||| DISCLAIMER | THOMAS HETTCHE : WENN SICH LITERATUR IM NETZ VERFÄNGT | RAINALD GOETZ @ HARALD SCHMIDT LATE NIGHT SHOW AM 8. 4. 2010 ÜBER “LOSLABERN” , HETTCHE UND DIE FAZ | ALBAN NIKOLAI HERBST : EIN ÄRGERLICHES SCHISMA | ALBAN NIKOLAI HERBST ÜBER DIE MISSVERSTÄNDLICHE KÜRZUNGEN SEINES ARTIKELS | ALBAN NIKOLAI HERBST : UNGEKÜRZTE FASSUNG DER ENTGEGUNG AUF THOMAS HETTCHE : KLOPAPIER. ZU THOMAS HETTCHES “WENN LITERATUR SICH IM NETZ VERFÄNGT” |

DISCLAIMER
Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT die von Thomas Hettche via FAZ ventilierten Vorbehalte gegen Netzliteratur , Rainald Goetz’ Replik in der Harald Schmidt- Show ( YouTube ) sowie Alban Nikolai Herbsts Replik im “Freitag” inclusive der von der Redaktion ungekürzten Originalfassung .
Update : Die ausführliche Debatte ist bei Herbst nachzulesen . Ausgeschlafener Kommentar zu Goetz @ HS- Show bei Jörg Meyer . Lesenswert weiters der Turmsegler , natürlich der Umblätterer und aviess.posterous .
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THOMAS HETTCHE : WENN SICH LITERATUR IM NETZ VERFÄNGT .
SPERRBEZIRK LITERARISCHE ÖFFENTLICHKEIT ? ( FAZ , 9. 4. 2010 )
Literatur besteht nicht aus Büchern, weder aus papiernen noch aus digitalen. Literatur besteht aus Romanen, Sonetten, Erzählungen, Novellen, Oden, kurz: aus Werken, abgeschlossenen, nach bestimmten ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten organisierten Gebilden, die eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, nur aus sich selbst heraus verstanden werden und auch auf nichts anderes reduziert werden können. Um ihre jeweilige Gestalt, diese unverwechselbare Physiognomie, die aus einer besonderen Sprache und aus dem entsteht, wovon diese Sprache spricht, ist es jedem wirklichen Schriftsteller zu tun. Diese besondere Physiognomie unterscheidet Literatur von all den Tagebüchern und Filmvorlagen, die man ansonsten zwischen zwei Buchdeckel pappt und Roman nennt.
Mir scheint, für diese Besonderheit sind vor allem zwei Dinge verantwortlich, von denen seltsamerweise zuletzt behauptet wurde, sie seien ganz im Gegenteil kennzeichnend für neue literarische Formen jenseits des Papiers: Nichtlinearität und Intertextualität. Da ist es doch seltsam, dass gerade Péter Esterházy, dessen Zitierlust immer wieder ins Feld geführt wurde, um das aufmerksamkeitsheischend kleptomane Fräulein Hegemann zu entschuldigen, in seinen Büchern zeigt, was es heißt, die Form des Romans ernst zu nehmen. Wie jede künstlerische Form ist der Roman ein Schnitt in die Welt, der ein Innen und ein Außen erzeugt, eine Grenze, die insofern etwas Dialektisches hat, als sie gleichermaßen errichtet wie überschritten werden muss. Innerhalb dieser Grenze tritt gerade bei Esterházy, und gerade bei einem Roman wie “Harmonia Caelestis“, alles, was erzählt wird, miteinander in Beziehung. Péter Esterházy ist ein Meister darin, die Linearität der Erzählung aufzulösen und das Erzählte durch wiederkehrende Motive und Assonanzen, Wiederholungen und Verweise in einen Schwebezustand zu bringen, Gleichzeitigkeiten zu erzeugen, Überlagerungen – weil, ja weil die Welt solche Erfahrungen nicht erst kennt, seit es das Internet gibt.
