Salon Littéraire | Hartmut Abendschein : ANNA – Myomorpha | 18

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Salon Littéraire | Hartmut Abendschein :

ANNA – Myomorpha | 18

isbnAnna 1VORBEMERKUNG : Die Erzählung “Anna” ist eine der zwei “embedded narrations” in dem sonst nicht-linear organisierten Tiddlywiki- Roman bzw. Hypertextexperiment “Bibliotheca Caelestis“.

Ein Schriftsteller, Benedikt, arbeitet darin an seinem Zweitling. Trotz der Bedenken seines Agenten Röhrling, lässt er sich nicht davon abbringen, als Ort und Gegenstand seines Schreibens eine Bibliothek auszuwählen. Anna, eine dort Angestellte in unbestimmter Funktion, mischt sich in sein Unternehmen ein. Es beginnt eine Textreise, bei der sich am Ende sämtliche Gewissheiten in Luft auflösen.

Im Volltext der “Bibliotheca Caelestis” findet sich eine Anhäufung von Texten zu einer diskursiven Formation und Ereignissen, tatsächlichen wie fiktiven, sowie Sekundärliteraturen – sämtliche aus ihren Kontexten und Genealogien gelöst. Letztere wurden auch als literarische Quellen rezipiert, um ihnen so etwas wie eine “literarische Aussage” abzuringen.

Sichtbarer Text und die in ihm verborgenen und doch aufgetürmten Materialien sowie ihre fortschreitenden Verknüpfungen werden damit zunächst als negative Arbeit einer historisch-literarischen Diskursanalyse bezeichnet.
“Anna” bietet die Gelegenheit eines konventionellen Lektüreinstiegs rund um das Thema der Auflösung von Schriftkultur und ihrer Speicher. ( Hartmut Abendschein )

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WAS BISHER GESCHAH : Metadaten

Titel : Nur ein lieblicher Flor
Serie : Anna
Seriennummer : 17
Haupttitel : Bibliotheca Caelestis
Personen : Benedikt (p1) , Anna (p2)
Funktionen : Fahrgast (p1) , Träumender (p1) , Traumbild (p2)
Orte : Strassenbahn , Trinkhalle , Wohnung (p1)
Inhalt | Abstract : Auf dem Heimweg fühlt sich Benedikt noch durstig, zieht es aber vor, nach der enttäuschenden Besichtigung einer Bar, es sich doch zuhause gemütlich zu machen. Nach etwas Lektüre geht er zu Bett und fällt – wie es scheint – in einen traumreichen Schlaf.
Schlagwort | Thema : Die Lücke, die der Teufel läßt <Buchtitel> , Narrativik , Männerphantasien
Erzählzeit : Imperfekt , Präs.
Perspektive : Auktorial , Icherzähler
Kategorie : Hauptteil
Konzepte : Traum-Realität
Text-Kontext : http://tinyurl.com/anna017

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ANNA -Myomorpha | 18

isbnAnna 1Man stelle sich ein Dornröschenwunder ohne Dornröschen vor. Die Weissglut zwischen den Zähnen. Kleinflächenbrände in, an, um Leib und Seele. Die Bettwäsche: Leinwand der Fleische, aussen steif, hartgefroren, innen klamm, versiegende Glut, lachsfarben. Häutungen, stellenweise. Und Furchen: Faltenzüge, Striche, Gemetzelreste, Züge. Auch an Armen und Beinen und woimmerhin der Glaskörper sich richtete. Blendungen. Risse in der Membran. Sonne – Partikelstösse durch feinste Ritzen. Digitale Botschaften?

Wie lange hatte er geschlafen? Tage? Wochen? Monate? Oder retour, mit dem Zeitrad gegen Uhrzeigersinn: sich verjüngt? Es gab Fehlzeiten und solche, die auf eine unkontrollierte Poetik seiner Memexzellen, Tätigkeiten hinwiesen, die ihm jetzt nur scheinen konnten. Und nicht sein.

