Dass die künstlerischen Disziplinen stets ein wenig pikiert reagieren , wenn Künstler aus anderen Sparten sich anmassen , in die Szenen und Zonen unangestammter Kunstformen vorzudringen , mag zwar hinlänglich bekannt sein , doch ändert dieses Wissen wenig an der Praxis . Die Literatur springt da mit schreibenden Komponisten nicht weniger scharf um als die bildenden Künstler mit malerisch dilettierenden Dichtern . So wurde beispielsweise Adalbert Stifter erst postum als Maler entdeckt und gewürdigt oder musste die Architekturfotografie fast ein jalbes Jahrhundert darum kämpfen , nicht als blosses Handwerk abgetan und von den Kunstfotografen anerkannt zu werden . Den Sonntagsreden von inter- oder transdiszplinärem Handeln zum Trotz , verteidigen die künstlerischen Zünfte ihrer Rayons weiterhin , es könne ja sonst ja jeder kommen.

Mit der von Liesl Ujvary kuratierten Schau “visuell – virtuell – parallel | SchriftstellerInnen fotografieren” gelang es in der FLUSS Galerie zu Wolkersdorf erstmals , die fotografischen Arbeiten schreibender Künstler in eine dezidiert der Fotografie gewidmeten Institution zu zeigen . Das virtuelle visinäre Potential schreibender Zeitgenossen tritt damit ganz explizit auf den Plan .
Das dritte Titelwort “parallel” signalisiert dahingegen , dass die Schau ein kleines Outlet auch in Wien etabliert : Die Galerie Wechselstrom in Ottakring zeigt gleichzeitig einige Arbeiten der an der Wolkersdorfer Schau beteiligten Autorinnen und rundet das bisher visuelle Geschehen mit einer Lesung ab . Zu begrüssen ist dabei die Kooperation mit dem Literarischen Quartier Alte Schmiede , dem die Auswahl der Lesenden ( samt Finanzierung der Honorare ) oblag .
Die bei Foto Fluss in Wolkersdorf gezeigten Arbeiten von
- Barbara Köhler
- Brigitta Falkner
- Sabine Scho
- Christiane Zintzen
- Dieter Sperl
- Petra Coronato
- Liesl Ujvary
- Ann Cotten und
- Monika Rinck
zeichnen – wiewohl weiten Teils dokumentarisch – sich durch die überraschende Breite der Perspektiven und fotografischen Poetiken aus . Kuratorin Liesl Ujvary in ihrem Katalogtext :
die fotografien der meisten teilnehmerInnen können als dokumentarisch im weitesten sinn bezeichnet werden – eine ausnahme bildet brigitta falkner, die in den “populären panoramen” ihre eigene virtuelle welt abbildet. dieter sperl dokumentiert in seinen mash-ups die realität der medien, in seinen “wischbildern” bewegungen auf sehr verschiedenen realen ebenen. barbara köhler, petra coronato und christiane zintzen dokumentieren in ihren städtebildern städtische realien, wobei der persönliche blick, empathisch oder kühl distanziert, höchst eigenartige ansichten auf duisburg, berlin oder wien eröffnet. auch die fotos von sabine scho dokumentieren ihren blick auf sao paulo, zugleich funktionieren sie aber auch als witzige erkenntnistheoretische suchbilder. liesl ujvarys “interessante lebensformen” sind blicke auf sozusagen vertraute fauna und flora als etwas ganz und gar fremdes, auf wiener u-bahnstationen als fundgruben neuer räumlicher konfigurationen, grossbaustellen und kleinbaustellen als metaphern für destruktion und disziplin. ann cotten und monika rinck durchstreifen archaische landschaften, besuchen pferderennbahnen und begeistern sich für deko-ereignisse in der grossstadt. das fotografische tun, die visuelle herangehensweise von schriftstellerInnen, folgt anderen gesetzmässigkeiten, als die arbeiten der ihrem medium verhafteten fotografen, bringt mehr welthaltigkeit.
Aus fotografischer Sicht , so der FLUSS- Kurator Martin Breindl in seinem Katalogtext ,
scheint da nicht viel anders zu sein. Die Arbeiten der hier versammelten SchriftstellerInnen umkreisen die gleichen Themen, wie Natur, Urbanität, Medienkritik und Virtual Reality. Auch die gewählten Motive, Einstellungen und Techniken unterscheiden sich nicht wesentlich von Produktionen ihrer KollegInnen aus der fotografischen Zunft.
Ob freilich , wie Breindl konstatiert , “auf klassische Regeln des Bildaufbaus hier gepfiffen” wird und “morphologische und inszenatorische Überlegungen außer Acht gelassen”, mag die Betrachterin , der Betrachter entscheiden :
Und so entstehen seltsame Urbanitäten, die Menschen an den Rand drängen, ins Bodenlose fallende Innenräume, anders gestimmte Naturen, unverhältnismäßige Verzerrungen, Texturen und Strukturen. Es gibt kaum Gemeinsamkeiten in den Herangehensweisen der hier beteiligten schreibenden FotografInnen, jedoch Abgrenzungen zu denen der bildenden, die das wahrscheinlich so nicht darstellen würden.
