Ausstellung: visuell – virtuell – parallel : Schreibende fotografieren – Texte 4

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BIRGIT SCHWANER: DIE KAMERA ALS BRILLE
Im Wolkersdorfer Schloss sind “fotografierende SchriftstellerInnen” zu entdecken.

Wiener Zeitung , 15. 5. 2010

copyright Brigitta Falkner Brigitta Falkner

Visuell. Virtuell. Parallel – ? Nein, eigentlich falsch. Die Punkte sind nur dem Titel geschuldet, der Überschrift. Ansonsten schreibt sich die Wortfolge „visuell, virtuell, parallel“ eher so: klein und getrennt durch Gedankenstriche. Kein Senken der Stimme. Nur Innehalten, eine einzige Wahrnehmung. Das klingt fast wie eine Werbezeile – eine, die man sich merken kann:

„visuell, virtuell, parallel“ heißt erstens die von Liesl Ujvary erdachte und kuratierte aktuelle Fotografie-Ausstellung im Wolkersdorfer Schloss, welche zweitens etwas Besonderes ist. Die neun beteiligten, deutschen und österreichischen FotografInnen arbeiten nämlich auch schriftstellerisch. Manche von ihnen – wie Ann Cotten, Barbara Köhler, Monika Rinck und Sabine Scho – sind bekannt als hervorragende Lyrikerinnen. Andere, wie Petra Coronato oder Dieter Sperl machten sich bei Afficionados reflexiver Gegenwartsliteratur mit Prosaarbeiten einen Namen. Literaturwissenschaftlerin Christiane Zintzen schreibt u. a. kluge, luzide Texte zur Zeit und kuratiert auf Ö1 die Reihe „Literatur als Radiokunst“; außerdem unterhält sie, mindestens Herausgeberin-Redakteurin-Bloggerin in Personalunion, die exquisite Website „in|ad|ae|qu|at“. Kurz, in der hiesigen Literaturszene muss keine/r der Ausstellenden vorgestellt werden. Darüber hinaus aber, in anderen Kunstsparten, hörte man wohl am ehesten von Brigitta Falkner, die u.a. Comics zu ihren Texten zeichnet, Miniaturen anfertigt, sowie natürlich Liesl Ujvary selbst.

Ujvarys vielgestaltiges Oeuvre, enstehend seit den 1970er Jahren, umfasst Literatur, fotografische Arbeiten, Videos und Kompositionen. Dieses multimediale, künstlerische Schaffen macht die „technoide“ Experimentelle zu einer Ausnahmeerscheinung in der österreichischen Literaturlandschaft, ebenso wie ihre Neugier auf die Arbeiten von KollegInnen jüngerer Generationen. Dementsprechend war es nicht einfach, ein Forum für eine Fotoschau Schreibender zu finden. Denn, so Christiane Zintzen: „Dass die künstlerischen Disziplinen stets ein wenig pikiert reagieren, wenn Künstler aus anderen Sparten sich anmassen, in die Szenen und Zonen unangestammter Kunstformen vorzudringen, mag zwar hinlänglich bekannt sein, doch ändert dieses Wissen wenig an der Praxis.“

Immerhin, dieses Mal wurde die exklusive Praxis durchbrochen – dank der niederösterreichischen „Foto- und Medienkunstinitiative FLUSS“, die die Ujvary’sche Initiative unterstützte. Und als Veranstalter die eigene Galerie zur Verfügung stellte, wo letzten Samstag die Vernissage stattfand. (In diesen Räumlichkeiten im Wolkersdorfer Schloss lässt sich übrigens, aufs angenehmste flanierend, Bilder betrachten und reflektieren.)

Was aber ist das Besondere an den Fotografien Schreibender? Was unterscheidet – bei gleichem künstlerischen Niveau bzw. Qualität – ihre Aufnahmen von denen der FotografInnen?