Und indem Esterházy fremde Texte zitiert und übernimmt, tut er ein Zweites: Er überschreitet die Grenze seines Werks und öffnet die eigene Geschichte für andere Geschichten und für die Geschichten anderer. Aber auch das ist keine Errungenschaft des Zeitalters von copy & paste, es gehört vielmehr zur Geschichte der Schrift selbst, die ja eine des unendlichen Abschreibens und Kommentierens ist. Doch nutzt Esterházy dieses Mittel in einer Komplexität und Bewusstheit, neben der sich Fräulein Hegemanns Praxis – und übrigens auch die Theorie eines David Shields und seines “Reality Hunger“ (Die Welt gibt es nur in Splittern: Dave Shields macht Literatur zum Versatzstückkatalog) – reichlich, nein furchtbar naiv ausnimmt.
Furchtbar deshalb, weil das alles alles andere als neu ist und weil jene, die Hegemann oder Shields gegen das in Stellung bringen, was sie “konventionell“ nennen, das natürlich wissen. Ging es also in dieser Debatte möglicherweise gar nicht um literarische Verfahren und die Qualität eines Romans? Welchen Grund aber könnte diese Ignoranz der Kritik haben? Hat sie vielleicht etwas damit zu tun, dass Fräulein Hegemann, was ihre Floskeln aus der postmodernen Rhetorik ja nur unzulänglich bemäntelten, Literatur eigentlich gar nicht interessiert, umso mehr aber so eine Art Textproduktion als Lebensteilhabe? Denn dieses Interesse teilten ganz offensichtlich viele, die ihr Buch gefeiert haben, nämlich nicht als Literatur, sondern als eine andere Form literarischer Öffentlichkeit. Die Emphase aber, mit der dieser Unschärfebereich zwischen Fiktion und Realität, zwischen Vorbild und Abbild, den man noch vor zwanzig Jahren als Kennzeichen unliterarischer Kolportage bewertet hätte, nun goutiert wurde, hat mit der veränderten Wahrnehmung von Literatur durch das Internet zu tun. Einer Erwartung, die vom Werk sich abwendet. „In der Literatur“, jubelt etwa, wie viele andere, Thierry Chervel im Perlentaucher, “ermöglicht das Netz plötzlich eine ganz neue Kommunikation zwischen Autoren und Lesern. Viel zu wenige Autoren, die vor lauter Angst den ‘Heidelberger Appell’ unterzeichnet haben, denken darüber nach. Wer von ihnen schreibt ein Blog?“
Eben: keiner. Ist es nicht seltsam, mit welcher Beharrlichkeit das ignoriert wird? Seit ich 1999 mit “NULL“ eine der ersten literarischen Anthologien im Netz publizierte, deren Texte sich die Redakteure der Feuilletons seinerzeit meist von ihren Sekretärinnen ausdrucken ließen, weil sie nicht online waren, sind zehn Jahre vergangen. Inzwischen hat die “Zeit“ einen Preis für Netzliteratur ausgelobt und aus Mangel an möglichen Preisträgern wieder eingestellt, hat die Germanistik das Thema entdeckt und Dissertationen und Habilitationen en gros verfasst, Tagungen und Lehrstühle aus- und eingerichtet, saßen unzählige “Netzautoren“ mit ihren “Hypertextprojekten“ auf Podien und in Talkshows. Aber keine Erzählung, kein Roman, kein Twitter-Vers ist entstanden, dessen literarische Halbwertszeit länger gewesen wäre als das Staunen über die medialen Möglichkeiten.
Am Erfolg partizipieren
Warum möchte man eigentlich Schriftstellern partout neue Medienformate aufschwatzen? Man schreibt doch Romane, Gedichte, Theaterstücke, Essays nicht aus Mangel an Phantasie, welche anderen Formen es geben könnte, sondern ganz im Gegenteil deshalb, weil man sich sicher ist, genau so ausdrücken zu können, was eben nur so ausgedrückt werden kann, etwas nämlich, das das Lärmen der Kanäle zum Verstummen bringt. Literatur hat mit der Schönheit zu tun, die Sprache nur dann entfaltet, wenn man sorgfältig oder leidenschaftlich oder wütend oder begeistert, auf jeden Fall aber gänzlich sich ihr anheimgibt, als Autor wie als Leser. Dem aber ist die Zerstreuung der Aufmerksamkeit auf viele Kanäle nicht dienlich.
