ZintzenSzczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

( Szczecin | Stettin )

Trotzdem erheben sich irgendwann die mächtigen Kräne des Logistik- und Umschlagplatzes an der Odermündung ins Stettiner Haff ( nach Danzig | Gdansk dem zweitgrössten polnischen Seehafen ) in den Himmel . Kleine Schlenker richtung “Port” zwischen die Pylonen der Stadtautobahn , unter ( spätestens seit Bitterfeld ) bekannt “östlich”- drastisch fahrbahnüberbrückenden Röhrensystemen hindurch um wieder und wieder an einem Schlagbaum oder verschlossenen Tor zu enden .

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_ZintzenSzczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

( Szczecin | Stettin)

Der Topologie der Abschweifung , des Umweges und der Sackgasse nicht eben abgeneigt , vollzieht man derart herrlich ineffiziente Volten und Zirkel , dass selbst der DEA EX MACHINA – der weiblichen Geisterstimme des GPS- Geräts – sehr bald die Lust am Protestieren vergeht .

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

( Szczecin | Stettin )

Prächtig präsentiert sich Stettin | Szczecin seeseitig mit prominentem Kapitänscasino und dessen Vorgänger , einer hügelaufwärts thronenden Gründerzeit- Admiralität samt Stadtpark und Nebengebäuden . Der grüne Hügel erschliesst sich per freitreppenartig geschweifter , protz- und prunkträchtiger Paradestrasse .

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_ZintzenSzczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

( Szczecin | Stettin )

Das Hinterland präsentiert sich profaner : Reste barocker Stadttore zwischen Plattenbau- Magistralen , proletarische Brickstone- und bürgerliche Siedlungsquartiere , dazwischen die bekannt Aufmarsch- tauglichen Warschauer- Pakt- Ringstrassen ; etwelche Renovierung oder Strukturbelebung der beträchtlichen Nachkriegsbrachen ist kaum auszumachen , allerdings trägt auch eine schwarz drohende Cinemascope- Regenwolkenwand erheblich dazu bei , die Manchester- Stimmung über der sich in endlosen Quartieren ausfransenden Stadt zu verstärken .

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

( Szczecin | Stettin )

Schlagen nach Buchhandlungsbesuch – Harry Potter , polnisch – zwei gelbbefrackten Parkwächtern gerade noch ein Schnippchen : infantile Befriedigung . Sind immerhin auf der gesamten Strecke von 2.700 Kilometern verkehrssündenmässig fast superclean geblieben .

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

( Szczecin | Stettin )

Die grenznah eben noch der polnischen Post einzuverleibenden Grusskarten geben Anlass zum Cruisen . Solcherart gerät ein massiver Militärkomplex in den Blick , ein simpler Maschendrahtzaun erlaubt Einsichten in ein Szenario von Laufgräben , Hindernissen , Schiessplatz usf . Der grössere Part der Anlage steht – so bekunden es mehrere schief an den Zaun geheftete Plakate und Schilder – zum Verkauf .

Szczecin_Stettin_copyright_Christiane_Zintzen

( Szczecin | Stettin )

Kleingartensiedlung , Busumkehrstelle , verwilderte Mirabellen und Reineclauden in satter Pracht – Neubauplanquadrat hart an der Grenze , auf welche allerdings mitnicht irgend ein Verkehrszeichen hinweist – sondern lediglich die in einem minimalen Streifen von gerade mal 300 Metern zusammengedrängten Hütten , Zelte und Büdchen , wo man “die billigsten Zigaretten der Welt” ( so der erste und einzige deutschsprachige Eye- Catcher auf polnischem Boden ) ersteht .

Kleiner Grenzverkehr , der ( mit ähnlichen Anboten und den all- polnischen , aus dem Temporären ins Dauerhafte verfestigten Kabanen ) abends wiederbegnen wird im endlich – diesmal am linken Ufer von Swine und Haff – wiedereroberten Swinemünde . Allerdings auf einer mindestens zehnmal so langen Strecke , welche als allgemeiner Corso den Handel dem Lustwandel verschwistert .

