Gerhard Rühm . Lexikon : Zum 80. Geburtstag des Dichters , Graphikkünstlers und Komponisten

Gerhard Rühm : ganz langsam
Christine König Galerie

Am 12. Februar ist Gerhard Rühm 80 Jahre alt geworden . In grösstmöglicher Abwesenheit von Würdigungen durch das Qualitätszeitungs- Feuilleton . in|ad|ae|qu|at re- zitiert aus diesem Anlass einen Lexikonartikel zum Werk des Dichters , Graphikkünstlers und Komponisten . Eine kleine Reverenz .

|||

Rühm, Gerhard, wurde am 12. 2. 1930 in Wien geboren. Er wuchs als Sohn eines Philharmonikers in einem musikalischen Elternhaus auf, studierte Klavier und Komposition an der Akademie für Musik und darstellende Kunst, erhielt parallel dazu Privatunterricht bei dem Komponisten J. M. Hauer, dessen Zwölftonmusik das musikalische, aber auch lautpoetische Werk nachhaltig prägen sollten. Als »radikaler Komponist« in den Wiener Kunst-Subkulturzirkeln der frühen fünfziger Jahre bald bekannt, lernte Gerhard Rühm mit den Dichtern H. C. Artmann u. Konrad Bayer, dem Jazzmusiker Oswald Wiener und dem Architekten Friedrich Achleitner gleichgesinnte Proponenten des künstlerischen Aufbruchs kennen. Die experimentelle Zusammenarbeit dieses Kreises (später als »Wiener Gruppe« tituliert) vollzog sich während der Jahre 1952/54 bis 1964 und grenzte sich mit interdisziplinären Text-, Bild- u. Darstellungs-Experimenten gegen das allseitig konservative Klima ab. Mit den spektakulären Happenings der sog. literarischen cabarets (1958/59) sowie der kinderoper (1964) wurde die »Wiener Gruppe« einer größeren Öffentlichkeit notorisch, verlor allerdings nach dem Selbstmord Konrad Bayers 1964 an Kohärenz.
Rühm übersiedelte nach Berlin, wo er einerseits textuelle und bildnerische Arbeiten bei Klein- u. Kunsteditionen publizierte, sich andererseits mit der Herausgabe der Anthologie Die Wiener Gruppe (1967) als Chronist der jüngeren österreichischen Avantgarde engagierte. Nachdem Rühm in Deutschland mit seinen Collagen, Montagen und visuellen Texten erfolgreich als bildender Künstler wahrgenommen worden war, rief ihn die Staatliche Kunsthochschule Hamburg 1972 als Professor für freie Graphik. Seit 1977 lebt Gerhard Rühm in Köln. Die achtziger Jahre erwiesen mit zahlreichen Einzelausstellungen (Graz 1980, Wien 1981, Stuttgart 1982) dem Bildautor Rühm Reverenz, bedeutende Institutionen (Rupertinum Salzburg 1987, Kunstverein Frankfurt 1989, Kunsthalle Hamburg 1995, steirischer herbst Graz 2001) zeigten Personalen.

Mit der Auswahl der »Wiener Gruppe« für den österreichischen Auftritt bei der Biennale Venedig 1997 (sowie der im Folgejahr in der Wiener Kunsthalle eingerichteten gleichnamigen Ausstellung) wurde das einstige Bürgerschreck-Kollektiv und seine wegweisende Arbeit in den österreichischen Kanon eingemeindet. Neben den bildnerischen Arbeiten entstanden – zunächst im Kontakt mit Klaus Schöning, dem Leiter des neu aufgebauten WDR-3-Hörspielstudios in Köln – unzählige Hörstücke. Was mit der Ursendung von Bayers und Rühms sie werden mir zum rätsel, mein vater (WDR 1968) begann, fand mit der Zuerkennung des Karl-Szuka-Preises 1977 (für wintermärchen) sowie mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 1983 (für wald, ein deutsches requiem) vorläufige Höhepunkte. Als österreichische Ehrungen durfte Rühm – im Folgejahr seines prominent wahrgenommenen sechzigsten Geburtstages – 1991 von der Stadt Wien die Ehrenmedaille in Gold, von der Republik Österreich den Großen Staatspreis für Literatur entgegennehmen. Solcherart von seiner Heimat nicht eben früh offiziell anerkannt, arbeitet Rühm seit seiner Hamburger Emeritierung als Dichter und Hörspielautor, Bildschöpfer und (szenischer) Komponist teils in Köln, teils in Wien.

