Ausstellung: visuell – virtuell – parallel : Schreibende fotografieren – Texte 1

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LIESL UJVARY: WARUM SCHRIFTSTELLERINNEN FOTOGRAFIEREN

Präliminarien zu den Ausstellungen @ Foto FLUSS sowie @ Galerie Wechselstrom , Mai 1010

Copyright Liesl Ujvary

schriftstellerinnen fotografieren, weil sie normalerweise schreiben, also mit der verschriftlichung von etwas befasst sind, das man realität nennen mag. diese verschriftlichung legt schmerzhafte bahnen in unseren neuronenkosmos, unser gehirn. das verfertigen und aneinanderreihen von sätzen, das entwerfen neuer literarischer prospekte, ist notwendig, so entsteht literatur. denn diese von uns angelegten schmerzhaften bahnen zwingen uns gewissermassen, das beschriebene, also den content, als wirklichkeit wahrzunehmen.

wenn schriftstellerinnen fotografieren, verlassen sie diese prospekte und betreten durch die optik der kamera eine virtuelle parallelwelt, die nicht auf einem verbalen substrat angerichtet ist, sondern auf visuellen bausteinen und vorgaben beruht, die vorgeben, wirklichkeit zu präsentieren. betritt man die visuelle parallelwelt ohne kamera vor den augen, scheint alles zu stimmen, die strassennamen, die verkehrsmittel, die warenwelt, das wetter. alles normal hier. erst der blick durch die optik der kamera führt uns vor augen, dass das alles gar nicht stimmt, dass alles aufplatzt in chaos, destruktion, blitzende oberflächen und pflanzliche wunder. in greuel und brutalität, schönheit, was immer.

die kamera ist ein lehrbehelf, ein hilfsmittel, eine art brille, die uns hilft, zu sehen, mehr zu sehen. natürlich ist dieses beobachtungsmittel auch ein mittel, das die beobachtung lenkt und leitet, sie formt, je nach kamera, je nach optik, je nach auflösung, technischen daten. analogkamera, digitalkamera, kompaktkamera, spiegelreflexkamera, farbe oder schwarzweiss, zoom, tele, makro oder normaloptik. die normaloptik muss alles können, nah und fern, hell und dunkel, sie ist nicht normal, sie ist äusserst kompliziert. ob digital oder analog, es ist alles technik, es ist alles hardware, es ist alles echt. mehr oder weniger. digitalkameras erleichtern schriftstellerfotografie immens, die digitalen medien erlauben schnelle verarbeitung, schnelle verbreitung, billige brillante drucke.

das fotografieren hilft uns, den autorinnen, etwas zu beweisen, nämlich dass es diese erweiterungen, welche “die realität” in aufreizender fülle bietet, überall gibt, wie und wohin auch immer man seinen blick richtet. die erweiterungen, sprich das chaos, gilt es nun in einen kontext einzurichten, denn nur so werden sie wahrnehmbar, nur so behalten sie ihre information, ihre explosivkraft. der kontext also, das projekt, die idee. auch das eröffnen der einen oder anderen metaebene, des bildschirms etwa oder eines tabletops, kann gesteigerte welthaltigkeit liefern.

hier werden keine wirklichkeits-inszenierungen fotografiert. wo doch eh schon so viel da ist … wo eine inszenierung nur ein herunterbrechen der komplexen zustände um uns herum ist. die dokumentarische fotografie lässt alles wie es ist. besser so. vielleicht macht es einfach spass, diese erkenntnisse zu haben, sie anzubieten.

liesl ujvary, april 2010

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