Salon Littéraire | Michael Hammerschmid : Einzeltäter Nizon – Eine Reflexion zum 80ten Geburtstag

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Salon Littéraire | Michael Hammerschmid :

Einzeltäter Nizon – Eine Reflexion zum 80ten Geburtstag

Hokusai Fisch vertikal

||| EIN ANACHRONISTISCHER AVANTGARDIST | EROS, STADT UND EINFACHSTE DINGE | EIN KLEINER ABRISS : BÜCHER | DER “POETISCHE ACT” | AUTOBIOGRAPHIE, EINE KRITK, UND EIN PLÄDOYER FÜR DAS SCHILLERNDE GLATTEIS DER FIKTION

für Paul Nizon

Es ist Ende der 50er Jahre, dass Paul Nizon mit seinem Schreiben an die Öffentlichkeit tritt, das sich fortan als ein stotterndes, einschauendes Projekt beschreiben lässt, das von Ein- und Umbrüchen erzählt; man könnte sagen, direkt ins Unterbewusste. Durchbrüche durchs Ich, die in ihm ansetzen, es brauchen, dieses Ich, wohl auch an ihm verzweifeln müssen, und es ist ein Schreiben, das sich umgekehrt und gleichzeitig an den Strömungen und Strömen der es umgebenden Phänomene ausrichtet, die Fühler stets ausgestreckt hält: In das, was da ist, nahe, in den Alltag zuallererst, in dem, an dem, wie es bei Nizon einmal heißt “das Leben zu bestehen ist” und das meint “zu verlieren” oder “zu bestehen”.

Das nämlich ist es und das unterscheidet Nizon von so vielen, ja wahrscheinlich von den meisten, die sich den Namen Literatur anheften, ohne eines zu sein: existenzielle, am Alles oder Nichts und daher am Scheitern ausgerichtete Recherchen.

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EIN ANACHRONISTISCHER AVANTGARDIST

Genau diese dem Scheitern, Stranden, Verschwinden zugewandte Haltung ist es aber im innersten, was sein Schreibprojekt, dieses “Einzelunternehmen” (P. Nizon) ausmacht: eine durch und durch prekäre Existenz (wohl immer noch), auf deren nun schon weiten und immer forschenden Weg, auf dem bis heute 10 Romane und 5 Tagebücher, etliche Essays, Kunstkritiken und Kunstaufsätze entstanden sind.

Ihnen nun zusammenfassend eine Entwicklung zu unterstellen, wäre schwierig und wenig ergiebig, eher darf man sagen, dass diese Bücher eine Form von Singularität im Auge haben und diese auch entfalten, die ihresgleichen sucht. Nizons ganze – schreibende – Existenz scheint drängend auf diese Singularität ausgerichtet zu sein: Das macht ihn zu einem anachronistischen Avantgardisten. Denn hinter seinem abenteuerlichen Projekt “sich das Leben zu erschreiben”, damit es von der Sprache aus wieder abstrahle, steht kein avantgardistisches Programm und schon gar keine Bewegung, Strömung, vielleicht und am ehesten noch Verwandtschafts- und auch Freundschaftsbeziehungen besonders zur bildenden Kunst, das ja, etwa zu Fluxus der 60er Jahre, doch ist Nizon – etwa auch im Unterschied zu weiten Teilen der österreichisch-experimentellen Literatur – ein Einzeltäter.

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EROS, STADT UND EINFACHSTE DINGE

Seine Inspiration findet Nizon dabei vornehmlich im Gemisch der Phänomene, Ereignisse, Nicht-Ereignisse und Empfindungen des Alltags, im Schoß des Sexus und Eros und im Gewühl der Stadt. Nizon ist ein angesteckter Anstecker, ein Stoffpoet, der seine Recherche aber unwillkürlich betreibt. Auch deshalb passt sein Schreiben viel besser in die französische Kultur, die ihn treu verlegt, übersetzt und ehrt, während ihn die deutsche als Fremdling und unpolitischen Einzelgänger abzutun versucht, obwohl er gelesen wird, heimlich vielleicht, doch hingebungsvoll.

