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BÖRGERENDE – SCHWERIN
Aufbruch zur letzten Etappe , heute soll es nach Hamburg gehen , dem Ziel der automobilen Reise . Entsprechend gemischte Gefühle aus vorauseilendem Groll gegen das Wiederinkrafttreten des Alltags . Einerseits . Anderseits heitere Vorfreude auf Hamburg sowie auf die Befreiung der schmerzenden Glieder aus dem rollenden Gestell . Beim Morgenkaffee gilt es , per Kartenlektüre den Wahrnehmungszoom buchstäblich wieder zu weiten : Vom mikrolokalen Blick auf die Ostse- Ortee Nienhagen , Börgerende und Heiligendamm zum raumgreifenden Fokus auf Region , Strecke , Transit .
Dass Lübeck als erwartbar hochgehübschtes Hansestädtchen ausser Betracht kommt , steht seit der Wroclaw | Breslau- Erfahrung des an properen Fassaden abgleitenden Blickes eigentich schon lange fest . Auch Wismar muss – will man morgendlich zügig vorankommen – auf der Strecke bleiben . Was schade ist , denn hier wäre der zu DDR- Zeiten nach Rostock grösste Warenhafen zu sehen gewesen , nebst einer aus der sowjetischen Werkstätte für Schiffsreparatur hervorgangenen Werft . Letztere , lehrt das Lexikon , gehöre dank neuer Schiffbauhalle zu den modernsten ihrer Art . Gleichzeitig dringt aus den eher kollateral konsumierten Nachrichten die Kunde vom Insolvenzantrag der Wadan- Werften Wismar und Rostock- Warnemünde . Betroffen sind nicht weniger als 2.700 Arbeiter . Von welchen einige Hundert Mitte Juli die Werft besetzen : Merkel verweigert Hilfszusagen , auch Präsident Medwedew als Oberhoherr des russischen Unternehmens hält sich bedeckt .
Erneut ein Indiz für das Ende des Eisernen Zeitalters . Die Altstadt konnte erfolgreich in den Rang eines Teils des UNESCO- Welterbes gehievt werden , doch die Bevölkerung siedelt massiv ab . Kilometerstand auf Höhe der Hansestadt beträgt nun genau 2.500 Kilometer . Weiter nach Schwerin , wo – keine Ahnung , aus welchem konnotativen Hirnwinkel die Einflüsterungen schmeicheln – eine kleine Fusstour gedreht werden soll . Verwöhnt vom bislang hervorragenden Kartenmaterial ( Polen Länderkarte , Lokalkarten Ostseebäder ) geht man dem als besonders neu und empfehlenswert angebotenen Shell- Atlas auf den Leim : Nicht nur ist der Massstab der Karten abwechselnd zu klein oder zu gross , sondern verzichtet dieser auch souverän auf jedwede Legende . Weshalb sich die östlich vom Schweriner See südwärtes hinab schlängelnde Autorbahn als Riesenbaustelle erweist : Ach ja , so die Erkenntnis ex post und mitten im samstäglichen Freizeit- Stau , die Linie ist ja nur gestrichelt eingezeichnet …
Endlich an der Durchzugsstrasse hart am Rande des Schweriner Innensees angelangt , nimmt man – um zumindest kurz der unendlichen PKW- Wurst zu entkommen – die nächstbeste Abbiegung rechts . Und findet sich prompt in der Schliemann- Strasse . Sonderbar , da hat man sich aus Dissertationszwecken einige Jahre lang mit dem Selfmade- Archäologen befasst und landet – zwischen dem eben noch durchfahrenen Neubukow ( Geburtsort , Landkreis Bad Doberan | Mecklenburg- Vorpommern ) und dem nordwestlich umfahrenen Ankershagen ( Landkreis Müritz | Mecklenburg- Vorpommern , späterer Wohnsitz der Familie ) prompt in dessen biographischen Altertümern . Die mit nicht weniger als zwei Antiquitätenläden versehene Schweriner Schliemann- Strasse indes ermangelt jeden biographischen Bezugs.
