LITERATUR ALS RADIOKUNST | elffriede im ORF- Studio | Produktionsnotizen

||| E. I. A. | PROTAGONISTEN | PROZESS | MISCHUNG | RELATED

E. I. A.

LARK_elffriede_copyright_Christiane_ZintzenGanz recht gelesen : “elffriede” steht da mit Absicht und dero zwo Binnen- “fs” geschrieben . Wobei auch dies wiederum eine Verkürzung darstellt des eigentlichen “nom de plume” , welcher da lautet “elffriede.interdisziplinäre.aufzeichnensystem” . Mit elffriede haben wir diesmal eine versierte Performancekünstlerin im “Literatur als Radiokunst“- Studio , bei der wir uns eigentlich keine Sogen um das Gelingen der Produktion machen müssten . Hinwiederum erwarten wir keine schon x-mal gegebene Vorführung , sondern wollen uns mit der Autorin auf neues Terrain wagen .

Dieser Wille zum Neuen zählt nicht minder zu den Intentionen von “Literatur als Radiokunst” wie die Regel , dass als Klangquelle lediglich die Stimme dienen soll : sämtliche Effekte und Geräusche werden idealiter aus dem Stimmklang und dessen elekroakustischer Bearbeitung generiert . Dieser Regel soll ( vergleiche die Spielregeln von OuLiPo ) einerseits die Phantasie herauskitzeln , was und wie man bestimmte Sounds und Töne erzeugt , soll aber gleichzeitig die Autorin | den Autor zum Ausprobieren ungewöhnter vokaler Potenziale reizen : Krächzen , Singen , Brüllen , Flüstern usf .

Während der letzten Jahre ist das Produktionsteam allerdings zunehmend vom sturen Beharren auf der Strengen Regel abgewichten : Eine ( 1 ) – allerdings kompositorisch plausible – Übertretung ist erlaubt . Waren es bei Richard Obermayr die zufällig ums Mikrofon summende Fliege , bei Monika Rinck das Schnarren des im Lautlos- Modus befindlichen Handys und bei Sabine Scho die Rassel aus Ziegenhufen , so besteht die Regelübertretung bei elffriede in zwingender Verwendung von Feder und Papier . Da die Künstlerin ursprünglich “vom Zeichnen her” kommt und erst allmählich das Kratzen , Schnarren und Schaben der Feder als akustische Sinnkomponente entdeckte , aus welcher peu à peu sprachliche Miniaturen erwuchsen , halten wir uns auch im Studio an diese Instanzen , welche sich in dem bewussten Neologismus des “aufzeichnensystems” manifestiert .

was „elffriede.seismograph“ begründete, wird in “schrei zum hummel ” konzentriert und formgebend gesprengt: elffriede.interdisziplinäre.aufzeichnensystem – ein haufen, eine anhäufung,
eine sammlung, eine verzweigung – die im wechsel von ‘bildlichem’ und ‘schriftlichem’ aufzeichnen unterschiedliche figuren und rollen – ein system von stimmen, kōans, dialogen und monologen ausbildet, zwischen denen die rezipientinnen (lese- / hörpublikum) als konstruktive leerstelle, als eigentlicher bruch, stets vorgesehen sind und einen eigenen (arbeits-)platz finden. zeiten, orte und erzählperspektive sind kaum auszumachen und freigehalten in einem elastischen raum-zeit-gefüge. ( elffriede )

|||

PROTAGONISTEN

LARK_elffriede_copyright_Christiane_Zintzen

In einer ausgetüftelten Dramaturgie stellt das Stück “schrei zum hummel” zunächst die verschiedenen Protagonisten auf den Plan : hier müssen kraft Intonierung , Mikrofonierung und Bearbeitung verschiedene Stimmregister gefunden werden . Neben dem Metatext der “Expertenmeinungen” ( hier formuliert sich die Poetologie von elffriedes Unterfangen ) , gilt es die “nach innen gewendete” Dichterstimme distinkt abzugrenzen . Hier , in den surrealistischen , auf den ersten Blick von jähen Themenwechseln geprägten Passagen ist der Ort , den “Naturton” von elffriedes Stimme einzusetzen . Ganz anders die alles kurzfristig überbrüllende Intonation des “Zenmeisters” , welcher quer durch das gesamte Hörstück hindurch als Autorität ( oder Über- Ich ) seine barschen Befehle abgibt . Diese keinen Widerspruch duldenden Einwürfe ( bzw. unorthodoxe Kōans ) tönen in Rufen wie “du schwein du bist schrank !” respektive “schnauze halt einmal die schnauze !” verfremdet durch die Gegensprechanlage zwischen Studio und Regieraum .

