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WERK UND WORT

Mag am Anfang das Wort gewesen sein und der Adamit erst durch göttliche Benennung aus Lehm zum Menschen geworden sein : In Zeiten der galoppierenden Glossolalie von Medien , PR , Prognstophilie und eines wogenden Globaljargons sind es oft erst die Wörter , welche die Phänomene und Syndrome erschaffen ( früher bekannt auch als “Pschyrembel- Komplex” ) . Zugleich aber erhebt sich angesichts der unablässigen Er- Findung von neuen Dingen , ungekannten Sachlagen und frischen Krisen ein ständiger Wortnotstand , den es gilt , per Eigen-, Entlehn- oder Fremdsprache “prokommunikativ” zu beheben .
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PR UND POESIE


Poesie und Dichtung spielen , hélas , in dieser tagesaktuell brandheissen Neologismus- Schmiede die geringere Rolle : Die Grosswerften der “Public Relations” lassen derartige Mengen NeuSprech vom Stapel und in den aktuellen Sprachgebrauch laufen , dass die Qualität der literarischen Manufaktur just in ihrer Schlagzeilen- und Jargonuntauglichkeit besteht .
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BEGRIFFSSTUDIO
Monika Rincks – hier verschiedentlch zitiertes – “Begriffsstudio” sein ein eigenwilliges Beispiel hierfür . Die “Begriffslieferungen” der Dichterin verweigern sich mit widerborstigem ( Trans- ) Formationswitz und in unorthodoxer Kombinatorik gefundener Membra Disjecta dem Klein- und Wechselwortgebrauch des Alltags und passen in keinen Diskurs- Automaten . Weshalb auch die Münze der poetischen Wortwährung nicht jenen Touch des Abgegriffenen aufweist , welche das Wechselgeld der Promotoren rasch in die Schmelze zurückgehen lässt .
2893 am fuße des burges aus glücklichen steinen
2894 das mustopfmetronom
2895 wettergebälk
2896 quatsch mit goethe
2897 baldachin aus stacheldraht
2898 die zugenagelte welt
2899 von hirschzunge bepolstert
2900 demographiefest
2901 cashmere dressed secretary that glows in the dark
2902 herrsche ohne rinde
2903 vom himmel bis hoch zu den birnen
2904 türen zum unendlichen, die schlecht schließen
2905 ein aus der gartenlaube fallender blick
2906 aufgebauschte bimserzeugung
2907 in dieser bestialischen aller welten
2908 pfotografie
2909 der klinkendruck des zweiten ichs
2910 stubenbissig
2911 uhu mit phallischer unwucht
2912 eine nicht nachzubearbeitende scham
2913 breite der ausgebreiteten hand
2914 stark staring mad
2915 die nanny von schiller
2916 epiapodiktisch
2917 im grellen schein ihrer wechselnden entschließung
2918 das hineinragen des gegenplans
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ENZYGLOBE
Der Wortwitz des vom “Neologisten” René Gisler initiierten und mittlerweile aus mehreren Schprachschöpfkellen gespeisten “Enzyglobe” zeichnet sich durch seine mitunter infantile Anarchik aus , bleibt indes wohlgeborgen im Kosmos seiner fröhlich kalauernden Monologik .
- Artefucked , das – neutsch für “Kamasutra”
- Auftrags-Chiller , der
- Avacar , der – Äusserst benzinsparendes, virtuschnelles Fahrzeug
- Grauenzeitschrift , die
- midwife crisis , die
- Netstrumpfhose , die – üble Verwicklung und Verknotung von LAN-Kabeln an den Beinen
- Schlechtachten , das
- WG-tation , die
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CHRONISTEN DER WORTWÄHRUNG
Ganz anders verfahren da die Sprach- und Jargonsammler , welche die Wechselwährungen des Tages mitnotieren und in ihren Blogs – sei es mit oder ohne polemische Anmutung – präsentieren . Detlef Gürtlers “Wortistik” ( in der taz ) bekennt sich mit seinen Notaten über akuten Sprachverbrauch klar zur Tradition des Sprachkritikers Rolf Schneider .

