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DEUTSCHER BUCHPREIS – MEDIALER QUATSCH
“Glotzt nicht romantisch !” hätte man Jedem zurufen mögen , welcher nach der Bekanntgabe der Zuerkenung des Literaturnobelpreises an Herta Müller allen Ernstes dachte , sie würde mit dem wahrhaft grossen Roman “Die Atemschaukel” noch eine Chance auf den Deutschen Buchpreis haben .
Denn den unausgesprochenen Regeln zufolge , welche jeder Juror ( m | f ) kennt , wird die auffällige Häufung von Literaturpreisen auf Einzelpersonen vermieden . Sei dies nun aus Gründen der Diversität , sei es aus weit pragmatischeren Überlegungen : Schliesslich würde der auf populär getrimmte Deutsche Buchpreis spätestens nach der Buchmesse sofort in den Schlagschatten des Nobelpreises sinken , womit der ganze Aufwand zur Lancierung des dbp eine letztlich verblasste Liebesmüh’ wäre .
Weder fand also ein “Showdown” ( focus ) in Frankfurt zwischen Müller und Schmidt statt , noch gibt es Indizien dafür , Schmidt hätte Müller quasi sportlich “geschlagen” ( BILD ) .
Dass mit der Wahl des Textes einer beileibe nicht unbekannten Autorin das Bessere zugunsten des Guten unterlassen worden sein , sieht man den Rezensionen zu Kathrin Schmidts Roman “Du stirbst nicht” jedenfalls nicht an . Und dass – wie stern , WELT , Berliner Morgenpost und Tagesspiegel behaupten – diesmal eine “Aussenseiterin” erkoren worden sei , ergibt sich aus der rhetorischen Notwendigkeit , ein besonders deutliches Distinktionsmerkmal im Hinblick auf die angesagte Nobelpreisträgerin zu konstruieren .
Das Motiv von Krankheit . Oder moderne Frauen hat sich in den vergangenen Jahren durchaus als anschlussfähig erwiesen . Nicht zuletzt erzählt mit der langsam in die Welt von Sprache und Erirnerung wiederkehrenden Protagonistin ohnehin eine Überlebende und damit “siegreiche” Figur .
Zu dem grellem Getu und Gerangel um diesen heftig beworbenen Preis passen zwei Lektüren , welche uns in |ad|ae|qu|at der Tag zufällig zugetragen hat .
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ZU PREISEN
Numero eins entstammt dem eben erschienen Handbuch “Literaturbetrieb in Deutschland” ( hg. von Heinz Luwig Arnold und Matthias Beilein – edition text + kritik 2009 , einem in seiner Neufassung zur 3. Auflage absolut empfehlenswerten Werk ) , wo neben den Berufsbildern Verleger , Lektor, Verlagsvertreter usf. auch das Thema des im deutschsprachigen Raum so besonders ausgeprägten Handlungsspiels der Literaturpreise ausführlich und praxisnah behandelt wird . So geht Helmut Böttiger in seinem Beitrag auf das Auseinanderklaffen zwischen Jurymeinung und Kritikergunst beim Deutschen Buchpreis ein : “Die Kriterien für diesen Deutschen Buchpreis sind eindeutig nicht die Kriterien der klassischen Literaturkritik” , weshalb es auch dazu kommen konnte , das Kathrin Schmidt von Populärmedien wie “stern” unf “focus” als “Aussenseiterin” abqualifiziert wurde . Böttiger :
Unter den sechs Romanen jener Shortlist gibt es jedes Jahr bessere und schlechtere Texte. Doch man merkt ihnen sofort an, unter welchen Gesichtspunkten sie ausgewählt wurden. Den Deutschen Buchpreis geht es um Mehrheitsfähigkeit, um Verkäuflichkeit im Ausland . (… ) Da Frauen einen überwiegenden Teil des Lesepublikums darstellen, empfiehlt sich im Roman …eine geschickt eingesetzte weibliche Perspektive.
