Wien, 24. Jänner 2010
Im Internet finde ich eine erkleckliche Anzahl an Websites, deren Aufgabe es ist, die ausgewanderten Burgenländer und deren Nachfahren zu vernetzen respektive vernetzt zu halten: die Burgenländische Gemeinschaft, den Burgenland Bunch, Jolly Burgenländer, sowie jede Menge anderer, kleinerer Vereine. In New York stoße ich auf die Brotherhood of the Burgenlaender, Sick & Death Benevolent Society, gegründet 1937. Auf der Homepage wird zu einem Austrian Day mit Schlachtfest aufgerufen, es gibt auch eine Miss Bruederschaft der Burgenlaender. Ein Erbe aus der Alten Welt: Beinahe jedes burgenländische Dorf hat seine Marillen- oder Weinkönigin. Aber ein Begräbnisverein?
Ihm gehe es eher ums Leben, meint Hannes Graf im Café Prückel. Graf ist der Wiener Vertreter des Burgenland Bunch, letzten Sommer war er bei aberwitzig hohen Temperaturen in den Vereinigten Staaten, um an Vereinstreffen teilzunehmen und Verwandte zu treffen. Auf meine Frage, ob er aus familiären Gründen bei dem Verein sei, hatte er schon am Telefon geantwortet, er habe 435 Verwandte in den USA. Das ist ein Argument. Es sei ein wenig kurzfristig von mir, außerdem sei Februar kein guter Monat, da gebe es kaum bis gar keine Veranstaltungen. Was so auch nicht stimmt: Tom Glatz, einer der Vertreter des Burgenland Bunch (von nun an :BB) lud mich vor wenigen Tagen via E-Mail zu einem Fasching dance am 13. in Chicago. Ich weiß allerdings nicht, ob ich das (in jeder Hinsicht) schaffe – ich muss an die Fotos und Erzählungen Sandra Crawfords denken. Auch nichts anderes als ein Feuerwehrfest in Oberschützen, meint Graf, der sich als enfant terrible innerhalb der Gemeinschaft bezeichnet, schon allein aufgrund seiner langen Haare, die mittlerweile kürzer sind, von Politikern und anderen wichtigen Personen aber eher suspekt betrachtet worden seien. Jedenfalls bekomme ich eine kleine Vereinskunde zuzüglich erster Demarkationslinien.
Der :BB hat etwa 1500 Mitglieder, mittlerweile gibt es ihn auch auf Facebook, um die jungen Leute zu erreichen, wie mir Graf darlegt. Die meisten Mitglieder seien durch genealogische Nachforschungen zum Verein gestoßen. Vieles dürfe man aber nicht für bare Münze nehmen: den Mythos Chicago etwa, demzufolge die meisten Burgenländer dort lebten, oder auch die Geschichte von Kittsee, wo es einen Ortsteil namens Tschikago gibt, der der Legende zufolge von reichen Rückkehrern aus der Neuen Welt gegründet worden sei, wobei in Wirklichkeit denen, die erfolglos zurückgekehrt seien, Land zur Verfügung gestellt worden sei.
In der Zwischenzeit ist einiges in Bewegung geraten: Der Präsident des :BB hat meine E-Mail an ihn in einer Aussendung weitergeleitet und um Hilfe gebeten. Ich bekomme Nachrichten von Menschen, denen ich nicht geschrieben habe, und warte auf Nachrichten von Menschen, denen ich geschrieben habe. Ein kleiner Dschungel, diese Parallelgesellschaft.
Hannes Graf und ich mokieren uns ein wenig über Kultur und Politik im Burgenland und kommen immer wieder zur Einschätzung, dass dergleichen nur dort möglich sei. Er bitte um Verzeihung, wenn er sich einmische, sagt ein Herr am Nebentisch, man dürfe aber Kärnten nicht vergessen, das sei viel schlimmer. Das will ich tatsächlich nicht in Abrede stellen. Schon taucht das Thema Asyl auf, der Herr am Nebentisch freut sich, endlich wieder einmal diskutieren zu können, das sei selten geworden in diesem Land. Ich erschrecke kurz und frage mich, ob ich mittlerweile in einer anderen Welt oder Blase lebe.
Hannes Graf erzählt vom Buch eines 1956 in die USA geflohenen Ungarn, aus jenem Schwellengebiet, wo sich Sprachen und Kulturen vermischen. Wir beschließen, dass ich mit in den Dritten komme, um mir ein Exemplar mitzunehmen.
In der U-Bahn kann ich bei der Kontrolle keinen Fahrschein vorweisen, bei Landstraße muss ich aussteigen. Der Kontrolleur ist freundlich, will mir aber trotzdem keine Neujahrsamnestie gewähren. Als Sohn Grafs, der im Besitz einer Jahreskarte ist, gehe ich auch nicht durch – dafür müsste ich Schüler sein. Ich hätte doch auf meinen Großvater hören und mich täglich rasieren sollen. Ich bekomme einen Erlagschein über siebzig Euro und im Dritten Good Dogs Do Stray von Emmerich Koller. Ein teures Buch.
Abends komme ich auf Heinz Janischs 50er-Feier mit einem Mann aus Sulz ins Gespräch. Sulz ist nicht weit von Eberau entfernt, das rund um die mögliche Errichtung eines Asylerstaufnahmezentrums (was für Worte!) in die Medien kam. Schon sind wir bei den Auswanderergeschichten, und ich finde wieder, dass diese jetzt, gerade in Verbindung zu den widerlichen Asyldiskussionen (und zum Pöbelfischen wie erschaffen für die burgenländische Sozialdemokratie), eine andere Dimension bekommen. Das Burgenland sollte nicht vergessen, dass aus seinen Breiten 63.000 Menschen auswanderten – Wirtschaftsflüchtlinge in heutiger Diktion sie alle.
Klaus Muik erzählt von einer Verwandten, die in Chicago, ohne es zu wissen, einen sizilianischen Mafioso heiratete, der mehrere Tankstellen besaß und so dick war, dass er, wenn er mit einer Limousine von Wien ins Südburgenland kam, zwei Stühle benötigte, um einigermaßen bequem sitzen zu können. Von den Tankstellen konnte er dermaßen gut leben, dass er immer wieder Bargeld in Särgen nach Italien schickte, was einmal aufgefallen sein dürfte. Die Familie übersiedelte nach Wien, offensichtlich war es für ihn in den USA zu heiß geworden. Der Italiener hatte schon ein Büro im Hotel Marriott eingerichtet, in dem Muik zu arbeiten hätte beginnen sollen. Es stand nur noch die Hochzeit der Tochter an, vor der der Vater noch kurz in die USA zurück musste, wo sofort die Handschellen klickten. Aus der großen Hochzeit wurde nichts, die burgenländischen Verwandten hatten schon die Hochzeitsgarderobe gekauft, welche nur teilweise zurückzugeben war. Der Sizilianer packte als Kronzeuge aus, die Ehe wurde geschieden, die zerrissene Familie kam in ein Kronzeugenschutzprogramm und musste unter neuen Identitäten in einem fort Orte wechseln.
Wir kommen zu dem Schluss, dass die Mischung aus Süditalien und Südburgenland aufgrund gewisser Strukturen eine gefährliche sei.
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