Da sind wir | wir sind da , drängen den gepflasterten Karrées der Altstadt entlang . Letzter wäre nach Willen der DDR- Regierung in den 60er Jahren komplett zu gunsten von Plattenbauten geschliffen worden ; glücklicher Weise fehlte das Geld . Unter moderner Kunst versteht man in der Landeshauptstadt Mecklenburg Vorpommerns – wie übrigens zeitgleich in Stralsund – nur “Hundertwasser” . In ihrer menschenleeren Geducktheit vermittelt die komplett sanierte Altstadt erneut den Eindruck protestantischer Verklemmtheit und schönlackierter Öde . Die Stille , die uns beim kurzen Stoffwechsel- Stop an einer netten Kaffee- Bar umgibt , wird lediglich von den Stadtrundfahrt- Kleinbussen der auch Rundfahrtsschiffe führenden Firma “Petermännchen” unterbrochen . Oft von Frauen gelenkt , fast ausschliesslich besetzt von “senior citizens” , bestärken diese Busse den Charakter authochthoner Unbelebtheit . Bleischwere Atmosphäre einer typischen Tagesausflug- Destination ( + | – inkludierter Werbeverkaufsschau ) .
Nachgerade bösartig nehmen sich die funkgesteuerten Poller aus , welche sich vor den städtischen Bussen demütig in den Boden senken , um danach mit nur umso grösserer Plötzlichkeit wieder emporzuschiessen . Wenn du also einem Bus folgst und deinen Blick in Höhe von dessen oberem Drittel hältst , kannst du – rumms , wumms – eine dellenträchtige Überraschung erleben . Kein Hinweisschild deutet auf diese infame Erfindung hin . Indes befällt uns im Pulk fröhlich durcheinander wieselnder Ausflügler ohnehin die übliche Panik . Zu dumm , kommt doch der Fluchtreflex nicht um die Uferstrasse mit BuGa ( Bundesgartenschau ) und einem sich als protestantisches Neuschwanstein gebärdenden Stadtschloss ( ehemaliger Fürstensitz , aktuelle Residenz der Landesregierung ) nicht herum .
Witzig indes die Menschenmenge , welche ( portioniert in Fussgängerampel- Grün- Schüben ) über die Fahrbahn der BuGa entgegen drängt . Ein alpin in Dirndl und ledernen Seppelhosen gewandeter Trupp wirkt einigermassen absurd , wirft indes unmittelbar die Frage auf , ob es sich hierbei um Vertreter der musikalischen Unterhaltungsindustrie handeln möge oder um den formenstolzen Ausflug eines bayerisch- österreichischen Trachtenvereins . Wie man sieht , ist der Modus der Mikrobeobachtung trotz dezidiert ferner gesteckter Wahrnehmungsräume einfach nicht unterzukriegen .


Schliemannstrasse , Schwerin
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DIE GRENZE : ZARRENTIN
Gar nicht so leicht , sich über diverse Autobahnkreuze hinweg auf die gutausgebaute Bundesstrasse 321 südwestwärts zu fädeln , um kurz nach Bandenitz einen radikalen Rechtsschwenk auf die Autobahn A24 zu vollziehen . Die Vermutung , diese zwischen Hamburg und Berlin gelegte “Bundesautobahn” sei wohl eine der ältesten ihrer Art , wird im Zuge der Nachrecherche revidiert : Zwar hatte man mit dem Bau dieser eminenten Verkehrsachse ( erinnert sich jemand an das Projekt einer Schwebebahn ? ) bereits 1937 begonnen , doch stand das Unterfangen mangels hinreichender Baustoffe und Arbeitskräfte bereits 1941 still . Nach dem Krieg und während der DDR- Zeit bestand – selbstredend seitens der DDR – kein besonderes Interesse an einer BRD- Verbindung . Angeblich war es Westdeutschland , welches die Fertigstellung der Transitroute ab den späten 70er Jahren massiv betrieb , in dem es auch die Baukosten der ostseitigen Teilstücke übernahm . 1982 konnte damit ein eher paradoxales Verkehrsbauwerk freigegeben werden , war doch der Westverkehr dem Arbeiter- und Bauernstaat nicht unbedingt erwünscht .
Schütter werdende Bebauung , Hinweise auf das “Biosphärengebiet Schaalsee” sind , wie wir mittlerweile nach mehreren Überquerungen des innerdeutschen Grenzgebiets wissen , untrügliche Zeichen für die Passage durch das ehemalige Niemandsland , welches sich über sogenannt “gefühlte” 50 Kilometer erstreckt . Wildes Herumkramen im Kopf nach Resten von Wissen über binnendeutsche Geographie und Geschichte ( de facto wurde beides in österreichischen Gymnasien nicht gelehrt ) , vergebliches Blättern im ärgerlichen Shell- Atlas zeitigen kaum konkrete Ergebnisse hinsichtlich der vielen Fragen , welche den “genius” bzw. “daemon loci” dieser Grenzregion erhellen könnten .