Da waren aber auch ausdrücklich Spuren, die dafür sprachen, dass es tatsächlich war. Gewesen war. Ganz Greifbares: Haare beispielsweise. Nicht die Seinen. Und kleine Stofffetzen, beispielsweise – nicht die Seinen. Und anderes nicht Seiniges. Vieles sprach für eine astreine Präsenz.

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Benedikt legte wieder auf, weil er sich bei keiner der angebotenen Optionen beheimatet fühlte. Sicher hätte er sich der Leitung VIER, dem sogenannten Staubsauger, anvertrauen können, fand aber, dass in Wedernochsituationen Persönlichkeit gefragt war, die im besten Sinne auch vollumfänglich vorhanden sein musste. Ausserdem: er hatte sich geduscht, rasiert, gekleidet, gestrählt und duftete: und das sollte nun doch auch zu seinem Vorteil bemerkt werden.

Die Hausmeisterin grüsste ihn freundlich, seine Haustüre klappte sanft ins Schloss, die Gehwege ebneten sich ihm zu Füssen, die Geschäfte: erst im Begriff zu öffnen, gähnend, wie die Apothekerin – noch nicht ganz in ihrem weissen Mäntelchen. In den Trendwarenläden die Mädchen aber schon und wie immer: “sexy”, wie sie zwangsgelabelt wurden, und aufgekratzt wie Springmäuse. Die rauchenden Juristen in spe noch nicht im Kreischen ums Aschetöpfchen versammelt, noch im Kampf und Getümmel um die besten Plätze in den Lesesälen, wo man sieht, aber nicht gesehen wird, noch hochmotiviert, grossmäulig nach dem dritten Kaffee, wie man hörte: vom ersten Untergeschoss herauf.

Aus den oberen dagegen, wieder, immer noch der Klangteppich fleissiger Dieselgeneratoren und anderer Techniken, die Rohstoffe in mechanische Akte und Energie verwandelten, die den Laden, wie Benedikt aufs zweite Mal abschätzte, am zappeln hielten, holpernd und tuckernd bisweilen, aber doch stabil.

Der rote Teppich allerdings war verschwunden, oder doch zumindest zur Seite geräumt, befand sich wohl im Austausch, wurde ersetzt, geflickt, gereinigt oder sonstwie aufgepimpt, die Treppenhaut: man sollte sehen, dass hier Veränderung stattfand, dass sich etwas wandelte, zum Guten, zu was denn sonst?

So war es auch die Aufgabe freigelegter Marmorplatten, Staub zu fangen, zu verschlieren, Fussabdrücke zu sammeln und zu vernetzen, um zu zeigen: auch hier Bewegung.

Mannigfaltige Veränderung auch in den Vitrinen. Auf Augenhöhe der Zeit und Winzigkeiten darüber verrieten sie den Geburtstag eines Grossschriftstellers mit Pfeife doch Wochen zuvor, gaben Hinweise auf potentielle, künftige Nobelpreisinhaber, waren also Teil des Ganzen, was sich nannte: vor Selbstspannung zitternde, strukturelle und gepflegte Öffentlichkeit, und das beruhigte. Beruhigte auch Benedikt, der gar nicht erst die heruntergeladenen Textbausteine zu den Jubilaren lesen musste, alle waren: mit ihrer Existenz versöhnt.

Was aber war im Katalogsaal passiert? Der Raum hatte sich seit seinem letzten Besuch verlängert. Und verbreitert. Neue Farben angenommen. Neue Gänge und Nischen ausgebildet. Weniger Nischen. An Gewicht verloren. Eine optische Täuschung, wie Benedikt sogleich entlarvte: Man hatte die Regale mit den papierenen Katalogkarten samt ihren Zylindern entfernt. Aufgrund eines “technischen Zwischenfalls”, wie es hiess, waren sie in Mitleidenschaft gezogen worden und befanden sich: woanders, da in solch einer Unvollständigkeit: nahezu unbrauchbar. Stattdessen waren die Raumränder anderweilig nützlich geworden. Waren Unterflächen blinkender Interfaces geworden, die zu locken und zu rufen schienen: Kumm man röwer, ick hebb ‘ne Birn. Oder: Just do it. Oder: Touch me, feel me. Oder: Alles so schön bunt hier. Mit ihren Standardmasken und kaum zu übersehenden Eingabefeldern und Kohorten von Menues: Hilfetasten. Hilfetabellen. Hilfenummern und Hilfeadressen. Hilfe, wohin man schaute.

