Lydia Mischkulnig: Limerick, 27. 3. 2010 | Hyperlativ, Cork und Limerick

| mitSprache unterwegs |

Limerick, 27. 3. 2010

Der Universitätscampus von Cork / Ireland bietet einen Lunch-Club für Angestellte des Lehrkörpers. Dieser wird von Agnieska, die aus Rybnik woj. slaskie stammt, verköstigt. Die blondhaarige Polin empfiehlt die Tagesgerichte der Kantine. Die dunkle Holztheke mit Verbau rahmt das helle Gesicht der weiß betuchten Frau. Das Tableau Vivant einer heutigen Dienstleisterin. Optisch kaum einen Unterschied ausmachen könnend, tippte ich, meiner stereotypischen Prägung von Holländerin aufsitzend, auf eine Delfter Windmühlenbesitzerin.

Agnieska lebt seit 3 Jahren in Cork. Übliche Geschichte: keine Arbeit in Polen, auch der Mann ist arbeitslos. Er lebt nicht in Irland, da hier die Baubranche durch die Wirtschaftskrise zum Erliegen gekommen ist. Wie läuft die Fernehe? Agnieksa antwortet kühl: It could be worst.

Dass der Superlaitv zum Komparativ mutiert ist, erscheint als Kampfansage gegen die dislozierenden Umstände der aufgeblähten, räuberischen Finanzmärkte und versagenden Wirtschaftswissenschaten. Agnieska hat den Hyperlativ eingeführt. Das entspricht dem Sinn für Lakonie.

Agnieska empfiehlt mir für die Polenreise, das Salzbergwerk Wieliczka und Oswiecim Muzeum. Ich verziehe die Miene unmerklich, Agnieska hebt kurz die Augenbrauen, ein Nicken, und dann der Satz, ich bin dort aufgewachsen.

Zur Stärkung : Bigos, Pierogi, Barszcz.

Zur weiteren Erkundung:

Auf der Weiterfahrt von Cork nach Limerick importiere ich Agnieskas Foto auf meine Festplatte. Die junge Dame lebt bei ihrer Schwester in Cork. Die Fremde zwischen uns wird durch das Phänomen Sympathie aufgehoben und das Lächeln verbindet auch die Hirnzonen spiegelneuronal. So formuliert sich unser Treffen streng objektiv als messbare Erfahrung. Wir greifen auf den Stereotyp “freundliche Mädels vom Land” zurück und bauen unsere Interpretation von uns selber drauf auf: “Lächeln ist die beste Art die Zähne zu zeigen” zitiere ich übersetzend. Agnieska und ich auf dem gemeinsamen Foto haben leicht lachen.

In Katowice werde ich nicht nur Öko-Ruinen besuchen, das CITY CENTRE lädt zum Shoppen.

Fahr hin. Du wirst begeistert sein.

Weiters nimmt sie an, dass ich sehr wohl in Auschwitz eine Führung machen werde können, da auch am Ostersonntag die Stätte offen sein würde.

Agnieska 2010

Nachts Zugfahrt nach Limerick. Schrödinger hat hier sein Exil verbracht und gelehrt. Früh am Morgen halte ich bereits die erste Lesung. Lasse die Katze aus dem Sack. Dichte Atmosphäre und vorbereitete Studenten, die den Text “Die Firma” analysieren, die Rede von einem turbokapitalistischen Schlucker, getarnt als juristische Person.

Sightseeing in Limerick gerät zur Flucht in das beste Restaurant der Stadt. The Sage. Die Stadt ist arm und der Kern bröckelt, im Reiseführer wird die Ansicht als herb aber charmant beschrieben, die Liebe sei erst auf den zweiten Blick zu entdecken. Frank McCourts “Die Asche meiner Mutter” spielt in Limerick. Hoffnungslosigkeit sitzt in den Fassaden, wie festgefressen, wie Geister, die mich behauchen. Wie schaffen es die Bewohner, die Freundlichkeit zu bewahren. Die Leute sehen blass und kalt aus, doch kaum ein Ton aus ihrem Mund und Wärme strömt. Oder bin ich bloß grad in den Klang des Englischen verliebt? Der Universitätscampus besticht durch hochmodern anmutende Architketur, Holz, Glas Beton. Klare Räume, Licht, Aussicht auf Grün, Atem. Die Brücke über den Shannon, Musik, Ökonomie, Natur und Geisteswissenschaften verbindend, ein Gedicht aus Schwanenflügel und Schwingen.

Spitzen der Öko-Ruine eines Limerickschen Supermarktes

Brücke Uni-Campus in Limerick

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One Response to Lydia Mischkulnig: Limerick, 27. 3. 2010 | Hyperlativ, Cork und Limerick
  1. Agnieszka
    April 24, 2010 | 18h45

    Hello Lydia.

    I am very glad that I could meet you.
    I even read your article with the above translation via the Internet.

    I hope you visit Cork again, then you necessarily look to the University, and of course, come for lunch.
    I greet you warmly.
    Agnes (Staff Common Room, UCC)

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