LITERATUR ALS RADIOKUNST | Sabine Scho im ORF- Studio | Produktionsnotizen

||| DELAY | ECHOLOT | SCHALLTOTER RAUM | MISCHUNG | RÉSUMÉE | HINWEIS

Radio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_Zintzen

Das Material : Manuskript und Rassel aus Ziegenhüfchen

|||

DELAY

Radio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_ZintzenRadio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_Zintzen

Vorbereitungen : Mischpult und Mikrophonierung

So ein Aufnahmestudio ist schon ein vertracktes Ding . Meistens betrittst du es , bzw. der Tonmeister und die Einstellungen des konferenztischgrossen Mischpults sind so , dass man – ein paar kleine Adjustierungen eingeschlossen – direkt loslegen kann . Allerdings weiss man nie , aus wessen Händen man die Konfiguration übernimmt und so kommt es vor , dass aufgrund schwer nachvollziehbarer Einstellungen schier gar nichts funktionieren will . Wenn man mit einem Autor , einer Autorin auf ausgerechnet diese Situation trifft , kann das schon ein bisschen unangenehm werden , ist doch der auktoriale Sprecher , die skeptische Sprecherin darauf vorbereitet , “gleich loszulegen” .

Und so war es denn wohl auch eine sonderbare Ironie der Geschichte , dass ausgerechnet Sabine Scho , die mit ihrem Text “Grober Rundfunk” und vielen Vorbehalten gegenüber der Maschinerie der Radio- Produktion aus Berlin angereist war , eine gute Stunde lang zusehen musste , wie insgesamt drei Messtechniker achselzuckend vor dem Mischpult standen und versuchten , die Verbindung zwischen Aufnahme- Apparatur und Sprecherstudio ( wieder- ) herzustellen . Allerdings erwies sich die Sorge der Producerin , die Autorin ( welche ungewöhnlich oft technische Dispositive in ihren Gedichten thematisiert ) möge uns “kopfscheu” werden und wenig geneigt , das Aufnahmeritual mit verschiedenen Mikrophonen , Versionen und Variationen einen Tag lang durchzustehen , als unberechtigt . Nach distanziertem Beobachten des Messtechniker- Balletts begab sie sich seelenruhig ins kleine Aufnahmestudio , um ihren Text dort einzusprechen .

|||

ECHOLOT

Radio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_ZintzenRadio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_Zintzen

Im ’schalltoten’ Sprecherstudio

Wobei die Ironie , dass ihr Text “Grober Rundfunk” , in dem Sabine Scho von Echolot- Systemen handelt , mit Hilfe welcher sich Tier und Mensch im Raum zu orientieren vermögen , ausgerechnet in jenem “schalltoten Raum” stattfanden , dessen Schaumstoff- Verkleidungen und mobile Stellwände darauf abzielen , Echo- und Überlagerungseffekte nach Massgabe des mechanisch Möglichen zu schlucken . Seelenruhig nahm Sabine den von ihr im Text antizipierten Widerspruch zwischen Textaussage und Produktionsbedingung in Kauf , und liess sich , einmal im Text angekommen , nicht mehr aus der Ruhe bringen . Über einen klug getakteten und konzentrierten Grundton legten sich peu à peu Phasen eines hoch dynamischen Stimmausdrucks und rapid artikulierte Passagen mit deutlichen Pausen .

Souverän meisterte Sabine längere Textpassagen , ohne dass eine Zweitaufnahme notwendig gewesen wäre oder gar ein aus Fehllektüren resultierender Schnitt . Allerdings nahm Sabine zur Kontrolle des eigenen Stimmklangs die Kopfhörer zu Hilfe , auf welche die meisten Autoren und Autorinnen in unserem “Literatur als Radiokunst“- Projekt zumeist eher verzichten . Eine , kurz gesagt , hoch professionelle Aufnahmesituation , welche wir bei den per definitionem Radio- Débuts “unserer” Autoren selten antreffen .

|||

SCHALLTOTER RAUM

Radio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_ZintzenRadio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_Zintzen-2

Benachbarte Kosmen : Sabine Scho im Aufnahmestudio ,
Tonmeister Elmar Peinelt im Regieraum

Dabei hätte die Situation nicht widersprüchlicher sein können . Just im “schalltoten” Raum , eingerichtet , um die Stimme einer Sprecherin bestmöglich und deutlich zur Wirkung zu bringen , artikulierte Sabine eine Versuchsanordnung , welche – kraft Echolotung und Widerhall – den Charakter der räumlichen Situierung der Stimme hätte modellieren sollen :

experimentaufbau: ein studio. eine person. stimme. dinge.

ich werde meinen ort an dem ich spreche für sie echo-orten. ich sende schallwellen an die mich umgebenden dinge aus. diese schallwellen werden von diesen zurückgeworfen, so dass rückschlüsse auf die beschaffenheit der dinge gezogen werden können. den schall erzeuge ich mit meiner stimme. der selbstversuch wird von mir begleitend protokolliert.