Grenzübergänge Norddeutschland , Quelle : Bundesarchiv
Ein in der typisch braunen Farbe für lokale Sehenswürdigkeiten gehaltenes Autobahnschild “Innerdeutsche Grenze | 1945 – 1989” vermerkt lakonisch ( und durch die Jahreszahlen an einen Grabstein erinnernd ) den örtlichen ( Tat- ) Bestand . Ein einziges Gebäude ist von der einst raumgreifenden Anlage des Grenzübergangs Gudow- Zarrentin übrig geblieben . Nicht die geringste Spur mehr zeugt von den ehemals drastischen Baulichkeiten zur Verhinderung von “Grenzdurchbrüchen” ; fort der Metallgitterzaun Zarrentin vor der eigentliche Grenze , fort die martialische Betonsperre . Heute liest man davon allenfalls in diversen “Augen-” bzw. “Zeitzeugen”- Foren .

Bereits mehrere Kilometer östlich des Grenzübergangs Zarrentin befand sich eine “Vorkontrolle”. Fahrzeuge, welche Richtung Grenze fuhren, wurden hier schon kontrolliert. Gelang es einem Fahrzeug, ohne Genehmigung die Vorkontrolle in Richtung Grenze zu verlassen, wurden am Grenzübergang selbst Sperrmaßnahmen getroffen. Schranken wurden geschlossen und die Betonsperre über die Autobahn ausgefahren. Kein Fahrzeug konnte diese Sperre durchbrechen; ein Fluchtversuch war spätestens hier ( = knapp 500 Meter vor dem Bundesgebiet ) beendet. ( Quelle )


Ausreise- Stempel Grenzübergang Zarrentin | Grenzübergang Zarrentin am 12. 11. 1989
“Tausende DDR-Bürger passierten mit ihrem PKW den Grenzübergang Zarrentin” ( Bundesarchiv )
Irgendwie findet man es doch auch kurios , in welchem Ausmass nun auf der Westseite Verkehrstafeln vor “Strassenschäden” warnen : Westlich der ehemaligen Grenze ( Schleswig Holstein ) befindet sich die Autobahn in wesentlich schlechterem Zustand als die frisch renovierte Piste im Osten ( Mecklenburg Vorpommern )
Erstaunliche 60 Kilometer ( “so nah an der Grenze !” ) trennen noch von Hamburg , dessen Stadtgrenze man um Punkt 11:59 Uhr überrollt .
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HALTEPUNKT HAMBURG , CHELSEA HOTEL
Forschungsgebiet
Hamburg also . Hamburg ? – Hamburg ! Uns springen in den Köpfen die verschiedensten Blasen auf der absichtsvoll | unwillkürlich angesammelten Konnotate , Bilder und Clichées . Glücklicherweise wurden durch die Ansichten von Danzig | Gdansk , Stettin | Szczecin , Warnemünde und Stralsund die Mythen von “Hafen” und Werft” hinlänglich entzaubert . Im Übrigen hat die Crew hinlänglich Team- und Reiseerfahrung , dass voneinander und miteinander gewusst werden kann , inwiefern die Wahrnehmungsmöglichkeiten am überdeterminierten Ort einer Metropole nur höchst ausschnitthaft sind .
Schnell hat man sich also darüber verständigt , einen einzigen literarischen Topos aufzusuchen , den Rest überlässt mam getrost den Faktoren “Laune” und “Zufall” . Beziehungsweise den multiplen Anziehungs- oder Abstossungsmomenten einer Metropole . Was sofort auffällt , ist der im Vergleich zu Wien oder anderen dorfhaft konzentrisch gewachsenen Städten enorm dezentral wirkende Raumplan der riesigen Kubaturen eingebettet in nicht minder riesige Verkehrsflächen . Typische Le Corbusier- Stadtplanung , gewachsen auf der “tabula rasa” der enormen Kriegsschäden .
