KLEINE BEMERKUNG ZUM MEDIUM “HÖRBUCH” : AURA OR NOT ?
Viel ist seit dem Überraschungserfolg der Warengruppe “Hörbücher” , der Erfahrung der Marktsättigung und den erneuten Verlagsanstrengungen , die Sparte nicht stagnieren zu lassen über eine “Renaissance des Hörens” geschrieben worden . Nicht selten mit aufbruchsfrohen Anspielungen auf Marshall McLuhans Eloge auf die Wiedereroberung einer oralen , auditiven und haptischen Kultur , welche der Medienphilosoph mit dem Aufkommen des Fernsehens als Ende des Gutenberg- Zeitalters begrüsst hatte .
Fünfzig Jahre und mehrere Medienwandel später – vom Aufkommen der Formatradios und der Krise der “Wort”- Produktionen in den öffentlich- rechtlichen Sendeanstalten bis hin zur Netzkultur , Digital Audio und der Wiedererstarkung von hochqualitativen Nischenproduktionen , welche via Podcast oder On- Demand- Streaming an ihr Zielpublikum gelangen , haftet dem Hörbuch allen schönen Worten zum Trotz nach wie vor der Nimbus des derivativen Afterproduktes an .
Als Literatur für Nichtleser , Autofahrer unterwegs oder akustische “Nachnutzung” eines ursprünglichen gedruckten Buches – Thema “Erstausgabe” und das “Ius primae noctis” des rezensierenden Feuilletons – wird dem Hörbuch systemisch und unausgesprochen jene Aura aberkannt , die dem Druckwerk als vermeintlichem Original anhaftet . Es ist – sei es im Hinblick auf seine schiere Materialität im Plastic- Jewel- Case , sei es im Diskurs über Raubkopien – ein Inbegriff des “Kunstwerks im Zeitalter der technischen Reproduktion” .
Dass Sendeanstalten lange Zeit ihre Buchrezensionen unausgewiesen mit einem CD- Ausschnitt akustisch illustrierten , statt wie zuvor einen Reporter zum O- Ton- Holen zu einer Autorenlseung zu schicken oder eine ausgewählte Passage mit einem Schauspieler im Studio aufzunehmen , hat das Bewusstsein für die möglichen eigenständigen Qualitäten des Mediums keineswegs geschärft . Stimmen und Textsound schienen einfach verfügbarer geworden , praktisch operabel , eine Ware im Regal .
Dabei wird konsequent die Markt- Tatsache ignoriert , dass Menschen für das vermeintliche Derivat oft mehr Geld hinlegen als für ein Druckwerk . Die nicht der Buchpreisbindung unterliegenden Audio- Versionen sind – so Markenware und kein im Schnellverfahren heruntergenudeltes Produkt – der akute und aktuelle Beweis dafür , dass Menschen bereits sind , etwas dafür zu bezahlen , was tendenziell – Vorlesen oder Radio – gratis wäre .
Es ist der auditiv basalen Aufbauarbeit von Lautpoesie- Editionen oder den auf die Live- Sprache abzielenden Produktionen des Labels Supposé zu danken , wenn Hörbücher in ihrer Medialität vernehmbar geworden sind . Projekte wie die Riesensammlung akustischer “Lyrikstimmen” des Hörverlags speisen sich just aus der – und da taucht die scheinbare Verlorene wieder auf – Aurades gesprochenen Wortes .
Wenn die heute vorgestellten Editionen in der Person Oskar Pastiors konvergieren , wird damit auch eines selten vertrackten Laut- und Leisepoeten gedacht , dessen Lesungen als ebenso artistisch wie charismatisch unvergesslich sind . Seine Stimme indes spricht – dank der Audio- Editionen bei Urs Engeler , vermittels einiger der eindrücklichsten unter den mehr als 400 Gedichten der “Lyrikstimmen” – weiter zu uns .
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HERTA MÜLLER : EXISTENZIELLE SPANNUNG
Stumm kamen die Rumäniendeutschen aus den Arbeitslagern zurück , wohin sie 1945 als Sühne für die Verbrechen Hitlers verschickt worden waren , um dem sowjetischen “Wiederaufbau” zu dienen . Schweigend nahmen die , welche Kälte , Auszehrung und Zwangsarbeit überlebt hatten , das Trauma mit in ihr weiteres Leben . So die Mutter der Literaturnobelpreisträgerin . So auch der Dichter Oskar Pastior .
