QUARTAL- ANTHOLOGIE
Vierteljährlich erbittet das Forum litblogs.net von seine Contributorinnen und Contributoren den Vorschlag eines persönlich bevorzugten ( besten , bösesten , repräsentativsten … “chacun à son goût” ) Beitrages für die quartalsmässig erscheinende Anthologie “Lesezeichen” .
Nun ist es wieder so weit und mit dem “Lesezeichen 1 | 2010“ ist die ( per RSS- Feed abonnierbare ) Querlese aus 14 literarischen und bildkünstlerischen Weblogs erschienen . Bekanntlich wurden die Feeds mitterweile um die einfliessenden Postings des “goldenen fisches” erweitert .
Neu ist – neben der Backlist der bisherigen “Lesezeichen” – auch ein Archivband für sämtliche vier Ausgaben des Jahres 2009 : Als pdf in ansprechendem Print- Layout . Ja recht gelesen : Zum Blättern !
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LESEZEICHEN 1 | 2010
In dieser Ausgabe :
Genderstories – ein Perspektivdoppel , Monique Truongs Generationenroman , Systemfragen der Kultur , das Ende von Pornobangbang und Trinkerei , Feliner Behaviorismus , netzliterarische Rezeptionsästhetik 2.x , eine Dame mit Hut , die Karavelle aus Svalbard , keine Panik auf der Alcanzar , die Mechanik der Kaffeekanne beim Säubern des Filters , Schnee und das plötzliche Glück , Hölderlins Sonette in Sk-ype , Regenschirme für Nachmittage , Max Frischs restgeisterfüllte Baulücke , Ententeich-Écrituren ….
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LESE | LISTE | PROBEN
Bodum
von Sylvia Geist
der goldene fisch
Rätsel, ist das nicht eine Begebenheit, wären es drei
oder fünf, die man behielt, weil sie einander folgten.
Auch der Satz, das um uns sei magisch, ist es nicht
weniger als die Geschichte, die ihn beweisen soll, oder
der Küchentisch, an dem ich meinen Zug verpasse,
um davon zu hören, und es dauert kaum länger als
ein Entenplätschern, ein Quaken, sich irgendetwas
vorzustellen. Standhafter bleiben die übrigen Aufgaben,
die Mechanik der Kaffeekanne, beim Säubern des Filters
die Ratlosigkeit vor Teilen, bis einem das Ganze wieder
bekannt vorkommt. Zur Geschichte: weder die Nummer,
von Kindern oder Böen gekritzelt auf die Staubhaut
des Wagens, in dem jemand dem Unfall entkam, noch
dass ich beten lernte, bevor es mich rettete vor einem
grauen VW Passat, ordnet, was uns übern Kopf hinweg
passiert, an zur Formation, etwa der eines Pfeils Enten
in eine bestimmte Himmelsrichtung. Eine übrigens holte
mich mal aus ganz kurzem Flug, knallte auf das Wasserloch
bei der alten Zünderfabrik, wo ich damals wohnte, nachts,
so dass ich nicht mehr weiß, ob ich denn meine Arme hatte
ausbreiten müssen. Die Dinge träumen, lesbar wie das flüchtige
Zusammentreffen der Schwerkraft mit den Teilchen am Grund
dieser Kanne. Rätsel, am liebsten ist es mir unerschütterlich
als Kaffeenebensatz, wenn es heißt: “Dreh den Boden um.”
für Dieter M. Gräf
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marie
von Andreas Louis Seyerlein
particles
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Bitter im Mund
von Benjamin Stein
Turmsegler
[ ... ] “Bitter im Mund” ist literarische haute cuisine. Ich habe dieses Buch nicht einfach nur gelesen, sondern Seite für Seite gegessen, die Geschichte, die Worte geschmeckt. Monique Truong ist eine Wortzauberin, eine Dichterin, die hier geschliffene, atmosphärisch aufgeladene Prosa liefert. Besonders sympathisch empfand ich, wie liebevoll sie sich ihren Figuren nähert, selbst den problematischen wie etwa der des Vergewaltigers Bobby. Keine ihrer Figuren muss sich fürchten, von ihr erzählt zu werden. Denunziation gibt es nicht.
Und dennoch: Auf Seite 120 etwa habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob – und wenn ja warum – diese Geschichten erzählt werden mussten. Auf Seite 150 war ich sogar einmal versucht, trotz allen poetischen Vergnügens das Buch beiseite zu legen, aber ich blieb bei Linda … Und dass ich geduldig war, wurde belohnt. [ ... ]
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Die Banater Emmanuelle.
von Alban Nikolai Herbst
Die Dschungel. Anderswelt.