Erschrecken angesichts der Radikalität einer aktuellen Investorenarchitektur , welche jeden nur irgend erreichbaren Kubikmeter der Handelsware “Hafenblick” mit gigantisch gleissenden Bürobauten , Condos und fetten Firmensitzen verstellt . Hinzu kommen die gigantischen architekturalen Baumanöver von Elbphilharmonie und einer weiteren U- Bahn- Linie . Hier wird offensichtlich prinzipiell eher geklotzt denn gekleckert und Altbestand ( mit Ausnahmen wie der jetzt aseptisch renovierten Speicherstadt ) dem Altbestand wenig Wert beigemessen . Oder interpretieren die lesenden Arbeiter die offensichtlichen Zeichen nur voller Vorurteile ? – Raum für Gegenworte wäre durchaus vorhanden .
Was – und dies , seit wir uns auf deutschem Boden befinden – erneut nicht eingelöst wird , ist die Erwartung , man werde schon irgendein Outlet einer bekannten Hotelkette finden und dort basale Standards wie Netzzugang , hinreichend Handtücher und einigermassen erträglicher Optik . Mitnichten . Keine Hinweistafeln deuten auf die mitten ins Strassenbild gefügten Hotels , welche im Grunde nichts anderes als ganz normale , vom Keller bis zum Dache mit Fremdenzimmern versehene Wohnhäuser sind . Schnell belehrt uns die Anfrage beim nächstbesten Nachtgast- Betrieb am Neuen Pferdemarkt , dass es hier auf unseren Stilwillen nicht ankommt . Aber was willst du : die Erkundigungen belaufen sich ja lediglich ja auf Ein- Stern- Niveau . Nahe am Lunapark “Hamburger Dom” auf dem Heiligengeistfeld , dicht beim dem Heimstadion des FC St. Pauli und nächst der U- bahn- Station Feldstrasse gelegen , gibt man uns an der Rezeption des ausgebuchten Hotels freundlicherweise den Hinweis auf einen , etwa einen Häuserblock weiter ( = nah ) gelegenen Konkurrenzbetrieb .
Tja und da sind wir nun im “Hotel Figaro” um dreissig Euro pro Kopf & Nacht und müssen uns – Samstagmittag , die Zeit läuft – also entscheiden , ob wir das Zimmer unbesehen nehmen . Egal , so der Impulsgedanke , Hauptsache mal raus aus dem Auto und wieder Boden unter die Füsse und sowieso hohe Zeit zum kurzen Ruhen und gelegentlicher Atzung . Bereits beim Hinaufschleppen der Koffer und sämtlicher technischer Paraphernalien in den 4. Stock des engbrüstigen , ein bisschen miefenden Hauses sind wir mit der wissenschaftlichen Plattitüde konfrontiert , dass eine Versuchsanordnung nur jene Fragen beantwortet , welche man zuvor induzierte . Die strassenseitig gelegene Kammer überrascht mit dem Luxus eines Kaltwasser- Lavabos : WC und Dusche gibt es lediglich in Form geschossweisen Gemeingutes .
Jetzt , da der Putztrupp unter dezibelkräftigem Shout- and Response- Austausch seinen Dienst verrichtet , da die alten Wasserrohre in den Wänden schauderhaft zischen und schmurgeln , da es ein wildes Getrampel über die winkeligen Treppen jagt , wird uns doch ein wenig mulmig . Wenn es schom tagsüber solcherart – sagen wir mal : “lebendig” – zugeht , was ist da erst von einer Samstagnacht nahe der Reeperbahn mitsamt der Einquartierung eines geschlossenen Gästepulks von zwei Dutzend jugendlicher Hardrock- Fans zu erwarten ? – Gegen drohende Vorstellungen einer Ratzbatz- und Notkotz- Nacht wappnen wir uns , indem wir Londoner und New Yorker Erfahrungen der Kategorie “Chelsea- Hotel” austauschen .


Hotel Figaro , bei Lichte besehen
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AUS DER BOTANISIERTROMMEL : FLOREN UND FAUNEN
Immerhin ist die Lage insoferne nicht übel , als es gegenüber ein “Car Wash” sowie einen riesigen Supermarkt hat . Letzter wird sich später als deprimierendes Schwemmland für Sozialfälle aller Art herausstellen ( Augenschein , Polizeieinsatz ) . Ums Eck der samstägliche Flohmarkt auf dem “Alten Rinderschlachthof” , welcher derzeit als entspannter Cluster- Standort für diverse “creative industries” dient . Inklusive Buchhandlung , Gastronomie und einer beeindruckenden Reihe von Tonstudios und Musiverlagen öffnet sich da ein anregendes Biotop .
