7. 1.
Noch einmal Arambol. Das neue Eldorado der Backpacker. Ein Stetl in Goa. Ein Ghetto in Indien. Hier führen Shiran und Ilan das Lamuella. Ein Restaurant mit einer Boutique und einer kleinen Pension. Mit Ilan spreche ich Ivrit, aber auch Deutsch. In Lamuella herrscht eine kosmopolitische Atmosphäre, die jegliche nationale Provinzialität zu vermeiden sucht, aber das Herkommen nicht verleugnet.
Shiran lernte Ilan in Indien kennen. Anders als er kam sie nicht her, um sich zu finden. Shiran studierte Hindi. Um ihr Leben zu finanzieren, begann sie, Schmuck und Kleider zu verkaufen.
Zuweilen helfe sie jenen, die dem Drogenräuschen erliegen und durchdrehen. Sie kenne Hilik, den ehemaligen militärischen Geheimdienstoffizier, der nun durch Indien und Südamerika streife, wenn es gelte nach Vermissten, nach Verschleppten oder nach Verirrten zu fahnden und sie heimzubringen.
Hilik: Auf allen Erdteilen ist er ein Begriff. Nicht nur Israelis kennen ihn. Hilik weiß Abhilfe, wenn niemand mehr einen Ausweg kennt. Ich traf ihn einst und sah ihn kurz. Eine Geschichte, zu traurig und zu persönlich, um sie in diesem Blog kurz anzureissen. Zu schrecklich auch, um hier in der notwendigen Ausführlichkeit auf sie eingehen zu können. Hilik jedenfalls ist ein Hüne mit weißkrausem Vollbart und Glatze. Der Weihnachtsmann des israelischen Rettungsdienstes. Der Wunderrabbi für gottverlassene Momente.
Im Film “Flipping Out” ist Hilik zu sehen. Der Film konzentriert sich auf jene, die durch Drogen in eine Psychose abgleiten. Der Drogenkonsum wird dargestellt, als ende er immerzu in der Katastrophe. Eine Randerscheinung wird von den israelischen Staatsinstitutionen und von den linken Kritikern ins Visier genommen, als würden in Israel nicht Acid geschluckt und kein Hasch geraucht werden. Als wäre es ein Wunder, wenn junge Israelis jene Drogen nehmen, die auch in Österreich, Frankreich oder England vielen Jugendlichen schmeckten. Diese meine Skepsis gegenüber der medialen Darstellung kann aber meine Bewunderung für die Hilfsmaßnahmen, die Hilik leistet, nicht mindern.
Shiran erzählt mir von ihm. Sie lobt auch Tomer, den Bretslaver Frommen, dafür, jenen, die alle Orientierung verloren hatten, beizustehen und ihnen Wärme zu geben. Ilan und sie stehen zwar der religiösen Ideologie fern, doch sie arbeiten mit Tomer zusammen, wenn es gilt, Israelis zu helfen, die nicht weiter können und in existentielle Gefahr geraten – ob in physische oder psychische.
Ihre beiden Großväter, so erzählt Shiran, seien Psychiater gewesen. Beide hätten vor dem Weltkrieg in Wien gelebt. Einer der beiden sei ein Schüler Adlers gewesen. Er habe erst vor wenigen Jahren Wien besucht, um dort mit Jugendlichen in Gespräch zu kommen. Und einige dieser Schüler seien dann zu ihnen nach Israel.
Im Lamuella sitzt auch Matan. Er nimmt keine Drogen mehr, sondern züchtet nun Heilpflanzen und glaubt an Schamanismus. Für alle Krankheiten, ob Krebs oder Aids, behauptet er, weiß er ein Mittel. Tomer, den chassidischen Frommen, kenne er gut. Noch aus der Zeit, da er gar nicht religiös gewesen sei. Ich wundere mich. Mir hatte Tomer berichtet, gläubig aufgewachsen, nicht aber jemals weltlich geworden zu sein. Matan lächelt. Über seine säkulare Phase, rede Tomer nicht gerne. Tomer sei ziemlich radikal geworden. Wenn einer einen vollkommen neuen Weg einschlage, gehe er den eben bis zum Ende.
Zurück in Anjuna fahre ich mit meinem Motorroller zum Strand. Hier, bei Curlie’s, steigt eine Party. Goatrance wummert aus den Lautsprecherboxen. In den Dünen vor dem Meer sind Marktstände aufgebaut. Die Luft schmeckt süßlicher, als die Polizei erlaubt. Die Strandbar ist voll. Die Tanzfläche auch. Ein Stampfen im Sand. Das Hüpfen zum Takt. Schneller Rhythmus. Sechzehntel Stöße rasen über Tonnebel aus dem Synthesizer hinweg. Ein Ritt in den Wolken, ein Galopp in den Lüften. Ein Flug durch den Klangteppich.
Im Dunkeln suche ich meinen Motorroller. Der Scheinwerfer geht nicht. Ich fahre durch die Finsternis. Ich sehe kaum die Lehmwege und spüre nur die Schlaglöcher. Kommt mir ein Auto oder ein Moped entgegen, hupe ich, um mich bemerkbar zu machen.
Im Hotel, im Anjuna Laguna, das nächste Fest. Hier ist alles von feinstem Reggae erfüllt. Musik und Tanz am Swimmingpool. Bob Marley und Peter Tosh geben den Takt vor. Hier treffe ich auf Janet, die ich seit der Jugend kenne. Janet: Ich schrieb bereits vor Tagen über sie. Sie lebt hier seit den Achtzigern und betreibt mit Omer ihre Jam Connection. Romana und Babsi aus Wien sind auf Besuch. Janet: Einst lebte sie in Jamaica. Ihr Nachbar war niemand anderer als Peter Tosh, so erzählt mir einer.
Das Weben und das Wippen in den Beinen, das Schaukeln zur Musik, die voller Melancholie und Hoffnung zugleich ist. Dann mein Staunen über den Künstler, der auftritt, meine Begeisterung über seine Performance. Ich höre, es handle sich um Graeme, den Trompeter und Saxophonisten von UB40. Erlebt in Goa. Jede Woche spielt er im Hotel Anjuna Laguna.
Farook, der Besitzer von Anjuna Laguna, das mehr Atmosphäre, Ruhe und Inspiration bietet als jede Luxusabsteige mit fünf Sternen, lädt mich nach dem Tanzen auf ein Gin Tonic ein. Farook ist ein Parse, der aus den Norden Indiens hierher kam. Er wählte ein altes portugiesisches Haus mit Garten für sein Hotel. Farook setzte nicht wie die anderen Gastwirte und Tourismusunternehmer auf moderne Betonkomplexe. Er geht andere Wege, zieht traditionelle Materialien vor. Dafür, sagt er mir, müssen seine Gäste in Kauf nehmen, zuweilen auf tropisches Getier zu stoßen. Nun, ich freue mich selbstverständlich darüber, hier die bunte Flora und Fauna dieser Breiten bewundern zu können. Übrigens: Vor dem Grundstück parkt sein Oldtimer, ein Chevrolet, den Farook wieder restauriert hat. Wer in Goa die Augen offen hält, kann einen jener abgenutzten Klassiker finden und schöner herrichten, als das Auto je gewesen sein mag.
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