> zu : Der Herr der Dschungel
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Der Herr der Dschungel
von Aléa Torik
in Aleatorik
> zu : Die Banater Emmanuelle.
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Ausblick Sprachwandel (notula nova 67)
von Hartmut Abendschein
taberna kritika
(Im Grunde, manchmal die Erfahrung / das Gefühl, die meisten Menschen können oder wollen mit ihrer Subjektivität gar nichts anfangen. Oder müssen sie noch entdecken …)
Und: Der Nichtstil ist der Stil. Und die Nichtkohärenz Kohärenz. Und die stetige Neuerfindung dessen. Als Kontinuitätsmuster. (Kontinuitätsmonster).
Kairos = time quality (Nicht: quality time)
Retrieval is the new user generated Hyperlink (netzliterarische Rezeptionsästhetik, 2.x) [ ... ]
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MICRO | -NOTE | -QUOTE : Wie sieht es aus , das “digitale Scheiben” , Herr Chervel ?
von Christiane Zintzen
in|ad|ae|qu|at
[ ... ] Für Jemanden , der nicht nur die Kurzreferate sämtlicher Rezensionen der deutschen Qualitätspresse an den Online- Buchhändler libri.de verkauft , sondern auch die gesamte “Feuilletonrundschau” an Spiegel Online verscherbelt , wird hier aus dem Glashaus ganz schön heftig mit Steinen geworfen . Belastbare Modelle des “digitalen Schreibens” finden sich im “Ententeich” jedenfalls nicht .
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Seraphima, die Schwerhörige
von Marjana Gaponenko
der goldene fisch
Du weißt: wenn es schneit
schauen sie alle dir zu –
die Toten und Kommenden,
wie du nicht nähst,
wie du fröstelnd nichts tust.
Durch den Schnee hindurch
sieht man dich, Phima.
Immer am Fenster,
auf einem Bauernstuhl,
wie von Spinnen geschnitzt,
thronst du, Atem der Spitzengardine,
während die Erdscheibe
im Weltteich dieselben
traurigen Fische umkreist,
während die Anderen lieben
und öffnen die Münder
voller schmelzender Worte
wie Marktbonbons.
Wie kann es dich rühren?
Es schneit und du weißt:
sie schauen dich an –
die Toten und Kommenden,
jede Flocke – ein Blick
im Boden versinkend.
„Ob es darunter auch schneit?“
sagst du und lachst
fast erschrocken
vor plötzlichem Glück.
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nofretete persönlich ( definitiv für martin )
von Sudabeh Mohafez
zehn zeilen
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F4/O6/E24
von Marianne Büttiker
con.tempo

Oktave. 198//Vielleicht nicht das Gesammelte, nicht das Dichte, das die Form bestimmt und ein Wort bildet. Die Bebilderung des Geistes. Auflösung. Die Formel eines Gedichtes ohne Fassung, ohne Titel. Das Aquarium eines Fisches. Verschwiegen, er und es. Das Lot am Horizont befestigt. Den Himmel zu sich ziehend. Auch er Wasser. Und während der Schnee fällt, steigt der Wal auf. [ ... ]
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als der knoblauch anfing zu brutzeln … u.a.
von Helmut Schulze
parallalie 1 , 2 , 3
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Deutschlands Freiheit
von Matthias Kehle
Matthias Kehles Lyrik-Blog
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auftauchen
von Rittiner & Gomez
logbuch isla volante

wir sind nicht die einzigen die, auf dem weg zur “alcanzar”. wir müssen ja bald befürchten, an der “alcanzar” gar nicht anlegen zu können. irgendwo glaubten wir euka und mono zu entdecken. die medien sind auch im anschwamm, ob sofffie auch unterwegs ist wissen wir nicht. jetzt nur keine panik, wir müssen uns sammeln.
