herbert j. wimmer : zu Monika Rincks, Helle Verwirrung | Rincks Ding- & Tierleben . Gedichte , Texte und Zeichnungen
Rezension , Erstdruck in kolik 46 , S. 139 – 141
Online- Publikation mit besonderem Dank an den Autor sowie an die Herausgeber Karin Fleischanderl und Gustav Ernst
poesie und intelligenz finden sich ja nicht so oft gemeinsam in texten, meist ist man schon froh, wenigstens eine der eigenschaften beim lesen zu entdecken, manchmal auch scheinen sie einander eher zu behindern als zu verstärken.
in monika rincks gedichten, prosastücken, aufsätzen und essayistischen assoziations- und interpretations-gefügen allerdings ist die gleichzeitige präsenz von intellektueller lebendigkeit und dichterischer einbildungskraft ein wahres und anhaltendes vergnügen.
Helle Verwirrung und Rincks Ding- & Tierleben sind zwei durchaus unterschiedliche bücher, die – vereint in einem schuber – als ein buch herausgegeben wurden. als Gedichte kategorisierte texte von Helle Verwirrung wurden schwarz auf hellem zitronengelb gedruckt, die zeichungen und texte des Ding- & Tierlebens schwarz auf weiss.
und schon sind wir mitten im diskurs der reichweite von gattungsbezeichnungen und der bemühungen um begriffserweiterungen, des ein- und ausschliessens durch benennung, des benennens von erwünschten bis befürchteten, ersehnten bis zurückgewiesenen aus- und einschliessungen.
ist stark rhythmisierte prosa schon bzw. nicht auch ein gedicht ? wie ausgewogen ist das verhältnis von begriffe-bilden und ihre bildung begreifen ? und vor allem: wie kann ich den vertrauten und tatsächlich unendlich konventionalisierten und konventionalisierenden vokabularien und sprachgebräuchen was neues, eine neue beweglichkeit abgewinnen ?
rinck ist unermüdlich im auseinandernehmen und neu zusammensetzen von komposita, idiomatischen wendungen, sprech- und schreib-phrasen. aus all dem individuen und gesellschaften festigenden sprachmüll des alltags, der uns tagein tagaus durchdringt, durchrinnt, der uns produziert wie wir ihn produzieren, macht sie texte, die nur so funkeln vor lauter (vielleicht auch lauterem, wenn das eine notwendige kategorie ist) sprachwitz, bildersinn und purem denkvergnügen.
“DAS BEWUSSTSEIN MACHT BESORGUNGEN. ES IST SICHER BALD ZURÜCK. “und “DAS BEWUSSTSEIN MACHT BEDROHUNGEN. SICHER FEHLT WIEDER EIN STÜCK.” sind zwei so texte, die nicht aufhören zwischen gedicht, prosa und essay zu changieren, eigentlich in allen drei gattungen gleichzeitig vorhanden sind.
gleichsam als semiotisches massage-instrument walken sie durch, was der leser an bewusstsein hat, walken sie sich ein in das, was dem leser an bewusstsein bleibt: eine erhöhte empfänglichkeit für den poetisch-intellektuellen sprachgebrauch der autorin. und zeigen durch verstellen der muster unverstellt her, was sie sind: beziehungs- und liebesgeschichten, auf ganz eigene weise neu erzählt, ungemein spannend in der sichtbaren bemühung, erzähl-entdeckungen, erzähl-erfindungen zu machen.
man weiss es ja, spätestens seit fritz mauthner, ludwig wittgenstein und oswald wiener, sprache und bewusstsein sind sowohl jedes für sich wie in ihrer unauflöslichen interdependenz mittel, subjekt, objekt und ergebnis, prozess vor allem, man ensteht im gebrauch, den man von sich macht, während man gebrauch macht von der fähigkeit, darüber nachzudenken wie und welchen gebrauch bewusstein von einem macht bzw. erzählt, als ergebnis welchen gebrauchs, welchen erzählens ein begriff von bewusstsein sich einem bildet etc. ad. inf.
