||| WELT OHNE MENSCHEN | STIMME IM WALD DER MIKROFONE | ALLMÄHLICHE VERFERTIGUNG | HINWEISE | RELATED

WELT OHNE MENSCHEN
Mit jedem Autor , mit jeder Autorin betritt eine unverkennbare Poetik das “Literatur als Radiokunst“- Studio , um dort – zunächst vor dem Mikrofon , später an den Reglern des Mischpults – innert dreier Produktionstage eine möglichst passgenaue Klangästhetik für den mitgebrachten Text zu entwickeln . Jedesmal hebt damit erneut ein komplexer Prozess des Probierens und Experimentierens an : Einsprechen , Ausssprechen , Verwerfen , Wiederholen , Wiederhören , Neuansetzen , Abwägen . Hier ein paar Sekunden mehr , dort einen Taktschlag langsamer . Artikulation , Sprechdynamik , Intonierung , Lautstärke , Stimmintensität .
Mit Nico Bleutge ist diesmal ein Dichter am Wort , dessen Poesie Naturbilder entwirft und deren minimes Changieren . Als gäbe es weder einen Beobachter noch einen Adressaten , verzichten diese in sich ruhenden poetischen Tableaux auf das althergebrachte “Lyrische Ich” , um ohne erkennbare Emotion Geschehnisse der Elemente zu konstatieren . Für seinen Text “Wasser . Steine” hat sich der Autor von der Flutung des Südtiroler Dorfes Graun durch die Stauung des Haidersees inspiriren lassen . Indem er das allmähliche Ansteigen des Wasserspiegels , das unmerkliche Versinken der Häuser , das Spiel des Windes auf dem Wasserspiegel imaginiert , verweist er auf eine Welt ohne Menschen , als deren berühmtestes Bild der aus dem Reschensee ragende Kirchturm des versunkenen Dorfes Alt- Graun Teil des kollektiven Gedächtnisses ist .
Dem in doppeltem Kursus , in rhythmisch weit und frei schwingenden Versen evozierten allmählichen Prozess sind – als taktender Generalbass und diskret einzusetzende menschliche Spur – einige sich wiederholende Klagestrophen des spätmittelalterlichen Dichters Oswald von Wolkenstein beigegeben . Auch hier galt es , Stimme und Mischung fern von illustrativen Effekten und frei von Pathos zu halten . Soweit die klangästhetische Herausforderung .
|||
STIMME IM WALD DER MIKROFONE

Tonmeister Martin Leitner beim Aufbau
Die fehlerfreie Artikulation und dezidiert monoton gehaltene Stimm- Melodie des versierten Lesers gestattete eine von Anfang an valable Sprachaufnahme . Um dieser a priori ein Spektrum an diskreten , in Lautstärke und Klangqualität differenten Parallelspuren für die spätere Mischung abzugewinnen , hatte Tonmeister Martin Leitner das Schatzkästlein seiner eindrucksvollen Sammlung historischer Mikrofone mitgebracht und liebevoll im Aufnahmestudio installiert , sodass sich der Dichter am Sprechpult und vor dem Wald an Mikrofonen vorkommen musste wie einst Kennedy bei seiner Rede in Berlin .

Bleutge nahm’s mit Grazie und Gelassenheit , derweil wir gleichzeitig auf sieben Spuren distinkte Intensitäten , Klangcharaktere , Tonfärbungen und – Schärfen mitschnitten .

Shure Kommandomikrofon und AKG DYN60K-Studio/S
Für Liebhaber – hier die Liste :
-
Shure Kommandomikrofon mit Sprechtaste – Von einem abgebauten Fernsehregieplatz . Zu hören bei Bleutges eigener An- und Absage ( Titel und Credits ) des Stücks
- AKG D30 Dynamisches Mikrofon – Restbestand aus einem längst demontierten ORF- Studio ; für ein dynamisches Mikrofon ungewöhnliche umschaltbare Richtcharakteristik ( Kugel , Niere , Superniere ) . Zu hören während des ersten Kursus’ des Stücks
- Beyer M130 Bändchenmikrofon – winziges kugelförmiges Instrumentenmikrofon mit hoher Empfindlichkeit und geringem Ausgangspegel . Zu hören während Kursus Numero eins
- Tesla Bändchenmikrofon – Baujahr ca. 1965 , erworben von einem Theater in Bratislava . Hauptmikrofon im Mittelteil des Stücks
- AKG DYN60K-Studio/S – Baujahr ca. 1949 , hochelegant chromglänzendes dynamisches Mic ( Theater Bratislava ) . Zu hören im ersten , sparsam instrumentierten Teil des Stücks
- Shure Modell 55 S – das klassische kastenförmige 50er-Jahre Gesangsmikrofon , ertauscht in einem irischen Pub . Zu hören innerhalb des Ansteigens und Sich- Verdichtens der Stimmen gegen Ende des Stücks sowie als “Seitenstimme” in Kursus Numero zwei
- Brauner Phantom 1 Kondensatormikrofon – das aktuelle Modell eines Studiomikrofons , Hauptmikrofon mit modernem Sound für den “mittigen” Text .

