Vom Glück im Ephemeren | Erinnerungsorte jenseits von Monument und Nostalgie

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Vom Glück im Ephemeren | Erinnerungsorte jenseits von Monument und Nostalgie

Bilder : Renaturalisiertes Drive- In- Kino bei Bristow , Oklahioma

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( czz ) Glück, sagt Adorno, sei ein Zustand, den man erst vergegenwärtigt, wenn man ihn verlassen hat. “Darum aber kann kein Glücklicher je wissen, dass er es ist.” Wollen wir uns auf eine Reise ins ephemere Erinnern begeben, so könnten wir einiges mit dem erst unbewussten, nachher als solches erinnerten Glücksgefühls zu tun bekommen. Wenn sich jedoch ein bewusstes Glück nur im Nach-Träglichen – also im Erinnern – ereignen kann, dann bedeutet sich allerdings nicht, daß jedes Vor-Gängige, alles Historische, automatisch ein “Glück” gewesen sein muss.

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NOSTALGIE

Genau dies behauptet, wenn auch in hochselektiver Form, das Dispositiv der Nostalgie. Der kulturkritische Impuls zum Lob vergangener Zeiten ( laus temporis acti ) ist die Wurzel, welche die Triebe sentimentalischer Verklärung austreibt. Voraussetzung jeder nostalgischen Nobilitierungs-Anstregnung ist allerdings, dass das Objekt der Begierde klar und deutlich vergangen – also abwesend – ist. Seine Wiedererweckung – im Sinne des “Revivals” oder der Neuauflage ( beispielsweise in den “vintage“- oder “classic-”Produktlinien ) ist stets eine selektive. Will meinen , sie blendet den ursprünglichen Zeitkontext – und mit ihm die funktionale und symbolische Komplexität des betreffenden Objekts – aus: Die Dampflokomotive fährt heute nur sonntags und lässt bei der Ausflugstour durch landschaftlich attraktive Kulissen vergessen, welche Schmierage und welchen Dreck eine längere Eisenbahnreise einst verursacht hat. Das nostalgische Begehren funktioniert damit wie die Mode, welche gefilterte Features aus diversen Ethno- und Soziokulturen adaptiert: die Piercings sind ihres rituellen Hintergrundes ebenso entschlagen wie der Ghetto-Schlabber-Look den schwarzen Hungerleider abgeschüttelt hat.

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LIEU DE MÉMOIRE

Mit dem Erinnerungsort, dem “Lieu de Mémoire” ( Pierre Nora ), bietet sich ein Denkmodell an, welches einerseits der Nostalgie und andererseits der traditionellen Denkmalkultur eine produktive Alternative zur Seite stellt. Wie ein Bernstein die Fliege, so schliesst die Nostalgie ein angeblich Kostbares ein. Das Eingeschlossene bleibt dabei preziös und statisch: “Seht mich an !“, heisst fortan sein Appell, “wie schön und wie kostbar ich bin ! “.

Denk Mal ! ” spricht indes auch das aus Marmor, Stein und Eisen errichtete Monument. Dabei fordert es uns ab, nicht irgendetwasmal zu denken”, sondern es nimmt uns für einen spezifischen Gedanken in die Pflicht. Ex Cathedra – nicht selten in ehernen Lettern von erhöht platzierten Schrifttafeln herab – spricht hier der Kanon zu uns: von gestern nach heute bis in alle Ewigkeit. Die Nostalgie und das Monument repräsentieren also statische Szenarien der Memorialkultur, welche nicht zufällig dem Grab, dem Schrein und dem religiösen Andachtsort nachgebildet sind. Das säkulare Monument, das triviale Nostalgie- Kultobjekt ( Sisis kandierte Veilchen beim Demel ) leitet den sakralen Schauder auf die Werte von Heimat, Nation oder auf die Fiktion “authentischer Teilhabe” um. So gesehen, liegt das touristische Souvenir ( die Wanderplakette, das Lourdeswasser oder das Schlacht-Abzeichen beim Militär ) genau in der Mitte zwischen Monument und Nostalgie. Als portables Trivialobjekt könne es allerdings bereits in Richtung des Ephemeren weisen.