Es scheint nahezu aussichtslos, ein über knapp fünfzig Jahre lang absichtsvoll über die Spartengrenzen von Literatur, Klang-, szenischer bzw. bildender Kunst geführtes Werk wie dasjenige Gerhard Rühms in einen Artikel für eine dezidiert als Literaturlexikon ausgewiesene Publikation zu zwingen. Da etliche Werke in Handpressen u. limitierten Galerie-Editionen erschienen sind, Vieles im Buchhandel vergriffen, ist Rühms Werk nicht einmal in Spezialbibliotheken umfassend einsehbar. Glücklicherweise geben die Sammelbände botschaft an die zukunft (1988), geschlechterdings (1990) und sämtliche wiener dialektdichtungen (1993) einen praktikablen Querschnitt durch das schwer überschaubare Werk. Die Quellenlage erschwert, dass die radiophonen Arbeiten nur in seltenen Fällen auf Tonträgern überliefert wurden, desgleichen sind die literarischen cabarets der »Wiener Gruppe« sowie spätere theatralische Aktionen meist nur anhand der Textvorlagen, Regieangaben bzw. Partituren nachvollziehbar.

Als Komponist hat Gerhard Rühm musikalische Prinzipien für die Textgenese produktiv gemacht. Zieht er in seinen Chansons, Dialektliedern, Hörspielen und Bühnenwerken traditionelle musikalische Genres als Grundmuster für variierte Explorationen heran, so hat er umgekehrt seine eigenen Chansons selbst vertont (ich küsse heiss den warmen sitz, 1970; verlier nicht den kopf aus liebe, 1999). Vollends amalgamiert sind die dichterischen und musikalischen Aspekte in der »auditiven (=Laut-) poesie«, welche Gerhard Rühm dezidiert als Kompositionen konzipiert. Musikalische Sachkenntnis fließt dabei nicht nur in die melodische und rhythmische Gestaltung ein, sondern manifestiert sich insbesondere im Vortrag, den Rühm nicht etwa als sekundäre Form der Vorlesung »nach der Schrift« betreibt, sondern als virtuose Aktualisierung seiner Kunst. Das schriftliche Kondensat der »auditiven poesie« unterscheidet sich markant von traditionellen Formen der literarischen Notation, indem es an Partituren bzw. nonfigurative Graphiken erinnert. Nicht zufällig erscheinen die visuellen und auditiven Arbeiten als kommunizierende Gefäße, d.h., visuelle Arbeiten können akustisch realisiert, die Partituren auditiver Texte ihrerseits als graphische Fügungen rezipiert werden.

Schon dem Namen nach erweist sich dieses »code switching« zwischen den visuellen Zeichen der konkreten Poesie und den praktischen Notaten akustischer Ereignisse bei den Werkgruppen der expressionen, reihungen u. konstellationen (1952-56). Vortrag und Rezeption der nichtgegenständlichen (nichtwörtlichen) Lautgedichte werden durch Regieanweisungen gesteuert. Ist eine »eruptive« Vortragsweise z. B. für die hymne an lesbierinnen vorgesehen (»at / at / dat / at d / d / d / u o ai / ….«, 1956, in: botschaft an die zukunft), so sind die reihungen u. konstellationen »meditativ vorzutragen«. Das atemgedicht (1954) besteht lediglich aus dem Hauchlaut »h«, welchem die Zusätze »einatmen«, »ausatmen« beigefügt sind. Eine Krise indiziert die Leseanweisung zum vorletzten Vers: »einatmen und den atem gespannt anhalten«, während der Schlußvers »h (erlöst ausatmen)« die finale Entspannung bringt. Auf vergleichbare Weise zielt das Stück so lange wie möglich (1962) auf eine dramatische Ausreizung des Stimm- und Atemorgans, bei welchem der Laut »a« bis »zum völligen versiegen des atems« gehalten wird. Wo mit mehreren Sprechern bzw. für Medien komponiert wird, erfolgen Koordination und Komposition der Stimmen per Sekundentabellen und Ablaufschemata (nähern und entfernen, hörstück für einen sprecher und tonband, 1961, in: botschaft an die zukunft).