Satelliten- Lokalisation des Hotels im Karolinenviertel
Einmal ins Schlendern und Spazieren gekommen , macht man sich stracks auf den Pfad zum einzigen dezidiert geplanten literarisch- historischen Topos : Nicht mehr , aber auch nicht weniger mag man sehen , welche Spuren des von Hubert Fichte so ausführlich geschilderten Subkultur- Treffs “Palette” übrig geblieben sind . Zumindest eine Erinnerungstafel an das Ende der 50er Jahre | Anfang der 60er Jahre dicht bespielte Lokal müsste die Fichte- Fan – Gemeinde doch irgendwo angebracht haben . Ergo Marsch über Flächen , Plätze , riesigen Kubaturen entlang und fast hätten wir sie verpasst , die winzige ABC- Strasse , an deren unteren ( dem Gänsemarkt- ) Ende die “Palette” sich befand .
Rüde Ernüchterung angesichts einer Bürohochhaus- Baustelle sowie eines dümmlich postmodernen ( 80er Jahre ) Marriot- Hotels , umstellt von Chanel – Outlet und Wohnboutiquen . Aber überlassen wir den Ortskennern des “Palette Revisited“- Bandes das angemessenere Wort :
Und wo es vier Stufen hinabging zur Palette, geht es jetzt vier Stufen hinauf zu irgendeinem Schaufenster des Marriott- Hotelkomplexes.
Jan-Frederik Bandel | Lasse Ole Hempel | Theo Janßen :
Palette revisited . Eine Kneipe und ein Roman – Edition Nautilus 2005
Obere ABC- Strasse
Der Gänsemarkt ist gnadenlose Shoppingmeile mit den üblichen Konzern- Outlets bzw. Flagship Stores . Warum also nicht – wenn schon , denn schon – auf eine alte Tradition zurückgreifen und einen dekadenten Starbucks- Kaffee suchen , finden und erwerben ? – Am Ufer der Binnenalster stehend erkundigt man sich beim Ortungsprogramm des testhalber mitgeführten I- Phone nach Standorten : Woraufhin – hast du nicht gesehen – ein gutes Dutzend Standort- “pins” vom Karten- Display- Himmel fallen und zielgenau auf die teuersten Locations niederregnen . Kindisch wiederholen wir das Spielchen noch einige Male , aus Boulevard- Café- Perspektive ( dann & wann ) die sichtlich betuchteren Hamburger Kampfkäufer betrachtend .
Erfrischt mäandert man im U- Bahn- System , welches , dem Hafen entlang oberirdisch , sukzessive ein schönes Panoramabild entrollt . Rathaus – Landungsbrücken – St. Pauli . Und raus ausse U- Bahn und rin inne Vergügungsmeile , wo ausschliesslich Senioren abhängen und Kinder ihren Eltern gelangweilt nachstolpern , vorbei an ein paar gammeligen Sex- Shops und Video- Kabinetten . Der Rest ist Trash , Fast Food , Neppzeug … und eine riesige Bühnenanlage mit Sponsorenaufdruck “Vattenfall” , einem Unternehmen , welchem offenbar ein beträchtlicher Teil des Kuchens aus der Abwicklungsmasse ehemaligen Ost- Kraftwerke gehört . Brav müht sich dort ein Rapper älteren Semesters mit aufrecht antifaschistischem Liedgut , ein eher lahm- juveniles Publikum zum Mitsingen zu verleiten . Was einen kuriosen Kontrast abgibt zu all jenen Musik- Clubs rund um die Grosse Freiheit , welche in ihren Schaukästen allesamt für sich beanspruchen , Ort der legendären deutschen Beatles- Auftritte 1960 | 1962 gewesen zu sein . Der originale Star- Club wurde ja bereits 1969 geschlossen .

Traumhafte Vintage- Musikalien @ Rückkoppelung
Allerdings musst du nur in eine der vom Kiez abzweigenden Nebengassen einbiegen und schon findest du dich inmitten diversester Kleinbiotope , welche sich wie einzelne Dörfer aneinander reihen : vom Thai- Tal über den Türken- Berg bis zum Terrain der Hausbesetzer , Autonomen- Beisln und der angeblich dichtesten Konzentration von Alternativ- Labels , Clubs und Plattenläden . Vinyl lives on . Augenblicklicher Anfall von körperlich- seelischer Schwäche angesichts der kultigen Retro- Musikmaschinen ( samt Plüschkätzchen ) in der Auslage eines stilsicher dekorierten Vintage- Musikalien- Ladens mit dem sinnigen Namen “Rückkopplung ” .