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POPULARKULTUR

Seinem buchstäblichen und metaphorischen Namen nach behauptet der “Lieu de Mémoire” ( Erinnerungs-, bzw. Gedächtnisort ) zugleich ein Hier-Gewesen-Sein und aktuelle Präsenz. Anders als beim Monument und anders als beim nostalgischen Objekt sind seine symbolischen Zuschreibungen jedoch nicht statisch. Zwar bezieht sich auch der “Lieu de Mémoire” als Kristallisationspunkt materieller, symbolischer oder funktionaler Semantik ( Jörn Rüsen ) auf ein gewisses Werte-, Erfahrungs- oder Zeitgenossen-Kollektiv, doch friert dieser Topos keine statische Aussage ( message ) ein. Im Idealfall ist der “Lieu de Mémoire” also ein fester Signifikant, dessen Signifikate in ständiger Metamorphose begriffen sind. Der “Gedächtnisort” erweist sich mithin als so stark, dass er nicht nur immer wieder neue Bedeutungs-Einschreibungen herausfordert, sondern, dass er, darüber hinaus, das auf ihm anwachsende Palimpsest auch gewissermaßen zu er-tragen vermag. Damit wird, – ob gewollt oder unbeabsichtigt -der “Gedächtnisort ” wiederum zu einem auratischen und quasi- sakralen Ort: Immerhin eignet ihm per definitionem die Kraft, eine Gedächtnis-Gemeinschaft vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Partikularisierung zu versammeln.

Solche Momente von Sakralisierung und Kanonisierung hat die Rezeption der von Etienne François und Hagen Schulze im C. H. Beck-Verlag herausgegebenen dreibändigen Zusammenstellung “Deutscher Erinnerungsorte ” mehrfach moniert: Nicht wenige Rezensenten bestätigen den Verdacht, dass es hier – speziell auch im Hinblick auf das West- Ost- Gefälle – um nichts anderes geht als um die ( Re- ) Etablierung eines deutschen Kanons tout court. Werte und Worte der “Leitkultur“-Debatte klangen noch allzu rezent im Ohr. Wo sich die monumentale Sammlung als Zusammenstellung von Fallstudien versteht, zielt sie bei Lichte besehen auf die Herstellung eines Common Sense ab: Das Brevier der Beispiele wird damit zum Lehrbuch für den Bundesrepublikaner des dritten Jahrtausends: “Lern’ nicht die Sprache nur, sondern übe auch unsere Erinnerung ein ! “, “Denk also mal und denke konform!”

Was tun bei so viel Common Sense ?! – Den Subkulturen die Last seiner Unterwanderung aufbürden ? – Die öffentlichen Räume also wieder als “Nicht-Orte ” ( Marc Augé ) definieren, welche vom Subjekt, oder von einer Subkultur potentiell dissent angeeignet werden können ? Etwa durch die “subversive” Nutzung und Deutung vorhandener Zeichen ?

Was für die widersetzliche Decordierung der fremd- encodierten Zeichen ( Stewart Hall ) der Gegenwart zutreffen mag, gilt nicht notwendig auch für die Erinnerung. Auch die Popularkultur setzt und liest ihre Denkmäler nach einem gruppenspezifisch streng festgelegten Sinn: Das Hip- Hop- Sgraffito am Sockel des Schillerdenkmals reagiert auf eine gegebene Erinnerung ( ein Datum ) mit einer Überschreibung, also einer weiteren, “Denk mal ! “- gebietenden Signatur.

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DAS EPHEMERE

Mit dem Begriff des Zeichens und der Popularkultur gelangen wir in jenen Bereich, in welchem sich “ephemeres Erinnern” – salopp gesagt. der “Ephemerismus” – situiert. Da sich die Rede vom “Gedächtnisort” vom Bild des konkreten historischen Ortes abgeleitet hat, haften noch dem symbolischen “Mnemotopos” die Eigenschaften einer wie auch immer stabilen Entität an. Das Erinnern von solchen gegenständlichen, stabilen und handgreiflichen Manifestationen zu lösen: Dahin zielt die Provokation des Konzeptes der “ephemeren Erinnerung “.