Rühms bekannteste Werke sind zweifellos die wiener dialektdichtungen, welche – seit dem gemeinsam mit Friedrich Achleitner und H. C. Artmann 1959 veröffentlichten Band hosn rosn baa – eine über Jahrzehnte fortgeführte Werkgruppe bildet. Stand mit der Erschließung des Dialektes für die moderne Poesie zunächst die Erweiterung der Sprachmittel im Vordergrund (sowie ein Gegenentwurf zur heimelnden Mundartdichtung), so rückt mit der Besinnung auf die expressiven Qualitäten des Wienerischen dessen Lautbildlichkeit in den Fokus. Konsequent lösen Rühms lautgedichte im wiener dialektidiom (Nachdr. in: sämtliche wiener dialektdichtungen) den Klang des Dialektes von den Begriffen ab und kondensieren damit sein aggressiv-serviles Substrat. Einige dieser frühen Lautgedichte (gschbiz di laggn) wurden später in die rede an österreich (1955-58, in: botschaft an die zukunft) eingearbeitet. Mit dem Zyklus da söbsmeadagraunz (1955/56) akzentuiert der Autor das Gewalt- und (Selbst-) Destruktionspotential des Wienerischen; einige Gedichte (ma soggd von mia, mid mia geds beagobb) sind – vertont von E. Kölz – in der Interpretation Helmut Qualtingers heute nachgerade populär.

Da Rühm als »funktion und berechtigung von kunst« nur das prinzip der »innovation« anerkennt, bilden seine Wahlverwandtschaften zu bestehenden Genres und Ausdrucksformen stets nur das Grundmaterial für verfremdende Manöver. So behalten etwa seine chansons durchaus die traditionell gereimte Strophenform bei, brechen deren formale »Unschuld« jedoch durch makabre, oft sexualpathologische Inhalte (geschlechterdings). Nach dem Prinzip von »Vorbild u. Brechung« lässt sich ein breiter Werkkomplex als »intertextuelle Dichtung« bezeichnen. Rühms Adaptierung konsensueller Texte zielt nicht notwendig auf deren Destruktion qua Satire und Parodie, sondern kreiert aus dem vorgefundenen Form- und Motiv-Material eigenständige Werke, welche ihrerseits auf die Lektüre der Ursprungstexte rückwirken. So sind etwa der frühe Theatertext ophelia und die wörter (einer Sprachsektion der Ophelia-Passagen aus Hamlet, 1969), das Gedicht ein gleiches nach goethe (1979, in: geschlechterdings), bzw. die Repliken auf Nikolaus Lenau (vernebelungen, 1980, in: geschlechterdings) zugleich als Literatur u. Metaliteratur zu verstehen. Als Folge der Beschäftigung mit Barocklyrik entstanden die pegnitz schäfer (1964) sowie die thusmelda romanzen (1968). In letzteren konterkariert eine sadistische Fabel die leichthändige Schönheit von Sprache und Form. Zweimal rekurriert Rühm mit Goethes Erlkönig auf den Kanon poetischen Bildungsgutes: einmal, indem er ihn in den achtziger Jahren wüst »verwienert« (wie man im hawelka klassiker liest, in: sämtliche wiener dialektdichtungen), während er die Ballade ein andermal »wortlos« auf einer Schreibmaschine herunter klappert (erlkönig nach johann wolfgang von goethe, für schreibmaschine,1975, in: botschaft an die zukunft).

Lassen sich diese Rekurse auf literarisches Bildungsgut einerseits als dessen produktive Dekonstruktion deuten, gehören sie andererseits zum Inventar des »methodischen inventionismus«, den Rühm schon zu Zeiten der »Wiener Gruppe« forcierte. Mechanisch in vorgefundene Schemata montiert, generiert das sprachliche Material überraschende Verfremdungen. Als Muster dienen Konversations- (z. B. die Gemeinschaftsarbeit magische kavallerie, 1956) und Wörterbücher (textall, reisefieber), desgleichen Referenztexte wie Bundeshymne (österreichische bundeshymne, um einen schritt weiter, 1986, in: geschlechterdings), Sprichwörter oder das glaubensbekenntnis (1973, dessen inkantierte Glaubensinhalte sich auf die zur Zubereitung des Wiener Schmankerls »Hirn mit Ei« notwendigen Voraussetzungen beziehen, in: botschaft an die zukunft).