Aber das ist, wie gesagt, alles andere als neu. Das gilt für die Literatur seit allem Anbeginn, seit Sapphos Versen. Die Frage ist, woher der Furor rührt, mit dem ständig verlangt und immer stärker auch erwartet wird, Schriftsteller müssten mit ihren Lesern in einen Kontakt treten, der eben nicht über das Werk stattfindet. Da diese Erwartung gar nicht bei den Lesern selbst besteht, sondern seltsamerweise vor allem diejenigen sie hegen, die das Lesen zu ihrem Beruf gemacht haben, glaube ich inzwischen, dass denen das Werk selbst ein Ärgernis geworden ist. Ich glaube, dass das unendliche Mediengespräch des Netzes, in dem so viele sich verfangen haben und gefangen sind und das doch zugleich so immateriell und ungreifbar bleibt, eine tiefe Unsicherheit gegenüber allem produziert, was sich dieser unendlichen Plauderei entzieht. Und dass alles, was sich dem entzieht, als ganz fremd und irritierend empfunden wird, weil man im Innersten weiß: Erst wenn es dieses Fremde nicht mehr geben wird, das nicht computierbar ist und nicht übersetzbar und von keinem Forum und keinem Leserkommentar erreicht werden kann, erst dann wird der Zweifel in einem selbst verstummen, ob das, was man tut, wirklich so wunderbar ist, wie man zu behaupten nicht müde werden darf.
Es gibt erkennbar einen Subtext in den Feuilletondebatten über Literatur, der vom Verlust von Lebensmodellen erzählt und von Angst – der wohl auch die zunehmende, geradezu groteske Begeisterung der Literaturkritik für den ökonomischen Erfolg von Büchern geschuldet ist: als könnte man so daran partizipieren. Etwas geht zu Ende. 1816 erschien Friedrich Christoph Perthes Schrift “Der deutsche Buchhandel als Bedingung des Daseyns einer deutschen Literatur“. Perthes hatte 1796 in Hamburg die erste Sortimentsbuchhandlung in Deutschland eröffnet, gehörte zu den Gründern des Börsenvereins, und er hatte wohl recht mit dieser These, dass Literatur in Wechselwirkung mit der Kultur ihrer Verbreitung entsteht. Vor zweihundert Jahren fand dieses kulturelle System mit Universitäten, Feuilletons, Verlagen, Buchhandlungen, Lesezirkeln zu der Form, wie wir es kennen. Eine Formation der Lesenden, die sich selbst Regeln unterwarfen, und zwar nicht primär aus ökonomischen Überlegungen, sondern weil diese Regeln als sinnvoll erachtet wurden, um Literatur und Wissenschaft zu ermöglichen. Die Unterscheidung zwischen Text und Kommentar gehört dazu, diejenige zwischen Autor und Werk, die Anerkennung und Honorierung der Urheberschaft, die Unverletzlichkeit des vom Autor bestimmten Textes. Regeln, die jetzt dabei sind zu verschwinden.
Das Absterben der literarischen Institutionen
Wenn man als Schriftsteller eingeladen wird und durch dieses Land fährt, erlebt man zwar den ganzen Reichtum der literarischen Institutionen noch, die damals entstanden, aber immer stärker spürt man auch, wie sehr diese Institutionen dabei sind, von innen heraus zu verschwinden. Da gibt es Lesungen in literaturwissenschaftlichen Seminaren, in denen man den Studenten keine Bücher mehr zumutet, sondern zum Semesterbeginn zehnseitige Ausschnitte kopiert, anhand deren nicht etwa Romane verstanden, sondern lediglich Frage- und Diskussionstechniken eingeübt werden sollen. Da mutieren immer mehr Traditionsbuchhandlungen, die einst Lesungen veranstalteten, zu Papeterien. Da trifft man in Rundfunksendern auf Redakteure, die das Buch, über das sie mit einem sprechen wollen, zuvor nicht mehr gelesen haben dürfen – damit sie die Hörer “besser abholen“. Es ist, als reiste man von einer Geisterstadt zur nächsten. Und überall trifft man auf Menschen, die in ihrer Begeisterung für die Literatur alt geworden sind und die wissen, dass das, was sie tun, mit ihnen enden wird.