Neben einem Hinterhof , der ausgesprochenerweise eben so wenig in Erscheinung tritt wie eine Reihe von längeren Texten , gibt die auf dem Papier kratzende Tuschefeder den Konterpart zu Dichterstimme und Metatext . Lange , schweifende Linien leiten das Stück ein und bringen es zum Finale ; sachtes Kratzen , Schaben , Skribbeln geben apartes Klangmaterial ab . Man täusche sich indes nicht um die Bedeutung , welche dieses Federlesen für die Poetik der Künstlerin darstellt : erst war die Zeichnung , die wie eine den gesamten Körper anspannende Mediation , Meditation ihre kratzige Stimme erhob , bevor sich allmählich zu schreibende und zu sprechende Worte formten .

das textwerk, aus dem zeichenwerk rausgewachsen, fängt jetzt erst richtig an: jetzt erst kommen die worte, stimme, sprache da raus ( elffriede )

|||

PROZESS

LARK_elffriede_copyright_Christiane_Zintzen

Zunächst steht , wie bei fast allen Produktionen von “Literatur als Radiokunst” die Sprachaufnahme auf dem Programm : Hier laufen qua Sprecher- Mic und Raummikrophon von Anfang an mindestens zwei mal zwei Stereospuren mit . Die Artikulation der Performerin ist sicher , umso zügiger können wir uns auf den Wechsel und die verschiedenen Intonierungen konzentrieren . Das übliche Hin- und Her zwischen Aufnahmestudio und Regieraum hebt an , wenn die Sprecherin im Studio einige Sätze bestimmter Sprachregister probiert , im Regieraum abhört und sich ( begleitet von den Ratschlägen des “Literatur als Radiokunst”- Teams” : “kälter ! , “gerader !” , “James Bond !”) wieder und immer wieder vors Mikrophon begibt .

über die strenge
schlagen
etwas sehr strenges
etwas sehr de-zi-dier-tes
blumig ausufernd
ausschweifend
grob
auch
störungen
auch streichungen
auch korrekturen und
anmerkungen
kleber und scherungen
lehrbuch oder interne kunst ( elffriede )

LARK_elffriede_copyright_Christiane_Zintzen

Wie so oft erweist sich der auf dem Papier mitgebrachte Sprechtext als zu umfangreich , um ins Format der jeweils 15-minütigen Hörstücke zu passen . Während die Autorin um immer schmerzhaftere Kürzungen ringt , ist Tonmeister Robert Pavlecka kein Gang ins Materiallager des Funkhauses zu viel , um geeignete Stecker , Adapter etc. zur “puren” Aufnahme der Feder auf dem Papier zu finden .

LARK_elffriede_copyright_Christiane_Zintzen

Üblicherweise – dann auch in späteren Phasen der Session – arbeitet elffriede mit dem per selbstgebasteltem Kontaktmikrophon ( Dank an Jörg Piringer ! ) am Zeichenpapier fixierten Kaoss Pad , welches sozusagen als Verstärker mit Verfremdungsmöglichkeiten dient . Was für eine Live- Aufführung des Schreibens | Zeichnens praktikabel ist , wird hier im Studio teilweise obsolet , weshalb letztlich das Tonmaterial der ohne Kaoss Pad aufgenommenen Spuren die weitere Bearbeitung eher gestatten . Darüber hinaus ist es absolut faszinierend , welche Klänge und Töne vier verschiedene Federn je einmal mit und einmal ohne Tusche generieren : Wie das Mikroskop ungewohnte Perspektiven auf Alltagsmaterial gestattet , so gibt auch das Mikrophon faszinierende Klangfarben und Sound- Texturen scheinbar bekannter Alltagsgeräusche preis .

(schnellstens runterrattern: )
schriftsteller oder bildleger.
schriftkunst oder bildschrift
bildsteller oder schriftleger
stilleben oder erdbeben?
alt und jung
er oder in
sie oder du
wir oder uns
legen oder stellen
setzen legen wir
uns hin und her
und vor und zurück
eines gibt es nicht:
buchstaben oder lettern? ( elffriede )

|||

MISCHUNG

LARK_elffriede_copyright_Christiane_Zintzen

Nun liegt also – auch hier beweist Tonmeister Robert Pavlecka äusserste Sorgfalt und Umsicht – das Klangmaterial auf Dutzenden Spuren im ProTools – Programm wie ein Orchester bereit : die einzelne Stimmen , Register und szenische Federgeräusche fliessen nun ein in eine während des Verfertigens der Mischung entstehende Komposition . In organischem Ablauf werden zunächst die grossen Bögen gesetzt , um dann am sekundenkurzen Detail zu feilen .

das zeichnen mit tusche und feder ereignet sich zeitlich in einem bogen. ein bogen, der geschlagen wird. der duktus wirkt vor auf die linie und zurück bis in die kleinste faser des körpers: haltung, spannung, präzision sind stichhaltige anhaltspunkte dieser motorik. einen bogen spannen. nicht überspannen. es handelt sich um eine übung. die linie zieht ein in dichtung und akustik. text, ton, körpermotorik, sprache bilden reflexive koordinaten des aufzeichnesystems elffriede. ( elffriede )

LARK_elffriede_copyright_Christiane_Zintzen

Das reiche Material an Texten , Metatexten , Sounds und Lauten sowie diskreten Effekte halten das mühsame Suchen nach zusätzlichen Verfremdungen via Plug- Ins in Grenzen . Die Kunst dieses “schrei zum hummel“  besteht im musikalischen Ineinander von Poesie und Poetologie , beobachtet und belauscht während eines ( hier fiktiven ) Prozesses des Schreibens .

Wobei die hier mitunter krachwütend kritzelnde , dort als feine “Clicks and Cuts” auftretende Feder in keinem Fall als akustische “Illustration” des Schreibprozesses wirkt .

schreibt!
das jahr 2010
kehrt!
nach hause zurück.
schreibt weiter ( elffriede)

|||

RELATED

|||

There are no comments yet. Be the first and leave a response!

Leave a Reply

Wanting to leave an <em>phasis on your comment?

Trackback URL http://www.zintzen.org/2010/04/15/literatur-als-radiokunst-elffriede-im-orf-studio-produktionsnotizen/trackback/