Litblogs.net – Lesezeichen 3 | 2009

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QUARTAL- ANTHOLOGIE

LZ icon grossVierteljährlich erbittet das Forum litblogs.net von seinen Contributorinnen und Contributoren den Vorschlag eines persönlich bevorzugten ( besten , bösesten , repräsentativsten … “chacun à son goût” ) Beitrages für die quartalsmässig erscheinende Anthologie Lesezeichen .

Nun ist es wieder so weit und mit dem Lesezeichen 3 | 2009 ist die ( per RSS- Feed abonnierbare ) Querlese aus 14 literarischen und bildkünstlerischen Weblogs erschienen . Wir hoffen , die kommende Ausgabe wird sich entsprechend der einfliessenden Postings des “goldenen fisches” erweitern .

Neu ist – neben der Backlist der bisherigen “Lesezeichen” – auch ein Archivband für sämtliche vier Ausgaben des Jahres 2008 : Als pdf in ansprechendem Print- Layout .

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LESEZEICHEN 3 | 2009

LZ icon grossIn dieser Ausgabe ( 15. Oktober 2009 ) :

Geräusche und Lautschriften , Siebzigerjahretapeten und Wirtschaftswunder , Pablo Neruda und Clarice Lispector , Opferlämmer und Pusteblumen , Heiner Müller und die Ordnung als Ornament , die Kunst der Windturbine , ein Kaleidoskop wirrer Gedanken , Seehunde und Spiegeleier , Erving Goffman , Franz Berger und Sigmund Freud , Novalis und Hexameter , Zunge , Hals und Mund , Fichten , Buchen , Eiben uvm

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LESE | LISTE | PROBEN

Hier die Liste der Blogs , ihrer Menschen und deren ausgesuchte Stil- , Stich- und Streifproben :

INHALT :

particles 02

foxtrott

~ : louis
to : Mr. sami tupavuari
subject : penelope

Sehr geehrter Herr Tupavuari! Guten Abend! Ich heiße Louis. Sie werden mich nicht kennen. Ich hörte, Sie sollen ein Geräuschworterfinder sein. Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass Menschen wie Sie existieren. Umso glücklicher fühlte ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähigkeiten berichtete. Ich wende mich nun mit einer dringenden Bitte an Sie … ( …)

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Langmütig atmende Rheinräume beim internen Splittern; ineinander übergehende Stromflächen; die Rheinlande docken an Amazonien, nigern, an der Wand (cool pulsende Siebzigerjahretapete) hängen quer und schief Kongomekong-Bilder, filmisch-flüssig, artifizielle Wasserfälle, die schmatzend auslaufen zu Sazklängen, dünnstrahlige Tischbrunnen, zibärtlibefüllt, furchterregende Fleischstilleben („In den Schinkenbergen“), benetzte, glubschäugige Visagen tauchen auf („oh Gott, sind das die Humanisten?!“), von blaugrünen Heimatrastern überzogen, in Fadenkreuzen videotisiert wallen sie durch Gärteneden, in denen das Böse stromtankend abhängt an Biertischen, prall gefüllte Aschenbecher, die allseits gültige politische Meinung ist aufs Münzgeld geprägt, auf den Scheinen barock verzierte Spruchbanderolen, abstrahierte Biedermeier-Weisheiten des Rheinfranken, einem der siebenunddreißig geschützten deutschen Eingeborenen-Stämme, in nachhaltigen, von Expertengremien der Bundesregierung für förderungswürdig befundenen Wirtschaftswunderreservaten gezüchtet, direkt am Rand der heiligen Autobahn lernt er aus seiner Identitätsfibel den „Kampf mit der Natur“: „In die Strudel lenkt der Schiffsmann,/ Der hier die Gefahr nicht kennt,/ In die Strudel, die man ringsum/ Wohl mit Recht „die Wölfe“ nennt. (Wagner von Laufenburg)“ Wenig Industrie, dafür aber Turbinen in den Staustufen für den anzeigenbeworbenen Testbetrieb strikt von der Normalität getrennter Gelände voller Menschenwendemaschinen mit sinistren Klimakterial- und Midlifecrisisschaltern, repubertätisierende Verfahren auf Blut-, Erd- und Zeitaustauschbasis. Ein Wanderer auf dem Deich pfeift auf die Melodie von „Die Gedanken sind frei“ das hoffnungsfrohe Liedlein von der hoffnungslosen Überfremdung durch überaus elegante Orientalinnen mit Zitronenfalterbroschen. Das Bild löst sich in ihren zaubrischen Taschenspiegeln, dh, die Rheinräume verschränken sich, ordnen ihre Jahrhunderte, misten aus, einigen sich auf ein neues Spiellevel.