AKG DYN60K-Studio/S
|||
ALLMÄHLICHE VERFERTIGUNG

Obwohl mit Nico Bleutge ein herrlicher Sprecher im Wald der Mikrofone erklang , galt es doch , im trial and error- Verfahren das passende Sprechtempo zu ermitteln : Geriet die Lesung einen Moment zu schnell , verlor die Stimme an Präsenz , einen Moment zu langsam intoniert , mutete der Text allzu getragen an .
Der äusserst konsistenten Lautstärke , Sprechdynamik und -disziplin des Autors wurden durch kleine Tricks weitere Nuancierungen abgelauscht . Etwa das Zuspielen von Wasserrauschen per Kopfhörer , welches eine Schallwand generiert , gegen welche der Sprecher unwillkürlich mit gesteigerter Stimmenergie “anspricht” , etc.
Das allmähliche Verfertigen der Aufzeichnung , bei welcher Autor und Tonmeister nach jeder Aufnahmesequenz gemeinsam die gewonnenen Spuren abhören und dabei bereits den Zusammenklang verschiedener Stimmen ausprobieren , stiftet schon während des Recording- Prozesses wichtige Grundlagen und Übereinkünfte im Hinblick auf die Nachbearbeitung und Mischung .
Dabei galt es , das durch die sieben Mikrofone und diversen Einspielversionen reichhaltig vorhandene Klangmaterial einerseits in eine dramaturgisch plausible Komposition zu verwandeln , zum andern wirkungsvoll im Surround- Spektrum zu arrangieren . Wobei gleichzeitig streng darauf zu achten ist , dass auch bei der Stereo- Wiedergabe ( “Downmix” zur UKW- Sendung ) buchstäblich “keine Spur” verloren geht .
Dramaturgisch wurde mittels eines – durch diverse Entr’actes retardierte – allmählichen dynamischen Aufbaus von der Einzelstimme zur Mehrspurmischung dem poetischen Leitmotiv des allmählich steigenden Wassers Rechnung getragen . Im Surroundfeld hält sich die Hauptstimme streng im Center- Kanal , die Nebenstimmen erklingen “aussen” auf den Surround- Kanälen , solcherart eine auch räumlich “weite” Klanglandschaft generierend . Zur Verdichtung und Rhythmisierung wurdezusätzlich ein Vers per “Reverse” umgedreht und als vexierender Basis- Loop beigemischt .
Somit hat sich die Partitur von “Wasser . Steine” im Laufe dreier Tage dank der Sprechkunst des Autors und unter höchst diskreter Verwendung der technischen Mittel in ein suggestives Radiokunststück verwandelt , welches keiner naturalistischen Illusionistik anhangt , sondern Bild- und Strukturmotive des Textes in eine auditive Gestalt übersetzt .

|||
HINWEISE
- Nico Bleutges “Wasser . Steine” wird zusammen mit Sabine Schos Produktion “Grober Rundfunk” in der Reihe “Literatur als Radiokunst” des ORF- Kunstradio , Ö1 , Sonntag , 20. 12. 2009 , 23:03 H urgesendet .
- Mittwoch , den 10. 2. 2010 werden die vier “Literatur als Radiokunst“- Stücke des Produktionsjahres 2009 im Surround- Aufbau und in Anwesenheit der Autoren Urs Allemann , Nico Bleutge , Richard Obermayr und Sabine Scho im Literarischen Quartier Alte Schmiede , Wien , präsentiert .
|||
RELATED
- Literatur als Radiokunst – Sendungen und Produktionsnotizen
- Literatur als Radiokunst : Autorinnen , Autoren und Produktionen 1999 bis 2009
|||








[...] : ORF-Studio ; tout un monde [...]