Im Zeitalter der Drei- Minuten- “Besprechungen” im Radio , von Text- | Bildstrecken online , der Homestory oder des Interviews in Printmedien werde die traditionelle Literaturkritik ( und ein Diskurs darüber ) an die Ränder des marktbeherrschenden Infotainments gedrängt . Die Medien ( vgl. die weitgehend positive PR- und Hofberichterstattung zum Deutschen Buchpreis ) , so Böttiger im text- und kritik- Band , hätten “ein selbstreferentielles System ausgebildet , mit einer ständig sich steigernden Umlaufgeschwindigkeit und der Austauschbarkeit von Personen” .
Mit den ausserliterarirschen Aspekten des symbolischen Handlungsspiels beschäftigt sich Burckhard Dücker in seinem mit reichlich komplizierten Formulierungen versehenen , trotzdem ebenso erhellenden wie unterhaltsamen Essay über “Literaturpreise” ( LiLi 154 ) .
Sehr treffend ( und mit reichlich Bourdieu ) wird die Attraktivität literarischer Preisverleihungen für beide Seiten – die gebende wie die empfangende – dargestellt . Literaturpreise , so Dückers These , stellen nicht nur öffentlich zur Schau gestellte Gesten der Kanonisierung der Laureaten dar , sondern dienen gleichzeitig einer kulturellen Legitimierung des Preisgebers – sei dies nun eine öffentliche Körperschaft , ein Verein , eine Firma etc.
… die Institution macht sich einen Namen , indem sie anderen einen Namen macht.
Zum stillen Kontrakt der Reziprozität im Hinblick auf die Steigerung ökonomischen | Symbolischen Kapitals addiert sich allerdings ein weiteres und elementares Moment : Es ist der an kultischen Handlungen anknüpfende , ritualisierte , öffentliche , körperbetonte und komplexitätsreduzierende Akt der förmlichen Überreichung . An dieser Stelle wäre eine Reihe von Überlegungen zu feudalen Strukturmomenten innerhalb des Literaturbetriebs denkbar . Buckhardt Dücker hebt indes die “Dezentrierung” des literarischen Textes zugunsten der rituell körperlich anwesenden Person hervor .

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PREIS STATT KRITIK | PRÄSENZ STATT TEXT
Literaturpreise , so das Fazit dieser Beobachtungen , ersetzen “Literaturkritik” durch Votierung , erreichen “Kanonisierung” durch das Ritual , rücken schliesslich die Person und den anwesenden Leib des Autors an die Stelle des literarischen Textes .
Literaturpreise wären demnach mediales , rituelles und niederschwelliges Infotainment für ein breites Publikum . Für Autor und preisstiftende Institution etablieren die Preisverleihungen einen öffentlichen Akt wechselseitiger Bestätigung . Literaturpreise fungieren schliesslich als unerschöpfliche Quelle von Meta- und Folgetexten , welche erfahrungsgemäss weit mehr Aufmerksamkeit erheischen als das vorgeblich im Zentrum Stehende des Wahren , Guten und | oder Schönen ( des literarischen Textes selbst ) .
ZUR PERSON KATHRIN SCHMIDT
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HINWEISE
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Helmit Böttiger : Schlegel , Benjamin und der Pausenclown [ Literaturbetrieb und Medien ] – In : Literaturbetrieb in Deutschland , hg. von Heinz Luwig Arnold und Matthias Beilein – edition text + kritik – München 2009
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Buckhardt Dücker : Literatupreise – In : LiLi- Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik – Heft 154 : Veränderungen des Literaturbetriebs – Stuttgart | Weimar – Metztler 2009 ( abstract)
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Vgl. dazu : Theo Breuer : Bücher, Menschen und Fiktionen – Herbst 2009 : Als der Buchpreis – beinahe – in die Eifel kam – @ poetenladen
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KLANGAPPARAT
Wenn ein Kenner wie Foton ( MySpace ) eine “Paysage Electronique”
ausmalt , dürfte eigentlich nichts schief gehen . Dem Personalstil und dem Herbst entsprechend gibt der Mix ein verhaltenes Klangbild kühler Nebelschleier , wollener Bestrickung und so manchem in diskreter Farbe aufleuchtenden Herbstlaub . Ohne spektakuläre Ingredienzien ist diese Musik dazu angetan , innerlich zu wärmen . Bei deepindub : natürlich .
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