Die Person, von der sich Benedikt Hilfe versprach, war hingegen fast schon erwartungsgemäss nicht vorhanden. Auch die Auskunftsecke hatte sich in etwas anderes transformiert. Ein Beratungspool. Eine vollautomatische Dienstleistungsinsel mit Schnittstellen, Sprechstelen, Shortmessage-Modulen und ortskundigen Avataren, dazu winzige Membrane, die Fragen entgegennahmen oder mit jenen verbanden, wie sie sagten, die Antworten wussten: Auf alles, was Sie wissen wollen. Und wissen wollten es einige, denn plappernd waberte hiervor eine geschlossene Benutzergruppe, in gedämpfter Aufregung – die Auskunft aber: physisch quasi unbesetzt.

Wenigstens an der Ausgabestelle liessen sie Fleisch an den Dingen. Subordinierte und als solche gekennzeichnete – “Ich lerne noch” – mit Vornamenkärtchen und steilem Logo, die in gebrochenen Sprachen sprachen: etwas geknickt. Benedikt stellte sich an, und fragte, als er an der Reihe war, schüchtern: Darf ich Sie etwas fragen?

Nein, eigentlich dürfe man da keine Auskunft geben. Eine Auskunft in dieser Form, wäre vielleicht noch am ehesten an dem dort eigens eingerichteten Kompetenzcenter zu erwarten, und Informationen über Interna – man könne sich nicht vorstellen, nein, man wisse wirklich nicht … Anna Wiewardenngleichdername? … Man könne auch gar nicht solch einen Eintrag finden, auch nicht in der Personaldatenbank, wenngleich es da jüngst Löschungen gegeben habe, wie man gerade sehe, aber man müsse ihn nun bitten …

Benedikt konnte aus diesem Winkel auf dem plasmierenden Screen nur wenig erkennen, aber vielleicht hiess es doch hinter diesem Datensatz in einer Tabelle: ausgeschieden.

Der Lehrling klickte das Fenster weg, als Benedikt doch verwegen und immer zielstrebiger über den Counter glitt, wurde unsicher, bitte, bitte wenden Sie sich doch … Ich darf Ihnen wirklich keine weiteren Informationen dazu … Seine Finger fuhrwerkten unter der hellblauen Platte und fanden, wonach sie suchten, ein Schrillen im Bürobereich war zu vernehmen.

Geschmeidig schwenkten sich zwei bislang unbemerkte Kameras im Hintergrund der Ausgabestelle auf ihn ein und zoomten sich surrend an. Nur wenige Megabyte später eröffnete sich ein Sesam von Schiebetürenhydraulik und ihm drei gut Bekannte. Der Abteilungsleiter in Festmontur schnaufte mit holzgesichtigen Schergen heran. Noch im Anweg wie Vorwurf auf den Lippen: Sie! Sie kennen wir doch! Sie haben wir doch schon einmal gesehen!

KONTEXTLINK : http://tinyurl.com/anna018

isbnAnna 1

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Hartmut Abendschein

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QUELLE : “Bibliotheca Caelestis , Tiddlywikiroman“- ebook @ etkbooks.com sowie @ Deutsche Nationalbibliothek – edtion taberna kritika 2008

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TO BE CONTINUED : Lesen Sie in drei Wochen ( 29. 11. 2009 ) : ANNA – Einträufeln , puffern | 19

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