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rittiner gomez meer-mare

es ist ganz still, das meer, der wind und alle tiere und menschen scheinen den atem anzuhalten, alle sind in erwartung, der kunst werde in den nächsten tagen die insel besuchen. da wir volanterinnen noch nie von der kunst gehört haben, gibt es die verschiedensten vorstellungen, was der kunst für ein wesen sein könnte. ist er etwa eines, das die fische zurück zur insel bringt, oder hat es die perfekte windturbine entwickelt? einige vermuten, es sei ein begnadeter koch und jemand sagte, vermutlich sei es ein eremit. das einzige was klar zu sein scheint: dass der kunst eine sprache spricht, die auf der isla volante nimand spricht und versteht.

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Noch einzufügen: Passage Heiner Müller, Gespräche 2. (Suhrkamp, Werke, 11) Über Tiberius (S.12)

(Wie bitte? Man sagt, mir würde der Freitag finanziert? Nun aber Vorsicht! Der Freitag finanziert uns alle!)

Und: Sehr anders etwa als ein Titel mit dem Titel “Ohne Titel” ist ein Titel mit dem Titel “Noch ohne Titel”. Letzterem nimmt man es ab, oder nicht.

Und: vielleicht mag man dazu sagen, ist an Vorletzterem doch etwas dran. Dann allerdings wäre wahr, ebenso: ich finanziere Dir zu grossen Teilen ein (klein-)bürgerliches Leben und Denken.

Und: Aber: Das gehört beiläufig in die kalte Glut!

(Oder, um es noch einmal umzubenennen: Wir arbeiten auch an einer Rekonstruktion des Werkbegriffs. Wurde und wird ein Schreibprozess als Vorgang gesehen, der in ein Werk mündet (münden kann), so setzen wir (umgekehrt?) den Schreibprozess zur Einheit des Werkes, der sich manchmal in einer zweifelhaften Minute zu einer willkürlichen Form (Buch etc.) kristallisieren mag.) ( … )

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grande dame lispector-

Krötenwanderung” • Eine Gastkolumne von Markus A. Hediger

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Bamberger Elegien (112). Anmerkung zu den neuen Fassungen ab September 2009 (“Fünfte Fassung“).

[Scelsi, Maknongan.]

Auf die Idee brachte mich Αναδυομένη, >>>> als ich ihr vorlas (15.05 Uhr im Link). „Das ist wie Prosa“, sagte sie, „aber es ist auch n i c h t wie Prosa, etwas irgendwie dazwischen ist es.“ In dem Moment wurde mir klar, daß ich die Zeilenbrüche wegnehmen und die Elegien wie Prosastücke durcharbeiten muß. Dann geschieht nämlich das, was ich mir eigentlich oft auch so vorgestellt hatte: der Hexameter bleibt als durchlaufender Grundbaß erhalten, aber drängt sich nicht mehr so vor, wie wenn man die Elegien in Zeilenbrüche setzt. Vielmehr schwingt der „Prosa“text hexametrisch. Ich merke zugleich, daß mich das Verfahren sehr sensibilisiert; wo ich vorher geneigt oder gezwungen war, der Regel halber Füllwörter einzufügen, nehme ich sie jetzt weg und mache die entstehenden Brüche vermittels anderer Einfügungen und Streichungen geschmeidig; aber nicht nur formal, auch expressiv und in der Wort- und Bildwahl werde ich heikler; heikel genug war ich zwar eh, aber indem ich es nun nicht mehr mit einem Korsett aus Fischgräten, sondern aus feinsten, sagen wir, Fiberglasstäben zu tun habe, kann ich „freier“ modulieren. ( … )

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Büttiker Zwishenzeile

-Zwischenzeile-…das alltägliche Leben…Trompe-l’œil…der Blick aus dem Fenster auf das Meer. Das Meer, es brandet, brennt in den Augen…das Salz auf der Stirn, dachte ich, als küsste ich einen Spiegel.