Komplexer in Formverfahren und inhaltlichen Implikationen sind jene Texte, welche Rühm durch serielle Manipulationen einer anwachsenden »semantischen Trübung« unterzieht, z. B. die abhandlung über das weltall (1964/66, in: botschaft an die zukunft): Ein populärwissenschaftlicher Text wird sukzessive manipuliert, bis letztlich nur das »e« übrig bleibt (damit das Gegenteil darstellt von George Perecs Roman La Disparition, 1969, welchem dieser Vokal durchgängig fehlt) und damit die semantische Sprache »gleichsam den wärmetod« stirbt. Ein Pendant zu diesem dynamischen Reduktionismus stellt die botschaft an die zukunft (1983) dar, wo sich der Basistext allmählich in Morse-Impulse auflöst. Auf doppelte Weise – formal und semantisch – inventionistisch erweisen sich die dokumentarische sonette (1969, in: botschaft an die zukunft), bei welchen das Vers- und Reimschema des Sonettkranzes mit kontingenten Zeitungsmeldungen der Entstehungszeit aufgefüllt werden. In diesem Fall beziehen sich viele der »mots trouvés« auf Mondlandung und Vietnamkrieg. Um den metrischen und klanglichen Vorgaben der gewählten Form zu genügen, werden die Gebrauchstexte mechanisch in die Sonettform gezwungen: Die dazu nötigen unsinnigen Füllwörter und -silben kontrastieren dabei in komischer Weise den Ernst der Nachrichten und der Sonettform.

Wo der »Roman« textall (1993) die polymorph-systematische Komposition diverser Fremdtexte (Chaostheorie, Zen-Buddhismus) in der Großform weiter treibt, führt Rühm an anderer Stelle seine Explorationen im Grenzbereich zwischen Musik, visueller und auditiver Poesie fort. Zu den sprechduetten nach deutschen volksliedern (1987, in: botschaft an die zukunft) werden simultan die der Liedmelodie zugehörigen Solmisationssilben (do, re, mi…) vorgetragen, wodurch eine durch rein sprachliche Mittel erzielte »Vertonung« entsteht. Weiter ins Musikalische geführt und auf der Basis von Zeitungsmeldungen findet sich ein vergleichbares Prinzip auch in der schwellenchronik der jahrtausendwende (2001).

Zeitungsmeldungen, akustische Fundmaterialien und deren sprachlich-szenische Collagierung bilden meist die basalen Strukturen des Rühmschen Schau- und Hörspielwerks. Grundsätzlich auf den Bruch mit illusionistischen Figuren angelegt, führt es – von der ophelia über unser versuch bestätigt das (1969) bis zu den Hörspielen wintermärchen (1976) und wald (1983) – das Prinzip der Montage sowie das der Kollision vorgefundener Sprach- und Tonmaterialien fort. Rühms Oeuvre verweigert sich der Vorstellung von der linearen Entwicklung eines Lebenswerks. Im Gegenteil – Rühm schreibt und komponiert auch weiterhin an verschiedenen methodischen und motivischen Paralleluniversen fort. Insoferne wäre die Frage nicht unbillig, inwieweit ein solches »work in progress« Rühms eigenem Anspruch auf stetige Innovation einzulösen vermag.

|||

RELATED

|||

3 Responses to Gerhard Rühm . Lexikon : Zum 80. Geburtstag des Dichters , Graphikkünstlers und Komponisten
  1. klaus karlbauer
    March 25, 2010 | 05h33

    ich gratuliere dem herrn rühm zu seinem geburtstag mit dem selbstverfassten stanzerl “Ich bin die neue österreichische Bundeshymne”, performiert von meiner wenigkeit:http://klauskarlbauer.wordpress.com/2010/03/11/ich-bin-die-neue-osterreichische-bundeshymne/

  2. czz
    March 25, 2010 | 08h32

    im kontext des österUNERreichten wären auch die “Kastelseer” des Ersten Wiener Heimorgelorchesters zu empfehlen …

  3. lr
    November 27, 2010 | 15h23

    was mich wundert – warum steht nirgendswo etwas über seinen sohn?

Leave a Reply

Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL http://www.zintzen.org/2010/03/25/gerhard-ruhm-lexikon-zum-80-geburtstag-des-dichters-und-komponisten/trackback/