„hier werden keine wirklichkeits-inszenierungen fotografiert“, könnte eine Antwort lauten (aus: Ujvarys Eröffnungsrede). Sie träfe auf den Großteil der – nicht nachbearbeiteten – Bilder zu. So zeigen die „Berlin-Dioramen“ Petra Coronatos etwa, was jeder Passant erblickt, aber kaum einer, der entsprechende Fotobände durchblättert: „Bis jetzt ist es mir nicht gelungen, eine Sehenswürdigkeit wie den Berliner Dom abzubilden. Jedes Mal wurde ich belehrt, dass die deutsche Hauptstadt im Wesentlich aus Bauzäunen, mobilen Toiletten und Halteverbotsschildern besteht“, schreibt die deutsche Autorin im Ausstellungskatalog (der Textbeiträge aller Fotografierenden enthält). Und fügt an, dass die selbstauferlegte Beschränkung, weder zu inszenieren noch zu korrigieren, „ein fotografisches Leben voller Hindernisse und Hemmnisse“ bedeute. Woraus allerdings so hintergründige Bilddokumente entstehen wie dasjenige, das die Rückseite des Kanzlerinnen-Amts von Angela Merkel zeigt: eine einzige, chaotische Baustelle. Die Eigenart der jeweiligen Aufnahmen wird übrigens durch die hervorragende, kontrapunktische Hängung verdeutlicht: an der Wand gegenüber den Berlin-Bildern Coronatos sieht man, in Korrespondenz und Gegensatz, die Fotos von Christiane Zintzen. Durchgängiges Motiv: nächtliche Flure der psychsomatischen Abteilung des Wiener AKH, klinisch sauber, mit Fußböden, die das Oberlicht spiegeln … Menschenleere hier wie dort. Baustellenchaos versus „aseptische“ Unwirtlichkeit: „Architektur ist immer Körper-Politik: Sie regelt, reguliert Öffentlichkeit und Diskretion, Haltung und Verhalten von Individuum und Kollektiv“ (Christiane Zintzen).

Während einen Raum weiter Dieter Sperl u.a. den digitalen Bildaufbau im Fernsehmonitor zum Motiv nimmt – verschwimmende Konturen, Pixel als Grundlage von Abstraktem und Gegenständlichem; Erkennen als Entscheidung des Betrachters (dies ist lediglich eine Sichtweise). Daneben u.a. Bilder und eine Videoarbeit aus Liesl Ujvarys multimedialen Projekt „Interessante Produktionen“: Ansichten, oft aus verwirrender Nähe, von Pflanzen, Tieren, Baustellen: „Betrachtet und beschrieben werden Metaphernfelder aus Phylogenese und Ontogenese, Konstruktion und Evolution.“ Enttarnt werden dabei überraschende Ähnlichkeiten, als gäbe es gemeinsame Strukturen, an denen sich orientiert, was generell als „Technik“, „Kultur“ und „Natur“ bezeichnet ist.

Vilém Flusser hat in seinem phänomenologischen Versuch „Gesten“ das Fotografieren als philosophierende Bewegung beschrieben. Der Fotograf, als deren Mittelpunkt, reflektiere im Sehen, auf der Such nach der angemessenen Perspektive. Sein Fokus, sei angefügt, bleibt jedoch das Bild. Im Unterschied hierzu, ließe sich vielleicht sagen, dass der Fokus (und die Basis) eines bzw. einer Schreibenden, auch wenn er fotografiert, stets die Sprache bleibt. Die ihm bzw. ihr als wesentlicher Bezugsort – oder Realität – gilt. Nicht Bilder der Wirklichkeit sollen produziert, sondern diese selbst, als das noch zu Beschreibende, soll möglichst ins Bild gerückt werden; wobei der Apparat nicht nur Instrument sondern auch „objektives“ Auge sein kann:

„die kamera ist ein lehrbehelf, ein hilfsmittel, eine art brille, die uns hilft, zu sehen, mehr zu sehen.“ (L. Ujvary) Und dies kann nun auch für Betrachter von „visuell, virtuell, parallel“ geschehen, in analoger oder digitaler Fotografie, Bild oder Video, in geknipsten „Realitäts“-Ausschnitten etwa von inszenierten Miniaturen bei Brigitta Falkner, die, oft wie in goldenem Zwielicht, eine niedliche, latent bedrohliche Welt aufzeigen, in der menschenähnliche neben Comic-Figuren existieren, die gewohnten Größenverhältnisse außer Kraft treten … in Ann Cottens Bildern einer „Urtier“-Ausstellung im Shopping-Bereich des Berliner Ostbahnhofs … angesichts des nüchternen Blaus eines Badesees bei Duisburg, mit roter Boje am Bildrand und blassem Mondstück, schemenhaft gespiegelt (Barbara Köhler) … oder der Trostlosigkeit einer PC-Tastatur mit abgeschnittenem Kabel auf nackter Fensterbank (Monika Rinck) … oder der Vorstadthäuser Sao Paulos, über denen eine riesige Push-up-BH-Werbung in den strahlend blauen Himmel ragt, mitsamt blondlockigem Model, verkündet: „Hope up“ (Sabine Scho) … um, wie so oft, nur Weniges zu nennen.

“visuell-virtuell-parallel. SchriftstellerInnen fotografieren” ist noch bis 30. 5. zu sehen: Schloss Wolkersdorf, Galerie 2, Schlossplatz 2, 2120 Wolkersdorf. Öffnungszeiten Sa, So 14 – 18 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung. Mehr unter http://www.fotofluss.at

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