in fünf grösseren teilen expandieren lustvoll die texte von Helle Verwirrung ihren gedicht-begriff, es gibt ein DAMENTOTEM zu bewundern, eine QUITTESTE QUITTE, ein STURM OHNE WIND taucht auf, GEMÜTSLAGEN DES LAUBS werden erörtert und schliesslich – im text THE CAMPING WORD – bilden sich im bewusstseinsstrom monika rincks schnell drehende interpretations-wirbel um zwei gedichte von emily dickinson, aus deren letzter zeile Bliss was most to blame der abschnitt-titel gewonnen wurde: AM MEISTEN SCHULD WAR GLÜCK.
ganz zum schluss folgt eine serie von gedichten zum franz biberkopf aus alfred döblins Berlin Alexanderplatz, mit zitaten von maurice merlau-ponty, henri michaux, einem hauch rimbaud und einem satz-abdruck von brecht, so auf wenigen seiten eine art von phantomologie (bzw. phantomonologie) von biberkopf erdichtend, wie er in seinem überleben verschwindet, weil rettungslos einverstanden mit seinem gerettet-sein.
völlig auf entzücken gebürstet ist das zweite buch der doppel-publikation. die kurzen prosa-texte sind mit jeweils einer skizzenhaften zeichnung kombiniert, wobei offen gelassen bleibt, was zuerst da war, der text oder die zeichnung, was illustration und was ausgangsmaterial ist. da die zeichnungen sprache und bild kombinieren, ergibt sich die vermutung, dass die nicht unphantastischen texte, die metaphorisch hoch aufgeladen sind, in ihrer zweier-beziehung wiederum an einem diskurs teilnehmen lassen, diesmal zum thema sprachbilder und bild-/bilder-sprache.
verblüffende einsichten und sätze in der art der truisms (der jenny holzer) beleben, strukturieren das Ding- & Tierleben . erfindungen wie ein “siamesisches blickfeld” lassen sich entdecken, verblüffende beobachtungen: schliesslich ist immer wetter, wenn jemand stirbt wechseln sich ab mit wahrheitlichkeiten: “persönlichkeit ist peinlichkeit!” letztere in der erzählung löwe und stier, gerichtet an ein gegenüber, für das all die brillianz im schöpferisch reflexiven umgang mit dem alltagsphänomen sprache aufgeboten wird. dazu eine korrespondenz empfinden bzw. eine referenz entdecken heisst sich an oswald wieners “stil ist strafe für charakter” erinnern.
einen starken intersubjektiven charme haben alle texte monika rincks, sie sind ebenso ansprechend wie anspruchsvoll, geraten mit einer fülle von ansprechpartnern in fortgesetzten sprachgebrauch, hartnäckig bis zur deutlichkeit, aufzeichnungen in jeder bedeutung des begriffs.
für schreibende leser sind rincks bücher besonders empfehlenswert, man kann nämlich auch was familiäres in ihnen entdecken, den eindruck einer gewissen familienähnlichkeit, der entsteht, wenn man liest, was einem schon immer nicht eingefallen ist.
wo die lektüre aufhört, kann sie auch wieder beginnen, vielleicht bei sätzen, die beim (begabten) leser den phantomschmerz der selbsterkenntnis auslösen: das war nur die schwundstufe von blödsinn, eine mixtur aus feigheit und diskretion.(…) allen blödsinn muss man selber machen. -
unbedingt sei noch auf die internet-seite der autorin hingewiesen, ihr phänomenales begriffsstudio, das als fortlaufende liste die allermerkwürdigsten versprech- und verschreib-früchte sammelt, sie hat sich seit 1996 zu einem virtuellen schatzkästlein des absurden entwickelt, www.begriffsstudio.de .
letztes zitat daraus: kummer sum laude; Helle Verwirrung also, nachhaltig.
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Hinweis 1
Im Salon Littéraire :
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Monika Rinck : RINCKS DING- UND TIERLEBEN 1
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Monika Rinck : RINCKS DING- UND TIERLEBEN 2
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Hinweis 2
Der Doppelband “Helle Verwirrung & Rincks Ding- und Tierleben , Gedichte und Zeichnungen” ist 2009 bei kookbooks erschienen
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