Dieser Eindruck passt sehr wohl zum Boom der Festivals und Literatur-Events, zu den Besucherrekorden der Messen in Leipzig und Frankfurt, zur Konjunktur der Schreibschulen und Textwerkstätten. Bei alldem geht es um eine Teilhabe an Literatur, deren Zugang nicht mehr primär der Text ist. Wir erleben eine tiefgreifende Veränderung des Verhältnisses der Leser zu Autor und Werk, und es scheint, als ginge das Absterben der literarischen Institutionen mit der Restitution eines neoromantischen Verständnisses von Künstler und Kunstwerk einher. Doch während Friedrich Schlegel von einem Zeitalter träumte, in dem “es nichts seltnes mehr wäre, wenn mehrere sich gegenseitig ergänzende Naturen gemeinschaftliche Werke bildeten“, arbeitet das aktuelle Revival des romantischen Fragments in Gestalt von Blog und Tweet ebenso dem Vergessen und dem Verschwinden der Werke zu wie die neoromantische Vorstellung von Autorenschaft, bei der – und dafür ist die Diskussion um Helene Hegemann symptomatisch – das Werk nurmehr Akzidenz eines Ichs ist, das sich mit seiner Hilfe erfindet und an so etwas wie temporäre Gemeinden im Netz entäußert, die an die Stelle einer literarischen Öffentlichkeit treten.
( Hervorhebungen czz , Quelle )
KOMMENTARE ( AUSZUG )
Gregor Keuschnig
Der Aufhänger von Hettches Beitrag suggeriert, dass das “Internet” (schon diese grobschlächtige Etikettierung ist ambivalent) die Literatur verändert, wenn nicht gar zerstört. Er nimmt dafür ausgerechnet den Fall Hegemann, der, wenn man genau schaut, das Gegenteil demonstriert: Hier hat eine Autorin aus dem Internet geschöpft und versucht, in das Papiermedium zu transkribieren. Das wurde ihr von der Kritik fast durchgängig goutiert, was einiges über die Protagonisten aussagt. Twitter mit Literatur überhaupt nur zu vergleichen ist fast unredlich. Niemand würde an einer Imbißbude die gleichen Maßstäbe wie an ein Steakhaus anlegen. In Twitter finden sich mal gelungene Aphorismen; ansonsten ist es ein reines Hinweismedium.
In einem Punkt hat Hettche allerdings vollkommen recht: Mit den literarischen Institutionen sterben auch die Literaturliebhaber aus. Stattdessen sucht die Mainstreamkritik nur noch die “Leseratten”, die “Schmöker” kaufen sollen. Die Eventisierung der Literatur ist vor allem durch die Trivialisierung in den Medien derart vorangeschritten, dass inzwischen das Privatleben der Autoren wichtiger als das Werk zu sein scheint. Diese Gründe werden aufgeführt. Sie haben aber alle nichts mit dem Internet zu tun.