Dass Nizon seit den 70er Jahren in der Großstadt Paris lebt, lässt sich an seinem Werk als poetologische Notwendigkeit nachvollziehen, die beinahe zu einer Art Konstante geworden ist, denn von ihr nähert er sein Schreiben, in ihrem Resonanzraum lässt er sein Instrument, die Sprache, wiederklingen. Und diese Stadt Paris, in der der Surralismus seine Blüten schlug, scheint sein Schreiben auch anders auf und anzunehmen, als gehörte es zu ihr.

Doch gibt es natürlich auch anderswo Existenzromane und im existenziellen Schreibanspruch verwandte Schreiber wie beispielsweise Peter Handke, Friederike Mayröcker oder Josef Winkler. Auch sie sind keine Entwicklungsromanziers, sondern viel eher Chronisten des Alltags und der Wahrnehmung. Und so lässt sich auch Nizons Schreiben als eine Chronik der Sprache in Berührung mit Welt auf einen ersten kleinsten, allgemeinen Nenner bringen.

Eine vielleicht noble, elitäre Haltung, insofern sie den sogenannten Überblick, das sogenannte Engagement verweigert, und die doch umso unmittelbarer und völlig unelitär zu wirken imstande ist, indem sie – bis auf Geschichten, die Nizon umschifft – die elementarsten und einfachsten Dingen erfahrbar macht: den Eros und seine Launen, die Momente und die Suche am Rande. Weniger über Handlungen und wie gesagt schon (fast) gar nicht über zusammenhängende Geschichten lässt sich sein Schreiben fassen, als vielmehr über die Begegnungen mit und Porträts von Menschen, über das reich instrumentierte Register an Empfindungen, Wahrnehmungen, Reflexen, und über deren existenzielle Momente.

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EIN KLEINER ABRISS : BÜCHER

So wird in “Untertauchen” (1972) vom Liebesvirus eines Mannes erzählt, den dieser auf einer Geschäftsreise nach Barcelona einfängt und der ihn aus den Bahnen seiner bürgerlichen Existenz zu katapultieren droht. Im “Bauch des Wals” (1989) wird nicht zuletzt mittels Traumsequenzen die Form des Caprichos neuerfunden und über eine Art Alter Ego, einem Soldaten, ein Raum ins Unbewusste aufgemacht.

In “Das Jahr der Liebe” (1981) beschreibt Nizon sein Ankommen in der Pariser Tantenwohnung, ein Sich-Frei-Schreiben jenseits einer Gattungsfestlegung, bestehend aus Erinnerungen, Alltagsskizzen, Schreibreflexionen. Davon unterscheiden sich wiederum die beiden Bücher “Stolz” (1975) und “Das Fell der Forelle” (2005), die sich mehr an einem Plot orientieren, “Stolz” sogar mit einem gleichsam klassischen Helden, ein Text, der jedoch zu einem dunklen Anti-Entwicklungsroman wird, in dem letztlich auch nichts, vielleicht nichts als Sprache übrigbleibt, während der Held am Ende untergehen muss. “Das Fell der Forelle“, ist vermutlich eines der komischsten Bücher Nizons und setzt wieder in der Tantenwohnung an, um einen Grenzgänger zu begleiten, “ohja aha oho”.

Canto” (1963), ein großer Gesang inmitten eines anderen Stadterlebnisses, diesmal in Rom, und “Im Hause enden die Geschichten” (1971), ein Kondensat an kleinen Porträts gegen das Haus als Verlies geschrieben und als Evokation der eigenen Kindheitsprägungen. Schließlich “Am Schreiben gehen” (1985), Nizons Frankfurter Poetikvorlesungen von 1984, ein ernsthaftes, genaues Protokoll der Schreibansätze und Schreibaussetzer, der Arbeit des Schreibers. Um ein kleines Porträt dieser Bücher und ihrer Weltverwobenheit zu skizzieren.

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DER “POETISCHE ACT”

Damit keine falschen Erwartungen entstehen, müsste man gleich hinzufügen, dass diese Bücher dennoch alle unnütz sind, wie ihre Helden, die darauf verzichten, sich vom Roman der Verpflichtungen bürgerlicher Existenz eine Richtung, einen Sinn, eine Aufgabe aufoktroyieren zu lassen und die deshalb nichts als Nichtse, bestenfalls Poeten sein können.