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Melander
von Stan Lafleur
rheinsein
Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der “perfekte Fisch”, der “Fisch der Zukunft”, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in “Melander Filet”, “Melander geräuchert”, “Melander Wienerli”, “Melander Weisse”, “Melander Brätling weiss” und “Melander Schnitt-Paté, mild und pikant” verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)
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I loved you when our love was blessed I love you now there’s nothing left but closing time
von Ursula T. Rossel Escalante Sánchez
Notizen aus Kangerlussuaq
— it’s hell to pay when the fiddler stops —
Liebe Freunde des Postamtes von und zu Kangerlussuaq,
einmal mehr habe ich es nicht verstanden, dann aufzuhören, wenn es am Schönsten ist. Ich entschuldige mich dafür, dass Ihr nun schon eine Weile knöcheltief in Essig watet, und bedanke mich zugleich für diese rührende Treue. Der teure Wein ist ausgesoffen, zugeschüttet mit billigem Bier, und Ihr habt nicht gemerkt, dass ich vor einer Weile aufgehört habe mitzubechern … Denn aufräumen muss ich schliesslich allein. Seit Wochen habe ich hinter den Kulissen mit der Abrissbirne gewütet, und es hat mir noch einmal in aller Deutlichkeit bestätigt: gute dreieinhalb Jahre sind mehr als genug. Irgendwie, dem unvergleichlichen Elend zum Trotz, mag ich den Kater und den Mief nach Schweiss und Alk und Pisse und Saurem und kaltem Rauch. Jeder verdammte Knochen schmerzt, während man die Stühle in die Ecke stapelt und auf Knien hinter dem Fegbesen herrutscht, was sagt uns das?, genau: so fühlt sich das Sterben auf der Zunge an (Kater auf Französisch: gueule de bois), jetzt leben wir aber noch ein bisschen weiter mit diesem Schädelbrummen. Die nächste Party kommt bestimmt!
Selbstverständlich bräuchte ich keine Gründe, um mich zu entnetzen. Ich habe jedoch derer viele und triftige, vorwiegend literarische, aber auch persönliche, theoretische, technologische, monetäre. Ausbreiten werde ich sie hier nicht. Eins der Dinge, gegen die ich netzliterarisch eine starke Abneigung hege, ist gerade der Metaismus. Ich gebe zu, dass ich gern in anderer Schriftsteller Nähkästchen hineinspannere, bin jedoch nicht bereit, meine eignen Fingerhüte dem öffentlichen Büchsenschiessen zur Verfügung zu stellen. [ ... ]
Einen Roman im Lektoratsofen ausbacken, einen nächsten im Teigkessel anrühren, die hier entwickelte Kleine Form in andere Kalamitäten überführen, stilles Studium, lange Spaziergänge. Noch längere Briefe. Zwei Liebhaber oder auch vier. Ausflüge zu Orten, an denen höchstens Einer vor mir war. Hin und wieder ein heimliches Besäufnis. Das ist mehr, als ich mir je gewünscht habe. Ich freue mich auf das kommende Jahr. Der Blogentzug der letzten Wochen verlief komplikationslos, jetzt bin ich nicht einmal mehr wehmütig.
Ich danke zuallererst meinen Lesern, den bekannten und unbekannten, den bunt Kommentierenden wie den Stillschweigenden und denen, die es vorzogen, mir ihre Kommentare persönlich zu schicken. Ich danke für Eure Gedanken und Ideen, für Eure guten Wünsche, für das aufrichtige Lob (es fällt mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich zugebe, dass mir das gutgetan hat) und mindestens ebenso für den fundierten Tadel (der mich nachhaltig weiterbrachte). [ ... ]
Zigilliardenmal DANKESCHÖN! Ich verbeuge mich vor Euch. Wünsche allen das Blaue vom Himmel herunter und die Sterne (diese alten Schweine, denen wir Schnuppe sind), das Beste für 2010 und überhaupt. Bevor jemand losweint, ich kann das nicht ertragen!: tschüss, and thanks for all the beef!,
allzeit Eure treue Dienierin: La Tortuga
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Do, 4.3.10 (Do, 4.3.10, 23:50): singend gesunken
von Jörg Meyer
pödgyr
Das Thema von gestern variiert, ausgebaut im Krebsgang zum Sonett. Dazu Film aus altem Super-8-Material, das ich 1988 aufnahm. Und nochmal “Wie Wolken um die Zeiten legt”, das Versfragment aus Hölderlins trunken entworteter Zeit im Tübinger Turm. Natürlich auch eine Reminiszenz an Klavki. Vertont mit einem Ausschnitt aus Gerald Eckerts “Wie Wolken um die Zeiten legt”.
Die Stimmung der Saiten der Lyra heute: Lilly. Wie immer ein Vermissen. Und ein Himmelchen in Sky-pe.
— snip! —
singend gesunken
“wie wolken um die zeiten legt” (friedrich hölderlin)
wie wasser sich ums wort gelegt, in eis
umschlossen über lang vergang’ne zeiten
als sehnenderes kyrie eleis,
bevor es singend sank ins sich verschweigen.
die teiche schließen sich noch fest um nachen.
des hades fährmann braucht ‘nen packeisbrecher.
ich rufe ihn mit meines ruders sprachen,
und freud weist ihm den weg in den versprecher.
wir streiche(l)n ihm die wortverspielten zeilen
aus seinem fahrplan des zu früh versinkens
und handeln aus verspätung, ein verweilen.
die wolken legten zeit um uns’re gläser,
in denen wir des totenschiffers winken
missachteten als trunk’ne wortverweser.
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