Hier in Stettin stehen die umfangreichen Kubaturen der ehemaligen Grenzstation endgültig abgewickelt im Raum herum . Baukörper als Opfer ideologischer , ökonomischer und mithin metaphysischer Obdachlosigkeit : Wie deutlich Bebauung und Bespielung doch lokale Verhältnisse abbilden .

|||

DURCH DEUTSCHLAND

Wie sonderbar dann das grusslose und lediglich durch die vertraute CI der Strassenschilder signalisierte Wissen , über deutschen Boden zu rollen . Der BRD- Pass darf sich mal wieder richtig heimisch fühlen . Keine Einreise ohne den Gedanken an Walter Abishs “How German is it ? und das erleichterte Bewusstsein , als endemisches Grenzlandkind noch einmal davongekommen zu sein .

Draussen herrscht die nachgerade unheimliche Stumheit des topographisch strukturschwachen Hinterhofs , selbst wenn es die protestantisch knapp und propper gehaltenen Vorgärten der graugeputzten Duckhäuser sind , aus welchen diese Stille sintert . Grenzlandflecken ohne einen einzigen Laden , lediglich grellgelbe NETTO- Märkte wuchern an den Fugenritzen zwischen Verkehr und Leere . Diese besonders basalen Warenlager kulinarischen Ramschs werden noch länger die ehemals ostdeutsch- proletarischen Wohn- und Verkehrsschneisen begleiten .

Hier sind wir jedenfalls in Pasewalk , Kreisstadt des Landkreises Uecker- Randow in Mecklenburg- Vorpommern , wo sich die viertelweise differenten architektonischen Epochen trotz kriegs zerstörter Innen- und Altstadt in seltener Reinform manifestieren . Horizontal und sukzessive ereignet sich eine bemerkenswerte Abfolge der Stile : geduckte Bauernkaten , Arbeitersiedlungen , Plattenbauten – in selten derart erhaltener Reinkultur .

Pasewalk_copyright_Christiane_Zintzen

Pasewalk_copyright_Christiane_Zintzen

( Pasewalk )

Das in absichtsvoll erhaltenem Verfall prangendes Bahnhofshotel der ehemaligen DDR- Bewirtungs- und Beherbergungsgesellschaft MITROPA , kurz darauf ein nahezu surreal riesig über dem Flachland aufragender Kolchos- Kornspeicher . Man merkt die Absicht , DDR- Relikte nicht abzureissen und schliesst aus dieser artifiziellen Erhaltung realsozialistischer Bausubstanz , dass hier erst spät nach der “Wende” die Gelder der Strukturhilfe ( “Städtebauförderung” ) flossen – als nämlich nicht einfach gleich tabula rasa gemacht wurde , sondern bereits ein ästhetisches Bewusstsein für die Sepzifik dieser Architekturen bestand . Kann das sein ?

Pasewalk_copyright_Christiane_ZintzenPasewalk_copyright_Christiane_Zintzen

Pasewalk_copyright_Christiane_Zintzen

( Pasewalk )

Auf der Landstrasse zeugt eine Motorroller- Staffel auf liebevoll renovierten DDR- Modellen ( Trolls des VEB IFA-Automobilwerks Ludwigsfelde ) von möglichen Residuen der Ostalgie .

Was für die Durchreisenden als Exotikum figuriert und ästhetisch wahrgenommen wird , ist in Tat und wahrheit eine in ökonomischer Paralyse eingefrorenee Nature Morte : Nach der Abwanderung des autochthonen Nachwuchses zu westlicheren Ausbildungs- und Arbeitsstätten bleiben die Senioren und mit ihnen eine unübersehbare Reihe sozialer Institutionen .