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Oh, es wäre gut, sich an einem Meer niederzulassen, gleich neben den Kindergärten der lilafarbenen Seehunde. Am besten wäre eine Küste mit einem brandgefährlichen vorgelagerten Riff, das nur die wetterversehrtesten Kapitäne überwinden könnten. Und wer tatsächlich in der Bucht dann ankern würde, lebendig und unter verwundertem Gelächter, wäre selten, wenn nicht einzig, und meinte es wirklich dunkelbierernst. Im Rücken hätte man baumverstandene Wälder mit Bartflechten, Felsen mit Guano vollgeschissen, und vielleicht (aber das wäre die Deluxe-Version!) ein zahmes Aktivvulkänchen, auf dem man Spiegeleier braten könnte. Es wäre ein behördenloser Ort. Man dürfte flugunfähige Reptilien jagen und die Latrine grün streichen, ohne eine Bewilligung einholen zu müssen. Überhaupt wäre man von allem reregistriert, ein christliches Begräbnis alles andere als garantiert (ohnehin ein Affront, das! – nicht das Begräbnis an sich, sondern die Garantie desselben). Vielleicht würden schon noch irgendwo andere Menschen wohnen, man wüsste es jedoch nicht so genau (sie wären sehr artuntypisch, ganz entsetzlich eigenartig). Aus dem Funkgerät- manchmal, bestenfalls – würde radio bemba bröseln, damit es nicht so still wäre beim Abendfleisch. Es gäbe eine ständige diffuse Bedrohung aus dem unbeforschten Hinterland, ohne dass man je etwas Verdächtiges wahrgenommen hätte, ausser dieser tumorösen Beklemmung eben, die einen wach hielte, ohne den Schlaf zu rauben. Man hätte ja eine Wachtrute mit wucherndem Halsplempel aufgestellt. Und der überträchtige Nebel! Man müsste sich ein klein bisschen am Riemen reissen, um dem Tagwerk mutig nachzugehn. Die Drübenwesen würden auferstehen, wegen der Emailleschüssel Affirmation, die man jeden Abend neben der Schwelle für sie hinstellte; jeden Morgen fände man sie blankgeleckt! Und das da capo: die zerdepperten Geisterschiffe am Riff. Das Wracktauchen wäre aber dann doch einen Zacken zu gefährlich; das würde zuverlässig für das Quentchen Melancholie sorgen, das man benötigt, um weiterzuatmen allezeit; so lange Zeit halt, wie einem zugeteilt.

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1_Med_Klinik_copyright_Christiane_Zintzen

Wie Kasernen und Schulen , Gefängnisse und Altenheime verweigert auch das Krankenhaus den objektiven Blick . Es ist dies ein charakteristisches Attribut von “totalen Institutionen” , wie sie der Soziologe Erving Goffman für diese black boxes ( und quasi eigengesetzliche Zonen der Zurichtung ) beschrieben hat . An solchen Orten wird konzentriert , was oder wer sich gesundheitlich , sozial , ökonomisch dem Allgemeinwohl entgegen steht . Mag sein , dass HIER geheilt und geholfen wird , gelehrt und bekehrt , dem Taumelnden Zuflucht und Stütze geboten : Jedenfalls gib es keinerlei topische oder fotografische Chance , der Überdeterminiertheit zu entgehen .

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gib mir dein wort
es zu brechen

brotblicke
wo’s nicht zu
halten war

auf den
zersprochenen
teller

2 da wo endet …

da wo endet
vogelspur
gesungen
für und für
im schritt
im tritt
und wo
dein schrei
da wohnet dann

die zung’
zung’ dir
aus hals
und mund

& herzenfern

3 firn denn und …

firn denn und
den daunen
umgetraut

kiss me kate
daus all die
unbehaust

wespen ge-
harmt er trau-
ert am arm

rot stecket
tief das aug’
in dem fleck

sonne das
fenster und
da auch hin-

aus

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KLANGAPPARAT

Nicht in allen Belangen gelingt uns jene lexikalische Vollständigkeit , welche wir in|ad|ae|qu|at gerne böten . Allemal wollen wir heute Mut zur Aussparung beweisen , da das klangliche Objekt unserer Begierde zu schade wäre , mangels Eruierbarkeit ihres Schöpfers etwa nicht an unsere p. t. Leser ( m | f ) zu gelangen .

Die diskret fliessende Suite , die ein Herr namens Williamson aus czz-hoerempfehlungelektronischen Klängen und leitmotivischen Sounds akustischer Gitarren amalgamiert , trägt ihren teils apokalyptischen , teils ironischen Titel “A Few Things To Hear Before We All Blow Up ( via kreislauf ) keinesfalls zu Unrecht . Könnte die Kompilation doch die erste oder aber auch die letzte Schallformation sein , die man , am Ufer seines Lebens stehend , hört .

Der sanft von Wirbeln und und kleinen Stromschnellen vorbeifliessende Flow erinnert tatsächlich an die vexierende Beobachtung der Oberfläche eines Flusses : Je länger du zuhörst | hinstarrst , desto mehr gerät dein Bewusstsein in einen Zustand des Gleitens , welcher sich nicht mehr an Worten , Sätzen oder Track- Titeln entlang bewegt . Eine feine Aufhebung | Verflüssigung des drängenden Tagesdenkens .

CLICK LINK TO LISTEN ( WMP )

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