WORTISTIK
- containern – czz : In Zeiten der Einschachtelung und Entsorgung von Menschen
- Digitarchie – czz : interessante Liaison von lateinischen und griechischen Etyms ( A. Schmidt )
- Aber Sprache ist ja nicht puristisch, sondern pragmatisch – weshalb wir heute auch griechisch-römisch Automobil sagen und nicht latinopuristisch Ipsomobil. Und wenn wir in Zukunft häufiger Anlass haben, über die Macht von Datenkraken zu erschauern, kann uns die Digitarchie dabei helfen, unser Schaudern in Worte zu fassen. Vielleicht trägt das sogar dazu bei, die (noch völlig ungeprägte) Digitatur zu verhindern.
- fremdgrüssen – czz : nette Parallelbildung zum beliebten “Fremdschämen“
- Goognose – czz : Google- Weltsicht auf Vergangenheit , Gegenwart & Zukunft
- hausmenschlich – czz : gender streamlining von weiblicher bzw. männlicher Haushaltsführung
- Hochprekariat – czz : Mit den im Krisenjahr erneut reduzierten Zeilenhonorar vieler freier Journalisten benötigt auch Santa Precaria eine Steigerungsstufe
- Hohnlohn – czz : Gesellschaftlich möglicherweise bald real existierende Alternative zum Denglischen “Dumping- Lohn”
- … der Hohnlohn könnte durchaus in den kommenden Jahren seine begriffliche Berechtigung finden. In einer Weltwirtschaftskrise mit massiv steigender Arbeitslosigkeit wird es vermutlich nicht mehr so sehr darum gehen, zu welchen Preisen polnische oder vietnamesische Arbeitskräfte arbeiten (was wortistisch auf Dumpinglöhne hinausläuft), sondern wofür deutsche Arbeitskräfte zu arbeiten bereit oder gezwungen sind – wofür Hohnlohn eher passen würde.
- jargonisch – czz : Wer , an seinen Fach- & Sach- Jargon gefesselt , werfe den ersten Stein ?
- Schwarmdemenz – czz : politisch sehr treffende Gegenthese zur übertrieben utopischen Annahme einer “Schwarmintelligenz” ( “crowdsourcing” )
- Tigerenten-Koalition – czz : Schwarz- Gelbes Regierungsrevival jenseits des alten Kakanien
- unshopping – czz : Erleichteung für “shopaholics”
- Ich finde das klasse. Das ist eine geradezu metaphorische Verkörperung (oder doch eher Entkörperung) des Age of Less, in das sich unser Abendland gerade hineinbegibt. Eine therapeutische Antithese zur Konsumkultur, die dem shopping das unshopping entgegensetzt – jeden Tag eine gute Tat, Entschlackung des Besitzes.
- Webciety – “… verbal geschnitten aus Web und Society; also … die vernetzte Gesellschaft … “
- wertprogressiv – czz : Antonym zu “wertkonservativ”
- Zuvielisation – czz : Mehr als ein Freud’scher Versprecher
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… auf dem Weg durch die Weltwirtschaftskrise müsste es eigentlich bald passieren, dass Massenkonsummüdigkeit cool wird und weniger mehr. Schön, wenn es dann schon Zuvielisationskritiker gibt.
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Da langt der Linguist Anatol Stefanowitsch mit seinem “Bremer Sprachblog” schon mal kräftiger hin , um heillose Lingo- Verhältnisse ( und deren politische sowie mediale Generatoren ) in ihre Schranken zu weisen . Mag zwar die taz in ihrer im Vorjahr erschienenen Eloge den jungen Professor von den “Sprach- ist- gleich- Deutsch“- Pflegern und pfiffigen Besserwissern à la Bastian Sick scheiden : Ganz ohne Dogmatismus geht es auch in Bremen nicht zu und spielerisch wird hier nur wenig genommen . Aus in|ad|ae|qu|atem Wiener Blickwinkel muss jede Verknüpfung mit dem Komplex “Karl Kraus” aus gutem Grund unterbleiben .

Im Vergleich zum Bremer Imperium verhielt es sich in dem auf Schweizer www- Boden ( “monarchisch” ) errichteten “Wortreich” nachgerade gemütlich . Michael Staubs “Lanze[n] (oder wenigstens eine Stricknadel )“- Ritt “für präzisen Sprachgebrauch” hat 2008 allerdings nach drei Jahren seinen Parcous beendet . Was bleibt , ist ein hüsches Inventar der “good , bad and ugly ”
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FAZIT
Wo die Begriffs- Chronistrn deutscher Zunge nicht eben auf puristische Verteigigung der Hochsprsche sich beschränken , sondrn die poetische Fügung (Monika Rinck ) , den sprachlichen Kalauer ( “Enzyglobe” ) oder de prouktive Reflexion lexikalschen Treibguts ( “Wortistik” ) als denkwürdige “Zeitzeichen” den Leserinnen und Lesen zu bedenken geben , bildet sch im Laufe der Zeit ein beachtliches Mass an Befunden zur gresellschaftlichen und infividuellden Verdasst ab :
die “aufgebauschte bimserzeugung” ( Monika Rinck ) der Medien sowie die “jargonischen” Spracblüten der Trendforscher imdes stehen auf einem anderen , einem weiteren “ling:o9 “- Blstt : der Natur der Sache gemäss selbstredend nicht ohne Komik .
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RELATED
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KLANGAPPARAT
Ein feines Résumée seines muskalischen Schaffens legt der Dresdener Künstler Michael Richter aka Geocode vor : die 16 warm- dynamischen Elelctronica- Tracks ( beim dem Netlabl ponocake erschienen )
bstehen wie auch der Relase- Titel “384.790” sämtlich aus sechsstelligen Ziffern . Und weist danit den weitverbreiteten Usus m per Titulatur gewisse Stimmungen und Mimetiken zu suggerieren . Hier kann also endlich einmal nicht von Sounds als einem “akustischen Film” gesprochen werden . Dafür gibt es umgekehrt ein Video ( 5:52 ) zu Geocodes Musik , und zwar von Stefan Pautze @ vimeo -
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