Der protestantischen Kargheit der beklemmend “aufgeräumt” bzw. “unbelebt” anmutenden Strassendörfer steht eine merkwürdiger Hang zur seltsamen Benennung gegenüber . Blumiges wie “Wiesenperle” zum einen , anderseits ruppige Matter- of- Factness- Ausschilderung : “Essen und Trinken” , “Feldküche” , “China- Döner” und – Staunen , dass es dies in den Nuller- Jahren des 21. Jahrhunderts noch gibt – “Linsen mit Würstchen” . Diese sonderbar retrograd anmutende Küchenkultur von “Einigkeit und Recht und Eintopf” ( Wolfram Siebeck ) wird die Reise noch einige Tage lang begleiten : Dass sich die sparefroh- hochkalorische Speise nach wie vor regen Zuspruchs erfreut , erweist sich am PKW- Aufkommen um entsprechend ausgeschilderten Ausgabestellen sowie ein Mikrodrama einige Tage und hunderte Kilometer weiter und ausgerechnet bei einem “Aalfest” am Ostseestrand von Börgerende .

Nordfahrt bei zunehmender Marienkäferdichte , auch hier weisen Felder und Wälder noch Sturmschäden auf . Im Unterschied zu den eher divers formierten polnischen Aufräum- Brigaden erscheinen die deutschen Kollegen auf performativer und ästhetischer Linie in Gerätschaft und Gewandung einwandfrei proper – quasi wie frisch aus der “Playmobil “- Schachtel . Adrett mit Holzmobiliar bestückte Rastplätze , deren einer ( im kühlen Tann & deutschen Waldmantel ) umgehend leiblich visitiert wird .

Daten und Zifferblätter von Tank , Uhr , GPS , Strassenkarte , subjektiver Ermüdung ( und nicht zuletzt : ein paar geizig zitternde Ausschläge des Zeigers im Spardrang- Spektrum ) legen eine Herbergssuche am Festland nahe . Ein Ferienziel der Kategorie “Insel Usedom”ist an einem Spätnachmittag der Hochsaison nicht anders als im Belagerungs- ( ergro Teuro – ) Zustand vorzustellen . Da trivialerweise auch die Nerven nach kurzer Nacht und langer Fahrt langsam ins Blanke geraten , erscheint ein hiesiges Quartier als wünschenswert .

Da die Strecke bislang nicht eben mit Hotelclustern gesegnet gewesen ist , wird die nächstbeste Adresse gewählt . Ergo Ankunft im Kreisstädtchen Anklam ( Ostvorpommern , Kennzeichen OVP ) und Halt bei einem historischen Brickstone- Fachwerkbau in typischer “Umfahrungsstrassen”- Lage : Tatsächlich sind noch Zimmer frei ( so simpel wird die Raumplanung der folgenden Tage sich nicht mehr gestalten ) um wohlfeile 69.- Euro .

Dass die Sache im Bau des historischen Warm- und Wannenbades einen kleinen Haken hat , war – abgesehen von seiner unmittelbar an der akustisch neuralgisch zwischen Orts- und Landstrasse situierten Lage – zu erwarten . Raucher werden strassenseitig untergebracht ( eine eindeutig volkspädagogisch markierte Massnahme ) und dies in kühler , indes lärmender Ebenerdigkeit zwischen deutlich feuchtelndem Gemäuer . Ein Umstand , welcher wieder im mitgeführten Fontane blättern lässt : Die TBC der mittlerweile “gefallenen Frau” Effi als Effekt feuchter Häuslichkeit beim billigen “Trockenwohnen” neuer Gebäude . Wahl bleibt uns , wie uns die resolut autochthone Hausdame glaubwürdig versichert , ohnehin keine . Seewärts sei alles teuer und ausgebucht .