These ist: Auch das Flüchtige, das Kurzlebige und Aufzehrbare, das dem Verschwinden Geweihte kann Trägerobjekt oder Reizauslöser von Erinnerungen sein. Die Frage nach diesen Erinnerungen wird sich – im Gegensatz zum Denkmal und in Differenz zum “Lieu de Mémoire” – nicht nur mit dem “Was“, dem “Wo” und dem “Wie” der Erinnerung zu beschäftigen haben. Im Gegenteil wird sich die Jagd nach der Erinnerung im Ephemeren zunächst einmal die Frage stellen müssen, “wie und auf welche Weise ” der ephemere Objektträger buchstäblich festgehalten, festgestellt werden kann.

Aus dem Griechischen kommend, wo “εφήμερος” das nur auf einen Tag Bezogene, Vergängliche meint – allerdings auch das spezifische “Tag für Tag” -, hat der Wortstamm des Ephemeren Zweige in mehrere Disziplinen gereckt: Was als Ephemerídes die Tagebuchliteratur meint, figuriert zoologisch mit der Gattung der Eintagsfliegen und markiert eine astronomische Position. Die Kulturwissenschaften siedeln das Ephemere in der Alltagsgeschichte an und setzen es in Kontrast zur offiziellen und “grossen” Historie.

Dies gilt dort umso mehr, wo man den Akzent auf die “Vergänglichkeit” des Ephemeren lenkt: Geschmack und Geruch senken – ebenso wie taktile, motorische und akustische – Sinnesdaten Erfahrungen ( Spuren ) in unsere Körper ein und damit ein ( unbewusstes ) Erinnerungsreservoir. So und nur so war das Fahrgefühl im Doppeldecker der Wiener Autobuslinie 13 A, so und nur so haben die Kennmelodien im Radio geklungen, welche den Übertritt in einen spezifischen radiophonen Raum markierten. So und nur so sind manche Strassenzüge ebenso an ihrem Geruch zu erkennen wie die beduftete Bedürfnisanstalt.
Das sensuelle Erinnern ist der intelligenten Erinnerungsarbeit komplementär und modelliert emotionale Räume um das bewusste Datenmaterial. Als unwillkürliche Wiedergänger ( die Proustschen “mémoires involontaires” ) brechen sich solche subkutanen Erinnerungen in jenem Moment plötzlich Bahn, in welchem wir ein bestimmtes Geräusch, einen bestimmten Geruch oder eine bestimmte Geschmacksvalenz wiederfinden. Es ist freilich nicht jeder eine Proustsche Natur und begibt sich nach dem Biss in eine Madeleine auf eine mehrtausendseitige “Suche nach der verlorenen Zeit “.

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IN BEWEGUNG

Als Phänomen in Bewegung verortet sich das Ephemere entlang von drei Koordinaten: Erstens auf der Koordinate des Objektes, der Praxis, also des “Erinnerungsträgers”. Zum Zweiten auf der Koordinate des Wahrnehmungs -Fokus und drittens auf der Koordinate der Zeit und ihrem Vergehen: Wo das Denkmal historisch, wo der “Lieu de Mémoiretranshistorisch sind, eignet dem Ephemeren der Charakter der Transition ( des Tranitorischen).

Alltagsdinge gelten als ephemer, weil sie als “trivial ” wahrgenommen werden. Sie sind insoferne eine Frage der Wahrnehmungsweise, als man ihnen keine ( oder nur höchst selten ) bemerkenswerte ästhetische und symbolische Qualitäten zugesteht: Dies gilt für Bahnhöfe ebenso wie für Fahrkartenschalter oder für Urinoirs.

Wie fragil dieses Ephemere in dieser seiner Eigenschaft ist, erweist sich, wenn mit der bewussten Veränderung der Wahrnehmungsweise eine Veränderung der Bewertung vorgenommen wird. Mit dem Akt der Auswahl, ja schon mit der bewussten Fokussierung eines solchen Objekts tritt das bis anhin Ephemere aus der “gleichschwebenden” Kontingenz des Alltäglichen heraus: Aus dem Urinoir wird eine “Fountain” ( Marcel Duchamp ) und damit das Ephemere zum Kunstwerk, also zu einem ästhetisch und symbolisch als relevant bewerteten Objekt. Ähnliches trifft auch auf “historische Objekte” zu: “Wagners Taktstock” oder “Hölderlins Brille ” sind zweifellos als Gebrauchsgegenstände ephemer, durch die “Berührungsmagie” der historischen Eignerschaft indes rücken sie vom Rand in das Zentrum der Wahrnehmung.