emile cioran
Danke, Thomas Hettche, für diesen schönen Beitrag. Dennoch fürchte ich, Sie lassen sich zu sehr vom nostalgischen Abschiedston verführen, vom Schwelgen in Abendröte, von der Melancholie des Späten. Aber Spätzeiten waren immer. Seit Nietzsche mögen es zwei oder drei gewesen sein. Die Poststrukturalisten haben ja bereits theoretisch erprobt, was durch das Internet praktisch werden will: den Tod des Autors, die Intertextualität, das Schreiben der Schrift, den unaufhörlichen Rumor des Sprechens, Plagiat und Palimpsest etc etc. Sie saßen damals in Frankfurt in den Seminaren in der Dantestraße ebenso berauscht von Derrida, Foucault, Deleuze und all den postmodernen Text-Komödianten wie ich. Ein paar Jahre später verspürten die meisten ernüchtert nur noch die Langeweile, die allein von jeder Mode und Phrase bleibt. Wir suchten Substanz, Ernst, Gewicht, jedenfalls hatten wir intellektuellen Karneval und Faschingsgelächter satt. Und was hat die Absurdität zu bedeuten, dass – neben einer Hegemann – auch von einem George wieder die Rede ist? Dass so einer im Getwitter überhaupt noch mal wiederkehren konnte? Literatur war doch nie das, was man sonst noch zwischen Pappe quetschte. Sie stand immer auf verlorenem Posten. Das wissen Sie doch.
Herold Binsack
Es macht Freude das zu lesen, denn jeden Satz kann ich unterschreiben, wenn ich auch vermutlich nicht jedes Wort so gewählt gesetzt hätte, wie er, wie Thomas Hettche. Und doch nützt es nichts, jedes Wort, ja jede Silbe scheint vor die Säue, so wie auch eines Frank Schirrmachers Klagen ob des Internets Wirkung auf des Menschen geistige Freiheit.
Julius Franzot
Herr Hettche bringt die heutigen Missstände genau auf den Punkt: Es geht nicht mehr um den Text und infolgedessen auch nicht um die Ideen, die unweigerlich die Grundlage für eine seriöse Schrift sind.
Wo die Ideen in den Hintergrund treten, dort verschwindet auch die Person des Autors, dem es lieber sein sollte, wegen seiner Gedanken als wegen einer greller Krawatte wahrgenommen, befragt und interwiewd zu werden.
Viele Autoren, deren Manuskripte oft in den Verlagen nicht einmal im Ansatz gelesen werden, empfinden eine Veröffentlichung im Internet nur als eine Notlösung, um ihre Manuskripte doch irgendwie in den Umlauf zu bringen.
Im Internet gibt es kaum ernsthafte Diskussionen über Texte und die dahinter stehenden Ideen. Eine flapsige Bemerkung, keine Reaktion auf die Antwort darauf, anonyme Nicks, die gleich ins Nichts verschwinden, keine Resonanz durch die Presse, keine Gelegenheit zum persönlichen Gespräch. Und, ganz nebenbei, auch kein Entgeld für die erbrachte Leistung.
Man braucht sich nicht zu wundern, wenn jemand, der etwas zu sagen hat, sowohl das Internet als auch die Publikation “on Demand”, die ebensowenig für Resonanz sorgt, nur als allerletzte Chancen wahrnimmt.
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( Quelle )
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ALBAN NIKOLAI HERBST : EIN ÄRGERLICHES SCHISMA ( DER FREITAG , 15. 4. 2010 )
Internet und Literatur gehen nicht zusammen? Unsinn! Warum sich Schriftsteller das Netz nicht vergällen lassen dürfen
Dieser Tage veröffentlichte Thomas Hettche in der FAZ einen kunstreaktionären Artikel, der die poetische Arbeit diffamiert, die im Internet erscheint. Titel: “Warum Literatur sich im Netz verfängt“. Dazu benutzt er drei die Feuilletons alldurchstapfende Thesen, kriegt freilich den Lehm von den Stiefeln nicht weg.
1. Das Internet sei nur an Klatsch interessiert und unkonzentriert; es befördere ein, nenn ich das mal, literarisches Pisa. Man sehe das an der unangemessenen Beachtung einer jungen Plagiatsautorin, der Hettche aber selbst unangemessenen Raum einräumt. Denn nicht das Netz war diskutiert, sondern ein Buch. Welchen Dietrich einer benutzt (copy&paste oder Kuli), spielt fürs Plagiat keine Rolle, auch nicht, woraus jemand abschreibt, zumal das Phänomen – wie die Skandalgier – alt wie die Dichtung selbst ist und die Geschichte ihrer Kritik. Bis zu den jüngsten histoires de cul Catherine Millets hin drängt einem eben nicht das Netz, sondern der Buchmarkt die Beispiele auf. Auch das Netz, selbstverständlich, kennt solche Texte. Nur sind Bekenntnisse seit je eine Säule der Literatur: zu denken ist an Rousseau, an Montauk, an Erinnerung, sprich.