Rückkoppelung
Solche mit grosser Liebe zum Detail und stilsicher geführten Kleinbetriebe waren bereits bei dem pfiffigen Sprachstoff- Anbieter “Maegde u. Knechte” ( “Denken hilft” , “Geist ist geil” auf T- Shirts , Kopfkissen & Babyware ) aufgefallen , desgleichen gilt für die sympathische Cocktail- Bar “3Freunde” . Übernehmen deren nette Eindeutschung von “happy hour” zu “Freundliche Stunde” in den aktiven Sprachgebrauch ; obwohl schon seit 2003 nicht mehr in der “Bavaria Brauerei St. Pauli” gebraut , bleibt “Astra” die hier weiterhin favorisierte Marke .
Dies war mitnichten eine Werbeverkaufsschau , sondern ledigleich Element jener Punkte auf der Liste der Drei Denkwürdigkeiten dieser Stadt ( zumal , was das Karolinenviertel , St. Pauli , und die Gegend Hafenstrasse anbelangt ) : 1. die Vielfalt und Differenziertheit diversester Lebensformen , 2. die räumliche Dichte von Alternativ- und Subkulturen sowie 3. die starke lesbische Community mit ihren Frauencafés , -Hotels und -Handwerksbetrieben . Solche Initiativen , Cluster und Faunen sind z. B. in Wien breiter und weiter vereinzelt gestreut . Und : sie grenzen nicht so unmittelbar an die Zonen der – auch 150 Jahre nach Heinrich Heine – reichlich zuhandenen “Pfeffersäcke” .
Leicht illuminiertes Hotel- Heim- Trotten ins Karolinenviertel , wo anzustranden sich de facto als Volltreffer erwies ; wiewohl die Nacht im geschwätzigen Altbau sich als erstaunlich still herausstellen wird , dringt von draussen die Dritte Grosse Soundscape dieser Reise herein , welche man mit Lust & List gerne in Surround- Qualität aufgenommen hätte : Nach der weit gestaffelten Verkehrs- Symphonie im Hafengelände von Swinemünde | Swinoujscie ( Züge , PKW , Schiffshorm , Durchsagestimmen , durchsetzt von akustischen Kleinbildern aus den umliegenden Gärten ) , dem umfassenden Spektrum des anprallenden , dann ins Unmerkliche versandenden Brandungsrauschen ín Nienhagen , kann man sich in Hamburg jetzt nicht satt hören an dem komplexen Gefüge aus Strassenlärm ( breit ) , Menschenstimmen ( spitz ) und den verwehten Klängen , welche vom Lunapark ( melodisch ) herüberklingen – trink’ Öhrchen , was die Höhlung füllt …
Der letzte Tag der Ostseeroute bringt neben Pflichten der kosmetischen Wiederherstellung des mit deutschem Ostsee- Sand , polnischen Schlammresten und internationaler Zigarrettenasche reichlich bestäubten Leih- PKWs ein letztes Pique Nique nahe der ostentativ instandgesetzten Hafenstrasse : kaum wurde das Mini- Meublement eines Kinderspielplatzes für trefflich befunden , treibt ein stärker und stärker werdender Regen die Hungrigen vor sich her unter die rettende Pergola einer Gastwirtschaft , welche ( offenbar auch Teilmenge der Hausbesetzer- Welt ) den Besuchern freundlich gestattet , auf eigenen Tellerchen das Mitgebrachte zu verzehren … So , wie es weiland Usus war in den Altwiener “Jausenstationen” oder früher mal in Münchens Biergärten , wo man zur lokal erworbenen Mass durchaus sein Körbchen öffnen durfte . Romantik à rebours am Steilhang zur Hafenstrasse und mit Blick auf verregnete Kräne .
Verregnetes Hafenstrassen- Idyll
Die zwingenden Abläufe am Flughafen verschlucken die Passagiere früh genug . Früh genug auch ist erreicht das melancholische Ende jeder Reise , wenn du dich wieder in den Trichter der Alltagsanforderungen hineinwinden musst .
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