Dieses Umspringspiel des Ephemeren – es ist immer dort, wo man gerade nicht hinsieht – erweist sich auch am Beispiel von Film und Fotografie. Die Fotografie hält einen, irgendeinen Moment aus dem Strom der Zeit fest. Indem sie ihn aber festhält und entwickelt materialisiert, hat sie den Gegenstand – siehe Duchamp – bereits hervorgehoben und damit einer neuen Bewertung zugeführt. Was niemand bislang bemerkt oder beachtet hätte, rückt durch den “Kairos” oder die Kompsitionskunst der Fotografie mitten hinein in den Blick. Noch die Abbildung einer zerknautschten Coladose auf dem Pflaster wird damit ein Non- Ephemerum .

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FOTOGRAFIE

Als Medium historischer Überlieferung indes erzählt die Fotografie dort die Geschichten vom Ephemeren, wo sie auch Informationen erhält, welche nicht direkt im Zentrum des Gestaltungswillens des Fotografen standen. An ihren Rändern finden wir Nachrichten über ( historische) Ephemera. So wäre das Ansinnen denkbar, kleinbürgerliche Wohnrealität um 1900 zu rekonstruieren, indem man nach “beiläufig” aufgezeichneten Möbeln auf polizeilichen Tatort- Fotografien sucht. Ja , Sie vermuten richtig: Es geht um die Stuhlbeine und Bettgestelle rund um die Leich’.

Das würde bedeuten: Das Ephemere endet dort, wo man sich bewusst mit ihm befasst: Das Bemerken, das Innewerden, das Dokumentieren und Kommunizieren modifiziert seine Wahrnehmung, seine Bewertung und seine Bedeutungshaltigkeit.

Nach den Kategorien von “Fokus” und “Wahrnehmung” wäre auch das Moment der “Dauer” zu diskutieren. So wäre beispielsweise nicht jede transitorische Architektur notwendig ein Ephemerum. Zwar wurden die Festarchitekturen der italienischen Renaissance oder die Triumphbögen beim “Makart”-Festzug 1879 vorsätzlich als temporäre Bauten errichtet: Der “Lichtdom” der Nürnberger NS-Parteitage oder die zur Erinnerung an den 11. September am New Yorker “Ground Zero” errichtete Lichtskulptur “Tribute in Light ” fügen der geplanten Vergänglichkeit noch das Moment des Immateriellen hinzu. Hinsichtlich der Wahrnehmungsweise, des Fokus und der Wertung stellen diese Architekturen allerdings nichts weniger als Ephemera dar: Als Spektakel beanspruchen sie absolute Zentralperspektive, fordern sie höchste Aufmerksamkeit und liefern damit zugleich die positive Wertung ihrer “Bedeutsamkeit” mit. Wo hingegen das Zelt über dem Künettengraben ebenso eine temporäre Architektur darstellt, bleibt sie der Wahrnehmung wie der Bewertung randständig und damit – ephemer.

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ARCHITEKTUR

Wie aber verhält es sich mit Gebäuden, welche für die Dauer erbaut worden sind, dann jedoch abgebrochen wurden ? Können sie noch Raum für ephemeres Erinnern bieten und – in ihrer Abwesenheit – Erinnerungsspuren speichern?

Der im April 2002 geschleifte “Kaipalast ” in Wien – als früher Stahlbetonbau eines “der interessantesten Beispiele der Wiener Architektur der Jahrhundertwende” ( Friedrich Achleitner ) – etwa ist erst durch die Ankündigung, den Vollzug und die Dokumentation seiner Zerstörung in das Bewusstsein einer grösseren Öffentlichkeit gerückt: Das heisst, es kreuzen einander hier die Bedeutungen von “ephemer” im Sinne von “Randwahrnehmung” und “ephemer” in der Bedeutung “temporär”. Ein Wahrnehmungs-Ephemerum erwirbt plötzlich die Attribute eines temporalen Ephemerums, wird jedoch – mit dem Aufmerken eines Kollektivs – sofort wieder mit einer nicht- ephemeren Bedeutung aufgeladen. Genau genommen, ist eigentlicher Erinnerungsträger jetzt die Baulücke und nicht ( mehr ) der “Kaipalast” selbst. Die Leerstelle wird damit zur tabula rasa, auf welcher sich ephemeres Erinnern einschreiben mag.