So aber erst und so allein, müsste man weiter präziseren, halten sie frei, was stets besetzt ist und lassen aus ihrem gewagten Experiment, zu überleben, frei zu sein, jene Stofflichkeit hervorblitzen, die in der Kunst manchmal wie Wirklichkeit träumbar und spürbar fassbar wird, um letztlich wieder in sich zu stürzen. Was bleibt – ist vielleicht die Energie, der pure Wille zur Freiheit, zur Ungebundenheit, zur künstlichen Geste im Sinne des poetischen Actes H. C. Artmanns, die alle Wahrheit magnetisch auf sich zieht, anlockt, um sie mit einer freiherzigen Geste letztendlich zu verwerfen.

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AUTOBIOGRAPHIE, EINE KRITK, UND EIN PLÄDOYER FÜR DAS SCHILLERNDE GLATTEIS DER FIKTION

Wer 80 Jahre Nizonsschen Schreibens passieren lassen möchte, kann natürlich auch eine Biographie nacherzählen, der Nizon sich einerseits zwar entsagt, der er aber andererseits entgegenschreibt, gerade indem sie ihm als Stoff dient. Würde er das auch nicht, andere täten es wohl statt seiner (und tun es und werden es tun); durch sein Schreiben aber bleibt gewährt, dass beispielsweise der Ausbruch aus der Schweiz einmal in Literatur verwandelt (wie u.a. in “Untertauchen” oder in “Das Jahr der Liebe“), niemals festschreibbar sein wird, da die Literatur, wenn sie sich eine solche nennen darf, dieses Festschreibung durchkreuzt, aufs Glatteis der Fiktion führt, verzaubert, ja einfach freistellt.

Gleichzeitig hat sich Nizon aber auch selbst auf einer Ebene wahrscheinlich zu sehr und frühzeitig überholt, indem er seine “Journale” publizierte: “Die Erstausgaben der Gefühle. Journal 1961–1972“, “Das Drehbuch der Liebe. Journal 1973–1979“, “Die Innenseite des Mantels. Journal 1980–1989“, “Die Zettel des Kuriers. Journal 1990–1999“, “Romane, Erzählungen, Journale“.

So fragmentarisch und nur in Auswahl diese bislang fünf Bücher auch erschienen sind, so ergeben sie doch so etwas wie einen weniger literarisierten Nahraum des Poeten- und des privaten Lebens von Nizon, nämlich seiner alltäglichen Begegnungen, der Liebschaften, Bekanntschaften, Probleme etc. Die ganze Energie, die im Werk in die Verzauberungsarbeit geflossen ist, um dort gleichsam bestehen zu bleiben, in Form gekommen zu sein, und so zum unerhörten Quell von “Irr-Läufen” (Herta Müller) in Kopf und Herz zu werden, ist hier zurückgenommen. Die ganze Konsequenz, die Nizon im Abseits bleiben lässt und nicht zum Gesellschaftspoeten werden ließ, ist dort relativiert.

Denn im Tagebuch kommen wir – bei aller Zauberhaftigkeit und vieler interessanter Beobachtungen einzelner Einträge – in den Bereich der Autobiographie, wo sich der “Autobiographie-Fiktionär”, wie sich Nizon in seiner Poetik-Vorlesung selbst bezeichnet hat, seines höchsten Gutes, der Fiktionalisierung, und damit eines Anspruchs an sich selbst beraubt, auch wenn er ihn nur geringfügig abschwächt. Statt der indirekte Chronist zu bleiben, wird er zu einem direkten, zum Forscher, zum essayistischen Germanisten seiner selbst. Auf dieses Material werden sich die Biographen wohl später einmal stürzen, die Selbstreflexionen und poetologischen Skizzen sind aber jetzt schon ein Ballast, der dieses zauberhafte, leichte, unfassbare Werk bedrängt, wenn auch glücklicherweise nie wiederlegen wird können.

Paul Nizon wird in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden sei. Er ist einer der letzten Sprachmagier, Wirklichkeitsermöglicher, ein avantgardistischer Anachronist, über den unsere Zeit dennoch lesbarer wird, ein Radikaler also und ein Künstler, dessen Figuren über die Pose des Künstlers weit hinausgehen und etwa in “Hund” auf den Schrifsteller schielen, als einen Fremdling, weil es ums Leben geht.

Hokusai_Fisch_horizontal

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Michael Hammerschmid

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Hinweis

Paul Nizon : Romane, Erzählungen, Journale. Mit einem Nachwort von Samuel Moser ist im November bei Suhrkamp erschienen.

Illustrationen : Hokusai

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