Eine Engführung ergab sich ein halbes Jahrhundert später , als Herta Müller von der Passion des 25 Jahre älteren Pastior erfuhr und ihn nach seinen Erlebnissen befragte . Pastior , der die prägenden Qualen in poetischer Eigenwörtlichkeit verdichtet hatte , war bereit , zu erzählen . Bis ein plötzlicher Tod den designierten Büchner- Preis- Träger aus dem gemeinsamen Projekt riss und es der Co- Autorin aufgab , Begonnenes abzuschliessen .
So ist mit der “Atemschaukel” ein von Herta Müller in Prosa gefasstes Stück Lagerliteratur entstanden , in welchem Oskar Pastiors Sprachschöpfungen – der allgegenwärtige “Hungerengel” – von distinkter Kenntlichkeit sind . In Ulrich Matthes‘ ruhig durchatmeter Lesung klingen virile Stimme und weibliche Verletzlichkeit in seltener Dringlichkeit zwiefach an und generieren einen eminenten Mehrwert gegenüber der stillen Lektüre .
Einem konträren Ansatz folgt das auf den gesprochenen Wortlaut abzielende Label Supposé , dem Herta Müller freimütig über ihre Banater Kindheit und die Schikanen des Staatssicherheitsdienstes “Securitate” Rede steht . Im Gegensatz zum Interview oder zum schriftlich fixierten Buch müssen diese Erinnerungssätze nicht “auf den Punkt” kommen .
Die Stimme verweigert , indem sie angehoben bleibt , abschliessende Gewissheiten . Eine existenzielle Spannung hält an . ( more … )
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AKUSTISCHES JAHRHUNDERT : “LYRIKSTIMMEN”
“Was bleibt aber , das stiften die Dichter” , heisst es bei Hölderlin . Was aber von der Unverwechselbarkeit ihres Zungenschlags , ihrer Intonation , Melodie , Stimmung und Stimme bleibt , horten – seit es Techniken der Klangaufzeichnung gibt – die Archive .
Als gespeicherte Flüchtigkeit bleibt die akustische Aufzeichnung der Autorenlesung ebenso ein Faszinosum , wie sie nicht selten Erhellendes zum Verständnis des Textes erschliesst : Poesie , im Atem ihrer Artikulation , lässt jene weit über den Schriftsatz hinausgehende Präsenz erahnen , die bei den Griechen «pneuma» – als Geist und Atem – hiess .
Mit dem Grossprojekt “Lyrikstimmen” zollt Der Hörverlag der Einzigartigkeit des gesprochenen Wortes Reverenz und legt buchstäblich ein Jahrhundertwerk vor . Zwischen Hugo von Hofmannsthal ( 1907 ) und der Pop- Lyrik Bas Böttchers ( 2007 ) liegt ein Säkulum dichterischer Auf- und Umbrüche , Aus- und Aufrufe , brüsker Negationen und formaler Neuschöpfungen , welches vielfältiger nicht sein könnte : Von poetischen Beschwörungen des “Wesens” über Neusachliches , Politisches aller Couleur bis zu dadaistischer Destruktion und konkreter Neubestimmung reichen die Formen . Manche – wie die Lautdichtung eines Ernst Jandl , Franz Mon oder Oskar Pastior – sind besonders innig an die Artikulationskunst ihrer Autoren gebunden .
Womit die auditive Aufzeichnung als solche in den Fokus des Interesses rückt . Was in Archiven von Rundfunkanstalten , Verlagen und Mediendokumentationen lagert , hat – von der Wachsplatte bis zur digitalen Tonaufzeichnung – mehrere Medienwechsel erfahren , die dem Tondokument nicht selten unablösbar anhaften : Bei historischen Schellackplatten scheint das Rauschen der Zeit anzuklingen . Was freilich unvernehmbar bleibt , ist das wegen Materialalterung Unrettbare oder durch Löschaktionen Verlorene .
Fünf Jahre haben die Gestalter der Sammlung recherchiert , um Tondokumente von wesentlichen Autorinnen und Autoren aus weit verstreuten Quellen zusammenzutragen . Entstanden ist ein auditives Porträt von 122 lyrischen Individuen , deren Eigenarten , Stimmen und Stimmungen von faszinierender Vielgestaltigkeit sind . Den literarhistorischen Sinn stiften darüber hinaus kundige Begleittexte und eine sorgliche Dokumentation . ( more … )
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