Nach kurzer Sanierung der waidwunden Glieder Aufbruch zur ausflugsmässigen Tilgung der “Schmach von Swinemünde ” . Vielleicht tut sich ja dabei auch eine neue Planungslage für die Etappen ( -Ziele ) der kommenden Tage auf .

|||

USEDOM KURZ- RUNDKURS : TILGUNG DER “SCHMACH VON SWINEMÜNDE

Überquerung der Hubbrücke am Anklamer Tortum und nun Entern der Insel mit dem bemerkenswert vokalanlautenden Namen “Usedom” . Dass es hier deutlich anders zugeht als auf dem platten Land , erweist das Aufkommen massiver Menschenmengen , sei es in PKWs , sei es in Horden unsicher herumwackelnder Urlaubsradler , sei es zu Fuss .

Merke : Anders als die bisherigen Ostsee- Panoramen besitzt Usedom eine fast mediterrane Riviera . “Ostsee” funktioniert eben nicht , wie in lieblicheren Gefilden , wo die Zitronen blühn , via Uferstrasse und parallel zum Strand entfalteter Infrastruktur . Sondern “Ostsee” funktioniert weitenteils als punktuelle Destination an ein paar hundert Metern mit hölzernen Brandungsbrechern versehenem Strand . Die Linie der Schutzwälder setzt sich auch im Westen fast lückenlos fort und mit ihenen die intensive agrarische Nutzung der Flächen . Du kannst also hunderte Kilometer parallel zur Küste fahren , ohne vom Binnenmeer auch nur einen Deut mitzukriegen .

Vorsichtig bahnt sich die Autoschnauze einen Weg durch die abendlich vom Strand in ihre Hotels , FeWo s & Gästetzimer zurück strömende Crowd , passiert einen von den vertrauten Büdchen gesäumten , etwa drei Kilometer langen Korso des offenen deutsch- polnischen Grenzverkehrs , um letztlich an der Mole des – jetzt wieder  – Swinemünde vor Anker zu gehen .

Swinoujslie_Swinemünde_Ost_copyright_Christiane_ZintzenSwinoujslie Wasserturm BHF

( Swinoujslie | Swinemünde Ost – gestern)

Swinoujslie_Swinemünde_West_copyright_Christiane_ZintzenSwinoujslie_Swinemünde_West_copyright_Christiane_Zintzen

( Blick von Swinoujslie | Swinemünde West – heute : Erkennen Sie die Motive ? )

Tja , da stehst du nun auf der anderen Seite der Swine und winkst – akkurat 24 Stunden später – dem Wasserturm , Bahnhof und Krangelände von gestern zu . Nach läppischen 350 Kilometern und 12 Stunden Fahrtdauer ist man gerade mal 50 Meter gegenüber dem Hotel der vergangenen Nacht sowie vom Landungssteg der so reserviert sich Fremden gegenüber benehmenden Fähre .

Stadtplan Swinemünde 1908

( Stadtplan Swinemünde , Inseln Usedom [ D ] und Wolin [ PL ] , ca 1908 , click to XL )

Eben entlässt die “ONLY LOKALZ“- Übersetzung eine wuselnde Menschenmengen zu Fuss , mit Velo , im PKW . Selig sentimental die – selbstredend  rein gastronomisch zu verstehende – polnische Wirtschaft geniessend , erklärt man die “Schmach von Swindemünde ” als getilgt und kehrt in maximaler ergebnisoffener Aufgeräumtheit zum , pardon , schimmelstinkenden Zimmer auf deutschem Terrain zurück .

|||

RELATED

|||

One Response to Ostseeroute Teil 6 : Von Swinemünde Ost nach Swinemünde West – Grosse Tour via Stettin | Szczecin
  1. [...] jeunesse : Von Swinemünde Ost nach Swinemünde West / Grosse Tour via Stettin / Szczecin ; l’aventure continue. Un peu d’Algarve – Page/Bryce [...]

Leave a Reply

Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL http://www.zintzen.org/2009/08/17/ostseeroute-teil-6-von-swinemunde-ost-nach-swinemunde-west-grosse-tour-via-stettin-szczecin/trackback/