Tableau de Texte | Erwin Wurm : 44 Vorschläge – Eine soziale Skulptur (DIE ZEIT | Onkel & Onkel Verlag 2009)

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||| DISCLAIMER | KEEP A COOL HEAD | DEM WURM AUF DEN LEIM | 44 VORSCHLÄGE – EINE SOZIALE SKULPTUR | ERWIN WURM : VORSCHLÄGE | DAS BUCH

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DISCLAIMER

Wie mittlerweile zu wissen ist , sind neue Bücher für in|ad|ae|qu|at keine schieren Objekte der “Rezension” . Anders als in Echtwelt- Zusammenhängen erlauben wir uns , Autoren und Texte hier und im Jenseits der Institutionen einen Ort einzuräumen , an welchem wohl ein sympathetisches Klima herrscht , nicht aber das übliche Vokabular der Wertung . Wir zitieren Text und Bilder mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags .

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KEEP A COOL HEAD

Wurm mumok keep a cool head copyright mumok presse

Als im Wiener Museum moderner Kunst 2006 die Erwin Wurm- Personale “Keep a cool Head” eingerichtet war , versprachen die Fotografien vom etwas anderen Blick in den Kühlschrank , wie Ufos gelandeten Wurstsemmeln und Menschen in kuriosen Haltungen eine unterhaltsame , kulinarische Ausstellung . Das Staunen begann bereits ausserhalb des bunkerartigen Museumsgebäudes , an dessen Oberkante sich – Dach voran – ein augenscheinlich vom Himmel gefallenes Einfamilienhaus verkantet hatte . Natürlich hatte man bereits Wochen zuvor die komplizierte Installation des umgestüzten Kleinbürger- Häuschens per Riesenkran beobachten können , was die Neugier auf die angekündigte Ausstellung eher anstachelte .

Den auf Kurzweil und Sinnenlust deutenden Zeichen gemäss , entschloss man sich , die Kinder mitzunehmen . Sozusagen als unterhaltsame Einführung in einige Aspekte moderner Kunst . Und es war wahr : zu schauen und zu staunen gab es für Gross und Klein tatsächlich allerhand . Von gekippt aufgnommenen Fotografien , welche Menschen als buchstäblich die Wände hinaufgehend zeigten bis hin zum schräge an die Museumswand gelehnten VW- Golf , dessen zwei bodenwärts gerichtete Räder lediglich auf zwei Edding- Stiften zu ruhen schienen .

Den grössten Trubel riefen indes die sogenannten “One Minute Sculptures“ hervor : Auf schriftliche Anweisung des Künstlers musste eine Person in einer einigermassen zweifelhaften , absurden Stellung ausharren : Vom Kopf im Kühlschrank bis hin zur Putzeimer Skulptur , für die man sich mit den Füssen in einen Plastikeimer zu stellen hatte , den Kopf mit einem zweiten bedeckend . Für die Kinder ein grosser Spass , für die einander beobachtenden Museumsbesucher ein wiederkehrender Grund für ein helles Auflachen , dessen Zweifelhaftigkeit uns erst später bewusst werden sollte .

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DEM WURM AUF DEN LEIM

Zu Fuss im Eimer

Hielten wir Erwachsenen uns bei der Ausübung der grotesken Ein- Minuten- Exerzitien nobel zurück , hatten wir nichtsdestotrotz den Kindern suggeriert , mitzuspielen . Sich für die Dauer einer Minute im Mittelpunkt wissend , taten sie dies nach Kräften , stellten sich zwischen Putzeimer , klappten sich in zusammenfaltbare Sonnenliegen ein usf. Das Erschrecken folgte mit erheblicher Verzögerung , als man daheim die Handyfotos betrachtete : Zwar hatte man , die Infamie der Konstellation leise ahnend , für sich selbst das Befolgen des Künstler- “Befehls” verweigert . Gleichwohl hatte man nicht gezögert , die an Direktiven und ihnen vielleicht oft unnachvollziehbare Anweisungen gewöhnten Kinder “in die Situation zu schicken” . Womit man de facto erst recht und doppelt fragwürdig , den “Befehl” durch wehrlose Stellvertreter ausgeführt hatte .

Dass man bereit war , – unter der Sigle des Situationswitzes und des Experiments – Seinesgleichen in eine lächerliche Situation zu bringen , rief mutatis mutandis die Erinnerung an das berühmte Milgram- Experiment hervor . Dabei wurden Versuchpersonen an ein Schaltpult gesetzt , mit welchem sie auf Anweisung des Projektassistenten einer für sie nicht sichtbaren Person “leichte” ( wie es hiess ) Stromstösse versetzen sollten . Auf jeden dieser Stomstösse erfolgte ein akustisches Feedback , vom anfänglichen Seufzer bis hin zu Schreien und gebrüllten Bitten , aufzuhören . Ganz im Bann des die Befehle zur Steigerung der Stromstösse ausgebenden Assistenten , zögerten die Versuchspersonen nicht , die Stärke der Stromstösse auf Zuruf zu steigern . Selbst als die resultierenden Schreie unerträglich wurden und die Versuchspersonen deutlich mit ihrem Gewissen rangen , obsiegte die unmittelbare Präsenz des befehlenden Assistenten .

Wären die Stromstösse echt gewesen und die Schreie nicht vom Tonband verlautet , hätte so mancher “nette Typ von Nebenan” den ihm nicht sichtbaren Mitmenschen auf Befehl getötet . Ebenso waren wir im Museum dem von den den schriftlichen Anweisungen ausgehenden Imperativen gefolgt , indem wir an unserer Statt die Kinder als Stelllvertreter befehlskonform handeln liessen . Wir waren dem Wurm buchstäblich auf den Leim gegangen und Teil dessen geworden , was der Künstler als “soziale Skulptur” in diversen Kontexten austüftelt und provoziert .