Es liesse sich wohl Tzvetan Todorovs auf die kolonialistische Ethnographie gemünztes Diktum vom “todbringenden Verstehen ” auch auf das Ephemere anwenden: Die Beschäftigung mit ihm löscht es in seinem ursprünglichen Sinne aus. Wo das Ephemere als solches mit seiner bewussten Wahrnehmung untergeht, dort ereignet sich das ephemere Erinnern anlässlich der Dokumentation. Die bildenden Künste – erinnert sei an die Verpackungs-Installationen Christos oder an die Schneeskulptur – beuten dieses Kipp- Phänomen listig aus: Zunächst führen sie – mit dem konkreten, dem temporären, dem ephemeren Objekt – das traditionelle Kunstwollen nach Dauer und Monumentalität zwar ad absurdum , sichern es gleichzeitig jedoch “für die Ewigkeit” ( oder den Werkkatalog ) qua Dokumentation ab.

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AUF DEN ZWEITEN BLICK

Wollen wir uns also dem ephemeren Erinnern zuwenden, so begegnet uns stets seine im Dokument hinterlassene Spur. Die Kunst und die Herausforderung, welche uns eine Anamnese solcher Erinnerungen abverlangt, besteht in einem Zwei- Stufen- Programm: Einerseits geht es darum, aufgrund einer ephemeren, “aus dem Augenwinkel” erfolgten Wahrnehmung eine Frage zu formulieren. Zum andern, in einem zweiten Schritt, muss ein geeignetes Dokumentenmaterial zur Beantwortung der Frage gesucht und aufgefunden werden. Auf das oben angeführte Fallbeispiel angewandt: “Inwieweit”, lautet die Frage, “inwieweit lässt sich kleinbürgerliche oder proletarische Wohnrealität im Wien des frühen 20. Jahrhunderts rekonstruieren ? ” – Wo der Blick in die Reklamekataloge der noblen Anbieter wenig zum Wissen über proletarische Einrichtungen beizutragen vermag, dort sprechen die Möbelspuren in den Zufalls- Szenarien der Tatort-Aufnahmen eine ungeschönte Sprache.

Die Faszination des “Ephemerismus ” bestünde also einerseits darin, eine zunächst beiläufige Wahrnehmung, eine randständige Erscheinung, bewusst werden und zu einer Fragestellung reifen zu lassen. Dazu bedarf es einer mindestens so großen Originalität seitens des Forschers wie für den zweiten Schritt: das Aufspüren des geeigneten Quellenmaterials. In dieser Originalität, in dieser Mischung aus dem Kaum- Wahrnehmen und Verschwinden- Sehen, letztlich in seiner paradoxen Gestalt, könnte der Ansatz eines ephemeren Erinnerns eine dynamische Alternative zum fest gefügten Monument gleichwie zum erstarrenden Gedächtnisort sein.

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Quelle

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2 Responses to Vom Glück im Ephemeren | Erinnerungsorte jenseits von Monument und Nostalgie
  1. parallalie
    September 24, 2009 | 20h29

    zum thema glück las ich heute: “Essere felici vuol dire potersi accorgere di se stessi senza spavento.” ein benjamin-zitat aus ‘Einbahnstraße’ in der italienischen übersetzung eines aus dem schwedischen übersetzten textes (Lo sugardo del flâneur – Flanörens blick – Der Blick des Flaneurs: Ulf Peter Hallberg, 1996). ohne es auf deutsch nachzuschlagen, aus dem ephemeren heraus: glücklich sein heißt, sich ohne furcht wahrzunehmen. ergänze: und zu flanieren.

  2. czz
    September 25, 2009 | 04h22

    @ parallalie : mit dem Benjamin der “einbahnstrasse” treffen Sie natürlich jenen punkt , welchen als “glücklich” zu rezipieren uns ( anders als es TWA sagt ) jedesmal erneut bewusst wird -

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