Hätten wir diese Sätze im grösseren Hörspielstudio aufgenommen , wären dort zwar natürliche Echo- Effekte zu erzielen gewesen , allerdings um den Preis , dass die Stimme der Sprecherin im einem räumlichen Grundrauschen eingebettet gewesen wäre . Ein nachträgliches Filtern hätte wiederum der ungewöhnlichen Präsenz der Stimme der Sprecherin geschadet , weshalb wir überein kamen , das Thema der Räumlichkeit beim späteren Bearbeiten der Tonspuren zu fokussieren . Entsprechend nahm Sabines Text mit Fug und Recht unsere paradoxe Situation vorweg :

das problem wird sein, studios sind schalldicht. das studio boykottiert möglicherweise von vornherein meine echo-ortungsabsicht zur studioerkennung. das studio ist gegen das radio. das studio selbst will sich nicht in rückschallende information wandeln lassen, die den hörern informationen über seine beschaffenheit meldet, ohne dass der überträger, nämlich ich, intentional vorgreifen müsste. der träger der information, das studio, will für den hörer unsichtbar bleiben, das ist die message. es ist der agent der unvermittelbarkeit von informationen über seine beschaffenheit.

Hätten wir “Radio als Radio” und als seinen eigenen Raum abbilden wollen , wären – neben einer Stimmaufnahme im raumrauschenden grossen Hörspiellabor – auch das Umstellen der Mikrophone aufzunehmen gewesen , dies Sprechproben “eins , zwei , drei – hört Ihr mich ?” sowie die Dialoge , welche während und nach der konkreten Lesung im Regieraum zwischen Tonmeister , Producer und fachkundigen Zeugen geführt werden . Womit wir quasi bei der das Grundrauschen des Mediums reflektierenden und quasi brecht’schen Situation des “Neuen Hörspiels” Anfang der Sechziger Jahre angekommen gewesen wären . Also sollte der Raum beim Bearbeiten und Mischen der Tonspuren an den beiden Folgetagen mittels des Bearbeitungs- und Effektprogramms Pro Tools wieder “hereinkommen” .

das studio als ding versteckt sich hinter der undinglichen absicht des radios. ich zerre es hervor. es zickt. es schluckt mich, ich bin schon jetzt gegen das studio und muss mit der studiotechnik kooperieren. ich fürchte, die technik wird mich überlisten, denn sie kennt das studio. ich kenne es nicht.

Als diskretes Mittel , einen kleinen akustischen Clou gegen die Absaugung jeden Raumklangs einzubringen , gleichzeitig aber auch das Radiostück in den umfassenden Projektzusammenhang “Tiere in Architektur” zu integrieren , hatte Sabine Scho zwei Perkussionsinstrumente aus Sao Paulo mitgebracht : Rasselringe aus Ziegenhüfchen , welche sie nach bestimmten Textpassagen auf den Lesetisch warf . Eine helles und gleichzeitig rieselndes Klappern .

|||

MISCHUNG

Radio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_ZintzenRadio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_Zintzen

Auktoriale Nachbearbeitung mittels Pro Tools

Mit ihrem ausgeprägten Bewusstsein für Raumtiefe und Panorama , mit der klaren Werkaussage , dass dem radiophonen Senden ein davon differentes Empfangen gegenübersteht , ging es an die Nachbearbeitung und Mischung des Aufgenommenen . Akustische Effekte sollten möglichst diskret eingesetzt werden , weshalb sich die Hinzufügung künstlicher Hall- Momente von vornherein verbot . Gleichwohl wurde für manche Textpassagen Erstreflexionen beigemischt , welche – speziell durch die Mittel der Mehrkanalmischung – einen klaren Kontrast zu schalltoten und “trockenen” Passagen schufen . Sprechstimme ganz hart auf dem CENTER- Kanal , Raumstimme qua Zuweisung der entsprechenden Parts auf die hinteren und seitlichen Surround- Kanäle .

Eine besondere Behandlung erfuhr das Wort “Resonanz” , welches – um dem Paradoxon der Situation gerecht zu werden – mittels “Elastic Audio” im Pro Tools einem Granularen Stretching OHNE Tonhöhenausgleich ausgesetzt wurde . Und schliesslich die Nagelprobe : Aus dem Stereo- Downmix des Surround- Materials ging ein exquisit tariertes , inhaltlich pointiertes Radiokunststück hervor .

|||

RÉSUMÉE

Radio_Sabine_Scho_copyright_Christiane_Zintzen

Sabine Scho , nach der Produktion :

Am Anfang fühlt man sich ein wenig ausgesetzt wie in einer Raumkapsel – innen ist ‘Knabberschutz’ an den schallschluckend verkleideten Wänden – also ‘Tiere in Architektur’ … derart fühlt man sich dann auch als Mensch im Studio. Und man fühlt sich auch an ‘Space Oddity‘ erinnert , man sucht dann immer ‘Ground Control to Major Tom‘ – in diesem Fall der Tonmeister – , weil man sich auch mit Pro Tools nicht so auskennt – wie auch ?! – und man sich voll darauf verlassen muss , dass man da durch navigiert wird .Und man denkt weiter ‘Earth is blue and there is nothing I can do‘ : Natürlich ist auch eine Menge dabei , die ich tun kann und ich möchte es künftig auch weiter tun.

Und, was ich AUCH gelernt habe : In ‘Geräuschen‘ steckt nicht von ungefähr der ‘Rausch‘ – Hören macht süchtig. Es war ein regelrechter Sucht- Funk und mich möchte mich bei alle Jenen bedanken , die mich angefixt haben .

|||

HINWEIS

Sabine Schos Hörstück “Grober Rundfunk” wird im Rahmen des ORF- Kunstradio am Sonntag , den 13. 12. 2009 , 23:03 H , urgesendet .

|||

There are no comments yet. Be the first and leave a response!

Leave a Reply


Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL http://www.zintzen.org/2009/10/30/literatur-als-radiokunst-sabine-scho-im-orf-studio-produktionsnotizen/trackback/