Was jemand schreibt, ist zweitrangig; wie er es macht, ist entscheidend. Im Netz erscheint nicht weniger Müll als im Buch, dessen Trägersubstanz, Papier, öfter noch zum Abwischen dient. Hingegen blendet Hettche, gewiss ein ehrenwerter Mann, alle poetische Netzarbeit aus, die das gefährdete Werk wieder neu fokussiert: ob des Kreises um Johannes Auer, ob Christiane Zintzens in|ad|ae|qu|at, ob Hartmut Abendscheins Bibliotheca Caelestis. Das “Unliterarische“ an deren Kunst besteht einzig darin, dass sie nicht zwischen Buchdeckel passt – ja, Hettche verschweigt sogar Jelineks Netzseiten. Es geht ihm nämlich nicht um Dichtung. Vielmehr lässt sich das literarische Netz (noch) nicht vom Markt regulieren, ja kaum überschauen. Der aber hat, nicht das Netz, die Dichtung zu “Events” umgebogen. Woran Hettche kräftig mitbiegt, seit er hinaufgebürgert ist.
2. Das Urheberrecht werde durchs Netz bedroht. Büchern freilich gestattet Hettche die Verletzung des “vom Autor bestimmten Textes”; sie soll nur auf hohem Niveau geschehen. Dem ist beizupflichten. Nur wer bestimmt die Kriterien? Auch hier sieht Hettche nicht wirklich die Dichtung, sondern seine wohlbezahlte Deutungshoheit gefährdet, weshalb er alle, die den Heidelberger Appell (zum Schutz des Urheberrechts) nicht unterschrieben haben, “keine ernstzunehmenden Schriftsteller” nennt. Das ist nicht ohne Verrat: Auch Paulus Böhmer, ein enger Freund Hettches, hat ihn nicht unterschieben. Die Polemik wischt aber auch Rainald Goetz, den Konkurrenten aus Suhrkamptagen, und Jelinek vom Tisch und Benjamin Stein.
3. Literatur im Netz befördere den Personenkult. Dieser ist ein vom Pop angetretenes Erbe aus Zeiten künstlerischer Autonomiekämpfe. Um Label zu werden, brauchte ein Baudelaire nicht, brauchten weder Pynchon noch Kracht das Netz. Es relativiert den Kult sogar, schon weil sich der Autor sich, etwa in kommentierbaren Blogs, angreifbarer macht, als ein Hettche das ertrüge: Zu offen würde benannt, was er absichern will: nicht Qualität, sondern Macht. Wäre der jungen Plagiatsautorin Roman im Netz erschienen, keine Aufferhähnin hätte nach ihm gekräht, und auch die Hettches wären bedeutungsärmer: so arm schon, wie sie es sind. ( Hervorhebungen und Links czz , Quelle )
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ALBAN NIKOLAI HERBST IN SEINEM WEBLOG “DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT” ÜBER DIE MISSVERSTÄNDLICHE KÜRZUNGEN SEINES ARTIKELS
Es gibt in der Druckfassung der Zeitung eine Entstellung, die eine falsche Aussage mitträgt:
Diese Rhetorik wischt Rainald Goetz vom Tisch, den Konkurrenten aus Suhrkamptagen, sogar den Freund Paulus Böhmer und jeden sonst, der im Netz publiziert und doch auch wichtige Bücher schrieb, zum Beispiel Benjamin Stein.
Tatsächlich sollte dastehen:
Das ist nicht ohne Verrat: Auch Paulus Böhmer, ein enger Freund Hettches, hat ihn nicht unterschieben. Die Polemik wischt aber auch Rainald Goetz, den Konkurrenten aus Suhrkamptagen, und Jelinek vom Tisch und Benjamin Stein.