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44 VORSCHLÄGE – EINE SOZIALE SKULPTUR

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So hat Wurm mit seien “44 Vorschlägen” auf Einladung des Feuilletons der “ZEIT” im Sinne einer “künstlerischen Intervention” eine ganz besondere Perfidie entwickelt . Die “Vorschläge” liegen nun gesammelt beim Berliner Onkel & Onkel- Verlag vor und lassen die Irritation , welche die ausgesuchten textuellen “Gemeinheiten” auf die unvorbereiteten LeserInnnen des als liberal geltenden Blattes ausgeübt haben mussten , erahnen . Was unter dem Arbeitstitel “365 Anleitungen zum Gemeinsein“ begann , wurde im Verlauf der Debatten zwischen Künstler und Redaktion von simplen “practical jokes” entschlackt und zu Themenkreisen kondensiert , welche das realexistierende Ressentiment im gesellschaftlichen Jetzt betreffen . Die Anweisungen fokussierten nun Randgruppen , Minderheiten , interkulturelles und soziales Zusammenleben und verstiessen 100 % gegen jegliche “political correctness” .

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Nicht eindeutig als redaktioneller Inhalt ausgewiesen , sondern teilweise hinter Artikeln hervorlugend , schufen die “Anweisungen” zusätzlich einen Raum der Unsicherheit , wes Geistes Kind die ausgesuchten Gemeinheiten waren und und welchem Zweck sie dienten . Erst in der quasi “musealen” Zusammenführung im Format des Buches sind die mit Slogans versehenen Poster vollständig zu sehen .

Wobei – neben der inhaltlichen Provokation , welche jede Betrachterin und jeder Leser mit sich selbst zu verhandeln hat – zweierlei auffällt . Strukturell ähneln die “Vorschläge” jenen über Jahrzehnte hinweg seitens der Diözese in Wiener Hauseingängen plakatierten Merksprüchen , welche konkrete Handlungsanweisungen für eine christliche Lebensgestaltung kommunizierten . Die Künstlerin Brigitta Falkner hat diese in Typographie und Apellcharakter legendären Plakate mit ihrer Palindrom- Postkarte “Sei fies – Tu erfreut !” paradigmatisch persifliert .

sei fies tu erfreut copyright Brigitta-Falkneri

Brigitta FalknerPalindrom

Zum Zweiten sind Erwin Wurms Plakate in genau jenem Braun- Rosa gehalten , welche – für deutsche Kontexte kaum dechiffrierbar , umso mehr indes für jeden Wiener – die Corparate Identity der Wiener Konditorei- Kette namens “Aida” ausmachen . Damit wird ein leicht tantenhafter Kontext aufgerufen , vor dessen “Gutem Benimm” sich die infamen Parolen umso giftiger ausnehmen .

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In der bunderepublikanischen “ZEIT” schlugen Wurms “Vorschläge” auch ohne diese österreichischen Kontexte von christlichem Appell und rosa Seniorenclub wie eine Bombe ein . Der liberale , weltoffene und genussfreudige Leser , wie er sich am eindeutigsten in den Selbstbeschreibungen und Wunschvorstellungen der Kontaktanzeigen in der “ZEIT” definiert , protestierte in Fluten von empörten Leserbriefen auf die Wurm’schen “Interventionen” :

Antisemitisch, antifeministisch, behindertenfeindlich, gemeingefährlich seien die Vorschläge, schrieben manche Leser; es dauerte Wochen, all die Empörten zu beruhigen und ihnen wenigstens ansatzweise zu erklären, dass die Vorschläge den Versuch unternehmen, überall rumorende Vorurteile zur Kenntlichkeit zu entstellen.

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Als “Soziale Skulptur“ , resümiert der stellvertretende Ressortleiter des Feuilletons , Christof Siemes ,

hat Wurms Intervention in der ZEIT geradezu vorbildlich funktioniert: Kaum eine Ausgabe hat mehr Austausch, Leidenschaft, Interaktion in Gang gesetzt. ‘Endlich ein unZEITgemäßes Feuilleton’, schrieb Wolfgang H. aus Portugal. ‘Keine Ausgewogenheit. Keine Political Correctness. Keine Bedenkenträger. Wunderbar!’

Was in der ursprünglichen Streuung im Feuilleton einer angesehen Zeitung die Leserinnen und Leser unvorbereitet traf , wird in der aparten Buchform des Onkel & Onkel- Verlags gleicherweise als Konzeptwerk konzentriert wie in neuem Kontext musealisiert . Was ( wie jeder Betrachter an sich selbst erfahren wird ) den Provokationscharakter mancher Sprüche und “Anweisungen” nicht mindert .

Erwin Wurm konfrontiert uns – darin Karl Kraus folgend – unmittelbar mit dem Ressentiment . Wir fühlen uns getroffen , brüskiert , in manchen Fällen vielleicht sogar ertappt und werden uns in einigen Punkten mit unserem Selbstbild als freidenkende Zeitgenossen auseinanderzusetzen haben . Damit werden auch wir – trotz Vorwarnungwort und bibliophiler Rekontextualisierung – Teil der intendierten “sozialen Skulptur” . Ob uns dies recht sein mag oder auch nicht .

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ERWIN WURM : VORSCHLÄGE

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DAS BUCH

Erwin Wurm : 44 Vorschläge – Eine soziale Skulptur – Berlin , Onkel & Onkel Verlag 2009

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