Sieht Breindl in den fotographischen Arbeiten von Schriftstellern ( m | f ) fast umerkliche semiotische Distinktionen zu denjenigen bildender Künstler und konstatiert
“absolute Metaphern , nicht absichtsvoll gewählt, sondern mehr oder weniger zufällig entstanden im und durch den Akt des Fotografierens selbst. Sie sind nicht übersetzbar, somit auch nicht moralisch, gehorchen allein der hakenschlagenden bildsprachlichen Logik” ,
so behauptet die Kuratorin , Schrift- und Bildkünstlerin Liesl Ujvary den Wert des piktural Dokumentarischen für den sonst stets zu sprachlichen und epistemologischen Übersetzungsleistungen genötigten Schriftsteller :
schriftstellerinnen fotografieren, weil sie normalerweise schreiben, also mit der verschriftlichung von etwas befasst sind, das man realität nennen mag. diese verschriftlichung legt schmerzhafte bahnen in unseren neuronenkosmos, unser gehirn. das verfertigen und aneinanderreihen von sätzen, das entwerfen neuer literarischer prospekte, ist notwendig, so entsteht literatur. denn diese von uns angelegten schmerzhaften bahnen zwingen uns gewissermassen, das beschriebene, also den content, als wirklichkeit wahrzunehmen.
wenn schriftstellerinnen fotografieren, verlassen sie diese prospekte und betreten durch die optik der kamera eine virtuelle parallelwelt, die nicht auf einem verbalen substrat angerichtet ist, sondern auf visuellen bausteinen und vorgaben beruht, die vorgeben, wirklichkeit zu präsentieren. betritt man die visuelle parallelwelt ohne kamera vor den augen, scheint alles zu stimmen, die strassennamen, die verkehrsmittel, die warenwelt, das wetter. alles normal hier. erst der blick durch die optik der kamera führt uns vor augen, dass das alles gar nicht stimmt, dass alles aufplatzt in chaos, destruktion, blitzende oberflächen und pflanzliche wunder. in greuel und brutalität, schönheit, was immer.
die kamera ist ein lehrbehelf, ein hilfsmittel, eine art brille, die uns hilft, zu sehen, mehr zu sehen. natürlich ist dieses beobachtungsmittel auch ein mittel, das die beobachtung lenkt und leitet, sie formt, je nach kamera, je nach optik, je nach auflösung, technischen daten. analogkamera, digitalkamera, kompaktkamera, spiegelreflexkamera, farbe oder schwarzweiss, zoom, tele, makro oder normaloptik. die normaloptik muss alles können, nah und fern, hell und dunkel, sie ist nicht normal, sie ist äusserst kompliziert. ob digital oder analog, es ist alles technik, es ist alles hardware, es ist alles echt. mehr oder weniger. digitalkameras erleichtern schriftstellerfotografie immens, die digitalen medien erlauben schnelle verarbeitung, schnelle verbreitung, billige brillante drucke.
das fotografieren hilft uns, den autorinnen, etwas zu beweisen, nämlich dass es diese erweiterungen, welche “die realität” in aufreizender fülle bietet, überall gibt, wie und wohin auch immer man seinen blick richtet. die erweiterungen, sprich das chaos, gilt es nun in einen kontext einzurichten, denn nur so werden sie wahrnehmbar, nur so behalten sie ihre information, ihre explosivkraft. der kontext also, das projekt, die idee. auch das eröffnen der einen oder anderen metaebene, des bildschirms etwa oder eines tabletops, kann gesteigerte welthaltigkeit liefern.
hier werden keine wirklichkeits-inszenierungen fotografiert. wo doch eh schon so viel da ist … wo eine inszenierung nur ein herunterbrechen der komplexen zustände um uns herum ist. die dokumentarische fotografie lässt alles wie es ist. besser so. vielleicht macht es einfach spass, diese erkenntnisse zu haben, sie anzubieten.
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Termine :
- visuell – virtuell – parallel SchriftstellerInnen fotografieren , Eröffnung mit einführenden Worten von Norbert Math – FLUSS , Schloss Wolkersdorf , Galerie 2 – Samstag , 8. 5. 2010 , 18 H ( bis 30. 5. 2010 )
- visuell – virtuell – parallel SchriftstellerInnen fotografieren , Ausstellung und Lesungen in Korrespondenz zur Wolkerdorfer Schau – Es lesen Petra Coronato , Liesl Ujvary und Christiane Zintzen – Galerie Wechselstrom , Grundsteingasse 44 , 1160 Wien – Dienstag , 11. 5. 2010 , 19 H ( in Kooperation mit dem Literarischen Quartier Alte Schmiede ( Ausstellung bis 30. 5. 2010 )


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