Der Fehler kam, und ich übersah ihn, durch einen redaktionellen Eingriff zustande, der kürzen mußte.
Die ursprüngliche Version lautet n o c h anders. Ich zitiere den entsprechenden Absatz der Originalfassung ganz, es ist Punkt 2:
Das Urheberrecht werde durchs Netz bedroht. Büchern freilich gestattet Hettche die Verletzung des “vom Autor bestimmten Textes”; sie soll nur auf hohem Niveau geschehen. Dem ist beizupflichten. Nur wer bestimmt die Kriterien? Auch hier sieht Hettche nicht wirklich die Dichtung, sondern seine wohlbezahlte Deutungshoheit gefährdet, weshalb er alle, die den Heidelberger Appell nicht unterschrieben haben, “keine ernstzunehmenden Schriftsteller” nennt. Die Behauptung scheut den Verrat nicht: Auch Paulus Böhmer, ein enger Freund Hettches, hat den Appell nicht unterschrieben. Anders als der, so lautet suggestiv der Schluß, sind die 2600 Unterzeichner ernstzunehmende Dichter. Die gleiche Rhetorik wischt Rainald Goetz vom Tisch, den Konkurrenten aus Suhrkamptagen, und jeden sonst, der im Netz publiziert und doch auch wichtige Bücher schrieb, zum Beispiel Benjamin Stein.”
ANH, 15.4.2010.
ICE Mannheim-Berlin. ( Hervorhebungen und Links czz , Quelle )
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ALBAN NIKOLAI HERBST : UNGEKÜRZTE FASSUNG DER ENTGEGUNG AUF THOMAS HETTCHE :
KLOPAPIER. ZU THOMAS HETTCHES “WENN LITERATUR SICH IM NETZ VERFÄNGT”
Am 9. April veröffentlichte Thomas Hettche in der FAZ einen kunstreaktionären Artikel, der die poetische Arbeit diffamiert, die im Internet erscheint. Dazu benutzt er drei die Feuilletons alldurchstapfende Thesen, kriegt freilich den Lehm von den Stiefeln nicht weg.
1) Das Internet sei nur an Klatsch interessiert und unkonzentriert; es befördere ein, nenn ich das mal, literarisches Pisa. Man sehe das an der unangemessenen Beachtung einer jungen Plagiatsautorin, der Hettche aber selbst unangemessenen Raum greifen läßt. Denn nicht das Netz war diskutiert, sondern ein Buch. Welchen Dietrich einer benutzt (copy&paste oder Kuli), spielt fürs Plagiat keine Rolle, auch nicht, woraus jemand abschreibt, zumal das Phänomen, wie die Skandalgier, alt wie die Dichtung selbst ist und die Geschichte ihrer Kritik. Bis zu den jüngsten histoires de cul Millets drängt einem eben nicht das Netz, sondern der Buchmarkt die Beispiele auf. Auch dieses, selbstverständlich, kennt solche Texte. Nur sind Bekenntnisse seit je eine Säule der Literatur: zu denken an Rousseau, an “Montauk” und “Erinnerung, sprich”. Was jemand schreibt, ist zweitrangig; wie er es macht, ist entscheidend. Im Netz erscheint nicht weniger Müll als im Buch, dessen Trägersubstanz, Papier, öfter noch zum Abwischen dient; mehr Scheiße backt auch an Twitter nicht. Hingegen blendet Hettche, gewiß ein ehrenwerter Mann, alle poetische Netzarbeit aus, die das gefährdete Werk wieder neu focussiert: ob des von Bense kommenden Kreises um Auer, ob Zintzens in|ad|ae|qu|at, ob Abendscheins Bibliotheca Caelestis. Deren “Unliterarisches” besteht einzig darin, daß sie nicht zwischen Buchdeckel passen. Nicht einmal hor.de wird erwähnt, ja Hettche verschweigt sogar Jelineks Sites. Es geht ihm nämlich nicht um Dichtung. Vielmehr läßt sich das literarische Netz (noch) nicht vom Markt regulieren, ja kaum überschauen. Der aber hat, nicht das Netz, die Dichtung zu “Events” umgebogen. Woran Hettche kräftig mitbiegt, seit er hinaufgebürgert ist.
2) Das Urheberrecht werde durchs Netz bedroht. Büchern freilich gestattet Hettche die Verletzung des “vom Autor bestimmten Textes”; sie soll nur auf hohem Niveau geschehen. Dem ist beizupflichten. Nur wer bestimmt die Kriterien? Auch hier sieht Hettche nicht wirklich die Dichtung, sondern seine wohlbezahlte Deutungshoheit gefährdet, weshalb er alle, die den Heidelberger Appell nicht unterschrieben haben, “keine ernstzunehmenden Schriftsteller” nennt. Die Behauptung scheut den Verrat nicht: Auch Paulus Böhmer, ein enger Freund Hettches, hat den Appell nicht unterschrieben. Anders als der, so lautet suggestiv der Schluß, sind die 2600 Unterzeichner ernstzunehmende Dichter. Die gleiche Rhetorik wischt Rainald Goetz vom Tisch, den Konkurrenten aus Suhrkamptagen, und jeden sonst, der im Netz publiziert und doch auch wichtige Bücher schrieb, zum Beispiel Benjamin Stein.
3. Literatur im Netz befördere den Personenkult. Dieser ist ein vom Pop angetretenes Erbe aus Zeiten künstlerischer Autonomiekämpfe. Um Label zu werden, brauchte Baudelaire nicht, brauchten nicht Pynchon noch Kracht das Netz. Es relativiert den Kult sogar, schon weil er sich, etwa in kommentierbaren Blogs, angreifbarer macht als ein Hettche das ertrüge: Zu offen würde benannt, was er absichern will: nicht Qualität, sondern Macht. Wäre der jungen Plagiatsautorin Roman im Netz erschienen, keine Aufferhähnin hätte nach ihm gekräht, und auch Hettches wären bedeutungsärmer: so arm schon, wie sie es sind. ( Hervorhebungen und Links czz )
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Kaum schreibt einer seine Meinung schon geht ein Riesengeheule durch das kleine Viertelchen :-)
Geheule? Nein. Lies doch einfach, was da steht. Schlagen die Bulldozer zu, sollen die Wegsiedler schweigen
also HerrH, wenn diese “seine Meinung” derartig pauschal diffamierend und sachlich haltlos ist, dann freue ich mich über ein “Riesengeheule”
[...] Dokumentation : Goetz und Herbst vs. Hettche : Netzliteratur, kontrovers Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT die von Thomas Hettche via FAZ ventilierten Vorbehalte gegen Netzliteratur , Rainald Goetz’ Replik in der Harald Schmidt- Show ( YouTube ) sowie Alban Nikolai Herbsts Replik im “Freitag” inclusive der von der Redaktion ungekürzten Originalfassung . [...]
Der Herr Herbst ist der Politiker unter den Autoren: ein Generalist mit der einzigen Spezialkenntnis in der Bekämpfung des jeweils ausgesuchten Gegners. Und sein hochgelobter Blog ist eher ein Crowdsourcing von Vorurteil und schlüpfrigem Gerede, in dem er solange herumlöscht, bis nur noch Personenkult übrig ist.
@HerrH: In diesem Fall – Das wissen Sie nur allzugut – “schreibt” nicht “einer” mal eben seine Meinung , sondern rührt – ganz nach Chef Schirrmachers Art – eine Suppe aus richtigen Feststellungen ( Aushungerung der Institutionen zugunsten eines Event- Literaturbetriebs ) und billigen Ressentiments zusammen . Wem wirklich an der Sache liegt , muss das empören .
@Stulli : Aha , und Herr Hettche wäre demgegenüber die Unschuld vom Lande ?!!
@ottö brandenberg : remember “Howl” … ( lyrics )
[...] Herbsts im Freitag publizierte Gegenstellungnahme zu lesen. Beide Texte wurden gerade in Blogs zitiert, kommentiert und mal zustimmend, mal ablehnend weiter-, aber auch neugeschrieben und [...]